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Cooper Thompson: Deutsche Sprache, schwere Sprache

Cover Cooper Thompson: Deutsche Sprache, schwere Sprache. Wie ich die Deutschen kennenlernte. Spracherwerb und Identität im interkulturellen Kontext. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2016. 201 Seiten. ISBN 978-3-95558-175-6. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Thema

Der Autor Cooper Thompson schildert den zwölfjährigen Weg, den er selbst gegangen ist, um Deutschland kennenzulernen sowie die deutsche Kultur und Sprache zu verstehen und zu verwenden. Dabei erzählt er auf einfühlsame, ehrliche und kritische Weise, wie ihm diese Sozialisation gelungen ist, welche Identitätsfragen er für sich auf dieser Reise beantwortete und welche Gefühle ihn dabei begleiteten. Besonderen Wert legt er darauf zu erklären, wie groß die Herausforderung ist, eine Zweitsprache zu erlernen und mit ihr so zu kommunizieren, dass er er selbst bleibt und seine Gefühle anderen mitteilen kann.

Autor

Cooper Thompson ist Berater, Coach und Mediator in Nürnberg. 1950 in den USA geboren, wanderte er 2003 aus seinem Heimatland nach Deutschland aus. Er lebt seitdem mit seiner deutschen Frau in der Stadt im Norden Bayerns. Cooper engagiert sich als Autor zahlreicher Essays und Bücher sowie als Berater in Politik und Bildung gegen Rassismus, Sexismus, Homophobie und gegen jegliche Art von Unterdrückung.

Entstehungshintergrund

Als der Autor 2003 mit 53 Jahren nach Deutschland kam, stand er vor einer neuen Lebensaufgabe: ein neues Leben in einer neuen Kultur mit einer neuen Sprache zu beginnen. Er zog mit seiner Frau nach Nürnberg und schildert in seinem Buch, welche Gefühle ihn in seinem neuen Leben begleiten. Zahlreiche Situationen im Deutschunterricht, in der Begegnung mit Deutschen und im Alltag fühlen sich in einer anderen Kultur neu an. Sie bringen ihn dazu, seine eigene Identität zu hinterfragen, neu auszurichten und eine neue Stimme in einer fremden Kultur zu finden.

Aufbau

Cooper Thompsons Buch beschreibt seine Reise zur deutschen Kultur und Sprache in zwei Teilen.

  1. Nach einem kurzen Prolog „Eine unerwartete Reise“ erzählt er im ersten Teil „Wie ich meine Sprache verlor“ in fünf Kapiteln, was ihn in den ersten Jahren in Deutschland bewegt hat. Vor allem das Erlernen der Sprache brachte ihn in Kontakt mit kindlichen Mustern, Vorurteilen und mit intensiven Gefühlen der Angst, Wut und Trauer.
  2. Im zweiten Teil „Wie ich meine Sprache wiederfand“ schildert er in zehn Kapiteln, wie er die identitäre Krise in kleinen Schritten bewältigte und seine Zuversicht und sein Selbstvertrauen wiederfand.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet das vollständige Inhaltsverzeichnis des Buchs auf ihrer Homepage an.

Inhalt

Das erste Kapitel im Teil 1 nennt Cooper „Rückschritt“. Er bemerkt, dass Muttersprache seine Identität und seinen Beruf als Autor, Berater und Aktivist in den letzten 30 Jahren enorm geprägt hatten und ein identitätsstiftender Teil ist. Mit dem Ankommen in einem neuen Land war es plötzlich für ihn nicht mehr möglich, kommunikative Feinheiten auszudrücken sowie unbekümmert und leicht mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Nicht nur sprachliche Herausforderungen begegneten ihm, auch seine eigenen kulturellen Vorurteile werden ihm bewusst, zu denen er sich Stück für Stück selbstkritisch vorarbeitet. Trotz seines anfänglichen Widerstands, die deutsche Sprache zu lernen, findet er eine Motivation, die ihn auf seiner Reise trägt: Er will mit seiner Frau, Schwiegermutter und seiner neuen Familie kommunizieren und in Kontakt sein.

