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Detlef Horster, Franziska Martinsen u.a. (Hrsg.): Alle Macht den Städten?

Cover Detlef Horster, Franziska Martinsen, Carsten Karmanski, Gabriele Kuhn-Zuber (Hrsg.): Alle Macht den Städten? Partizipation und Praxis in der Stadt von morgen : die 18. Hannah-Arendt-Tage 2015. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2016. 110 Seiten. ISBN 978-3-95832-112-0. D: 12,80 EUR, A: 13,20 EUR.
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Thema

In der Stadt zu leben war von jeher ein Privileg. Von der landwirtschaftlichen Produktion und Arbeit befreit zu sein und als Priester, Beamter, Handwerker oder Kaufmann von körperlicher Arbeit entlastet zu sein, war ein Prärogativ, das die Stadtbevölkerung von der des Landes unterschied. Das Recht auf Stadt kann heute in fortgeschrittenen urbanen Gesellschaften nicht mehr bestritten werden, zumal die urbane Lebensweise inzwischen durchgängig zu der üblichen gesellschaftlichen Lebensweise urbaner Gesellschaften geworden ist, die auch vor dem Dorf nicht mehr halt macht. Und dass die Stadt allen gehört, die in ihr leben, ist inzwischen auch zu einem Topos geworden.

Die Stadt gehörte noch nie allen und sie wird auch in Zukunft nicht allen gleichermaßen gehören, wenn sie überhaupt allen gehört. Wer also soll die Geschicke einer Stadt lenken und bestimmen, wie sie sich entwickeln soll? An welchen Entscheidungen soll eine Stadtgesellschaft beteiligt werden? Geht es bei dem Recht auf Stadt eher um die Frage des Rechts auf Beteiligung oder in einem umfassenderen Sinne um das Recht, sein Leben in der Stadt zu leben und diese Stadt lebenswert mitzugestalten? Wie also kann es insgesamt gelingen, dass die Stadt wirklich allen gehören kann?

Herausgeberin und Herausgeber

Dr. Franziska Martinsen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Arbeitsbereichs Politische Theorie und Ideengeschichte am Institut für Politische Wissenschaft der Leibniz Universität Hannover.

Professor Detlef Horster war bis 2007 Professor für Sozialphilosophie an der Leibniz Universität Hannover.

Autorinnen und Autoren

Die Autorinnen und Autoren kommen aus den Bereichen der Stadtforschung, der Kultur- und Bildungswissenschaften, der Sozialphilosophie, der Architektur und der Politik.

Aufbau

Nach einem kurzen Vorwort folgen sieben Beiträge, die im Folgenden vorgestellt werden.

Zum Vorwort

In ihrem kurzen Vorwort gehen die Herausgeberin und der Herausgeber auf den Abschlussfrage der 18. Hannah-Arendt-Tage ein, die diesem Band zugrunde liegt: Alle Macht den Städten? Und sie verweisen auf die Namensgeberin dieser Konferenz: Hannah Arendt, jene Philosophin demokratischer Kultur, die seit der griechischen Polis mit der Frage verbunden ist, wie sich eine Kultur direkter Demokratie in der Stadt oder Staat realisieren lässt, wie auf lokaler Ebene Menschen an der Gestaltung ihrer Lebenswelt beteiligt werden können und wie sich in lokalen Lebenszusammenhängen demokratische Alltagspraktiken entwickeln, die Bürgerinnen und Bürger befähigen, sich verantwortlich und aktiv an der Gestaltung ihrer Lebenswelt zu beteiligen, weil sie sich als Teil einer res publica verstehen können.

Sie gehen dann noch kurz auf die nachfolgenden Beiträge ein und ordnen sie in den Gesamtzusammenhang des Tagungsthemas ein.

Zu „Recht auf Stadt – Repolitisierung der Stadtpolitik durch Rebellion“

(Andrej Holm) Der Autor verweist einleitend auf städtische Protestbewegungen als manifester Ausdruck des Rechts auf Stadt – und das weltweit. Ob es die Mieterproteste in New Orleans sind, wo man um die Rückkehr in die Sozialwohnungen kämpfte oder um den Protest gegen Zwangsräumungen in Madrid oder um den Gezi-Park in Istanbul – immer geht es um die Empörung, als unmittelbar Betroffene oder als „Wertbetroffene“ die Folgen von Entscheidungen zu tragen, die andere getroffen haben. Auch in Deutschland finden in vielen Städten mittlerweile solche Proteste statt, wo Bürgerinnen und Bürger einfordern, an den Entscheidungen beteiligt zu werden. Paradebeispiel jüngster Zeit ist der Stuttgart 21-Protest. Weitere Protestaktionen nennt Holm dann noch.

