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Michael Beetz: Die 11 Grundfragen der Gesellschafts­theorie

Cover Michael Beetz: Die 11 Grundfragen der Gesellschaftstheorie. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2016. 189 Seiten. ISBN 978-3-86764-645-1. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR.
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Autor

Michael Beetz ist Privatdozent für Soziologie an der Universität Jena. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Allgemeine Soziologie, Gesellschaftstheorie und qualitativ-hermeneutische Symbolanalyse.

11 Grundfragen im Überblick

Der Autor betont in der Einleitung, eine Einführung in die Grundfragen der Soziologie „für Skeptische“ vorzulegen. (S. 11) Dass er bei der Anzahl der Grundfragen auf die Zahl elf gekommen ist, kommentiert er selbstironisch: Das entspricht dem Wochenumfang einer Vorlesung im Semester. (vgl. S. 23) – Die elf Fragen im Einzelnen:

1 Wie ist soziale Ordnung überhaupt möglich? Das gewöhnliche Soziologie-Lehrbuch beschreibt unter dieser Fragestellung die Integration einer Vielzahl von Menschen zu einem kollektiven Ganzen, das wir „Gesellschaft“ nennen. Nicht so Michael Beetz. Er fragt sich nach unserer „Gesellschaftsfähigkeit“ und findet diese in physischen, geistigen und emotionalen Voraussetzungen des aus dem Affenstatus heraustretenden Menschen. Das instinktreduzierte Mängel-Wesen des Menschen begünstigt die Bildung von Gesellschaft ebenso, wie es ihrer (der Gesellschaft) bedarf, um Orientierungssicherheit zu erlangen, die in den Verhaltenserwartungen anderer Menschen gefunden wird. – Menschen sind also prädisponiert für „Gesellschaft“ und bedürfen des (organisierten) Zusammenlebens mit ihresgleichen schon allein aus Überlebensgründen. – Der Mensch ist das auf Gesellschaft angelegte Wesen.

2 Wie geht Theorie aufs Ganze? Dem Autor geht es um eine Kosmologie der „sozialen Welt“: Wie ist das gesellschaftliche Ganze in den Griff und auf den theoretischen Begriff zu bringen? Gesellschaft lässt sich adäquat nur durch einen „holistischen Reduktionismus“ erfassen: Eine komplexe Welt wird auf modellhafte Ganzheiten reduziert, sodass sich „soziale Elementarphänomene“ – Verhalten, Handlungen – in ihrem funktionalen Zusammenspiel studieren lassen.

3 Was macht Gesellschaft aus?

  • Ist es eine „Menge von Menschen“ und deren eigensinnige Dynamik?
  • Ist es eine Menge von Menschen „in einem Raum“, der geografisch, politisch, wirtschaftlich und kulturell definiert ist?
  • Ist es eine Menge von Menschen in einem Raum „zu einer bestimmten Zeit“, die entwicklungshistorisch („Steinzeit“), herrschaftssoziologisch („Feudalismus“) oder kulturtheoretisch („Moderne“) definiert wird?
  • Ist es eine Menge von Menschen in einem Raum zu einer bestimmten Zeit und „im Gehäuse sedimentierter Institutionen“, das heißt überkommener normativer, ästhetischer und sakraler Standards?
  • Was also macht Gesellschaft aus? „Der Sinn für Unterschiede“, ist die verblüffende Antwort auf S. 184.

4 Wie differenzieren? Vom Minimalmodell der differenzierten Gesellschaft in drei Makrokomponenten (Staat, Markt, Kultur) bis hin zu den sechs Funktionssystemen der Gesellschaft (Wirtschaft, Politik, Recht, Wissenschaft, Kunst, Religion) diskutiert das Kapitel insgesamt sechs Modelle der gesellschaftlichen Differenzierung. Als synergetisch geschulte Zeitgenossen sind wir bereit anzunehmen, dass das Ganze stets mehr als die Summe seiner Teile ist. Michael Beetz rät uns zu einer pointierten Lesart: Das gesellschaftliche Ganze ist mehr als die Differenz seiner Teile.

5 Auf welcher Basis funktioniert Gesellschaft? Es ist die Frage nach der kleinsten Einheit, auf der Gesellschaft basiert. Was also ist die elementare Mikroeinheit und somit der primäre Gegenstand mikrosoziologischer Betrachtung und Analyse? Es sind symbolische Handlungen der Kommunikation und Interaktion zwischen Menschen. „Jedwede soziale Praxis basiert auf kommunikativem Symbolisieren.“ (S. 185)

6 Wie korrespondieren Geist und Materie? Bestimmt das Sein das Bewusstsein? Oder umgekehrt? Hier wird die Frage nach dem Verhältnis von materiellen und ideellen Momenten der Gesellschaft gestellt. Und durchaus windelweich beantwortet: „Soziale Phänomene leben ebenso von ihrer sinnhaften Bedeutung, wie es zum Verständnis des gesellschaftlichen Geschehens die gegebenen materiellen Verhältnisse … zu berücksichtigen gilt.“ (S. 118)

7 Wie kommt es zu maßgeblichen gesellschaftlichen Veränderungen? Sozialer Wandel ist das Thema. Modelle der Evolution und Revolution werden diskutiert; Umwälzung und Umbruch werden angesprochen, und die Rückwälzung wird nicht vergessen. Entwicklungen sind „im Fluss“; Reformen werden „auf den Weg“ gebracht; nicht ausgeschlossen, dass man sich dabei „im Kreis“ bewegt und der Wiederkehr des Gleichen dient. Günstige Bedingungen und/oder entschlossene Einzel-Akteure und Kollektivsubjekte stehen hinter den einzelnen Bewegungen. – Das alles wird korrekt aufgelistet und mit einem kryptischen „Merksatz“ beschlossen: „Statt Landnahme Fluss.“ (S: 186) Verstehe, wer kann!

