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Carlo Fabian, Matthias Drilling u.a. (Hrsg.): Quartier und Gesundheit

Cover Carlo Fabian, Matthias Drilling, Oliver Niermann, Olaf Schnur (Hrsg.): Quartier und Gesundheit. Impulse zu einem Querschnittsthema in Wissenschaft, Politik und Praxis. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2016. 218 Seiten. ISBN 978-3-658-15371-7. D: 44,99 EUR, A: 46,25 EUR, CH: 46,50 sFr.
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Thema

„Health is created and lived by people within the settings of their everyday life; where they learn, work, play, and love“ (WHO 1986). Dass die Lebensbedingungen eines Quartiers profunden Einfluss auf die Gesundheit seiner Bewohner*innen hat, ist spätestens seit der Ottawa-Charta, die dieses Jahr ihren nunmehr dreißigsten Geburtstag feiert, bekannt und im Fokus zahlreicher gesundheitsfördernder Handlungsstrategien. Und doch konstatieren die Herausgebenden des zu besprechenden Werkes Nachholbedarf bei der thematischen Verbindung von Quartiersentwicklung und Gesundheitsförderung. Um dieses Verhältnis systematisch betrachten und weiterentwickeln zu können, sollen Impulse und Einblicke von Praktikern und Theoretikern ganz unterschiedlicher Herkunftsdisziplinen zum vertieften Nachdenken einladen.

Herausgeber

  • Fabian, Carlo, lic. phil Sozial- und Gesundheitspsychologe, ist Dozent und Projektleiter am Institut für Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung an der Hochschule für Soziale Arbeit Nordwestschweiz. Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem im Bereich der Stadtentwicklung und Gesundheitsförderung, Stadt- und Quartier-, als auch Evaluationsforschung.
  • Drilling, Matthias, Prof. Dr., Studium der Geographie, Volks- und Betriebswirtschaftslehre, ist Leiter des Instituts für Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung an der Hochschule für Soziale Arbeit Nordwestschweiz. Forschungsschwerpunkte im Bereich der sozialen Nachhaltigkeit, internationale Ansätze der Quartiersentwicklung und demokratischer Stadtentwicklung.
  • Niermann, Oliver, Dipl. Geograph, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Landtagsfraktion B90/Die Grünen in Nordrhein-Westfahlen. Forschungsschwerpunkte in der Stadt- und Quartiersforschung, neuen Wohnformen, Partizipation und Governance sowie Schrumpfungsräume.
  • Schnur, Olaf, Dr. habil., Studium der Geographie, ist als Senior Researcher und Projektleiter beim vhw Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung e.V. in Berlin und verfügt über langjährige Lehrerfahrung an unterschiedlichen Institutionen und Universitäten.

Die Autor*innen der Beiträge entstammen vorwiegend aus der Geographie, Gesundheits- und Politikwissenschaften, Soziologie und der Sozialen Arbeit.

Entstehungshintergrund

Die Jahrestagung 2015 der Deutschen Gesellschaft für Geographie, Arbeitskreis Quartiersforschung, beschäftigte sich mit dem Thema „Quartier und Gesundheit“. An der multidisziplinären Tagung waren sowohl Wissenschaftler*innen, Praktiker*innen, sowie Vertreter*innen der Politik zugegen, was einen breiten Zugang und multiperspektivische Diskussionen ermöglichte. Die Herausgeber des Werkes berichten im Vorwort, dass auf der Tagung deutlich wurde, wie wichtig Austausch- und Transferformate sind, woraufhin die Idee zu dem Sammelband entstanden ist. Das Werk erscheint in der Reihe „Quartiersforschung“.

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Insgesamt untergliedert sich der Sammelband in vier Themengebiete.

Neben der Einleitung wird auch im ersten Teil „Kontexte: Quartierseffekte und Gesundheit“ die theoretische Grundlage gelegt. Im zweiten Teil „Zielgruppen und Settings: Quartiersbezogene Interventionen im Gesundheitskontext“ wird in sechs Beiträgen vorwiegend von Forschungsprojekten und der praktischen Arbeit mit unterschiedlichen Zielgruppen berichtet. Der dritte Teil „Quartier, soziale Ungleichheit und Gesundheit“ besteht aus drei Beiträgen. Im Folgenden werden beispielhaft aus allen Teilen Beiträge vorgestellt.

In der Einführung zum Sammelband „Quartier und Gesundheit – Klärungen eines scheinbar selbstverständlichen Zusammenhangs“ betonen die Herausgeber die salutogene Haltung, die dem Werk zugrunde liegt. Mithilfe brachliegender sozialräumlicher und lebensweltlicher Ressourcen und Potentiale eines Quartiers, sollen dessen Bewohner*innen dazu befähigt werden, selbst aktiv die Lebens- und Wohnsituation im Quartier zu gestalten, um die eigene Gesundheit zu erhalten oder gar zu fördern. Im Anschluss erläutern die Herausgeber wichtige Fachbegriffe und deren theoretische Grundlage unter Rekurs auf jüngste Fachliteratur.

