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Michael Heinlein, Oliver Dimbath u.a. (Hrsg.): Der Körper als soziales Gedächtnis

Cover Michael Heinlein, Oliver Dimbath, Larissa Schindler, Peter Wehling (Hrsg.): Der Körper als soziales Gedächtnis. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 216 Seiten. ISBN 978-3-658-09742-4. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 37,00 sFr.
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Thema

Gesellschaftliche und individuelle Erlebnisse hinterlassen ihre Spuren, die an Vergangenes erinnern und Verhalten sowie Handeln in Gegenwart und Zukunft beeinflussen. Die in diesem Band einbezogenen Beiträge nehmen sich der Frage nach dem Körpergedächtnis an und klären sozialtheoretische Fragen des Zusammenhangs von Körper und Gedächtnis. Es werden spezifische Zielgruppen angesprochen – Soziologen und Soziologinnen mit Schwerpunkt auf Körper-, Gedächtnis- und Wissenssoziologie.

Herausgeberin und Herausgeber

  • Dr. Michael Heinlein ist Soziologe an der Ludwig- Maximilian- Universität in München.
  • PD Dr. Oliver Dimbath ist akademischer Oberrat an der Universität Augsburg
  • Dr. Larissa Schindler ist an der Johannes- Gutenberg- Universität in Mainz als wissenschaftliche Mitarbeiterin beschäftigt.
  • PD Dr. Peter Wehling, ebenfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter, ist an der Goethe- Universität in Frankfurt am Main tätig.

Aufbau und Einleitung

Das Buch ist neben einer Einleitung in zwei Teile mit jeweils fünf spezifischen Kapiteln unterschiedlicher Länge gegliedert und schließt mit einem Namens- und Sachregister.

In der „Einleitung: Körper und Gedächtnis – Perspektiven auf Zeichnungen der Vergangenheit und inkorporierte Verhaltensorientierungen“ wird hervorgehoben, dass Körper und Geist als naturwissenschaftliche Erkenntnis unmittelbar miteinander verbundene Phänomene seien, die mit ihrer Umwelt psychisch- materiell oder auch sozial bestimmt würden. Zunächst wird der Gedächtnisbegriff geklärt, der danach mit dem Körperkonzept verbunden wird. Die Autoren sind Oliver Dimbath, Michael Heinlein und Larissa Schindler.

Zu Teil I

Teil I „Soziologische Theorien der Verbindung von Körper und Gedächtnis“ beginnt mit dem ersten Kapitel „Körpergedächtnis jenseits von sensomotorischer Routine und nur subjektiver Bedeutsamkeit“ von Fritz Böhle. Hier geht es um ein erweitertes Verständnis des prozeduralen und episodischen Gedächtnisses sowie darum, die mit der Körper- Geist – Dualität verbundenen Eigenschaften des Körperlichen und Geistigen neu in den Blick zu nehmen (S. 19 ff). Das sensorische Gedächtnis sei dem Kurzzeitgedächtnis vorgeschaltet mit dem die Stimuli aus der Umwelt sinnlich wahrgenommen würden. Das episodische Gedächtnis dagegen beziehe sich auf subjektiv bedeutsame Ereignisse und Erfahrungen sowie auf biografische Wendepunkte. Weitere Ausführungen sind auf die gesellschaftliche Formierung sensomotorischer Fähigkeiten und auf das leibliche Spüren und Empfinden gerichtet (S. 27). Es folgen arbeitspsychologische Aspekte zu planmäßig reflexivem Handeln, das in praktische Handlungen und „mitlaufendes Denken“ eingebunden sei.

