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Christof Eichert, Roland Löffler (Hrsg.): Die Bürger und ihr öffentlicher Raum

Cover Christof Eichert, Roland Löffler (Hrsg.): Die Bürger und ihr öffentlicher Raum. Städte zwischen Krise und Innovation : 35. Sinclair-Haus-Gespräch. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2016. 242 Seiten. ISBN 978-3-451-34829-7. D: 16,99 EUR, A: 17,50 EUR.
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Thema

Öffentliche Räume in der Stadt kennen wir, seit wir Städte kennen. Öffentliche Räume, die eine bestimmte Funktion haben, die eine Bedeutung für die Stadtbewohner haben, die auch Identifikationsorte sind und deren besondere städtebauliche Gestaltung auch auf die Bedeutung der Stadt für ihr Umland und noch weiter verweisen, waren und sind heute noch konstitutiv mit dem Begriff der Stadt verbunden. Der Dorfplatz ist kein öffentlicher Raum. Er ist Treffpunkt, hat seine Rolle als Festplatz oder hat seine Funktion für Versammlungen etc. Mit öffentlichen Räumen verbinden wir einmal die Unterscheidung von Privatheit und Öffentlichkeit als Strukturmerkmal der modernen Großstadt. Das Dorf kennt diese Trennung nicht. Zum anderen sind öffentliche Räume seit jeher Räume, die einer bestimmten Klientel zugänglich sind, die auch andere ausschließen können, die auf alle Fälle nicht für alle gleichermaßen zugänglich waren. Das war in der Geschichte so und das ist auch heute noch so.

Welche Bedeutung haben heute öffentliche Räume in der Stadt für die Stadtbewohner und für die, die sich in ihr aufhalten oder sogar deren Lebensraum der öffentliche Raum ist? Ist der öffentliche Raum und seine urbane Gestalt in die Krise geraten oder müssen wir uns angesichts der Entwicklung der modernen Stadt auf ein anderes Verständnis von öffentlichen Räumen verständigen?

Herausgeber

Dr. Christof Eichert ist Vorstand der Herbert Quandt-Stiftung, Marburg.

Dr. Roland Löffler ist Leiter des Themenfeldes „Bürger und Gesellschaft“ der Herbert Quandt-Stiftung, Berlin.

Autorinnen und Autoren

Die übrigen Autorinnen und Autoren sind z. T. Angehörige der Herbert Quandt-Stiftung; z. T. kommen sie aus den Bereichen der Wirtschaft, der Politik, der Verwaltung, der Wissenschaft, der Medien und der Kirchen.

Enstehungshintergrund

Das Buch ist eine Dokumentation einer Tagung, die im Rahmen der Sinclair-Haus- Gespräche im April 2015 in Bad Homburg v. d. H. stattgefunden hat.

Aufbau

Es gliedert sich nach einer Einleitung der Herausgeber, in der auf die einzelnen Beiträge eingegangen wird, in vier große Kapitel mit mehreren Beiträgen:

  1. Öffentliche Räume, Stadtplanung, Architektur
  2. Unternehmerische Verantwortung im öffentlichen Raum
  3. Politik und Religion im öffentlichen Raum – deutsche und schwedische Konzepte
  4. Bürgergesellschaft, Mitverantwortung und die Debatte über die Gestaltung öffentlicher Räume

Im Anhang befinden sich ein Verzeichnis der Autorinnen und Autoren, der Teilnehmer der Sinclair-Haus-Gespräche, der Sinclair-Haus-Gespräche selbst sowie eine Vorstellung der Herbert Quandt-Stiftung und die Sinclair-Haus-Gespräche, eine Liste der Bildnachweise und ein Impressum.

Zu: I. Öffentliche Räume, Stadtplanung, Architektur

Zu: Bedeutung, Funktion und Wandel öffentlicher Räume (Ulrich Berding). Der Autor fragt einleitend, was ein öffentlicher Raum ist. Er beruft sich auf die Protagonisten dieser Diskussion wie Hannah Arendt, Jürgen Habermas und Hans Paul Bahrdt. Er diskutiert dann das Raumverständnis im Zusammenhang mit der Gesellschaft – und Stadt ist Gesellschaft. Die Polarität von Öffentlichkeit und Privatheit ist einem Wechselverhältnis gewichen – das wird an Hand weiterer Autorinnen und Autoren diskutiert. Die Planungsdiskurse sind inzwischen zu Aushandlungsprozessen unterschiedlichster Akteure und der Planung geworden. Dann geht der Autor auf die unterschiedlichen Funktionen von öffentlichen Räumen ein, erörtert ihre identitätsstiftende Funktion, ihre soziale Funktion, ihre ökologische Funktion, ihre ökonomische Funktion und ihre politische Funktion. Anschließend beschreibt der Autor den Funktionswandel und geht dann auf aktuelle Herausforderungen für die Stadt ein.