8 Wie steht es um die Gesellschaft? Allgemeine Beachtung findet die akademische Soziologie im Gewand von – oft wissenschaftlich fragwürdigen – Diagnosen zu „Fragen der Zeit“: Angesichts zurückgehender Wählerzahlen stellt die Presse zum Beispiel „Wahlmüdigkeit“ fest und der Fachsoziologe wird um seine Expertise gebeten, die er binnen drei Minuten Sendezeit unterzubringen hat. Beetz kritisiert im soziologischen Experten-Milieu ein Zuviel an „sozialphilosophischer Poesie“ und „hemdsärmeliger Sprache“. (S. 134) Aber die Zeitdiagnose als „impressionistische Spielart“ (S. 133) von Soziologie hat auch ihre Vorteile: Mit ihrer Hilfe lässt sich soziologisches Denken popularisieren und zu einem Gegengewicht zu der weit häufiger anzutreffenden Psychologisierung von Krisenphänomenen machen. Der Soziologe sollte immer Anwalt des Homo Sociologicus sein und den außengeleiteten Rollenspieler auf der Bühne der Gesellschaft vertreten. Die Aspekte der personalen Disposition und des inneren Erlebens sollte er seinem Psychologen-Kollegen überlassen.

9 Wohin wendet sich die Geschichte? Die Frage lautet, ob der unvermeidliche und unaufhörliche soziale Wandel, über lange Zeiträume betrachtet, eine bestimmte Richtung, Tendenz hat. War früher alles besser oder liegt das Paradies auf Erden noch vor uns? Das wissenschaftliche Interesse der Soziologie an der Gesellschaft entsprang ursprünglich (auch) dem Wunsch, in die Zukunft zu sehen und die Zukunft vorherzusehen, um unerwünschten Entwicklungen vorzubeugen. Man ist geneigt, zwischen vorneuzeitlichen und modernen Gesellschaften einen Fortschritt zu erkennen und den Bogen von der segmentär differenzierten Stammesgesellschaft zur funktional differenzierten Industriegesellschaft zu schlagen. Allerdings verträgt sich ein naiver Fortschrittsglaube nicht mit einer seriösen Soziologie. Heute pflegt man auf eindimensionale Prognosen zu verzichten und entwirft stattdessen positive und negative Entwicklungsszenarien, sodass Gesellschaften sehenden Auges wählen können, welchen Pfad in die Zukunft sie zu welchem Preis beschreiten wollen.

10 Wie lässt sich Gesellschaft beobachten? Beobachtbar wird Gesellschaft allein anhand ihrer symbolischen Manifestationen. Diese gilt es methodisch kontrolliert zu „erheben“, sodass Gütekriterien wie Objektivität, Validität und Reliabilität gewährleistet sind. Der methodisch kontrollierten Datenerhebung folgt eine methodisch kontrollierte Interpretation, die auf Logik, Folgerichtigkeit und Widersprüchlichkeit zu achten hat; der methodisch kontrollierten Interpretation folgt der methodisch kontrollierte Vergleich mit anderen Daten, auch anderer, auch vergangener Gesellschaften. – Wenn also der Blick aus dem Fenster nicht mehr genügt, um zu erfahren, was draußen in der Gesellschaft los ist, bedarf es tauglicher Hand- und Denkwerkzeuge der empirischen und hermeneutischen Sozialforschung.

11 Wie ist Soziologie möglich? Hier wird die Frage nach der gesellschaftlichen Etablierung und Konsolidierung des Fachs und seiner Vertreter gestellt. Für den Verfasser zählt die Soziologie zu „den weniger angesehenen Disziplinen“ (S. 171), offenbar auch deshalb, weil man sich im Alltag nur für sie interessiert, „sofern Gesellschaft nicht funktioniert“. (S. 177) Dann werden „Aufklärung“ und „Beratung“ verlangt. Die „Brotgelehrten“ der Disziplin, die mit der Soziologie ihren Lebensunterhalt bestreiten, stehen immer vor der Verführung, eine angepasste, die herrschenden Verhältnisse legitimierende Gesellschaftswissenschaft zu vertreten und zur Betriebsnudel zu werden.

Fazit

Der Autor scheint ein wenig schmeichelhaftes Bild von der Zunft der Soziologen zu haben. Immer wieder setzt es Seitenhiebe gegen karriereorientierte Drittmittelschnorrer, die sich nach den Vorgaben der Wissenschaftspolitik strecken, statt an fundamentaler Gesellschaftserkenntnis interessiert zu sein. Der Autor geht unerschrocken mit den Halbgöttern der Zunft um, heißen sie nun Habermas („eklektizistischer Theoriemechaniker“, S. 175) oder Luhmann. Der zu den Pionieren der Disziplin zählende Max Weber nennt er – nicht ganz zu Unrecht, aber dennoch despektierlich – einen „Gelegenheits-Soziologen“ (S. 79). Allein Auguste Comte und Herbert Spencer lässt er ungeschoren. „Was erlauben Beetz!“, könnte man fußballsprachlich fragen. Und man muss es fragen, denn der Verfasser kommt seinem eigenen Anspruch, die Gesellschaftstheorie auf tragfähige Grundbegriffe zu stellen, wie ein bis an die Zähne belesener Schüler nach, der stark im Reproduzieren und Kompilieren ist, aber an origineller Produktivität zu wünschen übrig lässt.


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 21.03.2017 zu: Michael Beetz: Die 11 Grundfragen der Gesellschaftstheorie. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2016. ISBN 978-3-86764-645-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21873.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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