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Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Der Kitt der Gesellschaft

Cover Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Der Kitt der Gesellschaft. Perspektiven auf den sozialen Zusammenhalt in Deutschland. Verlag Bertelsmann Stiftung (Gütersloh) 2016. 356 Seiten. ISBN 978-3-86793-739-9. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 30,80 sFr.
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Thema

Vor der Publikation der nächsten empirischen Studie zum Zustand des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Deutschland gibt die Bertelsmann Stiftung mit dem vorliegenden Buch mit dem Titel „Der Kitt der Gesellschaft“ eine Zusammenstellung von vertiefenden Essays und Reflexionen zu verschiedenen Themen heraus, welche einen Teilaspekt des gesellschaftlichen Zusammenhalts beleuchten.

Einleitend bemerkt Kai Unzicker, die erfolgreiche Karriere des Kohäsionsbegriffs sei auf die Hybridität des Begriffs resp. Konzepts zurückzuführen, wie der kanadische Soziologe Paul Bernard (1999) vermute. Über gesellschaftlichen Zusammenhalt und seine Voraussetzungen mache man sich meistens erst dann Gedanken, wenn dieser als gefährdet oder gar verloren wahrgenommen werde. Das vorliegende Buch versammelt aktuelle Einschätzungen zum empirisch aussagekräftigeren, jedoch langsameren „Radar gesellschaftlichen Zusammenhalts“ der Bertelsmann Stiftung. Der Radar schlägt eine Unterteilung des gesellschaftlichen Zusammenhalts in drei Bereiche und neun Dimensionen vor.

Um den Kern des gesellschaftlichen Zusammenhalts gruppieren sich demnach die drei Bereiche Gemeinwohlorientierung, soziale Beziehungen und Verbundenheit. Die dazu gehörigen Dimensionen heißen:

    1. Gemeinwohlorientierung:

  1. Solidarität und Hilfsbereitschaft
  2. Gesellschaftliche Teilhabe
  3. Anerkennung sozialer Regeln
  4. 2. Soziale Beziehungen:

  5. Soziale Netze
  6. Vertrauen in Mitmenschen
  7. Akzeptanz von Diversität

    3. Verbundenheit:

  8. Identifikation
  9. Gerechtigkeitsempfinden
  10. Vertrauen in Institutionen

Aufbau

14 Expertinnen und Experten verfassen zu einer der neun Dimensionen einen Überblicksartikel. Fünf davon sollen im Folgenden stellvertretend für die Gesamtheit etwas näher beleuchtet werden.

Ausgewählte Inhalte

In ihrem Beitrag „Soziale Beziehungen. Die Entwicklung sozialer Netzwerke und die Bedeutung von Gemeinschaft in Deutschland“zeigt Marina Hennig, Geschäftsführende Leiterin des Instituts für Soziologie und Leiterin des Arbeitsbereichs Netzwerkforschung und Familiensoziologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, die veränderten Anforderungen und Einbindungen der heutigen Individuen in soziale Netze auf. Während „früher“ oft ein stabiles Netzwerk von Personen in Familie, Arbeit und sozialem Umfeld bestand, führen höhere Bildung, Mobilität und das Wegfallen oder die geringere Verbindlichkeit „vorgegebener“ sozialer Strukturen wie Kirche, Verband/Verein und Ehe zu einer größeren Freiheit der Individuen, ihre Biographie selber zu gestalten. Dieser „neuen Freiheit“ steht jedoch auch ein „neuer Zwang“ gegenüber: konnten sich die Menschen früher relativ sicher in ihren „zugesprochenen“ sozialen Platz einbetten, so obliegt die Bildung sozialer Beziehungen heute viel stärker der individuellen Verantwortung. Auch das Scheitern, sei es in der Partnerbeziehung, sei es am Arbeitsplatz, ist viel stärker das persönliche Problem des Individuums. Der größeren Freiheit steht eine fehlende oder kleinere Sicherheit gegenüber. Dazu paßt die Politik des „aktivierenden Staates“, der von seinen Bürgerinnen und Bürgern Eigeninitiative fordert und nicht mehr seine wohltätige Hand über sie hält. Dieser Streß, sich stets und dauernd qualifizieren und bewähren zu müssen, stets weiterzustrampeln, um wenigstens nicht hinuntergezogen oder rückwärts gespült zu werden im Strom des Lebens, führt bei vielen Menschen zu einer Sehnsucht nach Gemeinschaft, welche es so nicht mehr gibt, nicht mehr geben kann.

