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Stephanie A. Brill, Rachel Pepper: Wenn Kinder anders fühlen - Identität im anderen Geschlecht

Cover Stephanie A. Brill, Rachel Pepper: Wenn Kinder anders fühlen - Identität im anderen Geschlecht. Ein Ratgeber für Eltern. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2016. 2., aktualisierte Auflage. 248 Seiten. ISBN 978-3-497-02604-3. D: 26,90 EUR, A: 27,70 EUR.
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Thema

Das Buch ist als Ratgeber (nicht) nur für Eltern konzipiert, unternimmt den Versuch der sachlichen Information über das Phänomen der Transidentität und beantwortet Fragen zum Thema.

Aufbau

Der Band ist in neun Kapitel gegliedert.

  1. Nach einem kurzen Vorwort (S. 8-10) wird in der Einführung das Thema eingeleitet (S. 11-14) werden im ersten Kapitel (S. 15-51) Fragen und Informationen zum Thema der Transidentität gestellt, beantwortet und gegeben.
  2. Das 2. Kapitel steht unter dem Motto „Von der Familie akzeptiert. Gestärkt aus der Krise hervorgehen“ (S. 52-72) und geht genauer auf Konflikte, Konfliktpersonen, Kinder im Übergangsstadium ein etc.
  3. Im dritten Kapitel (S. 73-83) werden Entwicklungsstadien des transidenten Kindes genauer in den Blick genommen.
  4. Erziehung als Hilfe zur Identitätsentwicklung wird im vierten Kapitel (S. 84-117) fokussiert.
  5. Das fünfte Kapitel (S. 118-128) thematisiert Entscheidungen während der Übergangszeit des transidenten Kindes.
  6. Zum Arrangement mit der Umwelt (wem wie warum und wann von Entscheidungen berichten) informiert das sechste Kapitel (S. 129-155).
  7. Zusammenhänge zwischen Familien und dem Erziehungs-und Bildungssystem stellt das 7. Kapitel (S. 156-189) in den Mittelpunkt.
  8. Im 8. Kapitel (S. 190-220) werden medizinische Maßnahmen beleuchtet.
  9. Das 9. Kapitel (S. 221-230) gibt Informationen über bedenkenswerte rechtliche Aspekte.

Schlussfolgerungen, ein Nachwort der Übersetzer zur 2. Auflage und ein Anhang vervollständigen den Band. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Das Vorwort adressiert relativ knapp skizziert die bislang unzureichenden Betreuungs – und Begleitungsmöglichkeiten transidenter Kinder (und ihrer Familien) und die inhärente gegenseitige Verschränkung von den Strukturkategorien Macht und Geschlecht.

In der Einführung werden einige Beispiele transidenter und geschlechtsuneindeutiger Kinder dargestellt, an denen der Bedarf der Begleitung und Unterstützung im Hinblick auf nicht-heteronormative Geschlechtsrollen aufgezeigt wird.

Im ersten Kapitel steht die Frage des eigenen transidenten Kindes im Mittelpunkt. Dazu werden in mehreren (vorweggenommenen) Fragen Informationen knapp aufbereitet zur Häufigkeit, zur Identifikation, zur Verantwortung der Ausprägung der Transidentität (genauer, der vielfältigen Formen transidenter Orientierungen), Geschlecht, Geschlechtsorientierung und Begriffe definitorisch erläutert.

Im zweiten Kapitel stehen familiäre Konflikte im Mittelpunkt, die sich aus der Transidentität eines Kindes für das Familiensystem ergeben können. Konflikte, die sich für die Väter ergeben, werden ebenso dargestellt wie Ängste aller Familienmitglieder (darunter z.B. die Angst um Sicherheit und Wohlergehen des Kindes, aber auch die Angst vor Verurteilung und Gefühle der Trauer). Emotionale Reaktionen der Eltern und Geschwister (Trauer und Schuldzuweisungen, Gefühle der Zurücksetzung) werden ebenso angesprochen wie hilfreiche Reaktionen (Orientierungen am Wohl des Kindes, ungebrochene Nähe und Verbundenheit zum Kind). Als Zielvorstellung wird dabei die vollständige Akzeptanz des transidenten Kindes angestrebt.

