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Tilly Miller, Margit Ostertag (Hrsg.): Hochschulbildung

Cover Tilly Miller, Margit Ostertag (Hrsg.): Hochschulbildung. Wiederaneignung eines existenziell bedeutsamen Begriffs. De Gruyter Oldenburg (Berlin) 2017. 160 Seiten. ISBN 978-3-11-050086-8. D: 29,95 EUR, A: 30,30 EUR.

Bildung - Soziale Arbeit - Gesundheit, Band 16.
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Wissenschaft, die Wissen schafft

Wir leben in einer Wissensgesellschaft; und: Wir leben in einer wissenschaftsorientierten Welt. Die Wandlungs- und Veränderungsprozesse in der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden Welt umfassen alle Lebens- und Tätigkeitsbereiche des Menschen überall in der Welt (Mike S. Schäfer, u.a., Hrsg., Wissenschaftskommunikation im Wandel, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/19263.php). Wissen als humaner Wert fällt nicht vom Himmel, liegt auch nicht in den Genen, sondern entsteht in Wissensprozessen, wie sie in den Bildungs- und Erziehungsinstitutionen vermittelt werden. Damit wird schon deutlich, dass Bildung zum einen ein intellektuelles, sittliches und moralisches Lebensziel, zum anderen ein individueller und gesellschaftspolitischer Aneignungsprozess für Kenntnisse und Kompetenzen für die Lebensgestaltung ist. Mit der Metapher „Was der Wissenschaft dient, dient auch der Menschheit“ wird verdeutlicht, dass die Anforderungen und Möglichkeiten der individuellen und institutionalisierten Wissensproduktion sowohl zum Nutzen als auch zum Schaden der Menschheit eingesetzt werden können (Beate Binder, u.a., Hrsg., Eingreifen, Kritisieren, Verändern!? Interventionen ethnographisch und gendertheoretisch, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15279.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeberinnen

Der Wissensdiskurs zur fächerbezogenen und interdisziplinären Wissenschaftsproduktion vollzieht sich philosophisch, anthropologisch, technologisch und verwertungsorientiert. Zwischen den Anforderungen, wie sie an eine allgemeine Bildung und Hochschulbildung gestellt werden, gibt es Übereinstimmungen und Kontroversen. Sie verdeutlichen sich zum einen in der Überzeugung, dass sich Bildung als Eigen- und Verwertungswert in einem dialektischen Verhältnis zwischen Freiheit und Verantwortung, Individualität und Kollektivität, Eigenwert und Nutzen bewegt, zum anderen in dem Unbehagen, wie (Hochschul-)Bildung als Ergebnis der (europäischen) Bologna-Reform in immer stärkerem Maße von Employability, Ranking- und Exzellenzdiskursen und -zwängen bestimmt werden.

Die Sozial- und Politikwissenschaftlerin von der Katholischen Stiftungshochschule in München, Tilly Miller, und die Professorin für Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule in Nürnberg, Margit Ostertag, stellen sich den kritischen Anfragen an die Hochschulbildung, indem sie in einem Sammelband elf WissenschaftlerInnen zu Wort kommen lassen, „um Suchbewegungen und Positionen (darzustellen), die in bildungspolitischer und didaktischer Perspektive Freiräume eröffnen wollen, um Bildung an Hochschulen zu reaktivieren und um Hochschulbildung theoretisch wie didaktisch zeitgemäß zu reflektieren und zu konzipieren“.

Aufbau und Inhalt

Die Reflexionen, Theorieentwürfe und Praxisberichte der Autorinnen und Autoren handeln von den vielfach beklagten Bedeutungsverlusten in der Hochschulbildung; allerdings nicht mit dem Tenor, dass sie sich die frontale Dozier- und Katheder-Wissenschaft zurückwünschten, sondern mit dem Anspruch und der Aufforderung, dass die wissenschaftlichen Hochschulen eine Autonomie gegenüber einer marktförmigen und verwertungsorientierten Kompetenzausrichtung (wieder-) gewinnen und Verantwortung gegenüber den vielschichtigen lokal- und globalgesellschaftlichen Herausforderungen vermitteln müsse.

Der Darmstädter Bildungs- und Erziehungswissenschaftler Ludwig A. Pongratz setzt sich in seinem Beitrag „Selbstvermarktung und Selbstverfügung. Über die Widersprüche der Hochschulreform“ mit den strukturellen Problemen und „Sackgassen“ der aktuellen, deutschen und europäischen Bildungsreformbewegungen auseinander und entwickelt, als einen Lösungsansatz, eine Theorie für ein kritisches Bildungsverständnis. Sie geht davon aus, dass kritische Bildung „aus der Kraft zur Unterscheidung lebt“, dass kritische Bildung „sehend“ und „denkend“ macht: „Education is not for sale“.