Das Lernen in seinen ersten Deutschkursen erinnert ihn an seine Kindheit. Cooper wird klar, dass das Pauken von Grammatik und Rechtschreibregeln ihn wenig weiterbringt in seinem Ziel, die deutsche Sprache anzuwenden. Er erkennt im Kapitel „Angst“, dass emotionale Aspekte beim Fremdsprachenlernen eine wichtige Rolle spielen – Emotionen zur Lehrperson, zur Lerngruppe und zu den Lerngelegenheiten und wie diese gestaltet sind. Danach wird ihm klar, dass nur er für sich selbst entscheiden kann, was er lernen möchte.

Im anschließenden Kapitel „Wut“ beschreibt er eingehend, was es bedeutet, in Konfliktsituationen, in denen ihm Unrecht geschieht, sich nicht adäquat ausdrücken und sich erklären zu können. Diese Sprachlosigkeit macht ihn wütend und er erkennt, dass das Deutschlernen auch eng verknüpft ist mit seiner bisherigen, aber auch mit seiner zukünftigen Identität. In den USA setzt er sich für kulturelle Verständigung und gegen Fremdenfeindlichkeit ein, als Einwanderer erlebt er selbst Fremdenfeindlichkeit und nimmt wahr, dass es eine Hierarchie des Wertes von Einwanderern in Deutschland gibt. Dieses Gefühl von Wut wird abgelöst durch eine Traurigkeit, seine eigenen Gefühle in deutscher Sprache nicht so differenziert mitteilen zu können, wie es für ihn in seiner Muttersprache möglich ist. Er schließt sich einer Gruppe von Menschen mit binationaler Identität an, um über das Gefühl im neuen Land „ein Niemand zu sein“ zu sprechen. Im Deutschkurs und den Lehrbüchern finden sich diese Menschen und ihre Geschichten nicht wieder. Dort wird nicht selbstreflexiv mit der deutschen Kultur und den sozio-kulturellen Unterschieden umgegangen – einen Austausch über die wahrgenommenen Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es also nicht. Die unausgesprochenen Regeln der Deutschen, wie „Einwanderer müssen Deutsch lernen – aber nicht alle.“, nahm er sensibel wahr und versuchte mit seiner einfühlsamen und verständigenden Haltung, diese den deutschen Mitbürgern bewusst zu machen und deren Tragweite zu verstehen.

Das Kapitel „Erste Schritte“ leitet den zweiten Teil seines Buches ein. Es sind für Cooper erste Schritte in seinem eigenen Tempo, sich die deutsche Sprache anzueignen und die kulturellen Konventionen, wie das bekannte „Sie“ und „Du“, für sich neu auszulegen und zu praktizieren. Nach drei Jahren erlebt Cooper eine Zuversicht, die ihn erkennen lässt, dass er die Sprache sprechen kann und seine Idee der Mehrsprachigkeit macht ihn euphorisch. Im Kapitel „Anerkennung“ schildert er alltägliche Situationen, bei denen er mit Menschen in Kontakt kommt – auf dem Markt, beim Arzt, in einer Männergruppe – und die ihn bestärken, seine offene und wertschätzende Haltung und seine eigenen Sprachkonventionen anzuwenden. Für ihn ist es ein weiteres Stück Ankommen in Deutschland. Auf dem Weg zu seiner neuen Identität wird er immer mutiger.

Der Autor beschreibt im Kapitel „Konfrontation“, wie er seiner Stimme und seinem Ärger in einer Männergruppe Ausdruck verleiht und zugleich merkt, dass ein „Festhalten an der Muttersprache“ einen Anker darstellt. Wenn er Englisch spricht, nehmen ihn die Menschen in seiner Umgebung gebildeter wahr und halten ihn für einen Experten.

