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Anselm Böhmer: Bildung als Integrations­technologie?

Cover Anselm Böhmer: Bildung als Integrationstechnologie? Neue Konzepte für die Bildungsarbeit mit Geflüchteten. transcript (Bielefeld) 2016. 111 Seiten. ISBN 978-3-8376-3450-1. D: 14,99 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 19,40 sFr.
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Kultur des Willkommens oder Abschottungsmentalität?

Die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen über Migration und Wanderungsbewegungen sind nicht neu. Immer wieder hat es Kontroversen darüber gegeben, ob eine Gesellschaft homogen oder heterogen bestehen soll, ob Einwanderung ein Gut oder ein Übel ist, ob Integration und Inklusion von Vorteil oder von Nachteil für eine Gemeinschaft sind. Es sind positive Einstellungen und negative Parolen, die den gesellschaftlichen Diskurs bestimmen. Dabei wird einerseits ignoriert, dass die evolutionäre und humane Entwicklung der Menschheit darauf beruht, dass der anthrôpos als menschliches Lebewesen darauf angewiesen ist, sich und seinen Lebensraum zu verändern, Wandlungs- und Wanderungsbewegungen vorzunehmen und kraft seiner Vernunftbegabung, seiner Fähigkeit, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können und sich durch den Perspektivenwechsel weiter zu entwickeln; andererseits erfordern die steigenden Zahlen von Zuwanderung Geflüchteter nach Europa und Deutschland eine demokratiebasierte, gesellschaftspolitische Reaktion. Wie eine solche aussieht, zeigt sich am demokratischen, humanen und verantwortungsethischen Stellenwert einer Gesellschaft.

Entstehungshintergrund und Autor

Integration und Inklusion als positive gesellschaftliche Prozesse erfordern ein Bewusstsein von der Würde des Menschen, wie dies in der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte als „globale Ethik“ postuliert wird. Diese Herausforderung lässt sich nur durch Bildung erreichen. Dieses (eigentlich) selbstverständliche Verständnis ist freilich nicht selbstverständlich und naturwüchsig vorhanden, sondern muss immer wieder neu und kontinuierlich durch Erziehungs- und Bildungsprozesse erworben, entwickelt und verteidigt werden. In der von der UNESCO, der Bildungs- und Kulturorganisation der Vereinten Nationen am 19. November 1974 vorgelegten „Empfehlung zur internationalen Erziehung“ (Deutsche UNESCO-Kommission, 2., erweit. Ausgabe, Bonn 1990, S. 16) kommt zum Ausdruck, dass Bildung und Erziehung „den Gesamtprozess des sozialen Lebens (umfasst), innerhalb dessen Einzelpersonen und gesellschaftliche Gruppen es lernen, in ihrer eigenen Gesellschaft und im Rahmen der gesamten Weltgemeinschaft ihre persönlichen Fähigkeiten und Einstellungen, ihr Können und ihr Wissen bewusst und bestmöglich zu entfalten“. Damit werden die Maßstäbe gesetzt, die in der Theorie und Praxis von Bildung in einer Einwanderungsgesellschaft grundgelegt werden müssen.

Der Erziehungswissenschaftler Anselm Böhmer von der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg setzt in seinem Essay hinter den Begriff „Integrationstechnologie“ ein Fragezeichen: „Wer die aktuellen Diskussionen im politischen und öffentlichen Raum verfolgt, kann mitunter den Eindruck gewinnen, dass wahlweise Bildung, Sprachkompetenz oder kulturelle Praktiken im Ruf stehen, nahezu technologisch zur Integration von Menschen beizutragen“. Diese kritische Einschätzung erfordert eine Nachschau über die Möglichkeiten und Machbarkeiten für eine gelingende Integration und Inklusion von Geflüchteten. Wenn ein humaner, anthropologischer, empathischer, verstandes- und verantwortungsbewusster Zugang zur Bildungsarbeit mit Geflüchteten gesucht wird, bedarf es eines Abgleichs der unterschiedlichen, individuellen und kulturellen Identitäten bei der Vielfalt der Menschen in einer Gesellschaft. Ein Aha-Erlebnis könnte dabei die Entdeckung sein: „Der Fremde, der Andere bin ich selbst!“.

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert sein Essay in fünf Kapitel.