Zu: Öffentliche Räume zwischen Krise und Innovation. Einsichten und Thesen aus der europäischen Stadtforschung (Sabine Knierbein). Die Autorin fragt zunächst, welche Rollen öffentliche Räume im Zuge politischer, ökonomischer und kultureller Veränderungen spielen sollen. Dabei betrachtet sie öffentliche Räume als Dreh- und Angelpunkt gesellschaftlicher Veränderungen; schließlich signalisieren öffentliche Räume auch ein gewisses Maß an Offenheit für Veränderungen. Die Autorin versucht dann begriffliche Schärfungen vor dem Hintergrund theoretischer und analytischer Konzepte der Stadtforschung, stellt öffentliche Räume als Geographie der öffentlichen Sphäre dar und geht dann auf das posttraditionelle Verständnis der öffentlichen Räume ein. Raum stellt sich dann als soziale Konstruktion der in ihm Handelnden dar, ein Raum, der durch soziale Beziehungen konstituiert wird. Weiter diskutiert sie vor dem Hintergrund dieser neueren raumsoziologischen Debatte den Perspektivwechsel zu den im Raum Handelnden, den Bürgern und Bewohnern. Weiter geht die Autorin auf den urbanen Wandel der europäischen Stadt ein und auf die damit verbundenen Einsichten der europäischen Stadtforschung. Diese beziehen sich auf die Ökonomie, auf das Soziale, auf die Kultur, die Ökologie und die Politik. Die Autorin diskutiert ausführlich und detailliert die damit zusammenhängenden Transformationen. Diese urbanen Transformationen verursachen Spannungen, die auch die öffentlichen Räume betreffen und schließlich auch die Stadtpolitik.

Zu: Den öffentlichen Raum aktivieren (Olafur Eliasson). Wie fühlen sich Menschen im öffentlichen Raum und warum empfinden sie sich als Teil davon? fragt der Autor und versucht eine Antwort als Künstler. Der öffentliche Raum ist ein positiver Raum, in dem Werte repräsentiert werden. Und der öffentliche Raum ist eine Bühne, auf der man sich präsentiert und auch mit Ungewissem, Ambivalentem und Widersprüchlichem konfrontiert ist, der aber auch Vertrauen signalisiert und Dynamik und Neues zulässt. Dies wird konkret beschrieben.

Zu: „Unser Vorbild ist und bleibt die europäische Stadt“. Dieser Beitrag dokumentiert ein Gespräch, das Thomas Gauly mit dem Architekten Christoph Mäckler über die Stadt der Zukunft geführt hat. Dabei erzählt Christoph Mäckler seine Familiengeschichte und die Beziehung der Familie zum Bauen und Planen. Sein Bezug zur europäischen Stadt und zum Städtebau beruht auf den Grundlagen der europäischen Kultur. Die mit ihr verbundene Geschichtsträchtigkeit der Stadt beruht auf der Bauweise und der Alterungsfähigkeit der Bauwerke. Es geht um die Angemessenheit der Einbindung von Bauwerken in den städtebaulichen Gesamtkontext und es geht in der europäischen Stadt um die Versöhnung von Geschichte und Gegenwart, Vergangenem und zukünftigen Herausforderungen.

Zu: Wasser im öffentlichen Raum. Wie der Verein „Flussbad Berlin“ die Mitte der Hauptstadt verändern will (Charlotte Hopf). Es geht um ein Stadtentwicklungsprojekt in Berlin, in dem ein Flussbad am Spreekanal reaktiviert werden soll. Die Hintergründe dafür werden von der Autorin ausführlich entfaltet. Der Spreekanal hat seine historische Bedeutung für die Stadt und für die Stadtentwicklung. Dies wird auch als Projektgeschichte noch einmal deutlich. Nun soll das Flussbad ein Symbol einer nachhaltigen und optimistischen Zukunft werden. Dies wird engagiert begründet.