Was sagen uns diese Protestbewegungen? fragt der Autor dann. Welche stadtpolitischen Entwicklungen lassen sich daraus ableiten und wie reagiert eine Stadtpolitik auf diese Proteste? Was verbirgt sich hinter diesem eingeforderten Recht auf Stadt?

Hat sich er Kampf der Arbeiter um höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen von der Fabrik in den öffentlichen Raum der Stadt verlagert? Diese Frage diskutiert der Autor in Anlehnungen an Studien über social urban movements von M. Meyer. Der Protest der 1960er Jahre war von Forderungen nach Alternativen in der Stadtentwicklung gekennzeichnet und auch von Forderungen nach einem Sozialstaat für alle. Dies wird ausführlich diskutiert und die theoretischen Erklärungsversuche werden vorgestellt. Dass die Stadt schon immer auch Ausdruck kapitalistischer Verwertung von Arbeit, Boden und Kapital war, und deshalb auch die Widersprüche zutage kamen und die Stadt nach Hobsbawn immer schon Ort sozialer Proteste und Auseinandersetzungen war, wird hier noch einmal eindringlich hervorgehoben. In diesen Kontext gehört auch die für die Stadt typische Verschränkung von Produktions- und Reproduktionsbedingungen. Die Stadt ist eben nicht nur für die Reproduktion zuständig und kann nicht nur in Kategorien von Gebrauchs- und Tauschwert begriffen werden; sie ist immer beides.

Protestbewegungen haben immer Einfluss auf die Strategien des Regierens und der Politik in einer Stadt. Die Auseinandersetzungen in Protesten und die Integrationspotentiale einer Stadt können nicht getrennt betrachtet werden; Proteste können von Art und Ausmaß die Integrationspotentiale einer Stadt auch bedrohen oder auch: mangelnde Integrations- und Gestaltungspotentiale rufen Proteste hervor. Erfolge einer Stadtpolitik lassen auch immer Schlüsse auf die Erfolgsaussichten sozialer Protestbewegungen zu. Auch dies wird ausführlich dargestellt. Der Autor diskutiert dabei auch den von Harvey u a. beschriebenen Trend zur unternehmerischen Stadt und er setzt sich sehr differenziert und ausführlich mit diesem Konzept auseinander.

Das Recht auf Stadt ist mehr als ein guter Slogan. In Anlehnung an Henri Lefèbvre verbindet der Autor damit auch einen allgemeingültigen Anspruch auf einen Nichtausschluss von städtischen Ressourcen und Dienstleistungen und von einer urbanen Qualität der Lebensstilführung. Stadtpolitisch ist damit auch eine Umverteilung der Ressourcen kollektiver Daseinsvorsorge zu Gunsten der Benachteiligten und Schwachen gemeint. Es war die fordistische Stadtplanung in Paris, die Lefèbvre veranlasste, auf zwei Dimensionen des Rechts auf Stadt hinzuweisen: auf das Recht auf Zentralität, was den Zugang zu Orten des gesellschaftlichen Reichtums der Stadt meint, aber auch den Zugang zur städtischen Infrastruktur und zum Wissen. Die andere Dimension ist die der Differenz. Das Recht auf Differenz versteht die Stadt als einen Ort des Zusammenkommens, des Erkennens, der gegenseitigen Anerkennung und der Auseinandersetzung. Und als eine dritte Dimension beschreibt Holm noch das Recht auf die schöpferischen Überreste des Urbanen und diskutiert dann ausführlich die Rezeption des Lefèbvre´schen Ansatzes.

Verweisen die Proteste weltweit und in den deutschen Städten auf eine Repolitisierung durch Rebellion? Dieser Frage geht der Autor zum Schluss seines Beitrags nach. Er geht dabei auf einige Studien ein die insgesamt deutlich machen, dass die Stadt, die der Logik der kapitalistischen Ökonomie folgt, immer auch Konflikte und Widersprüche hervorbringt, die gesamtgesellschaftliche Relevanz haben.

