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Klaus Dörner, Ursula Plog u.a.: Irren ist menschlich

Cover Klaus Dörner, Ursula Plog, Thomas Bock, Peter Brieger, Andreas Heinz u.a.: Irren ist menschlich. Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2016. 24., Auflage. 990 Seiten. ISBN 978-3-88414-610-1. D: 39,95 EUR, A: 41,20 EUR.
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Thema und Zielgruppe

Seit 1978 bildet dieses berufsgruppenübergreifende Lehrbuch die engagierten Strömungen der Sozialpsychiatrie wie kein anderes ab. Es regt psychiatrisch Tätige zur kontinuierlichen Selbstreflexion an, reflektiert gesellschaftliche Rahmenbedingungen, bezieht Position zur Versorgung psychisch kranker Menschen, lässt Psychiatrieerfahrene selber zu Wort kommen und grenzt sich deutlich von vornehmlich pharmakologisch geprägten Behandlungsansätzen ab.

Das Buch wendet sich an sehr unterschiedliche Leser:

  • Lernende, die psychiatrische/ psychotherapeutische Prüfungen unterschiedlicher Berufsgruppen zu meistern haben
  • Psychiatrisch Tätige, die ihre Alltagsarbeit nachdenklicher, vollständiger, wahrhaftiger, leichter und mit mehr Freude tun möchten
  • Psychiatrieerfahrene, Angehörige und Nachbarn
  • Leser, die daran arbeiten, mit sich und Anderen besser umzugehen

AutorInnen

Die sechs HerausgeberInnen werden zu Beginn mit Bild vorgestellt:

  • Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner, Jahrgang 1933, ehemaliger Leiter der Westfälischen Klinik für Psychiatrie in Gütersloh und einer der Pioniere der Enthospitalisierung psychisch kranker Menschen und der Aufarbeitung der deutschen Psychiatriegeschichte.
  • Ursula Plog, verstorben im Jahre 2002, bis Ende 2000 Leiterin dreier Tageskliniken in Berlin und gemeinsam mit Klaus Dörner Herausgeberin der 1. Auflage von „Irren ist menschlich“.
  • Thomas Bock, Jahrgang 1954, psychologischer Psychotherapeut am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf, Buchautor, Angehöriger und – gemeinsam mit der Psychiatrieerfahrenen Dorothea Buck – Begründer der Psychoseseminare.
  • Peter Brieger, Jahrgang 1964, seit 2006 ärztlicher Direktor, seit 2016 des Isar-Amper-Klinikums München Ost.
  • Andreas Heinz, Jahrgang 1960, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charite in Berlin, stellvertretender Vorsitzender der Aktion Psychisch Kranke e.V.
  • Frank Wendt, Jahrgang 1966, Facharzt mit DGPPN Zertifikat Forensische Psychiatrie, der insbesondere das Kapitel zur forensischen Psychiatrie geschrieben und aktualisiert hat.

Darüber hinaus haben noch 18 weitere AutorInnen mitgewirkt.

Zur jetzigen Neuauflage

Ich habe „irren ist menschlich“ bereits nach der letzten größeren Überarbeitung (2002) in seiner Neuauflage von 2007 rezensiert. Nun sind noch weitere AutorInnen hinzugekommen, um dieses sozialpsychiatrische Grundlagenwerk fortzuschreiben mit dem Anspruch, aktuelle Veränderungen der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und erweiterte Ziele, wie zum Beispiel den „Weg zur Inklusionspsychiatrie“, zu integrieren und hierbei den Grundsatz „Psychiatrie besteht aus der Begegnung von psychisch Kranken, Angehörigen und Profis“ auszugestalten. Die einzelnen Kapitel wurden umfassend überarbeitet und aktualisiert.

Aufbau

Das Buch beginnt – wie bisher – mit einer ausführlichen Reflexion der „Landschaft der psychiatrisch Tätigen“: Der sich und anderen helfende Mensch. Hier wird die psychiatrische Arbeit in gesellschaftliche Zusammenhänge eingebettet; und Profis werden ermuntert, ihre Arbeitshaltung und Selbstwahrnehmung zu reflektieren.

Es folgen – angelehnt an die Biografie – die „Patientenkapitel“ 2-13 mit einer Beschreibung von „Situationen, in denen Menschen sich psychiatrierelevant ausdrücken“.

Die Kapitel 14-16 verstehen sich als Beiträge zur Psychiatrie als Hilfesystem und Wissenschaft: Psychiatriegeschichte, Recht und die Strukturen des Hilfssystems.

Es folgen noch 3 Kapitel zu milieutherapeutischen, körpertherapeutischen (incl. Psychopharmaka) und psychotherapeutischen Techniken. Das Buch endet mit einem engagierten Plädoyer, Forschung und Weiterentwicklung partizipativ mit Betroffenen zu gestalten.

Zusatzmaterialen zu rechtlichen Themen, insbesondere zum Persönlichen Budget und zur Rehabilitation finden sich auf der Verlagshomepage.