Zu: Der Libero vom Moritzplatz. Wie Andreas Krüger partizipative und kreativwirtschaftliche Stadtentwicklung vorantreibt (Roland Löffler). Wer ist Andreas Krüger? Eigentlich wollte er Fußballprofi werden. Aber es verschlug ihn nach einer Tischlerlehre in das Studium nach Berkeley. Löffler beschreibt den Werdegang dieses kreativen Menschen als angehender Stadtentwickler in seinem zivilgesellschaftlichen Engagement mit der Grünen Werkstadt Wendland und anderen Aktivitäten. Schließlich war es der relativ verkommene Moritzplatz in Berlin. Krüger u. a. haben sich dieses Platzes angenommen und er gilt heute als ein Beleg kreativer Stadtentwicklung. Dies wird vom Autor engagiert und ausführlich beschrieben – fast eine Laudatio auf Andreas Krüger.

Zu: II. Unternehmerische Verantwortung im öffentlichen Raum

Zu: Mehr als nur ein Beförderungsmittel. Der öffentliche Personennahverkehr als Mobilitätsversorger und Ort von Nutzungskonflikten in urbanen Räumen (Sigrid Evelyn Nikutta). Der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) war bereits zu Beginn der Großstadtentwicklung ein Kernstück kollektiver Daseinsvorsorge. Mit der Elektrisierung des Verkehrs konnte sich der ÖPNV flächendeckend in den Großstädten entfalten. Berlin Alexanderplatz war bereits 1929 auch deshalb ein Treffpunkt, weil sich dort öffentliche Verkehrsmittel kreuzten. Das beschreibt die Autorin eingangs; sie beschreibt seine Entwicklung und sein Wachstum in den Metropolen und begründet den ÖPNV als konstitutiven Bestandteil der Großstadt, wie ihre Plätze und Straßen auch. Schließlich ist der ÖPNV auch ein Ort der Begegnung und der Bewegung und deshalb auch Teil des urbanen öffentlichen Raums und die Autorin meint deshalb auch, dass er eine Determinante der Planung des öffentlichen Raums sein sollte. Die Autorin erörtert dann die Krisen und Herausforderungen des ÖPNV, geht auf die Renaissance des ÖPNV ein, erörtert die damit zusammenhängende unternehmerische Verantwortung und beschreibt dann am Beispiel des U-Bahnhofs Bayerischer Platz, wie neue öffentliche Raume entstehen können. Ihr Fazit: Der ÖPNV ist das Instrument zur Stärkung unserer öffentlichen Räume und Erhaltung unserer Städte.

Zu: Vom Wahrzeichen zum Warenzeichen? Mehr Lebensqualität durch werbefinanzierte Stadtmöblierung oder Ausverkauf des öffentlichen Raums (Daniel Wall). Seit wir Werbung kennen, kennen wir Darstellungen im öffentlichen Raum. Für die Stadt ist sie nicht nur Teil der Urbanität, sondern sie schafft Urbanität. Das ist die Eingangsthese des Autors. Der Autor geht zunächst auf die Geschichte der Außenwerbung in Deutschland ein und beschreibt die Stadtmöblierung im Zusammenhang mit der Außenwerbung heute. Die Litfaßsäule als Inbegriff der Werbung im Außenbereich sollte verhindern, dass quasi wild überall plakatiert wird. Es kommt auch im Rahmen einer Private-Public-Partnership auf die Verständigung zwischen Unternehmen und der Stadtverwaltung an, wie diese Gestaltung im öffentlichen Raum aussehen sollte. Darauf geht der Autor ausführlich ein und plädiert für stadtbildverträgliche Werbung. Dabei verweist der Autor auch auf erfolgreiche Beispiele. Der Autor diskutiert die Stadtmöblierung und Außenwerbung vor dem Hintergrund eines digitalen Zeitalters und der Modernität der Stadt als Smart City. Mit Stadtmöblierung ist die Ausstattung des öffentlichen Raums mit Gegenständen auf Plätzen, in Straßen, Parks und Freiflächen der Stadt gemeint.