Zu „Nachbarschaften in der Stadt: Von der mehrheimischen Alltagspraxis“

(Erol Yildiz) Es gibt einen Zusammenhang von Migration, Urbanität und Diversität oder einfacher: Stadt ist Migration. Wenn man diesen Zusammenhang erkennt, folgt daraus ein anderes Verständnis von Zusammenleben in der Stadt. Migration ist dann kein besonderer Prozess der Stadtentwicklung, sondern ihr integraler Bestandteil. Es geht dann nicht mehr um etwas anderes, sondern um ein zur Stadt gehörendes Strukturmerkmal der Verschiedenheit und Pluralität von Lebensformen und Lebensstilen, die ohnehin Ambivalenzen, Widersprüche, Spannungen und Konflikte erzeugen, die aber die Stadt aushält und die die Stadt in ihren Integrationspotentialen nicht gefährden.

Das ist die Ausgangsthese des Autors, vor deren Hintergrund er der Frage nachgeht, auf welche Weise der Zusammenhang von Migration und Stadt diskutiert wird. Er dokumentiert, analysiert und kritisiert dabei zunächst die öffentlichen Migrationsdiskurse, und zwar vor dem Hintergrund einer ambivalenten Moral, die einerseits Mobilität im Zeichen der Globalisierung gut findet, aber die Resultat dieser Mobilität nicht akzeptiert oder wahrnimmt oder die einerseits die Stadt als eine Daseinsform einfordert, in der kulturelle Diversität eine konstitutives Merkmal ist, aber andererseits deren Ergebnisse problematisiert.

Es geht um eine andere Perspektive, um eine Stadt der Vielen, die dann an der Kölner Keupstraße beispielhaft vorgestellt und begründet wird. Die Keupstraße ist inzwischen in der Literatur zum Prototyp eines urbanen Zusammenlebens unter den Bedingungen kultureller Diversität und unter urbanen Bedingungen avanciert. Seit der Industrialisierung war sie ein Ort kultureller Vielfalt. Die Geschichte dieser Straße seit dieser Zeit und die Geschichte ihrer Rezeption in den Medien und in wissenschaftlichen Kontexten wird vom Autor ausführlich und nachvollziehbar dargestellt und weckt auch das Verständnis für diese typische Entwicklung dieser Straße.

Zum Schluss seines Beitrags geht der Autor auf die urbane Alltagspraxis ein. Das Alltagsleben folgt im Kontext lokaler Lebenszusammenhänge einer praktischen Vernunft, die stärker an den Erfahrungen des konkreten Umgangs miteinander orientiert ist und deutlich macht, dass eine national orientierte Analysepraxis genau diesen alltagspraktischen Umgang miteinander nicht zu erfassen vermag.

Zu „If Mayors Ruled the World“

(Benjamin Barber) In seinem englischsprachigen Beitrag erzählt der Autor zunächst eindrucksvoll, wie er in der Wohnung von Hannah Arendt in New York gewohnt hat und welchen Geist diese Wohnung ausstrahlt. Er versteht sich auch in der Tradition Hannah Arendts als radikaler Demokrat, der – wie H. Arendt auch an der Polis anknüpft, wenn es um Demokratie in der Stadt geht. Die Polis als ein gemeinsamer Ort, zu dem sich alle verstehen, die Gemeinde als Gemeinschaft ist der Beginn des politischen Bürgers. Der Autor beschreibt dann Reiseeindrücke in verschiedenen Städten und kommt zu dem Schluss, dass die Stadt die Quintessenz menschlicher Gemeinschaft ist und dass ihr das zum Vorteil gereicht.

Weiter diskutiert der Autor das Verhältnis der Stadt zur Nation, nennt Zahlen und Fakten von europäischen Ländern und den USA, geht auf die Urbanisierung der Welt ein (mehr Bewohner der Erde leben heute in Städten als auf dem Land) und kommt dann zu dem Schluss, dass, wenn Nationen nicht mehr in der Lage sind, die Welt zu regieren, es die Städte tun sollten. Aber Bürgermeister können das nicht alleine tun; sie regieren noch nicht einmal in ihren eigenen Städten alleine. Sie können es nur mit anderen Akteuren tun, mit der Zivilgesellschaft, mit der Wirtschaft und vielen anderen Akteuren, Organisationen und Institutionen. Der Nationalstaat ist zu groß für Partizipation und zu klein für die Macht in der Welt. Also gehen wir für Partizipation und Demokratie zurück zur Stadt als Polis und suchen einen Rahmen, in dem die Städte global agieren können.