Ausgewählte Inhalte

Aus der Fülle der Themen möchte ich an dieser Stelle mit Blick auf die Aktualisierungen einige herausgreifen:

Seit 2008 hat in Deutschland die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen Gesetzeskraft. Das vorliegende Buch stellt sich der kritischen Reflexion ihrer Umsetzung und thematisiert bestehende Ansätze:

  • Die Integration von Genesungsbegleitern und die EX-In Bewegung. Im Buch selbst spiegeln die vielen Beiträge und Zitate von Betroffenen den ernsthaften Versuch wider, Sozialpsychiatrie nicht nur durch Profis zu gestalten und zu dominieren. So werden auch viele kritische Auseinandersetzungen mit der Mainstreampsychiatrie, die sich stark auf die Behandlung mit Psychopharmaka konzentriert, thematisiert mit dem Fazit, dass sich die Hochdosierung von Neuroloptika bei Menschen mit Schizophrenie nicht bewährt habe.
  • Die Sozialraumorientierung und die Weiterentwicklung aufsuchender Hilfen: Mobile Krisenteams, Hometreatment, Supported Employment und „Immobilientherapie“(housing first). Zugleich thematisiert Klaus Dörner im 13. Kapitel die Möglichkeiten und Erfordernisse nachbarschaftlicher Neuorganisation von Lebensräumen hinzu demenzfreundlichen Kommunen angesichts des demografischen Wandels und des weit verbreiteten Wunsches, im Alter Heimunterbringungen zu verhindern.
  • An unterschiedlichen Stellen, z.B. im 17. Kapitel, wird auf limitierende gesellschaftliche Rahmenbedingen wie das Armutsrisiko psychisch kranker Menschen oder auf Wege psychisch kranker Menschen in die Obdachlosigkeit hingewiesen, auch auf die Gefahr, institutionalisierte Psychiatriegemeinden statt Gemeindepsychiatrie zu entwickeln oder auf suchtfördernde gesellschaftliche Bedingungen und wirtschaftliche Interessen.

Kulturelle Vielfalt wird eher allgemein reflektiert, hierbei wird auf die Gefahr hingewiesen, Differenzlinien zu konstruieren, die die Unterschiede nur an der anderen Kultur festzumachen versuchen. Bei diesem Ansatz findet jedoch weniger Konkretisierung der Arbeit mit Migranten statt, was sich zum Beispiel im 15. Kapitel zu den Rechtsgrundlagen oder im Kapitel zu posttraumatischen Belastungsstörungen bemerkbar macht.

Ein Kernkapitel ist immer noch „Der sich und Anderen fremd werdende Mensch (Schizophrenie)“. Die Schizophrenie wird als „Urform des Verrücktwerdens“ als Bewältigungsversuch verstanden, den drohenden Weltuntergang oder den unumgänglich scheinenden Suizid abzuwenden und weniger aus neurobiologischen Forschungsergebnissen abgeleitet. So wird das Da-Sein des Helfers bei akuten Psychosen und das Mit-Sein bei Menschen, die sich im Laufe einer chronischen Psychose von anderen entfernt haben, zum Kernelement des therapeutischen Zugangs. Der Weg zu mehr Selbstbestimmung führt demzufolge zu mehr Individualisierung und zur Integration von Erfahrungen Betroffener. Was bleibt, ist ein ambivalentes Verhältnis von Verständigungsbedürfnis und Unverstehbarkeit.

Diskussion

Das Buch bildet nach wie vor zentrale Strömungen der Sozialpsychiatrie ab, ist aus den aktuellen sozialpsychiatrischen Diskussionen (wie zum Beispiel den Herausforderungen bezüglich der Umsetzung der UN Behindertenrechtskonvention) nicht wegzudenken und grenzt sich deutlich und engagiert von einer vornehmlich auf Psychopharmaka setzenden Behandlung ab. So werden verständlicherweise die neueren Strömungen innerhalb einer biologisch orientierten Psychiatrie wenig aufgegriffen. Das führt jedoch auch dazu, dass Erkenntnisse zur Entwicklungsbiologie weitgehend ignoriert werden. So werden Fetale Alkoholspektrumstörungen (FASD) kaum erwähnt, finden sich nicht im Glossar und werden bei den Ursachen für geistige Behinderung ignoriert, finden nur eine zweizeilige Erwähnung auf S. 375 als bedeutsam für die Frauen- und Kinderheilkunde im Rahmen der körperlichen Alkoholauswirkungen in der Schwangerschaft und – recht versteckt -in einem Abschnitt über „frühkindliche Residualschäden“ auf S. 623/624. Dass jährlich 10.000 Menschen mit Alkoholspektrumstörungen geboren werden und die Betroffenen lebenslang unter zahlreichen psychosozialen Schwierigkeiten leiden, zu einem hohen Prozentsatz psychisch erkranken, leicht mit Borderline Persönlichkeiten verwechselt werden und ein erhebliches Suizidrisiko haben, wird bei einem fast 1000 Seiten umfassenden Lehrbuch nicht für thematisierungswert gehalten.

Insgesamt liest sich das Buch bei derart vielen Autoren etwas unterschiedlich. Die biologisch-medizinischen Aspekte sind z.T. stark terminologisch verdichtet, andere Passagen sind sehr gut auch für Laien verständlich. Im Vordergrund steht die Anregung, immer wieder die eigene Haltung und die eigene Perspektive zu reflektieren, sich in die Situation der Menschen mit psychischen Störungen hineinzuversetzen, gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu hinterfragen und die Begegnung achtsam zu gestalten.

Allerdings könnte man bei der nächsten Auflage einige Kürzungen in Erwägung ziehen.

Fazit

Das berufsgruppenübergreifende Standardwerk der Sozialpsychiatrie „Irren ist menschlich“ ist nun mit seinen Aktualisierungen und dem nach wie vor anthropologisch fundierten Diskurs auf fast 1000 Seiten angewachsen. Es greift in seiner Neuauflage besonders die Implikationen der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen für die Sozialpsychiatrie auf und setzt Zeichen auf dem Weg in eine partizipative Psychiatrie.


Rezensentin
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 06.12.2016 zu: Klaus Dörner, Ursula Plog, Thomas Bock, Peter Brieger, Andreas Heinz u.a.: Irren ist menschlich. Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2016. 24., Auflage. ISBN 978-3-88414-610-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21862.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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