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Karin-Anna Holzer: Der Übergang zur Elternschaft mit oder ohne Trauschein

Cover Karin-Anna Holzer: Der Übergang zur Elternschaft mit oder ohne Trauschein. Elterliche Lebensform und partnerschaftliche Arbeitsteilung zwischen Geschlechterkultur, Geschlechterstruktur und geschlechtsbezogenem Handeln. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2016. 413 Seiten. ISBN 978-3-631-67097-2. D: 64,95 EUR, A: 66,80 EUR, CH: 73,00 sFr.

Edition Aktuelle Probleme moderner Gesellschaften Bd. 19, Herausgegeben von Karl-Heinz Breier, Peter Nitschke und Corinna Onnen.
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Thema

Karin-Anna Holzer befasst sich in ihrem Buch mit der bekannten These der Traditionalisierung der Arbeitsteilung in Paarbeziehungen nach der Geburt des ersten Kindes. Sie geht der Frage nach, wie diese These heute zu differenzieren ist und wie dieser Prozess nach der Familiengründung heute erklärt werden kann. Dabei verfolgt sie erklärtermaßen das Ziel, mikro- und makrosoziologische Erklärungsansätze zu integrieren.

Aufbau und Inhalt

Im Kapitel 1 führt Holzer ihre Forschungsfrage aus. Sie macht deutlich, dass es heute wenig Grund gibt, daran zu zweifeln, dass Paare im Rahmen der Familiengründung ihre Arbeitsteilung meist tiefgreifend verändern: Die Väter behalten ihre Berufsorientierung und Erwerbsarbeit bei, die Mütter aber übernehmen die Sorgearbeit für das Neugeborene und schränken ihre Erwerbsarbeit erheblich ein. Dieses Phänomen wird als Traditionalisierungseffekt im Übergang in die Elternschaft bezeichnet. Holzer möchte in ihrer Arbeit der Frage nachgehen, ob dieser Effekt sich in unterschiedlichen Lebensformen und Schichten unterschiedlich darstellt und wie er zu erklären ist. Hierzu will sieverschiedene Ansätze der Familienforschung und der Geschlechterforschung heranziehen. Von der Integration dieser Ansätze verspricht sie sich einen deutlichen Erkenntnisgewinn.

Im Kapitel 2 schärft Holzer die verwendeten Begriffe und stellt bereits vorliegende Befunde vor. Einige der Ergebnisse zeigen, dass die Arbeitsteilung im Haushalt auch bei (noch) kinderlosen Paaren oft nicht wirklich gleich verteilt ist. Sie verweist also auf eine erhebliche Varianz der Arbeitsteilung im Gegensatz zur vielbeschworenen Egalität der Arbeitsteilung von Paaren vor der Familiengründung. Auch wird deutlich, dass bei verheirateten Paaren der Traditionalisierungseffekt ausgeprägter ist als bei nicht verheirateten Paaren. So steigt der Anteil der Paare mit traditioneller Arbeitsteilung bei nichtehelichen Lebensgemeinschaften, die mit Kindern unter 18 Jahren im Haushalt leben, auf 49% an, bei den verheirateten aber sind auf 67%.

Im Kapitel 3 wendet sich Holzer den makroanalytischen Ansätzen der Familiensoziologie zu. Sie zeigt, wie sich historisch betrachtet elterliche Lebensformen verändert haben und wie die Familiensoziologie diesen Wandel mit der Theorie der gesellschaftlichen Differenzierung der Lebensformen, mit der These der De-institutionalisierung von Ehe und Familie und der Individualisierungstheorie zu fassen bekommt. Diese Ansätze scheinen ihr insofern zur Erklärung des paarbiografischen Traditionalisierungseffektes unbefriedigend als sie ihrer Auffassung nach die kulturellen Umbrüche in den Vordergrund rücken, ohne die strukturellen Veränderungen und die Handlungsstrukturen der Partner zu beachten.