Im dritten Kapitel werden Entwicklungsstadien des transidenten Kindes nach Altersgruppen und Entwicklungsstufen differenziert. Beginnend mit einer Altersstufe von Kindern zwischen 2 und 3 Jahren und endend mit der Altersstufe von Kindern zwischen 5 und 7 Jahren wird die Altersgruppe der 7-9jährigen Kinder übersprungen und anschließend (unter der Überschrift pubertärer Veränderungen) mit der Altersgruppe von Kindern zwischen 9 und 12 Jahren bis zur Altersgruppe von Kindern zwischen 12 und 18 Jahren fortgesetzt. Kleinere Abschnitte thematisieren sowohl die Angst vor der Gemeinschaft, emotionale Prozesse und Reaktionen (Verliebtsein und Partnersuche) als auch sexuelle Orientierungen transidenter Teenager und Hinweise, wie sich für Notfälle gerüstet werden kann.

Das vierte Kapitel stellt unterstützende und destruktive Erziehungspraktiken vergleichend gegenüber und benennt wirksame Komponenten unterstützender Erziehung, wenn auch nur aus Arbeiten Caitlin Ryans vorgestellt. Als zerstörerische Erziehungspraktiken werden danach folgende differenziert: Auffassung gendervarianten Verhaltens als Trotzreaktion, körperlicher / verbaler Missbrauch, Ausschluss des Kindes aus dem Familienleben, Umgangsverbot des Kindes mit geschlechtsvarianten Freunden, dem Kind die Schuld geben, Verunglimpfen, Verhöhnen, Verdammen, Bedrängen, Verleugnen, Stillschweigen, Geheimnistuerei etc. Als unterstützende Erziehungspraktiken werden gegenseitiger Respekt, Kleidung nach Wahl zu ermöglichen, dem Kind in der geschlechtsspezifischen Selbstdarstellung Unterstützung entgegenbringen, Aktivitäten, Spielzeug, Accessoires nach Wahl bereitzustellen etc.

Im fünfte Kapitel stehen Überlegungen zur Entscheidungen während der Übergangszeit im Mittelpunkt. Mehrere Strategien werden für Eltern aufgezeigt (z.B. einen Zeitraum ohne Pronomen auskommen). Am Ende des Kapitels werden deutschsprachige Internetangebote aufgeführt.

Das sechste Kapitel thematisiert das Arrangement mit der Umwelt. Darin werden Musterbriefe zur Information der Verwandtschaft vorgestellt, Umgangsstrategien mit älteren Familienmitgliedern dargelegt und Taktiken für verschiedene (möglicherweise) problembehaftete Situationen in der Öffentlichkeit besprochen.

Die eigene Familie und das Bildungssystem stehen im siebten Kapitel im Fokus: hier werden sowohl Strategien zur Zusammenarbeit mit der Schule, der Vorschule und Kindergärten erörtert, aber auch weiterführende Bildungseinrichtungen wie Hochschulen werden angeführt.

Im achten Kapitel wird auf medizinische Maßnahmen fokussiert: verschiedene hormonelle Therapien werden im Hinblick auf Vor- und Nachteile gegeneinander abgewogen, die Möglichkeiten chirurgischer Eingriffe diskutiert und anhand von Fallbeispielen dargelegt.

Das neunte Kapitel fokussiert rechtliche Aspekte, so z.B. den Personenstand, Sozialversicherungsdaten, Angaben zum Geschlecht in amtlichen Dokumenten, rechtliche Angelegenheiten in der Schule, aber auch Umgang mit Sorgerechtsstreitigkeiten und Scheidungsfolgen werden erörtert.