Im ersten Teil des Buches widmet sich Jürgen Friedrichs der Frage, ob und welche Effekte ein Wohngebiet auf die mentale und physische Gesundheit der Bewohner*innen hat. Anhand von internationalen Studienergebnissen referiert der Autor zunächst die Auswirkungen eines benachteiligten Quartiers (gemessen beispielsweise via Armutsquote oder gefühlter Vernachlässigung) auf den subjektiven Gesundheitszustand, Depressionsprävalenzen und Adipositas. Im Rahmen des Beitrags entwickelt der Autor schließlich ein stufenhaftes Model um zu erklären, wie Quartierseffekte auf das Individuum wirken. Ausgehend von einfachen Kontexteffekten des Wohngebietes (bspw. Anteil Armer, Alleinerziehender, Minoritäten), werden Effekte der Mesoebene (Institutionen, Soziales Kapital) hinzufügt. Abschließend werden biophysiologische Mechanismen (allostatische Prozesse) in ein komplexes Modell integriert. In seinen Folgerungen steht der Autor Programmen und Maßnahmen, die den Effekten negativer Wohngebiete entgegen wirken möchten, eher skeptisch gegenüber. Diese wären eher „pharmakologischen Programme[n]“ (S. 52) ähnlich, die nicht auf eigentliche Ursachen abzielen. Dazu würde es verstärkt an politischem Willen und Beschlüssen bedürfen.

Der zweite Teil des Werkes fokussiert quartiersbezogene Interventionen im Gesundheitskontext. Zu Beginn setzt sich Birgit Wolter mit Herausforderungen und Barrieren von gesundheitsförderlichen Quartieren für alte Menschen auseinander. Mit zunehmendem Lebensalter und abnehmender Gesundheit verkleinert sich der Aktionsradius der Menschen häufig immer mehr auf das heimische Quartier. Mangelt es dort an Mobilitätsmöglichkeiten (barrierefreier ÖPNV, abgesenkten Bordsteinkanten, Parkbänken zum Ausruhen) kann sich der Lebensmittelpunkt auch vollständig auf die eigene Wohnung reduzieren. Hinzu kommen gesellschaftliche Entwicklungen, wie Gentrifizierung und Schrumpfungsprozesse. Anhand eines explorativen, qualitativen Forschungsprojektes in Berlin-Moabit stellt die Autorin ausgewählte Forschungsergebnisse über das selbstbestimmte Wohnen und die Teilhabe von jungen und alten Alten im Quartier dar. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auch auf die Bedürfnisse und Ressourcen von älteren Mitbürger*innen mit Migrationshintergrund gelegt.

Einen weiteren Beitrag aus der Praxisforschung liefert Elke Dahlbeck, die von einer schriftlichen Befragung aller über 65-jährigen Bürger*innen aus den Leverkusener Stadtteilen Opladen und Rheindorf berichtet. Ziel der Befragung war es, mehr über die gesundheitliche Lage, Bedürfnisse und die Inanspruchnahme von Hilfeleistungen zu erfahren, um dadurch eine Datengrundlage für die Entwicklung eines Gesundheits- und Quartiersmanagements zu schaffen. Neben den Ergebnissen der Befragung werden auch die Herausforderungen bei der Implementierung von gesundheitsbezogenen Unterstützungsstrukturen in Stadtteilen beschrieben und Schlussfolgerungen diskutiert.

Jan Abt verweist in seinem Beitrag auf den zunehmenden Bewegungsmangel von Kindern und Jugendlichen und welchen wichtigen Einfluss Bewegung auf die kognitive Entwicklung und Körperbeherrschung auf den gesamten Lebensverlauf hat. Dass es nicht damit getan ist, eine ausreichende Anzahl an Spielplätzen mit den üblichen Gerätschaften bereitzustellen, wird anhand empirischer Befunde untermauert. Es sind insbesondere auch frei bespielbare Flächen, die für das eigene kreative Spiel notwendig sind. Ausgehend von traditionellen kommunalen Maßnahmen, wie Tempo 30-Zonen und Spielstraßen, sowie städtebaulichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte, entwickelt der Autor die Idee einer vielseitig bespielbaren Stadt. Die Sicht und Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen müssen dafür explizit in die Stadtplanung aufgenommen werden. Dazu erläutert der Autor das Verfahren der Spielleitplanung und gibt abschließend weitere methodische Beispiele wie den Fotostreifzug oder den Gebietsfragebogen, die sich relativ einfach in den Berufsalltag integrieren lassen.