Das Kapitel 4 widmet Holzer der makroanalytischen Familien- und Geschlechterforschung und deren Erklärung der Arbeitsteilung der Partner am Übergang in die Elternschaft. Sie fokussiert ihre Darstellung auf den geschlechterkulturellen Ansatz von Pfau-Effinger und den Institutionenansatz von Helga Krüger. In beiden Konzepten wird davon ausgegangen, dass kulturell verankerte Leitbilder für Institutionen wie die Familie, aber auch die sozialstaatliche Wohlfahrtspolitik und die Berufs- und Arbeitsmarktpolitik nationalstaatlich begrenzte Rahmenbedingungen für die Arbeitsteilung in Familien schaffen. Holzer zeigt auf, wie die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung nach der Familiengründung bei Helga Krüger als Ergebnis des Zusammenspiels eines teils in sich widersprüchlich angelegten Verbundes von Institutionen erklärt werden kann. So steht neben der Maxime der Gleichberechtigung, die steuerpolitische Förderung der traditionellen Arbeitsteilung (Ehegattensplitting), neben dem Diskriminierungsgebot am Arbeitsplatz, die mangelnde Bereitschaft vieler Unternehmen, sich auf die Beschäftigung von Eltern mit Verantwortung für ihre Kinder einzustellen etc.

Im Kapitel 5 stellt Holzer die Bedeutung der Herkunftsfamilie für die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in der eigenen Familie heraus. Sie geht davon aus, dass die Vorbilder in der Herkunftsfamilie die Mädchen schon auf Familie und Beruf vorbereiten, während die Jungen einseitig auf eine Berufsperspektive hin orientiert werden. Die Söhne und Töchter würden in ihren Familien so mit unterschiedlichen Ressourcen ausgestattet, etwa durch die Unterstützung geschlechtsspezifischer Spiele, Hobbys, Schul- und Berufsausbildungsschwerpunkte. Im biografischen Verlauf käme es daraufhin zu einer geschlechtsspezifischen Ressourcenverwertung, die von entsprechenden kulturellen und strukturellen Vorgaben in Institutionengefügen gerahmt werden (zum Beispiel ungleiche Bezahlung in unterschiedlichen Branchen). Verstärkt würde die Tendenz zu einer geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung dadurch, dass diese Arbeitsteilung gesellschaftlich erwartet wird und den Paaren nach der Geburt verspricht, die neue Komplexität ihres familialen Alltags zu bewältigen.

Im Kapitel 6 stellt sie das Potenzial einer gendersensiblen Biografieforschung vor, die nicht nur die Rahmenbedingungen der Mädchen und Jungen bzw. jungen Männer und Frauen in den Blick nimmt, sondern auch versucht zu rekonstruieren, wie sie sich selbst in der Interaktion miteinander als Mann und Frau sehen und sich Entwicklungschancen einräumen. Aus diesen Überlegungen entwickelt sie ihre eigene empirische Untersuchung als subjekt- und paarorientierte Übergangsforschung.

Im Kapitel 7 beschreibt die Autorin ihr empirisches Vorgehen. In Einzelbefragungen von vier werdenden Elternpaaren (drei davon verheiratet), fünf Elternpaaren (ein Paar verheiratet) und drei einzelnen Müttern rekonstruiert sie zunächst die Ressourcenausstattung der Partner als Wechselspiel zwischen ihrer Herkunftsfamilie und anderen Institutionen. Dann führt sie Paarinterviews, die sich der Ressourcenauswertung der PartnerInnen im Laufe der Paarbeziehung und schließlich nach der Familiengründung widmen. Sie wertet sie mittels bewährter Methode aus.

Im Rahmen der Ergebnisdarstellung in Kapitel 8 entwickelt sie für jedes ihrer Paare und für die Einzelpersonen Fallstrukturhypothesen, die sie an Hand einer detaillierten Analyse diskutiert. Dabei unterliegt sie nicht der Versuchung, ihre Hypothesen voreilig als bestätigt anzusehen, sondern lässt deren Bestätigung gelegentlich auch offen. Mit der Methode der Fallkontrastierung entlang des theoretischen Ansatzes kann sie eine sehr enge Verzahnung von theoretischen Überlegungen und Empirie gewährleisten. In der Zusammenfassung ihrer Ergebnisse kann Holzer deutlich machen, dass die biographische Ressourcenausstattung in der Herkunftsfamilie und die biographische Ressourcenverwertung entlang der Paarbiographie tatsächlich entscheidenden Einfluss auf die Arbeitsteilung der Paare nach der Geburt ihres ersten Kindes haben. Holzer zeigt, dass in vielen von ihr untersuchten Beziehungen das Konzept der gleichberechtigten Partnerschaft nach der Geburt mit der Ausgestaltung der Elternschaft in Konflikt gerät. Sie belegt auch, dass die Praxis der Arbeitsteilung insbesondere der verheirateten Paare oft schon vor der Geburt eines Kindes dem Anspruch der Parität nicht gerecht wird (S. 340).