Diskussion

Das erste Kapitel behandelt eher kursorisch die Frage zur Einordnung der geschlechtlichen Identität, nimmt den Versuch einer Abgrenzung zur sexuellen Orientierung vor und widmet sich Fragen wie „Was bedeutet Geschlecht?“. Eher kritisch zu sehen sind Äußerungen wie „Ein vertieftes Wissen über Geschlecht und Geschlechtlichkeit ist für eine fürsorgliche Erziehung und unterstützende Begleitung von Kindern und Jugendlichen, deren Geschlechterverhalten nicht konform ist, geradezu unverzichtbar“ (S. 20): vertieftes Wissen über diese Bereiche sollte nicht nur bei nichtkonformen Geschlechterverhalten (was immer das im Einzelfall auch bedeuten mag) geboten sein, von der sich hier andeutenden und im Rest des Buches explizit dargestellten Normativität des Erziehungsverhaltens ganz abgesehen.

Zu flach erscheinen hingegen Äußerungen wie „Die Geschlechtsrolle ist ein soziales Konstrukt, das gesellschaftlich kontrolliert wird (S. 25)“ – soziologisch betrachtet werden hier Prozesse der Ordnung nicht beachtet: neben Doing-Gender-Prozessen finden eben auch Undoing-Gender-Prozesse, (Re-)Producing-Gender-Prozesse und (De-)Constructing-Gender-Prozesse statt – hier hätten Verweise auf den aktuellen Forschungsstand gut getan – das wäre auch für die intendierte Zielgruppe (der Eltern) sicher hilfreich gewesen. Eher kritisch zu sehen sind ebenfalls normative Aussagen zur Stimmigkeit von sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität (S. 26). Ebenfalls problematisch erscheinen die Verweise auf ausschließlich männliche Homosexualität bei geschlechtsvarianten Kindern.

Im dritten Kapitel des Buches steht die Entwicklung des transidenten Kindes im Mittelpunkt. Hier fällt jedoch auf, dass die Altersspanne des Kindes zwischen 7 und 9 Jahren vollständig ignoriert wird. Gründe für die Exklusion dieses Altersabschnittes werden nicht angegeben. Entsprechend der UN-Kinderrechtskonvention (als Kind wird jede Person unter 18 Jahren angesehen) folgt der Ratgeber bei der Betrachtung der Altersspannen, es wäre aber möglicherweise für Eltern etwas hilfreicher gewesen, wenn auf die traditionelle Sicht (Personen zwischen 12–14 und mind. 18 Jahren) von Jugendlichen rekurriert worden wäre.

Im vierten Kapitel zur Erziehung als Hilfe zur Identitätsentwicklung werden unter anderem zerstörerische Erziehungspraktiken beleuchtet. Den Autor*innen ist zuzustimmen in der Einstimmung, dass negative Erziehungspraktiken sich im Hinblick auf die Entwicklung von Kindern negativ auswirken können. Kritisch ist hingegen die versuchte Definition negativer Erziehungsverhaltensweisen zu sehen: die Autor*innen verstehen darunter jene Verhaltensweisen, „… die von Kindern als Ausdruck der Ablehnung erlebt werden“ (S. 87). In dieser pauschalen Handhabung ist eine Abgrenzung zu Grenzsetzungen innerhalb der Erziehung von Kindern kaum möglich – es erscheint aber vorstellbar, dass nicht jedes kindliche Verhalten tolerierbar für die Eltern sein mag – wird aber von Seiten der Eltern eingegriffen, kann dieser Eingriff als Ablehnung vom Kind aufgefasst werden – hier wäre eine genauere Abgrenzung hilfreich gewesen. Auch wen auf den nachfolgenden Seiten Beispiele für negative Verhaltensweisen aufgezeigt werden, erscheint doch fraglich, dass sich diese Verhaltensweisen nur bei Eltern transidenter Kinder finden lassen. Entgegengesetzt lässt sich festhalten, dass die aufgeführten unterstützenden Erziehungspraktiken ausschließlich zum Nutzen geschlechtsvarianter Kinder auszuüben wären: z.B. gegenseitiger Respekt als oberstes Gebot in der Familie (S. 100), Null Toleranz gegenüber Respektlosigkeit, negativen Bemerkungen und Druck (S. 111) und offene Kommunikation (S. 112) erscheinen als Erziehungspraxis wohl eher generell geboten.