Das zweite Kapitel dieses ersten Teils wurde von Hanna Haag verfasst und steht unter dem Titel „Das Gesicht als Gedächtnis des Körpers- eine soziologische Spurensuche“. Die Frage, die im Zentrum des Beitrages steht, ist die nach dem impliziten Gedächtnisses, das auch Körpergedächtnis genannt wird, in dem Spuren unseres Lebens eingeschrieben seien, die nur durch den Blick des Anderen decodiert werden könnten. So würde der Mensch bereits durch seinen Anblick und nicht erst durch sein Handeln verstanden (S. 55). Im Gesicht, das in der Regel nicht verdeckt ist, fänden wir den Niederschlag der individuellen Vergangenheit als lebendige Gegenwart, denn das Auge nähme das Dauerhafte eines jeden Menschen wahr. Das Gesicht sei damit die eindrücklichste Narbe der Vergangenheit, ein Ort, an dem wir Körper seien, ohne ihn zu haben.

Der „Scham, Körper Geheimnis und Gedächtnis“ ist das folgende Kapitel von Alois Hahn gewidmet. Die Scham, die an mehreren Beispielen verdeutlicht wird (z.B. der inkontinente Schüler), sei eine bis in die Tiefe reichende Verstörung, die sich auch als Trauma manifestieren kann. Immer aber beziehe sich die Scham ebenso wie andere Emotionen auf erlebte oder sozial behauptete Kontraste zwischen Identitätsansprüchen und Wirklichkeiten, wobei es sich bei der Scham speziell um negative Erwartungsenttäuschungen handele (S. 77).

Die „Inkarnierte Sozialität – Körper, Bewusstsein, non – deklaratives Gedächtnis“ von Jörg Michael Kastl verfasst, steht im Mittelpunkt des vierten Kapitels. Dieser Beitrag bewege sich im Spannungsverhältnis von Phänomenologie, Körpersoziologie und neurowissenschaftlicher Gedächtnisforschung. Es soll gezeigt werden, dass es immanente soziologische Gründe gäbe, den Dualismus zwischen Körper – Gesellschaft und Körper – Bewusstsein aufzuheben.

Das letzte Kapitel des ersten Teils von Gerald Sebald ist mit dem Titel „Emotionen und (Körper-) Gedächtnis“ überschrieben. In diesem Beitrag sollen Thesen zum Verhältnis von „Emotionen und (Körper-) Gedächtnis“ entwickelt werden, wobei die Metapher des Körpergedächtnisses diskutiert werden soll, um es dann mit dem Emotionskonzept zu verbinden. Das Körpergedächtnis vollziehe die Operation die gegenwärtigen Sinnvollzüge, also körperliches und sozial generiertes Wissen, in Form von impliziten Generalisierungen (Typen, Schemata, Muster), zur Verfügung zu stellen (S. 108). So seien die Inhalte des Körpergedächtnisses nur eingeschränkt symbolisier- und damit kaum reflektierbar, wobei es ohne ausdrücklichen Bezug auf Vergangenes fungiere. Dieses sei dem reflexiven Gedächtnis vorbehalten in dem Emotionen als Selektivitätsmuster in der Erfahrungsverarbeitung wirkten.

Zu Teil II

Teil II „Empirie und Praktiken des Körpergedächtnisses“ beginnt mit einem Kapitel von Heike Kanter „Das Körpergedächtnis und die Rahmung von Bildern – Zur Gestaltung von öffentlichen Fotografien als Akte der Erinnerung“. Ziel des interessanten Beitrages sei es, den Zugang zum sozialen Gedächtnis, das bislang insbesondere auf der verbal- kommunikativen Ebene erforscht werde, um die Analyse der körperlichen Dimension zu ergänzen. Über die Analyse der Gestaltung von Körperbildern werde nach ihrem Zusammenhang zum Körpergedächtnis gefragt (S. 113 ff). So würden Bilder beispielsweise über die Zuschreibung von Autorität performativ aus vielen ausgewählt (es geht um eine Begegnung der Bundeskanzlerin Merkel und Westerwelle), um die Besonderheiten, auf die die unterschiedlichen Zeitungen (FAZ, Süddeutsche Zeitung etc.) abheben, darzustellen. Hier werde kurz nach der Wahl 2009 die spezifische Perspektive auf Führung und Körperlichkeit in ihrer sozialräumlichen Bedingtheit zum Ausdruck gebracht.