Betrachtet man die sozialen Netzwerke der Menschen, so kommen unterschiedliche Studien und Befragungen zum ähnlichen Schluß, daß auch die heutigen Menschen in Deutschland in tragenden und befriedigenden sozialen Beziehungen leben, wenn diese auch teilweise lockerer und unverbindlicher und damit auch fragiler geworden sind. Geht es in diesem Beitrag um die Ambivalenz von Freiheit und Sicherheit auf der individuellen Ebene, so berichten Dierk Borstel und Claudia Luzar über ambivalente gesellschaftliche Entwicklungen im Umgang mit Vielfalt und Regina Arant und Klaus Boehnke zum Thema „Identifikation mit dem Gemeinwesen. Welches Wir-Gefühl ist ein gutes Wir-Gefühl“ über unterschiedliche Formen von sozialen Beziehungen, nämlich inkludierenden und exkludierenden.

Borstel und Luzar führen ihren Artikel mit zwei unterschiedlichen Beispielen von Vielfalt in Deutschland heute ein: zum einen das offen schwule Paar, welches in einem kleinen, traditionell konservativen Dorf im Beisein der ganzen Bewohnerschaft der Kommune heiratet und weitgehend akzeptiert ist in seiner Andersheit – eine Form der Vielfalt, welche es immer gegeben hat, welche auch schon von Marcel Proust in der „Suche nach der verlorenen Zeit“ und vielen anderen beschrieben worden ist, welches jedoch in diesem sozialen Umfeld bis in die heutige Zeit oftmals versteckt und verdeckt gelebt wird; zum andern das Erstaufnahmezentrum für Asylsuchende in einem gutbürgerlich städtischen Stadtteil, wo nur dank „dem unermüdlichen Einsatz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie vieler ehrenamtlich Engagierter“ (S. 106) einigermaßen menschenwürdige Zustände garantiert werden können. Ambivalent ist die Reaktion der Gesellschaft auf diese Entwicklungen: während viele ausgesprochen solidarisch reagieren, fast froh darüber zu sein scheinen, wieder einmal „richtig menschlich“ handeln zu können, fühlen sich ebenfalls viele andere ihrer rechtmäßigen Ansprüche beraubt, bedroht und in die Enge getrieben. Es sind diese, welche – anfangs 2016, als dieser Beitrag geschrieben wurde, und jetzt, ein Jahr später, wo das Buch zur Rezension vorliegt noch stärker – in Bürgerbewegungen und Parteien in verschiedenen Ländern Europas an Kraft gewinnen und mancherorts, wie beispielsweise in Teilen Sachsens, zu einer Verfestigung und Verankerung von rechtsextremen Strukturen führen – auch wegen fehlender staatlicher Interventionen.

Um hier eine starke gesellschaftliche Polarisierung oder gar Spaltung zu verhindern, fordern Dierk Borstel und Claudia Luzar dringlich eine aktive Politik, welche im Diskurs mit der Zivilgesellschaft steht.

Ausgehend vom Konzept der verschachtelten Identitäten (von der Identifikation mit der Nachbarschaft bis zur Identität als Weltbürger_in, S. 154) führen Regina Arant und Klaus Boehnke das Konzept des Sozialkapitals von Robert Putnam aus, welches das bindende, nach außen abgrenzende und das Brücken schlagende, alle einschließende Sozialkapital unterscheidet. Darauf kommt es in Bezug auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt an: „Wir“, definiert als diejenigen, die hier sind, stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt, während „Wir“ als diejenigen, die hier sein dürfen, die wir hier haben wollen, ein ausgrenzendes Wir-Gefühl darstellt, welches den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdet (S. 168).