Der Autor bezieht sich in seinem Beitrag immer auf sein Buch „If Mayors Ruled the World“.

Zu „Ungerechtigkeiten in der Stadt“

(Matthias Möhring-Hesse) Wann ist eine Stadt ungerecht? Oder ist es besser, von ungerechtfertigten Sachverhalten zu sprechen, wenn diese einem allgemeinen Begriff von Gerechtigkeit nicht entsprechen? Der Autor versucht, sich dem Begriff der Ungerechtigkeit der Stadt einleitend zu nähern, diskutiert dabei auch den Theoriestatus dieses Theorems, nennt Beispiele von ungerechten Sachverhalten in Städten und schlägt vor, sich einer Theorie der gerechten Stadt von den zentralen Begriffen her zu nähern: vom Begriff der Stadt und dem der Gerechtigkeit.

Der Autor geht zunächst auf die Stadt als Handlungs- und Entscheidungsrahmen ein. Nicht die Stadt an sich ist ungerecht, sondern in konkreten Städten können wir ungerechtfertigte oder auch ungerechte Prozesse beobachten oder stoßen auf so gelagerte Sachverhalte und Erscheinungen. Der Autor beschreibt dann die Stadt als administrativ-politische Einheit in einem klar umrissenen Raum, diskutiert Merkmale wie Dichte, Heterogenität und Größe, was wir bereits aus der Chicagoer Schule kennen (Park, Wirth) und geht dann auf die Konstitution der Stadt als einem lokalen Lebenszusammenhang ein, in dem Menschen im Verhältnis zu einander und zum Raum die Stadt in ihrer alltäglichen Praxis leben und sich verstehen. Weiter diskutiert der Autor Strukturmerkmale der Stadt wie die Trennung von Privatheit und Öffentlichkeit und erwähnt den Typus der europäischen Stadt als einen besonderen Stadttypus. Dies wird ausführlich entfaltet und begründet.

Ist soziale Ungleichheit ungerecht? Die sozialräumliche Spiegelung sozialer Ungleichheit ist in der Stadt am ehesten sichtbar, verteilt sich doch die Bevölkerung nach Maßgabe ihrer sozioökonomischen Ressourcen und ihrer soziokulturellen Präferenzen. Kann man also auf eine gerechtere Verteilung des Raums setzen und sind die sozialen Verwerfungen der Stadtpolitik und Stadtentwicklung geschuldet? Der Autor fragt nach einer (gerechteren?) Verteilung von Gütern und Ressourcen, von Besitz und Vermögen, deren ungleiche Verteilung auch eine Ungleichheit produziert, die nicht gerecht sein kann.

Aber wenn diese Ungleichheiten mit der ökonomischen Dynamik der Stadt in Verbindung gebracht werden kann, dann ist es die Stadt, die diese Ungleichheit mit verantwortet. Denn erstens haben diese Ungleichheiten mit einer politischen Unterlassung sozialen Ausgleichs zu tun und sind das Ergebnis fehlender Steuerung der Raumnutzung, und zweitens bedeuten soziale Ungleichheiten privilegierte und benachteiligte Lebenslagen wie Armut, die lediglich als Ungleichheiten hingenommen werden, aber im Falle der Armut nicht als soziales Problem gesehen wird, das es zu lösen gilt. Das Gleiche gilt auch für die ungleiche sozialräumliche Verteilung der Stadtbevölkerung, deren Resultat segregierte Wohngebiete mit einer benachteiligten und benachteiligenden Infrastruktur sind. Auch dies wird ausführlich erörtert.

Der Autor geht dann auf die öffentlichen Räume der Stadt und ihre Nutzung ein. Es geht dabei nicht nur öffentliche Plätze und Aufenthaltsräume in der Stadt, die allen zur Verfügung stehen. Es geht auch um Räume mit bestimmten Funktionen, Sportplätze, kulturell genutzte Räume, Räume für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Hier stellt sich die Frage, wer Zugang zu diesen Räumen hat. Sind es nur diejenigen, die die entsprechenden Kompetenzen und Ressourcen haben oder sind es wirklich alle? Der Autor diskutiert diese Frage auch im Kontext der historischen Entwicklung und der Veränderungen im Selbstverständnis öffentlicher Räume und ihrer Funktionen auch in Blick auf die Gerechtigkeitsfrage. Wem die Stadt gehört, ist dann sicher eine Frage, deren Antwort auch auf einen ungerechten Zugang zu den Möglichkeiten der Nutzung öffentlicher Räume schließen lässt. Diese Überlegungen werden ausführlich dargelegt und diskutiert.

