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Gisela Will: Die Bedeutung sozialen Kapitals für Migrationsprozesse

Cover Gisela Will: Die Bedeutung sozialen Kapitals für Migrationsprozesse. Darstellung am Beispiel des polnisch-deutschen Migrationsgeschehens. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 344 Seiten. ISBN 978-3-658-12800-5. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 51,50 sFr.
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Thema

Mit ihrer Studie trägt Gisela Will auf knapp 300 Seiten dazu bei, die Sozialkapitaltheorie in bekannte Migrationstheorien zu integrieren. Dazu bedient sie sich sowohl intensiver theoretischer Vorüberlegungen wie auch quantitativer empirischer Analysen am Beispiel des polnisch-deutschen Migrationsgeschehens.

Autorin und Entstehungshintergrund

Gisela Will ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Migration am Leibniz-Institut für Bildungsverläufe e.V. an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Das Buch basiert auf ihrer Dissertation an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Mannheim, die sie 2014 erfolgreich verteidigen konnte.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in sechs Abschnitte:

  1. Einleitung
  2. Darstellung des polnisch-deutschen Migrationsgeschehens: Ausmaß und Entwicklung der Migration von Polen nach Deutschland
  3. Integration der sozialen Eingebundenheit von Akteuren in vorhandene Theorieansätze zur Erklärung von Migration
  4. Ist die Sozialkapitaltheorie zur Erklärung von Migrationsentscheidungen empirisch zutreffend?
  5. Empirische Evidenz anhand des polnisch-deutschen Migrationsgeschehens
  6. Zusammenfassung und Ausblick

Diesen sechs Abschnitten vorgestellt finden sich das Abbildungs- und das Tabellenverzeichnis, nachgestellt ist das Literaturverzeichnis. Weitere Tabellen zum Überblick über den Forschungsstand sind als Service auf der Homepage des Verlags abrufbar.

Inhalt

In Kapitel 2 beschreibt Gisela Will detailliert und aus mehreren Perspektiven das polnisch-deutsche Migrationsgeschehen. Sie fasst Daten von 1950 bis 2005 zusammen, beschreibt differenziert verschiedene Zuwanderergruppen (z.B. dauerhafte oder temporäre Migration, Asylsuchende, Selbstständige, Familiennachzug) aus Polen, benennt sozioökonomische Merkmale der ZuwandererInnen und verwendet ergänzend sogar Daten aus polnischen Statistiken. Zusammenfassend gibt sie ein sehr heterogenes Bild zu polnisch-deutschen ZuwandererInnen.

Die Autorin spannt mit ihrer Forschungsarbeit eine theoretische Klammer, die verschiedenste Migrationsformen (z.B. Umzug der gesamten Familie in das neue Land oder 2monatiger Arbeitsaufenthalt des Vaters im neuen Land mit anschließender Rückkehr ins Heimatland) umfasst. Dies begründet und erklärt sie in Kapitel 3. Damit verzichtet sie bewusst auf definitorische Einschränkungen von Migration nach Ursachen oder z.B. zeitlichen Aspekten. Aufbauend auf das Werterwartungsmodell (Kalter 2000, eine Version der Rational-Choice-Theorie) beschreibt sie mehrere theoretische Ansätze zur Migration auf der Marko- und Mikroebene. Dabei stellt sie konsequent mögliche Verbindungen zum Werterwartungsmodell her. Der Fokus auf den sozialen Kontext leitet Gisela Will dazu, die soziale Einbettung in die zuvor beschriebenen Migrationstheorien zu integrieren. In s.g. „neueren Migrationstheorien“ (z.B. Theorie der kumulativen Verursachung) werde der sozialen Einbettung der MigrantInnen besondere Berücksichtigung geschenkt. Unter sozialem Kapital versteht die Autorin Ressourcen, die von Mitgliedern des sozialen Netzwerks einer Person zur Verfügung gestellt werden. Der Zugriff auf soziales Kapital hängt von Eigenschaften der Netzwerke ab. „Weak Ties“ unterscheiden sich hierbei von „Strong Ties“. Migrationsspezifisches soziales Kapital wird meist von Personen zur Verfügung gestellt, die selbst MigrantInnen sind. Wie sich das soziale Kapital nun auf Migration auswirkt wird in drei Hypothesen (vgl. Ritchey 1976) zusammengefasst:

  1. Affinitätshypothese
  2. Informationshypothese
  3. Erleichterungshypothese.

Will integriert abschließend diese drei Hypothesen in das Werterwartungsmodell.

Im vierten Abschnitt nimmt Gisela Will eine Analyse bereits bestehender Untersuchungen zur Sozialkapitaltheorie und ihrer Anwendung in der Beschreibung und Analyse von Migrationsprozessen vor. Dabei unterscheidet sie zwischen zielland- und herkunftslandspezifischem sozialen Kapital. Sie stellt darüber hinaus zur Diskussion, ob lediglich der Zugang zu sozialem Kapital oder die konkrete Nutzung von sozialem Kapital operationalisiert werden sollte. Will legt ihren Fokus für die Metaanalyse (Kap. 4.3) auf qualitative Studien, da sie den Einfluss von sozialem Kapital auf Migrationsprozesse als statistisch beschreibbares, quantitativ messbares Phänomen untersuchen will. Sie findet dabei Studien mit retrospektiven oder prospektiven Daten zu Migrationsprozessen vor.

Das polnisch-deutsche Migrationsgeschehen wird in Kapitel 5 an Hand von Daten des Polnischen Migrationsprojektes (PMP) von der Autorin analysiert. Im PMP wurden quantitative Individualdaten erhoben, die das migrationsspezifische soziale Kapital zeitabhängig erfassen. In zwei Phasen konnten insgesamt 2014 Befragte aus vier polnischen Gemeinden erreicht werden, von denen 43% MigrantInnen waren. Durch dieses Design konnte sowohl eine prospektive als auch eine retrospektive Sicht analysiert werden. Die umfangreichen Datensätze wurden mittels verschiedener Regressionsmodelle ausgewertet, zuvor gebildete Hypothesen getestet und bestätigt oder verworfen.

Fazit

Das Buch von Gisela Will stellt eine anspruchsvolle, komplexe Lektüre zu spezifischen Fragen der Bedeutung sozialen Kapitals für Migrationsprozesse dar. Die Autorin nimmt eine gezielte Erweiterung von Migrationstheorien um Aspekte des sozialen Kapitals vor. Sie setzt ihr Forschungsinteresse mit einer umfangreichen Analyse von Sekundärstudien und ihrer eigenen quantitativen Studie um. Die Arbeit schließt direkt an den aktuellen wissenschaftlichen Diskurs an und richtet sich an FachexpertInnen aus der Scientific Community.


Rezensentin
Dr. Lea Putz-Erath
Geschäftsführerin femail, FrauenInformationszentrum Vorarlberg
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Zitiervorschlag
Lea Putz-Erath. Rezension vom 19.04.2017 zu: Gisela Will: Die Bedeutung sozialen Kapitals für Migrationsprozesse. Darstellung am Beispiel des polnisch-deutschen Migrationsgeschehens. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-12800-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21876.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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