Das zweite Kapitel steht unter der Überschrift „Gibt es objektive Gesten und Mimik? Zum leiblichen Gedächtnis als Typisierungen leiblichen Sinns“, geschrieben von Ulrike Tikvah Kissmann. Es soll dargelegt werden, wie es innerhalb einer Kultur zu objektiven Deutungen visuellen Verhaltens kommt. Es wird gezeigt, dass die Leistung des leiblichen Gedächtnisses aus Typisierungen des leiblichen Sinns bestünde und ebenso soll begründet werden, warum sich objektive Gesten und Mimiken immer auf eine Kultur beziehen und sich damit partiell einer Transnationalisierung von Erinnerungskulturen entzögen (S. 137). So bleibe das Verständnis von gestischer Kommunikation auf eine Kultur beschränkt und dass die Gesten und Mimiken als habituelle oder erworbene Typen im leiblichen Gedächtnis verkörpert seien.

Das dritte Kapitel des zweiten Teils von Teresa Koloma Beck befasst sich mit „Krieg und Gewohnheit. Phänomenologische und pragmatistische Perspektiven auf verkörpertes Gedächtnis in Bürgerkriegen“. Kriege wirkten nicht nur auf das Bewusstsein, sondern auch auf den Körper, weil physische Gewalt auf Körper sowohl ziele als auch treffe, so dass leibliche Strukturen nachhaltig geprägt würden und ein leibliches Gedächtnis des Krieges erzeugten (S. 153).

Mit „Erinnerungsarbeit: Wissen als körperliche Praxis im Baletttraining“ ist ein weiteres Kapitel überschrieben. Das Feld des Tanzes, so behauptet die Autorin Sophie Merit Müller, sei besonders geeignet, Aufschluss über die körperliche Dimension von Erinnern und Gedächtnis zu erlangen. Es wird aus ethnographischer Sicht der Frage nachgegangen, wie Erinnerung erzeugt werde und wie sie als körperliche Praxis einverleibt wird. Ebenso wird betrachtet, aus welchen verschiedenen körperlichen Aktivitäten die Erinnerung bestünde, so dass ein praxistheoretischer, mikrosoziologischer Weg beschritten werden kann.

Das „Immaterielle Kulturerbe – zur Körperlichkeit einer spezifischen Form des sozialen Gedächtnisses“ steht im Mittelpunkt des letzten Kapitels, das von Hilmar Schäfer verfasst wurde. Es wird gefragt, welche Bedeutung der Körper für die kulturelle Überlieferung spiele und inwiefern er in konzeptuellen Ansätzen zur Erforschung des Kulturerbes berücksichtigt werde. Das kulturelle Gedächtnis umfasse mehr als die Speicherung von Erinnerungen, sondern es bestehe in einer spezifischen gestischen Sichtbarkeit und Öffentlichkeit kultureller Praktiken sowie in der leiblichen Wahrnehmung eines Phänomens und in der körperlichen Vermittlung impliziten Wissens.

Fazit

Es ist eine anstrengende Lektüre mit theoretischem Tiefgang, die nur für einen sehr eingeschränkten Leserkreis, wie beispielsweise in der Einleitung betont, für -

Soziologen und Soziologinnen mit Schwerpunkt auf Körper-, Gedächtnis- und Wissenssoziologie verstehbar ist. Die Publikation ist von Anfang bis Ende akademisch höchst anspruchsvoll und kann nur mit wenigen Ausführungen auf eine nur annähernd praxisorientierte Ebene geführt werden wie es im Teil II zumindest versucht wird. Sie kann sich nur als das Bemühen verstehen, die Zusammenhänge zwischen Körper, Geist und Gesellschaft theoretisch weiter zu entwickeln.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 05.05.2017 zu: Michael Heinlein, Oliver Dimbath, Larissa Schindler, Peter Wehling (Hrsg.): Der Körper als soziales Gedächtnis. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-09742-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21871.php, Datum des Zugriffs 17.07.2018.


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