Zu: III. Politik und Religion im öffentlichen Raum – deutsche und schwedische Konzepte

Zu: Nach Stuttgart 21. Geht eine partizipative Großstadtpolitik nur „grün“? (Jochen Partsch). Wir Grüne sind die politischen Fachleute für Bürgerbeteiligung – na ja! Viele Parteien sind aus politischen und sozialen Bewegungen entstanden – auch die Grünen. Der Autor verfolgt seine These am Beispiel von Stuttgart 21, wo es in der Tat die Grünen waren, die mobil gemacht haben. Und sicher hat Stuttgart 21 Fragen der Partizipation an Großprojekten aufgeworfen und virulent gemacht. Der Autor plädiert für eine Bürgerbeteiligung, die zu mehr Aushandlungsprozessen im Rahmen von Governance führen kann. In der Auseinandersetzung um die repräsentative Demokratie begründet der Autor, wie Bürgerbeteiligung diese eher stärkt als schwächt. Der Autor grenzt Bürgerbeteiligung von Bürgerentscheid ab und er stellt fest, dass Bürgerbeteiligung nicht alle erreicht und auch nur die, die sich dafür interessieren. Und wie bei den Bürgerinitiativen sind es Bürger, also diejenigen, die es können sich zu beteiligen. Aber sie schaffen es meist auch nicht, die anderen mitzunehmen. Dies wird ausführlich und facettenreich geschildert.

Zu: Politik in großen Städten. Herausforderungen für die CDU (Peter Tauber). Nach einer Darstellung der Situation der CDU auf der kommunalen Ebene stellt Tauber die Herausforderungen für die CDU in den großen Städten dar, die er zunächst nur darin sieht, möglichst in vielen Städten wieder zu gewinnen. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass auch die SPD Stimmen in Großstädten verlor – die CDU steht also nicht allein! Drei Ansatzpunkte für eine erfolgreichere Großstadtpolitik werden vom Autor vorgestellt.

  1. Wir müssen das städtische Lebensgefühl in Städten besser verstehen, die sich als heterogene und individualisierte Stadtgesellschaften beschreiben lassen und an denen die Digitalisierung nicht vorbei geht.
  2. Die CDU muss nach außen ansprechender auftreten.
  3. Wir brauchen überzeugende Köpfe.

Diese Ansatzpunkte werden zwar nicht analytisch durchdrungen, aber parteipolitisch akzentuiert beschrieben.

Zu: Tabu Schrumpfung. Über den öffentlichen Diskurs zum demographischen Wandel in schwedischen Kommunen (Josefina Syssner, Gert-Jan Hospers). Auch schwedische Kommunen stehen angesichts der Schrumpfung vor dem Problem, die Infrastruktur einer kollektiven Daseinsvorsorge aufrechtzuerhalten, die für andere Bevölkerungszahlen ausgelegt war. Die Autorin und der Autor zeigen an Hand von fünf Kommunen auf, wie diese Kommunen mit diesem Problem zurechtkommen. Wie nehmen die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung dieser Kommunen dieses Problem wahr und welche Maßnahmen sind beabsichtigt, um das Problem zu bearbeiten? Die Finanzierung der kollektiven Daseinsvorsorge angesichts sinkender Steuereinnahmen ist schwierig und kennt kaum Alternativen. Syssner und Hospers gehen auf die bisherige Forschungslage ein. Sie stellen Forschungsergebnisse vor, die auf eine verstärkte Abwanderung von Alleinerziehenden sowie jungen und hoch qualifizierten Menschen aus schrumpfenden Städten verweisen. Die Autorin und Autor beschreiben dann die theoretische Ausgangssituation, die auf drei Annahmen basiert. Einmal geht es um die Verteilung von Werten und Ressourcen in der Gesellschaft als Kernaufgabe der Politik. Zum anderen muss Politik den Ist-Zustand analysieren und Problembeschreibungen liefern und zum dritten geht es um die öffentlichen Diskurse der Programme. Im Weiteren geht es um lokale Anpassungsstrategien, wobei viele schwedische Kommunen auf Wachstum setzen und neue Siedlungsgebiete ausweisen. Nach der Darstellung der Methoden und Quellen kommen die Autorin und der Autor zu den Ergebnissen ihrer Studie. Die Kommunen erkennen den demographischen Wandel als Ursache der Schrumpfung, beschäftigen sich aber nicht mit Alternativen. Politische Strategien werden versucht, wobei Kommunen neben Initiativen für eine höhere Effizienz auf interkommunale Kooperationen setzen oder Rückbau betreiben bzw. Kooperationen mit zivilgesellschaftlichen Akteuren suchen.