Das erste überschreibt er mit „Geflüchtete“, einem Begriff, den er der üblichen Bezeichnung „Flüchtling“ gegenüber stellt und damit eine sprachsensible Benennung wählt. Mit „Doing Migration“ verweist er darauf, dass Migrations- und Einwanderungsprozesse als gesellschaftspolitische Herausforderungen als soziale Praxis verstanden werden müssen. Er analysiert anhand von vorhandenen Informationen und Daten die Situation der überwiegend aus dem Vorderen Orient und Afrika eingewanderten Geflüchteten und macht deutlich, dass rund ein Drittel der 2015 aus diesen Gebieten in Deutschland angekommenen Menschen minderjährig sind und deshalb beschult werden müssen.

Im zweiten Kapitel wird deshalb „Bildung“ thematisiert und der Zusammenhang von Bildung, Migration und Flucht diskutiert. Der Autor entwickelt ein „Bildungskonzept der Migrationspädagogik“, das auf dem Bewusstsein fußt: „Menschen können sich stets nur als sie selbst von anderen her verstehen“. Diese Sichtweise hat Konsequenzen für die eigene Identität, für das kollektive Ordnungsverständnis, für die institutionellen Bildungsorganisationen und die Bildungsansprüche.

Das dritte Kapitel „Empirie zur Bildung Geflüchteter“ nimmt die Fragen nach den Konsequenzen für die Bildungsarbeit mit Geflüchteten auf, indem der Autor anhand von ausgewählten Forschungsergebnissen, Untersuchungen und Studien über die Herausforderungen und Wirklichkeiten der schulischen Bildung und beim Übergang von der Schule in die Ausbildung heranzieht. Er zeigt damit auf, „dass die politischen, sozialen und individuellen Maßstäbe für ein Zusammenleben in Super-Diversität kaum auf schlichte ökonomische Nutzbarkeit von Individuen abstellen können“.

Im vierten Kapitel geht es um „Strukturen der Bildung von Geflüchteten“. Das Ziel einer langfristigen und gelingenden Inklusion von Menschen in die deutsche Gesellschaft lässt sich nur erreichen, wenn es gelingt, mit dem objektiven und unvoreingenommenen Blick über den ethnischen und nationalen Gartenzaun einen Perspektivenwechsel zu bewirken, mit dem das „Fremde“ nicht als störendes und negatives Element, sondern als gemeinschaftliches, würdevolles und positives Eigenes verstanden wird. „Dies bedeutet, dass … Fremdsein konstitutiv ist …, dass die so doppelt konstitutive Fremde … ihrerseits reflexiv auf die Frage antworten kann, wie national, religiös, ethnisch u. a. konstruierte Identitäten gebildet werden“. Mit den Kategorien „Fremde, Subversion und Inklusion“ listet der Autor praktische Perspektiven für eine „Didaktik der Selbstbestimmung“ auf.

Im fünften und letzten Kapitel nimmt der Autor den im Titel benutzten Fragesatz „Bildung als Integrationstechnologie?“ auf, indem er die Erwartungen und begründbaren Möglichkeiten zur Integration durch Bildung thematisiert. Er kommt dabei auf (den nicht neuen) Befund an, „dass Bildung eher zum Ausschluss aus gesellschaftlichen Zusammenhängen beiträgt als dass sie Zugänge zu gesellschaftlicher Teilhabe ermöglicht“. Diese (innergesellschaftliche) Analyse fordert heraus, den „daraus resultierenden politischen Prozess daraufhin zu prüfen und insbesondere dahingehend weiter zu entwickeln, dass inklusive Prozesse von den verschiedenen Akteuren im Gesamt (kommunaler) Governance der Bildungspolitik und -praxis ihren Rollen und Anteilen gemäß konstruktive Lösungen (zu) entwickeln, (zu) begleiten und (zu) legitimieren“.

Fazit

Mit der Einführung des Begriffs und der Handhabe von „Subversion“ öffnet Anselm Böhmer beim schwierigen und kontroversen Diskurs über gesellschaftliche Integration und Inklusion eine erweiterte Blickrichtung, auf die bereits Hans A. Pestalozzi mit seinem Buch „Nach uns die Zukunft“ (1979) mit der Aufforderung zur „positiven Subversion“ hingewiesen hat. Es sind die Aufforderungen, sich im migrationsgesellschaftlichen Diskurs darauf einzulassen, dass „Erfahrungen und Chancen der Fremde, Praktiken der Subversion und Perspektiven auf Inklusion sinnvoll und angemessen sein können“. Um sie zu erproben und zu praktizieren, sind schulische und außerschulische Bildung gefordert!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 09.11.2016 zu: Anselm Böhmer: Bildung als Integrationstechnologie? Neue Konzepte für die Bildungsarbeit mit Geflüchteten. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3450-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21860.php, Datum des Zugriffs 23.08.2019.


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