Die Kölner Pädagogin Ursula Frost reflektiert mit ihrem Beitrag „Bildung – Widerständigkeit und (Mit-)Verantwortung“ die Rahmenbedingungen für heutiges Studieren. In der Bologna-Reform sieht sie wesentliche Ursachen dafür, dass beim Studium eine wissenschaftliche Aneignung zerstückelt und von außen gesteuert verläuft. Sie fordert eine Reform der Reform: „Funktionale Einsetzbarkeit ersetzt keine je eigene Wahrnehmungs- und Urteilsfähigkeit. Flexible Steuerbarkeit ersetzt nicht Rücksicht und Engagement“.

Die Schweizer Erwachsenenbildnerin Ulla Klingovsky stellt ihrem Beitrag „Lehr- und Lernkulturen in der Hochschule“ bildungstheoretisch informierte Anfragen an die Gestaltung modularisierter Studiengänge. Sie zeigt auf, dass die bei der Hochschulreform favorisierten, thematischen und didaktisch-methodischen Kompetenzvermittlungen „an einer strukturell-organisatorischen Logik orientiert ist und damit eine betriebsförmige Idee der Hochschule verfolgt“. Ihr Plädoyer für eine gesellschaftskritische Hochschule: Es darf, im Sinne Derridas, in der Hochschulbildung „nichts außer Frage stehen“.

Die Erziehungswissenschaftlerin von der Bergischen Universität in Wuppertal, Astrid Messerschmidt, greift mit ihrem Beitrag „Bildung unter widersprüchlichen Bedingungen des Lehrens und Studierens“ die real existierenden, pädagogischen Sichtweisen und Positionen des Bürgerlichen und Kapitalistischen auf und fordert eine konkrete Auseinandersetzung mit dem „Faktischen“, das gemacht ist sich in den Mentalitäten und Verstrickungen zeigt, die (auch) Studierende für die Lehrämter umfasst: „Wer sich das bewusst macht, kann sich von den idealisierten und erfahrungsfernen Besetzungen des Pädagogischen lösen und Studierenden vermitteln, wie die eigene Verstrickung in die institutionellen Machtverhältnisse aussieht…“. Die Autorin hat zwar in ihrem Beitrag die befreienden und selbstbewussten Positionen der Paulo Freire-Pädagogik nicht aufgenommen; sie könnten aber ein Mittel sein, um dialogische und befreiende Erziehung zu leisten (Dialogische Erziehung. Informationen zur Paulo Freire Pädagogik, Zeitschrift, www.freire.de).

Die Erziehungswissenschaftlerin von der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz, Eva Borst, spricht „Über die Notwendigkeit kanonisierten Wissens für die Wiederaneignung einer existenziell bedeutsamen Bildung“. Sie geht dabei auf die modernisierte Entwicklung hin zu „Schwarmintelligenz“ und der Produktion von „Halbwissen“ ein und vermisst bei der Kanonisierung des Wissens bei den Universitäten eine fach- und sachgerechte Auseinandersetzung (vgl. dazu auch: Eva-Maria Klinkisch, Halbbildung oder Anerkennung? Perspektiven kritischer Bildung in der Gegenwart, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/19437.php).

Die Vizepräsidentin der Katholischen Stiftungshochschule in München, Birgit Schaufler, erinnert mit ihrer Frage „Kompetenzen erwerben, um Bildung zu besitzen?“ daran, dass Hochschulbildung über die ökonomischen Praxis- und Verwertungserwartungen und -zwängen hinaus hin zum Anspruch eines lebenslangen Lernens im Sinne der Bildungs- und Lebensorientierung von Haben und Sein erfolgen müsse: „Die Relationalisierung von Haben und Sein ist Aufgabe und Ziel der Hochschulbildung“.

Tilly Miller nimmt „Hochschulbildung angesichts globaler Krisen und Katastrophenszenarien“ in den Blick. Sie zeigt auf, dass „Leben-Lernen“ nicht nur als Schönwetter-Kompetenz verstanden werden kann, sondern die lokalen und globalen Veränderungsprozesse, Widersprüche, Paradoxien, Komplexitäten und Kontingenzen als Bildungsvoraussetzungen einbezogen werden müssen. Es gilt, Selbstbestimmung in Leitungs- und Führungspositionen neu zu vermessen und globale Verantwortung einzuüben und zu praktizieren.

