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Zygmunt Bauman: Die Angst vor den anderen

Cover Zygmunt Bauman: Die Angst vor den anderen. Ein Essay über Migration und Panikmache. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2016. 124 Seiten. ISBN 978-3-518-07258-5. D: 14,00 EUR, A: 14,40 EUR, CH: 20,90 sFr.
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Thema

In vielen Beiträgen hat Zygmunt Bauman die Erosion sozialer Ordnungen beschrieben. Neoliberale Tendenzen und die Individualisierung von Lebensrisiken haben zu einer immer weiter sich vertiefenden Ungewissheit und Unsicherheit als grundlegende Merkmale der „liquiden Moderne“ geführt. Einen unübersehbaren Ausdruck finden diese aktuell in Ängsten und im Verlauf des Jahres 2016 in ansteigenden Vorbehalten gegenüber Flüchtlingen und Asylbewerbern in EU-Europa, inklusive Deutschland.

Zygmunt Bauman setzt sich mit diesem Thema in seinem Essay „Die Angst vor den anderen“ (in der englischsprachigen Fassung „Strangers at our Door“) auseinander.

Autor

In Posen 1925 geboren, lehrte Zygmunt Bauman bis 1968 an der Universität Warschau, migrierte nach Israel und war von 1971 bis zu seiner Emeritierung 1990 an der Universität von Leeds als Professor im Fach Soziologie tätig.

Nachtrag: Am 9.01.2017 - drei Tage vor Veröffentlichung dieser Rezension – ist Zygmunt Bauman verstorben.

Entstehungshintergrund

Wegen politischer Vorgänge flüchtete Bauman mit seiner Familie 1939 vor den Nazis aus Posen nach Moskau, erlebte dabei hautnah Überwachung und Ausgrenzung. 1968 migrierte er nach den Märzunruhen, nicht zuletzt auch einsetzender antisemitischer Hetzkampagnen, nach Israel.

Seit den neunziger Jahren hat Bauman zahlreiche Arbeiten zur Postmoderne mit ihren schwer fassbaren Erscheinungen von Macht, die nicht vor nationalen Grenzen Halt macht, verfasst. Letzteres trifft auch auf das Thema Flüchtlinge und Asyl zu, das 2015 und 2016 andere Themen wie Klimawandel und soziale Ungleichheit in den Hintergrund politischen und medialen Interesses gedrängt hat.

Aufbau

Baumans Essay gliedert sich in sechs Abschnitte.

Zu 1. „Migrationspanik – wie man sie nutzt und missbraucht“

Im ersten Abschnitt skizziert der Autor, wie Meinungsmacher in Politik und in Medien das Denken und Fühlen der Menschen erobern. Bauman spricht von „moral panic“ (S. 7) als weit verbreiteter Angst, die Migrationskrise könne das Wohl der Gesellschaft bedrohen. Zu beobachten sei in diesem Zusammenhang gleichzeitig, dass sich moralische Panik selber verbrauche. Deutlich zeige sich dies, indem z. B. im Mittelmeer ertrunkene Menschen und hastig errichtete Stacheldrahtzäune, z. B. in Ungarn, in Vergessenheit geraten.

Grundsätzlich ist Migration keineswegs eine neue Erscheinung und mit ihr einhergehend so etwas wie ein zeitlos wirkendes Misstrauen gegenüber Fremden. Migration vollzieht sich nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren: Sie erfolgt so lange, bis ein Gleichgewicht von Wohlstandsniveaus erreicht ist (S. 13). Dabei lösen Migranten als Fremde ein massives Unbehagen aus: Sie könnten u. a. Dinge zerstören, die den Einheimischen lieb und teuer sind. Oftmals entstehen insbesondere in städtischen Regionen durch Migration zwei gegensätzliche Impulse: Mixophilie als Vorliebe für Neues und Mixophobie als Angst vor einem nicht beherrschbaren Ausmaß an Unbekanntem. In jüngster Zeit ist jedoch eine Zuspitzung durch die Flüchtlingsströme aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie aus Afrika registrierbar. Vor allem für die sich ausgestoßen fühlenden Einheimischen ist die Entdeckung einer noch tiefer am Boden liegenden Gruppe eine seelenrettende Erfahrung. Sie erklärt zu einem großen Teil den Anstieg von Fremdenfeindlichkeit und eines chauvinistischen Nationalstaates und mit ihm die jüngsten Wahlerfolge chauvinistischer Parteien.