Im dritten Teil des Werkes stellen Andrea Zumbrunn, Carlo Fabian, Nadine Käser, Wiem Nieuwenboom, Simon Süsstrunk und Felix Wettstein die Ergebnisse einer Literaturrecherche und Erkenntnisse aus einer sich anschließenden Fokusgruppe zum Thema „Rolle der Sozialen Arbeit im Überschneidungsbereich von Stadtentwicklung und Gesundheitsförderung“ vor. Eingangs stellen die Autor*innen fest, dass die Soziale Arbeit in beiden Handlungsfeldern durchaus präsent und bemüht ist, auch den jeweils anderen Handlungsbereich angemessen zu berücksichtigen. Allerdings zeigt die Auswertung des Studienmaterials, dass die Soziale Arbeit im Überschneidungsbereich der beiden Handlungsfelder Stadtentwicklung und Gesundheitsförderung kaum explizit erwähnt wird. Diskussionen werden vorwiegend professionsunabhängig geführt. Gleichzeitig sind vielseitige Chancen zu erkennen, sofern die Disziplin Soziale Arbeit in den Schnittstellen beider Handlungsfeldern auftritt und diese nicht ausschließlich isoliert voneinander bearbeitet. So vermag die aufsuchende Quartierssozialarbeit niederschwellig die Partizipation von benachteiligten Bevölkerungsgruppen zu erhöhen und auf Setting-Ebene für einen Abbau von benachteiligenden Strukturen im Quartier einzutreten. In einem Ausblick erhoffen sich die Autor*innen mehr anwendungsorientierte Forschung und die Entwicklung von Good Practice-Beispielen im Überschneidungsbereich der beiden Handlungsfelder.

Kerstin Hausegger-Nestelberger berichtet von einer empirischen Analyse eines wöchentlich stattfindenden Brunchs in einem sozial benachteiligten Stadtteil von Graz. Besagter Stadtteil ist historisch geprägt durch eine hohe Dichte an Gemeindewohnungen und geringem Bildungsstand. Seit 1984 befindet sich in diesem Stadtteil ein sozialmedizinisches Zentrum mit dem Fokus auf eine holistische medizinische und psychosoziale Versorgung der Bewohner*innen und deren Gesundheitsförderung. Der „Brunch am Grünanger“ entstand, da es bislang an Treffpunkten im Quartier mangelte und viele der Bewohner*innen weitestgehend isoliert lebten. Mit Hilfe eines qualitativen Forschungsdesigns sollten via teilnehmender Beobachtung, Experteninterviews und problemzentrierter Interviews den Fragen nachgegangen werden, ob der Brunch eine gesundheitsfördernde Maßnahme darstellt, ob die Zielgruppe erreicht wird und welche Bedeutung der Brunch für die Teilnehmer*innen hat. Im Ergebnisteil bekundet die Autorin dem Brunch gesundheitsfördernde Potentiale. Durch Empowerment und Partizipationsprozesse beginnen viele Bewohner*innen wieder damit, ihr Netzwerk aktiv zu gestalten und Kontakte zu knüpfen. Das Projekt kann, getreu den elf Kriterien guter Praxis der Gesundheitsförderung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, als gesundheitsfördernde Maßnahme eingestuft werden.

Diskussion

Der Sammelband besticht durch eine fundierte Einführung in den Themenkomplex. Nach dem aufmerksamen Studium der knapp 30 Seiten kann die Leserschaft die häufig durchaus diffusen Begrifflichkeiten dezidiert unterscheiden. Gestaltungsvisionen, wie die einschlägigen Chartas der WHO und gesundheitsförderliche Programme wie die „Gesunde Stadt“ werden vorgestellt. Getreu dem Buchtitel gelingt es den Beiträgen der Autor*innen aus unterschiedlichen Perspektiven und Disziplinen jeweils genuine Impulse für eine gesundheitsförderliche Stadt- und Quartiersentwicklung zu geben. Während die Einführung und Teil Eins des Bandes etwas konzentriertere, aber durchaus lohnenswerte, Denkarbeit verlangen, lassen sich die Beiträge der übrigen Teile ohne größere Herausforderungen lesen. Dienlich ist dabei die beachtliche Anzahl an Tabellen und Grafiken, die durchweg stimmig und unterstützend eingesetzt wird.

Fazit

Ein kurzweiliger Sammelband, dessen Lektüre lohnt. Der Verheißung des Buchtitels wird das Werk vollumfänglich gerecht. Facettenreiche Impulse aus Praxis und Wissenschaft laden zu einer Auseinandersetzung mit der gesundheitsförderlichen Quartiersentwicklung ein, die zahlreichen aktuellen Literaturverweise machen Lust auf ein vertiefendes Weiterlesen.

Literatur

WHO (1986): Ottawa Charter for Health Promotion. Geneva. Online verfügbar unter: www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0004/129532/Ottawa_Charter.pdf (Letzter Abruf 16.11.2016)


Rezensent
Johannes Steinle
M.A. Angewandte Gesundheitswissenschaft
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Zitiervorschlag
Johannes Steinle. Rezension vom 02.12.2016 zu: Carlo Fabian, Matthias Drilling, Oliver Niermann, Olaf Schnur (Hrsg.): Quartier und Gesundheit. Impulse zu einem Querschnittsthema in Wissenschaft, Politik und Praxis. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-15371-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21863.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


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ISSN 2190-9245

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