Das gilt auch für die Frage nach den Gütern kollektiver Daseinsvorsorge, nach öffentlichen Gütern und Dienstleistungen. Grundsätzlich sind alle Haushalte mit Energie und Wasser versorgt; der Verbrauch hängt mit ökonomischen Ressourcen zusammen. Das Verkehrsnetz der Stadt kann von allen genutzt werden, die auch für diese Mobilität bezahlen können. Insofern ist ihr Öffentlichkeitscharakter eingeschränkt. Öffentlich sind Güter und Dienstleistungen erst dann, wenn sie wirklich allen zugänglich sind, und zwar unabhängig von den sozioökomischen Ressourcen. Dazu gehören Straßen und Plätze, öffentliche Parks und Einrichtungen. Der Autor verweist auch auf Beispiele, was zu solchen öffentlichen Gütern gehören sollte.

Was also ist eine gerechte Stadt? Der Autor verweist auf Susan F. Fainstein, die die gerechte Stadt idealtypisch in der Trias von Demokratie, Gleichheit und Diversität sieht. Diese Trias sieht der Autor nicht nur für die eine oder andere Stadt, sondern im Vergleich der Städte untereinander, wo die eine Stadt als gerechter empfunden wird als die andere.

Zu „Die Neuerfindung der Städte“

(Petra Roth) Die ehemalige Oberbürgermeisterin von Frankfurt reflektiert hier ihre Rolle, eine Stadt zu führen. Es geht dabei nicht mehr um Parteipolitik, sondern um die Verantwortung für die Verbesserung des Lebens für alle, die in der Stadt leben. Ihre Argumentationsebene ist die Realpolitik. Was geht und was geht nicht, wenn es um den Wunsch geht, in Frieden und Freiheit zusammen zu leben und wenn es um Probleme geht, die alle betreffen und gemeinsame Lösungen erfordern? Die Autorin nennt das Drogenproblem, das sie zu einer gemeinsamen Lösung gebracht hat, weil die Bevölkerung ein Problem wahrgenommen hat, das nicht nur ordnungspolizeilich gelöst werden kann, sondern deren Lösung auch der medizinischen, sozialen Hilfen bedarf.

P. Roth fragt dann, was Städte verwaltungstechnisch auch im Kontext der kommunalen Selbstverwaltung ausmachen. Sie geht auf die historische Entwicklung aus der Polis heraus ein, diskutiert dann Merkmale der europäischen Stadt und die Emanzipation des städtischen Bürgertums aus den Fängen des Feudalismus und kommt dann in einem großen Sprung zur globalisierten Welt. Sie spricht dabei Probleme der Stadtentwicklung und des Städtewesen im Zeichen des demographischen Wandels an, der sich in China anders darstellt als in Europa, diskutiert die Probleme der Entwicklungshilfe in Afrika, erörtert den Ausstieg aus der Kernenergie und die Finanzkrise der Städte auch im Kontext der Flüchtlingsproblematik und verweist dann trotzdem darauf, dass die Angleichung von Lebensverhältnissen nur auf der kommunalen Ebene – also in den Städten – erreicht werden kann. Denn nur auf der lokalen Ebene werden Lebensverhältnisse, soziale Integrationschancen und -gefährdungen konkret und virulent.

Alle diese Fragen und Themen werden von Petra Roth ausführlich erörtert und mit dem gesamten Erfahrungsschatz der Realpolitikerin beurteilt und analysiert.

Zu „Die Stadt von morgen“

(Diskussion unter der Leitung von Stephan Lohr mit Prof. Dipl. Ing. Christa Reicher, Julian Petrin, Marlis Drevermann, Prof. Dr. Matthias Möhring-Hesse) In dieser Diskussion werden die Vorträge noch einmal reflektiert und die damit zusammenhängenden Fragen werden erörtert. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in dieser Diskussion haben verantwortliche Positionen in der Praxis und der Politik inne und bringen ihre jeweilige Perspektive in die Frage ein, was sie aus diesen Vorträgen für sich, für ihre Praxis und für ihr Verständnis von Politik und ihre politische Praxis mitnehmen.