Es gibt in der Sicht Baumans noch einen weiteren Grund. Und hier spricht der Autor nicht gesellschaftlich Benachteiligte an, sondern alle Bevölkerungsteile. Er schreibt „wir“. Migranten, schlimmer noch Flüchtlinge führen uns vor Augen „was wir so gerne vergäßen oder lieber noch ganz aus der Welt wünschten: gewisse globale, ferne, gelegentlich angesprochene, aber nie zu sehende, dunkle, mysteriöse und nicht leicht vorzustellende Kräfte, die mächtig genug sind, auch unser Leben zu beeinträchtigen“. (S. 21). Auf solche Gegebenheiten kann Politik in unterschiedlicher Weise eingehen, wohl wissend, dass es keine widerspruchsfreien Problemlösungen gibt. Eine populäre Möglichkeit besteht darin, mehr Sicherheit zu versprechen.

Zu 2. „Frei flottierende Unsicherheit auf der Suche nach einem Anker“

Mit dem Thema Sicherheit setzt sich der 2. Abschnitt auseinander. Wer Sicherheit verspricht, werde „hochgradig geschätzt“ (S.27), so Bauman. In Wörterbüchern noch nicht verzeichnet ist der Ausdruck „Versicherheitlichung“ (securitization). Als Steigerungsform von Sicherheit demonstriert sie den Willen zu entschlossenem Handeln und wird positiv von weiten Teilen der Bevölkerung honoriert. Entsprechend haben Regierungen kein Interesse, Ängste ihrer Bürger zu besänftigen (S. 33), da Versicherheitlichung in der Folge positiv bewertet und in der Folge den Regierungen gut geschrieben werden kann. So etwa werden Grenzzäune (in Orbans Ungarn 2015) seitens großer Teile der Bevölkerung, nicht nur ungarischer, als positiv bewertet.

Zu 3. „Auf den Spuren starker Männer (oder starker Frauen)“

Ein Gespenst gehe um in den Demokratien, das Gespenst des starken Mannes; wie in den USA in Gestalt von Donald Trump (S. 49) und seinem Versprechen, die abwärtsmobile Mittelschicht vor Armut zu bewahren und sich um sie zu kümmern, indem sie geschützt wird vor einer schwer fassbaren „kosmischen Angst“. Transformiert werde diese in kunstvolle, künstliche, offizielle Varianten (S. 53), die den Interessen der etablierten Mächte dienten. Transformiert wird die kosmische Angst ferner wie durch Zauberhand, ausbuchstabierten Geboten zu gehorchen (etwa religiösen Systemen (S. 55)). Im Gefolge dieser zumeist diffusen Angst kommt Weiteres hinzu: nämlich mit gesellschaftlich produzierten Problemen individuell fertig zu werden (Stichwort: Individualisierung). Die Leistungsgesellschaft erzeugt eine existenzielle Unsicherheit. Mit der Erosion der territorialen Souveränität der politischen Einheiten wird die Globalisierung als weitere existenzielle Bedrohung wahrgenommen. Ihr kann in der Sicht Baumans nicht mit Patentlösungen, etwa Grenzen zu schließen, entgegen gewirkt werden.

Zu 4. „Zusammen und dicht gedrängt“

Das vierte Kapitel beginnt mit der Beschreibung von Migration als grundlegendem anthropologischem Phänomen. Und da es keine leeren Gebiete auf dem Planeten mehr gebe, falle es immer schwerer, Kants Appell der Gastfreundschaft zu folgen (S. 74), d. h. unbegrenzt Verantwortung für das Wohl eines anderen zu tragen. Vielmehr geht es darum, die Verantwortung auf das Machbare zurückzuschneiden und Grenzen zu bestimmen. Maßstab bilden die Menschenrechte, um zu verhindern, dass Migrationsprobleme aus dem Bereich der Ethik in den der Sicherheitsbedrohungen mit den aus ihr folgenden Maßnahmen verkehrt werden.