Zu: Der Öffentlichkeitsauftrag der Kirchen. Gleichbleibende Bedeutung bei sinkender Resonanz? (Rainer Maria Kardinal Woelki). Der Autor beschreibt die Situation im Januar 2015, wo sich der Kölner Dom der PEGIDA Bewegung verweigerte. Er macht eindeutig klar, wo die Kirche in diesem Kontext steht, setzt sich auch mit der Kirche im Nationalsozialismus auseinander, vor allem mit dessen Juden-Politik und der Diskriminierung anderer nicht-arischer Bevölkerungsgruppen. Bei den vergangenen totalitären Machtansprüchen musste die Kirche antitotalitär wirken und bei den gegenwärtigen autoritaristischen Tendenzen ist antiautoritäres Dagegenhalten eine zentrale Herausforderung der Kirchen. Dies entfaltet Kardinal Woelki ausführlich und engagiert. Er sieht im Religionsunterricht der Konfessionen einen zentralen Beitrag zu einem aufgeklärten Miteinander und die Kirche hat im Zusammenhang mit den benachteiligen Menschen in unserer Gesellschaft einen besonderen Auftrag in Blick auf soziale Integration und soziale Anerkennung. Dabei sieht er auch im Ansatz der Sozialraumorientierung einen wichtigen Beitrag der Integration in lebensweltliche und lokale Lebenszusammenhänge, in denen sich Menschen sozial verorten können, Vertrauen gewinnen, Anerkennung erfahren und Zugehörigkeit erleben. Weiter beschäftigt sich der Autor mit der Frage der Menschenwürde im Kontext des Sterbens, setzt sich mit der Sterbehilfe auseinander und mit dem Umgang der Gesellschaft mit dem Sterben. Ein humaner Staat sollte dafür sorgen, dass Menschen würdevoll sterben können.

Zu: IV. Bürgergesellschaft, Mitverantwortung und die Debatte über die Gestaltung öffentlicher Räume

Zu: Unbeholfene Demokraten. Moralische Leidenschaft in der Bundesrepublik (Till van Randen). Einleitend beschreibt der Autor die zwei Extreme des 20. Jahrhunderts: der Absturz in Krieg und Völkermord auf der einen Seite und andererseits die Rückkehr zu Frieden und Demokratie. Er setzt sich mit den Zwischenkriegsjahren und den Kriegsjahren auseinander, in denen viele auch vom Rechtsstaat und der repräsentativen Demokratie enttäuscht waren. Vor diesem Hintergrund greift der Autor in seinem Beitrag auf die Moralgeschichte zurück, um die Nachkriegsgeschichte neu zu beleuchten. Moralgeschichte bedeutet eine Auseinandersetzung mit gut und böse, mit richtig und falsch, mit tugendhaft und lasterhaft. Er zitiert Habermas und seine Antrittsvorlesung „Erkenntnis und Interesse“ wo dieser forderte, das kollektive Zusammenleben auf rationale Grundlagen zu stellen. Das setzt voraus, dass die Geltung jeder politisch folgenreichen Norm von einem im herrschaftsfreien Diskurs erreichten Konsens abhängig gemacht wird. Diese und weitere Argumentationen werden ausführlich begründet. Es ist sicher eine Folge der nationalsozialistischen Herrschaft und des Kriegsgeschehens, das im Nachkriegsdeutschland demokratische Zugehörigkeit und Bürgersinn in einem ambivalenten Spannungsverhältnis zum Alltagsleben der Menschen standen. Denn demokratische Zugehörigkeit verlangt die Loslösung des demokratischen Individuums von traditionalen Bindungen wie Familie und Kirche. Demokratische Zugehörigkeit bedeutet Zugehörigkeit zur Gesellschaft, soweit sie sich jenseits von Familie und Sippe von Individuen konstituiert. Auch dies wird im Kontext des Zusammenbruchs eines auf Gemeinschaft setzenden Nationalsozialismus ausführlich diskutiert und begründet. Die Deutschen versuchten in der Nachkriegsära eine neue Normalität, wo andere Gesellschaften an ihre alte Normalität anknüpfen konnten. Dies wird auch erörtert; dabei geht der Autor auf Reiseberichte und Briefe von Remigranten ein, in denen viele ihre Situation nach dem Krieg schilderten. Und schließlich erörtert der Autor die Zweifel vor allem der Remigranten, ob die Deutschen zur Demokratie – so schnell – fähig sind.