Diskussion

Zwei Fragen sind es, die auf jeweils verschiedenen analytischen Ebenen in den Vorträgen diskutiert wurden:

  1. Sind es wirklich die Städte, die zukünftig alle Macht haben (sollen), weil der Nationalstaat und sein Einfluss auf die Gestaltung von Lebensverhältnissen seine Gestaltungskraft verloren hat und die globalisierte Welt eher von den Städten aus gestaltet werden kann?
  2. Wer soll zukünftig in den Städten das Sagen haben, wie gestaltet sich Partizipation im Kontext eines veränderten Verständnisses von der Stadt als Daseinsform und Lebensraum und wer hat Chancen und Möglichkeiten, diese Stadt mit zu gestalten?

Je nach Perspektive findet man in den Vorträgen unterschiedliche Antworten. Alle geben einhellig das Bekenntnis ab, dass überhaupt andere an der Gestaltung der Stadt beteiligt werden sollen, also nicht nur die Politik und die fachlich Verantwortlichen, und dass alle Bürgerinnen und Bürger der Stadt beteiligt werden sollen. In welcher Form und welchem Ausmaß diese Beteiligung erfolgen sollte, konnte in diesen Vorträgen nicht erörtert werden; dies wäre allerdings die nächste Frage. Direkte Demokratie und das Recht auf Stadt unter den Bedingungen kultureller Heterogenität und sozialer Ungleichheit einerseits und der zunehmenden Komplexität des Städtischen vor allem in den Großstädten erfordern andere Rahmenbedingungen von Governance und des Aushandlungsmodus, sowie der Gestaltung von lokalen Lebenszusammenhängen, in denen Menschen sich verorten können, Vertrauen in die sozialräumlichen Bedingungen und Strukturen der Alltagsführung haben, sich zugehörig fühlen und das Gefühl haben können, für andere von Bedeutung zu sein.

Ob die Stadt den Nationalstaat noch braucht oder nicht, ist eine andere Debatte. Sicher ist, dass die Lebensverhältnisse auf lokaler Ebene wegen ihrer integrationssichernden und identitätsstiften Funktion an Bedeutung gewonnen haben. Daran hat auch die Globalisierung ihren Anteil. Aber noch sind die Kommunen nicht nur in nationale Politiken eingebunden, sondern auch von ihnen abhängig. Wie diese Emanzipation der Stadt aus diesen Rahmenbedingungen gelingen kann, ist sicher noch eine Diskussion wert.

Fazit

Diese Tagungsdokumentation der 18. Hannah-Arendt-Tage 2015 verweist auf einige zukünftige Entwicklungsfragen der Städte und ihrer Bedeutung für die Ausgestaltung der Lebensverhältnisse von Menschen unter den Bedingungen ihrer partizipativen Einbindung. Der Kontext dieser Tagung ist der Rückbezug auf Hannah Arendt als derjenigen, die am Beispiel der griechischen Polis bereits zu ihrer Zeit Demokratie und eine demokratische Struktur des Zusammenlebens in der Stadt reklamiert hat und das damit verbundene Theorem des Rechts auf Stadt, dass deutlich machen soll, dass es nicht nur um eine gutes Leben in der Stadt geht, wie es H. Lefebvre angemahnt hat, sondern um die Mitgestaltung dieses guten Lebens in der Stadt.

Summery

This book is a documentation of a congress in the context of the Hannah-Arendt-Days. It deals with the questions of development of cities in the future and the living in these cities. How can people involved in the shaping of life conditions in cities by participation? The frame o this congress was the reference to Hannah Arendt. She made clear that already the Greek Polis was shaped by democratic structures of living together. The „good life“ is since Aristoteles closed with democracy and the right of city. H. Lefèbvre discussed this theorem under the aspect that everybody has the right of a „good Life“ and „good life“ and life in the city is an unit.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 27.02.2017 zu: Detlef Horster, Franziska Martinsen, Carsten Karmanski, Gabriele Kuhn-Zuber (Hrsg.): Alle Macht den Städten? Partizipation und Praxis in der Stadt von morgen : die 18. Hannah-Arendt-Tage 2015. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2016. ISBN 978-3-95832-112-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21865.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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