Ferner fällt Holzer auf, dass diejenigen Partner, die die Realisierung des Kinderwunsches vorantreiben (fast immer die Frauen), sich von sich aus für die Sorgearbeit verantwortlich fühlen. Holzer sieht generell vor allem im Anspruch der Mütter an sich selbst, „für das Kind da zu sein“, ein entscheidendes Momentum für die Traditionalisierung. Die Ausgestaltung der Elternschaft geht ihrer Beobachtung nach zumeist mit einer Verminderung der Bedeutung des Berufs für Frauen einher. Vor diesem Hintergrund begrüßen sie Angebote ihres Arbeitgebers, Arbeit etwa als Teilzeit familienfreundlich zu gestalten, auch wenn ihnen dabei vormals reizvolle Arbeit entzogen wird. Die Paare erleben sich, so Holzer, als selbstbestimmt, sowohl im Hinblick auf ihre Lebensform als auch im Hinblick auf ihre Erwerbsarrangements.

Fazit

Holzer versteht es, die LeserInnen in ihre Fragestellung geschickt einzuführen und die recht kontrovers geführte Debatte um die Traditionalisierung der Arbeitsteilung von Paaren nach der Geburt ihres ersten Kindes gut zu strukturieren. Sie bezieht ihrer programmatischen Aussage entsprechend sehr unterschiedliche theoretische Ansätze in ihre Überlegungen ein, und sie versteht es, diese sinnvoll miteinander zu verknüpfen. Sie schafft sich damit einen systematisch entwickelten Bezugsrahmen für ihre eigene empirische Untersuchung. Sie setzt das Vorhaben eines integrativen Forschungsansatzes insofern um, als sie theoretische Ansätze der Geschlechterforschung und der Familienforschung aufeinander bezieht.

Das große Versprechen, den „Makro-Mikro-Dualismus“ zu überwinden, wird aus meiner Sicht nicht eingelöst. Während die Ebenen von Geschlechterstrukturen und -kulturen durch den Rekurs auf die Arbeiten von Pfau-Effinger und Krüger nämlich gut ausgeleuchtet werden, sind Konzepte, die die Paarebene beleuchten, eher vernachlässigt. Der Konzeption der Subjekte, der Akteure, der verbundenen Biografieträger bzw. Partizipanden schenkt sie im konzeptionellen Teil vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit. So bleibt letztlich unklar, wie das Zusammenspiel von Struktur, Kultur und Handeln zu denken ist. Eine Berücksichtigung aktuellerer empirischer Befunde und konzeptioneller Beiträge wäre gelegentlich wünschenswert gewesen.

Dennoch hat Holzer hier eine Arbeit vorgelegt, die eine gleichstellungspolitisch äußerst wichtige Statuspassage in den Biografien von en und Männern, ihren Übergang in die Elternschaft, sehr systematisch beleuchtet.


Rezensentin
Dr. habil. Waltraud Cornelißen
Homepage w-cornelissen.de
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Zitiervorschlag
Waltraud Cornelißen. Rezension vom 26.07.2017 zu: Karin-Anna Holzer: Der Übergang zur Elternschaft mit oder ohne Trauschein. Elterliche Lebensform und partnerschaftliche Arbeitsteilung zwischen Geschlechterkultur, Geschlechterstruktur und geschlechtsbezogenem Handeln. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2016. ISBN 978-3-631-67097-2. Edition Aktuelle Probleme moderner Gesellschaften Bd. 19, Herausgegeben von Karl-Heinz Breier, Peter Nitschke und Corinna Onnen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21872.php, Datum des Zugriffs 17.12.2018.


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