Ähnliches wird in vielen Fällen auch für die Kommunikation mit der Verwandtschaft gelten können: im 6. Kapitel werden Ratschläge zum Umgang mit Ablehnung und Spott in der Verwandtschaft gegeben, die nicht nur für Eltern transidenter Kinder Gültigkeit haben (können). In diesem Kapitel hätten sich Verweise auf die Kinderrechtskonvention angeboten, es bleibt unverständlich, warum diese Verweise fehlen. Auch wenn die USA diese nicht ratifzierten, hätte sich die Inklusion der UNKRK für die deutsche Übersetzung angeboten.

Eher schwierig, problematisch und normativ sind Aussagen der Autor*innen zu kulturellen, religiösen und ethnischen Einflüssen. In der pauschalen Annahme, dass es in jeder Gemeinschaft offene Ansprechpartner*innen für die sensiblen Themen der Transidentität gibt, werden nicht nur normative Annahmen zur Realität verklärt (z.B. die „offenen“ Ansprechpartner*innen), sondern auch pauschal religiöse / ethnische Gemeinschaften quasi unter Generalverdacht gestellt: „Über geschlechtsvariante und transidente Kinder zu sprechen, stellt in einigen religiösen oder ethnischen Gemeinschaften eine erhebliche Überschreitung des allgemein Erlaubten dar“ (S. 148). Dies gilt sicher nicht nur für ethnische / religiöse Gemeinschaften. Und als einzigen „Ausweg“ aus dem Dilemma zu empfehlen, die „offenen“ Personen zu suchen (und zu finden), ist möglicherweise nicht praktikabel. Diese Annahme setzt voraus, dass es diese Personen auch immer gibt und lässt außen vor, was zu tun sein, wenn es diese Personen nicht im Umkreis gibt. Zum anderen wird hier die normative Annahme zur gegebenen Realität ideologisiert, dass die betreffenden Eltern der postulierten „Enge“ nicht angehören.

Ratschläge für die Eltern zur zweifachen Pubertät (ihrer transidenten Kinder: je einmal pro Geschlecht) zeugen wahrscheinlich eher von Hilflosigkeit: „Wir empfehlen Eltern in diesem Fall, Vitamine einzunehmen und Ruhe zu bewahren, wenn die hormonelle Achterbahn beginnt!“ (S. 213).

Fazit

„Wenn Kinder anders fühlen – Identität im anderen Geschlecht. Ein Ratgeber für Eltern“ ist sicher in vielen Aspekten hilfreich für Eltern – allerdings erscheinen einige der enthaltenen Aussagen eher problematisch. Hier hätte eine weniger normative Grundhaltung der intendierten Hilfestellung gutgetan. Andererseits ist positiv zu vermerken, dass viele der vermittelten Informationen für betroffene Eltern entlastend wirken mögen.


Rezensentin
Dr. Miriam Damrow
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Lehrstuhl für Pädagogik mit dem Schwerpunkt Diversity Education und Internationale Bildungsforschung
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Zitiervorschlag
Miriam Damrow. Rezension vom 13.02.2019 zu: Stephanie A. Brill, Rachel Pepper: Wenn Kinder anders fühlen - Identität im anderen Geschlecht. Ein Ratgeber für Eltern. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2016. 2., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-497-02604-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21864.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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