Im Kapitel „Stille“ erkennt er – während er mit seinem Schwager an seinem Haus arbeitet –, dass Kommunikation nicht nur durch Wörter lebt, sondern es Gestik, Mimik, Emotionen und Pheromone sind, die Kontakt beeinflussen und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit stiften. Er erlebt immer wieder „Höhen und Tiefen“, die er an konkreten Situationen beschreibt – in einer Männergruppe, in einem Seminar oder während einer Bildungsreise zur Gedenkstätte Ausschwitz.

In den drei abschließenden Kapiteln „Intimität“, „Selbstvertrauen“ und „Deutsch verbindet“ zeigt Cooper auf, dass es vor allem seine offene Haltung und sein Mut sind, eigene (Sprach-)Konventionen zu nutzen, die ihn mit Menschen in Kontakt bringen: mit dem vermeintlichen Neonazi bei einer Sportveranstaltung, mit dem Arzt bei der Vasektomie, bei einem Theaterstück und mit den Mitgliedern des Integrationsrats in Nürnberg. Er erreicht sein Ziel, mit den Menschen, die er liebt, zu kommunizieren und auch in einer Zweitsprache und in einer anderen Kultur seiner Stimme Ausdruck zu verleihen.

Diskussion

Cooper Thompson gibt in seinem Buch einen sehr persönlichen Einblick in seine Erfahrungen und Emotionen während des Ankommens in Deutschland und als Lerner einer Zweitsprache. Als Leserin bin ich mit ihm durch die Gefühlsachterbahn gefahren und konnte seinen Weg lebhaft nachvollziehen. Als Muttersprachlerin war ich beim Lesen des ersten Teils manchmal geschockt und auch wütend. Ich war wütend darüber, da ich dachte: „So schwer kann das doch nicht sein, Deutsch zu lernen.“ Doch Coopers Eindrücke und auch sein sensibles Aufdecken und Beleuchten von Vorurteilen, die unter uns Deutschen existieren, haben mein Verständnis erhöht und meinen kritischen Blick auf unsere Kultur geschärft.

Im zweiten Teil des Buchs haben mich Coopers Schritte zur Identitätsfindung bewegt, humorvoll unterhalten und mir zugleich Mut gegeben, die eigene Stimme zu erheben – egal wie, ob mit der Muttersprache, Zweitsprache oder mit Mimik und Gestik. Kommunikation bedeutet, nicht wegzusehen, sich auszutauschen und zu versuchen, andere Menschen zu verstehen. Coopers Buch ist also nicht nur für Menschen spannend, die selbst den Weg gehen, auswandern und eine Zweit- oder Drittsprache erlernen, sondern auch für deutsche Muttersprachler, um zu verstehen, wie sich dieser Weg anfühlt und was es gegenseitig braucht, um ihn gemeinsam „begehbar“ zu machen.

Fazit

Cooper Thompson hat in seinem Buch „Deutsche Sprache, meine Sprache? Wie ich die Deutschen kennenlernte“ ganz bewusst eine sehr persönliche, emotionale und sensible Perspektive des Zweitsprachenerwerbs geschildert, die oftmals vernachlässigt wird. Er zeigt anhand persönlicher Erlebnisse, welche kulturellen und zwischenmenschlichen Dimensionen der Zweitsprachenerwerb mit sich bringt und welchen Höhen und Tiefen ein Mensch begegnet, der sich auf eine solche Reise in eine neue Kultur begibt. Leser und Leserinnen werden nicht nur in die Gefühlswelt des Autors eintauchen, sie können auch von der offenen, sensiblen und wertungsfreien Haltung des Autors lernen. Sie werden angeregt, eigene Deutungsmuster und kulturelle Konventionen zu hinterfragen.


Rezensentin
Andrea Hempel
M.A., MHEd; Hochschuldidaktikerin und Schreibberaterin an der Hochschule der Medien
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Zitiervorschlag
Andrea Hempel. Rezension vom 13.10.2017 zu: Cooper Thompson: Deutsche Sprache, schwere Sprache. Wie ich die Deutschen kennenlernte. Spracherwerb und Identität im interkulturellen Kontext. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2016. ISBN 978-3-95558-175-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21861.php, Datum des Zugriffs 12.12.2017.


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