Zu: Auf dem Weg zur Reformation unseres Denkens. Zur ordnungspolitischen Bedeutung der Zivilgesellschaft (Kurt Biedenkopf). Biedenkopf diskutiert zunächst die Lage zu Beginn der Bundesrepublik Deutschland als Sozialstaat. Die Wirtschafts- und Sozialverfassung der Bundesrepublik ist durch das Subsidiaritätsprinzip charakterisiert. Eine soziale Marktwirtschaft sollte eine sozial gebundene Wirtschaftspolitik ermöglichen; dies stand einer freiheitlichen Ordnung entgegen. Der Autor geht dann auf die Politik am Ende der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts ein; die Wirtschaftspolitik erhielt in der Großen Koalition eine andere Ausrichtung. Viele Bürger waren bereit, selbst Verantwortung zu übernehmen, um den Staat zu entlasten. Heute ging es darum, ein Gleichgewicht zwischen der Leistungskraft eines Landes und den bereits vorhandenen und zukünftigen Ansprüchen herzustellen und zu sichern. Dies ist schwierig angesichts verfestigter sozialer Strukturen. Die Ausweitung der Sozialmacht wird immer kritischer betrachtet; andere zivilgesellschaftliche Akteure mischen sich ein. Außerdem beklagt der Autor, dass das Subsidiaritätsprinzip immer weniger geschützt ist, wenn es sich je hat durchsetzen können. Regierungen verlieren langsam die Fähigkeit, ihre eigentlichen Aufgaben zu erfüllen – trifft dies nicht auch auf Politiker allgemein zu? Außerdem fordert Biedenkopf eine Reformation des Denkens.

Zu: Demokratie am Scheideweg. Ein Plädoyer für bürgerschaftliche Mitverantwortung und eine gemeinsame Entscheidungsvorbereitung (Volker Hassemer, Stefan Richter). Die Autoren gehen zunächst auf die Krise der repräsentativen Demokratie ein, die sie in einer Vertrauenslücke zwischen den Repräsentierten und den Repräsentanten sehen. Vor dem Hintergrund eines gestiegenen Interesses, als Bürger an den Entscheidungen beteiligt zu werden und in Aushandlungsprozessen einen Ausgleich zwischen Bürgerinteressen und den Interessen der politischen Entscheidungsträger gerät die repräsentative Demokratie unter Legitimationsdruck. Zwar gab es schon Formen der Bürgerbeteiligung, aber im Rahmen vorgeschriebener und gesetzter Regeln z. B. im Rahmen von Anhörungsverfahren und ähnlichen Möglichkeiten des Einspruchs. Aber dass Bürger auch die Entscheidungsentwürfe der politischen Akteure verwerfen und Alternativen entwickeln – das ist neu. Es wird dann die Stiftung Zukunft Berlin vorgestellt, die fünf Grundsätze bürgerschaftlicher Mitverantwortung entwickelt hat:

  1. Bürgerschaftliche Mitverantwortung ist ernsthaft gewollt.
  2. Es muss klar sein, worum es geht.
  3. Die Auswahl der Mitwirkenden ist begründet.
  4. Das Verfahren ist angemessen und transparent, seine Steuerung ist neutral.
  5. Die Bürger bleiben nach Abschluss des Verfahrens beteiligt.

Es geht um die Vorbereitung von Entscheidungen; in dieser Phase werden zwei Grundpfeiler formuliert:

  1. Bürger müssen sich auf Augenhöhe mit den Entscheidern verstehen können. Ihre Argumente haben die gleiche Geltung.
  2. Die Entscheidungshoheit der Politik muss aber gewahrt bleiben.

Diese Grundsätze werden jeweils kurz erläutert. Anschließend stellen die Autoren das Modell einer gemeinsamen Entscheidungsvorbereitung vor, das graphisch verdeutlicht wird, und schildern dann Beispiele der praktischen Anwendung. Sie schildern Idee und Verlauf sowie Erfahrungen und Beurteilungen in den Projekten.