Zu 5. „Lästig, störend, unerwünscht – und deshalb abzuweisen“

Das fünfte Kapitel durchzieht letztlich alle sechs Kapitel des Essays. Was im Frühherbst 2015 zuerst nur für Ungarn galt, weitete sich auf die gesamte Europäische Union aus (S. 88): Zunehmend mehr ziele die Migrationspolitik weltweit auf eine Aufteilung in zwei große Weltteile: einerseits eine saubere, gesunde und sichtbare Welt, auf der anderen eine Welt des dunklen, kranken, unsichtbaren Rests. Bauman hebt hervor, dass sich Deutschland im Gegensatz zu Großbritannien für einige Wochen von diesem Bild distanziert hatte (S. 91). War dies ein Aufblitzen moralischen Wissens, das in die Lage versetzt einzuschätzen, was falsch und richtig ist, einer Grundfähigkeit, die eigentlich allen Menschen zu eigen ist? Mit dieser Überlegung beginnt das letzte Kapitel.

Zu 6. „Anthropologische und zeitbedingte Wurzeln des Hasses“

Moralisches Wissen begründet noch kein entsprechendes Handeln. Wie ist ihre Dissonanz zu überwinden, zumindest zu schmälern? Ist sie es überhaupt? In einem Exkurs zu Online und Offline zeigt Bauman, wie jede der beiden Welten ihre eigenen Erwartungen besitzt. So schreibt er (S. 102): Gehe ich in die Onlinewelt, so entstehe das Gefühl, eine Welt zu betreten, die sich dem eigenen Willen fügt und auf meine Wünsche eingeht. Die Onlinewelt gehöre mir, der Offlinewelt gehöre ich. Die Onlinewelt erscheine anheimelnd, die Offlinewelt hingegen komplex und voller Komplikationen. Ein Beispiel dafür ist die Migrationskrise (S. 104). Bei ihrer Bewältigung gibt es keinen Schutzraum.

Am Ende des Schlusskapitels plädiert Bauman für eine Gegenkraft zu „lästig, störend abweisen“ und dies ist das Phänomen der Begegnung (S. 111), „die zwar nicht unbedingt auf Einvernehmen, sicher aber auf wechselseitiges Verständnis zielt“

Diskussion und Fazit

Wenn Ängste, wie Bauman überzeugend zeigt, aus der Individualisierung in der heutigen Leistungsgesellschaft erwachsen, so sollte es einer kritischen Sozialpolitik darum gehen, jenes Phänomen zu benennen, zumindest abzumildern und den als Verlierern stigmatisierten Menschen in den westlichen Ländern überzeugend sichtbar zu machen, nicht ihren Frust weiter unten abzuladen, d. h. nicht Flüchtlinge und Asylbewerber zu stigmatisieren (siehe dazu die Äsopsche Fabel von den Hasen und den Fröschen im Essay (S. 16 f.)). Hier überzeugend entgegenzuwirken, davon ist eine kaum existente europäische, aber auch jede nationale Sozialpolitik nach wie vor weit entfernt.

Hinter Terroranschlägen steht ein ganz und gar unakzeptables politisches und kulturelles Verständnis gesellschaftlichen Lebens der Täter. Sie zu hindern, ihr mörderisches Vorhaben umzusetzen, ist zwar Aufgabe von Sicherheitsorganen. Ihrer Arbeit sollte eine sozialliberale Idee von Gesellschaft zugrunde liegen. Die Auseinandersetzung mit islamistischen Terroristen ist deshalb immer auch ein Kulturkampf. Ich hätte mir gewünscht im Sinne einer konkreten Utopie, einige weiterführende gesellschaftliche Ideen dazu im Essay zu lesen.

Das Essay deckt zwar politisch begründete Inhumanität in westlich geprägten Ländern schonungslos auf, verlässt aber kaum die Bühne feinsinnigen Erklärens. So hat Baumans Essay zwar die Feuilletonforen des „Spiegel“ und der „Zeit“ erobert, aber wird es auch die politischen Entscheidungsmacher der Leser in den EU-europäischen Ländern anrühren? Größte Zweifel sind angebracht.

Erreicht werden zweifelsfrei kritische Sozialwissenschaftler, die sich seit vielen Jahren mit den gesellschaftstheoretischen Reflexionen Baumans auseinandersetzen, und auch Studierende. Wenn nicht bereits geschehen, können beide Gruppen das Baumansche Essay mit wahrscheinlich großem Erkenntnisgewinn lesen.


Rezensent
Prof. Dr. Hans Günther Homfeldt
Prof. em. an der Universität Trier, Fach Sozialpädagogik/ Sozialarbeit
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Zitiervorschlag
Hans Günther Homfeldt. Rezension vom 12.01.2017 zu: Zygmunt Bauman: Die Angst vor den anderen. Ein Essay über Migration und Panikmache. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2016. ISBN 978-3-518-07258-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21875.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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