Patrick Sachweh und Evelyn Shtamer untersuchen in „Gerechtigkeitsempfinden“ Befunde zum Gerechtigkeitsempfinden der Deutschen und potenzielle soziale Folgen empfundener Ungerechtigkeit. Der Anstieg sozialer Ungleichheit in Deutschland zeigt sich verschiedentlich: in der Polarisierung der Einkommensverteilung, in sinkenden Aufstiegsmöglichkeiten sowie daran, daß es immer schwieriger wird, der Armut zu entkommen, in welche man einmal geraten ist. Diese soziale Ungleichheit schlägt sich in einem zunehmenden Ungerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung nieder. Dies gilt jedoch stärker für das ordnungs- als für das ergebnisbezogene Ungerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung. Die Gerechtigkeitsbewertung der eigenen Lage ist über die Zeit weitgehend stabil geblieben; die wachsende Ungerechtigkeitswahrnehmung ist vor allem auf eine stärkere Sensibilisierung der oberen Einkommensgruppen zurückzuführen ist. Während die Herausforderung der abnehmenden sozio-ökonomischen Durchmischung in zivilgesellschaftlichen Organisationen wie Vereinen oder Kirchen bestehen bleibt, hat die Politik gerade auf Quartier- oder Stadtteilebene das Potenzial, innovative Formen der kleinräumigen Partizipation zu fördern, welche der Ungerechtigkeit entgegenwirken können.

Zum Thema „Anerkennung sozialer Regeln“ betrachten Thomas Bliesener und Marie Christine Bergmann die Entwicklung normenabweichender Einstellungen und Verhaltensweisen junger Menschen in Deutschland. Hier läßt sich feststellen, daß die Regelverstöße von Jugendlichen in Deutschland seit Ende der 1990er Jahre bedeutsam und nahezu stetig abnehmen. Ob und in welchem Ausmaß diese Abnahme auf die Wirksamkeit verschiedener präventiver Maßnahmen zurückzuführen ist, ist nicht überprüfbar. Mit Bestimmtheit läßt sich jedoch gemäß Thomas Bliesener und Marie Christine Bergmann für die Zukunft festhalten, daß „für die Zukunft kein Anlaß zu besonderer Besorgnis“ (S. 306) besteht, was die Akzeptanz sozialer Normen und Regeln junger Menschen in Deutschland angeht.

Fazit

Dieses Buch vereint auf kleinem Raum kritische und aktuelle Auseinandersetzungen zur Frage, mit welchen gesellschaftlichen Entwicklungen sich heutige Gesellschaften konfrontiert sehen und ist daher ein Muß für sozialwissenschaftlich interessierte Leserinnen und Leser. Dabei ist es weniger das Noch-Nie-Gesehene, was den Wert des vorliegenden Bands ausmacht – darum geht es nicht – sondern vielmehr die Zusammenschau der unterschiedlichen Dimensionen, die gemäß dem von der Bertelsmann-Stiftung vorgeschlagenen Kohäsions-Radar den gesellschaftlichen Zusammenhalt ausmachen.

Zitierte Literatur:

  • Bernard, Paul. Social Cohesion: A Critique. CPRN Discussion Paper F 09. Ottawa 1999.
  • Proust, Marcel. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Übersetzt von Eva Rechel-Mertens, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1953-1961.s
  • Putnam, Robert D. (Hrsg.). Gesellschaft und Gemeinsinn: Sozialkapital im internationalen Vergleich. Gütersloh 2001.

Rezensentin
Simone Gretler Heusser
Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
Homepage www.hslu.ch/de-ch/hochschule-luzern/ueber-uns/perso ...
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Zitiervorschlag
Simone Gretler Heusser. Rezension vom 24.03.2017 zu: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Der Kitt der Gesellschaft. Perspektiven auf den sozialen Zusammenhalt in Deutschland. Verlag Bertelsmann Stiftung (Gütersloh) 2016. ISBN 978-3-86793-739-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21870.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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