Der Freiburger Schulpädagoge Alfred Holzbrecher (vgl. auch: Alfred Holzbrecher, Hrsg., Interkulturelle Schule. Eine Entwicklungsaufgabe, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15573.php) thematisiert mit seinem Beitrag „Hochschulbildung in Zeiten des Übergangs“ die Herausforderungen, wie sie sich als Subjektorientierung in der globalisierten, vielfältigen Welt zeigen und human bewältigt werden müssen: „Fremdheit, Unsicherheit und ambivalente Situationen als Risiko, aber zugleich als Entwicklungschance wahrzunehmen“.

Der Mainzer Erwachsenenbildner Sebastian Lerch ruft auf zum „Mut zur Lücke“, indem er über das Potenzial von Brüchigem, Ungesagtem und (un-)möglichen Freiheiten im Rahmen von (Hochschul-) Bildung nachdenkt. Er plädiert für einen Perspektivenwechsel, die „Lücke“ nicht als Ausfüller und Stopfmittel zum Funktionieren zu begreifen, sondern „zum Gegen-, Eigen- und Andersdenken angeregt (zu) werden“.

Die Münchner Bildungswissenschaftlerin Jutta Reich-Claassen plädiert für „wissenschaftliche Weiterbildung zwischen kundenorientierten Lernkontexte und hochschulischem Bildungsanspruch“. Sie weist darauf hin, dass Weiterbildungsangebote im Rahmen der Hochschulbildung die Balance zwischen allgemeiner und beruflicher Bildung beachten müssten und danach zu fragen, „unter welchen Voraussetzungen hochschulische Bildungsangebote, die sich dezidiert an Erwerbstätige und Berufserfahrene richten, einen Beitrag zu einer umfassenden, kritisch-reflexiven Bildung bei gleichzeitiger Berücksichtigung relevanter berufsfeldbezogener Anforderungen leisten können“.

Margit Ostertag nimmt mit ihrem Beitrag „Von Ruth Cohn und Paulo Freire lernen. Annäherungen an eine bildungstheoretisch fundierte Hochschuldidaktik“ die bereits vom Rezensenten zum Beitrag von Astrid Messerschmidt ergänzten Hinweise auf die „Freire-Pädagogik“ auf und schlägt auf der Grundlage der didaktischen Konzepte einer „Bildung als Praxis der Freiheit“ (Freire) und des „Sozialen Lernens“ ( Cohn) mit dem aus den genannten Konzepten entwickelten „didaktischen Kompass“ vor. In einem zweiten Beitrag konkretisiert die Autorin den Vorschlag, „Hochschulbildung mit Themenzentrierter Interaktion (TZI)“, indem sie ein Seminarkonzept vorschlägt, dass das „Schweigen“ und „Nichtbeteiligtsein“ von Lehrenden und Studierenden in den Blick nimmt. Um die egoistisch und karriereorientierten Tendenzen in der Hochschulbildung hin zu einem Wir-Gefühl und einer Wir-Haltung zu verändern, bedarf es einer aktiven, verantwortungsvollen und gesellschaftspolitischen Einmischung, auch und gerade in der Hochschulbildung.

Fazit

Um die (schädlichen) Entwicklungen, wie sie u. a. durch den Bologna-Prozess in der Hochschulbildung verursacht werden, zu verändern, braucht es einer kritischen Nachschau darüber, wie der Bildungsbegriff, die theoretische Positionierung und die praktisch-didaktische Umsetzung (auch) in der Hochschul(aus-)bildung sich vollzieht. Ein Perspektivenwechsel von der Ich- und Nutzungsorientierung hin zu einer angemessenen, anthropologischen und demokratischen Bildung ist notwendig. Der Sammelband „Hochschulbildung“ bietet dafür eine Reihe von Anregungen und Aufforderungen! Es sind Paradigmen, die eine notwendige, demokratische und humane Auseinandersetzung mit „Bildungsgerechtigkeit“ genauso betrifft (vgl. dazu auch: Katharina Anna Vogel, Konstruktionen und Rezeptionen erziehungswissenschaftlichen Wissens. Biometrische und systematische Analysen am Beispiel des Diskurses „Bildungsgerechtigkeit“, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21034.php), wie die Aufmerksamkeit auf eine neue Aufmerksamkeit (Jörn Müller, u.a., Hg., Aufmerksamkeit. Neue humanwissenschaftliche Perspektiven, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21112.php).


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 30.01.2017 zu: Tilly Miller, Margit Ostertag (Hrsg.): Hochschulbildung. Wiederaneignung eines existenziell bedeutsamen Begriffs. De Gruyter Oldenburg (Berlin) 2017. ISBN 978-3-11-050086-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21859.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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