Zu: „Erfolgsfaktor bei der Bürgerbeteiligung: Aus Emotionen technische Fragen machen“. Der Bello-Dialog in Berlin erprobte bürgerschaftliche Mitverantwortung konkret. Roland Löffler im Gespräch mit der Berliner Staatsekretärin für Justiz und Verbraucherschutz, Sabine Toepfer-Kataw, über das neue Hundegesetz. Bello steht wohl für den allseits bekannten Hundenamen. In diesem Gespräch entfaltet die Staatssekretärin ihre Vorstellungen von Bürgerbeteiligung. Sie stellt fest, dass viele Menschen eine begründete Meinung zu Themen haben, die sie angehen. Dabei wurde ein emotionales Thema zum Erstaunen der Staatssekretärin relativ unemotional diskutiert. Sie konstatiert, dass Bürgerbeteiligung die breite Rückendeckung der Verwaltung braucht und die Diskussion auf Augenhöhe zentrale Voraussetzung eines Dialogs ist.

Diskussion

Der Band vereinigt sehr unterschiedliche Beiträge zu seinem Titel. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln und unterschiedlichen Positionen und auch auf unterschiedlichen praktischen Ebenen und unterschiedlichen Ebenen der Theoriebildung stellen die Teilnehmer dieses Gesprächs ihre Überlegungen zum Thema an. Dabei treffen einige Autorinnen und Autoren das Thema besser als andere. Bei den anderen bedarf es einiger Interpretationsschritte, um das Thema Öffentlichkeit, öffentlicher Raum und Stadt heraus zu filtern. Das macht das Buch allerdings auch facettenreich, hat doch jeder aus seiner/ihrer Perspektive eine Vorstellung, was öffentliche Räume für die Bürger und für die Städte bedeuten und wie man sie von Seiten der Städte ausgestalten muss bzw. wie Bürger sie sich aneignen, mit Bedeutungen versehen, ihnen einen Wert geben. Vielleicht muss man das Thema Bürger und ihr öffentlicher Raum auch noch anders betrachten, als nur auf den Raum als solchen zu blicken.

Wo haben öffentliche Räume eigentlich noch ihre Potentiale, ihre Chancen und Möglichkeiten im Kontext der städtebaulichen Gestaltung einerseits und ihrer Aufenthaltsqualität für die Bewohnerschaft einer Stadt andererseits? Diese Fragestellung muss man eher herauslesen; die meisten der Beiträge beschäftigen sich eher mit den Problemen des Verfalls öffentlicher Räume und den daraus folgenden Gefahren und Risiken für die Stadtstruktur, für die demokratische Kultur und für die Entfaltung der kulturellen Dynamik einer Stadt. Sind öffentliche Räume mit ihrer politischen Bedeutung als Versammlungsort, mit ihren Präsentationsmöglichkeiten, mit ihrer Erlebnisqualität konstitutiv für die Urbanität einer Stadt? – ein Beitrag setzt sich mit dieser Frage auseinander. Aber diese Frage ist wichtig, wenn es darum geht die urbane Lebensweise zu analysieren, die Städte allemal entwickeln, weil es für die Identität dieser Städte von Bedeutung ist.

Fazit

Das Buch ist eine interessante Sammlung von Themen, Argumenten und Perspektiven der Analyse und Betrachtung der Funktion und Bedeutung öffentlicher Räume in der Stadt. Der Spannungsbogen reicht von sehr praktischen Fragen über Konzeptionen der Bürgerbeteiligung, die im öffentlichen Raum ihren Ausdruck finden, bis zu theoretischen Auseinandersetzungen mit der Kultur der Stadt und ihrer öffentlichen Präsentation und der Bedeutung der öffentlichen Räume einer Stadt für die demokratische Kultur einer Gesellschaft.

Summery

This book is a documentation of a conference of the Quandt-Stiftung (Foundation), who organizes such conferences in the context of the Sinclair-House-Discussions. It is an interesting collection of topics, arguments and perspectives of the analysis and consideration of the public spaces of cities. We find there the analysis of practical questions, concepts of participation, theoretical discourses and theoretical arguments for the public presentation of the culture as characteristically essentials of the city. Public spaces are the expression of a democratic culture of the city which is constitutive for the history and the structure of European cities.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 29.03.2017 zu: Christof Eichert, Roland Löffler (Hrsg.): Die Bürger und ihr öffentlicher Raum. Städte zwischen Krise und Innovation : 35. Sinclair-Haus-Gespräch. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2016. ISBN 978-3-451-34829-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21877.php, Datum des Zugriffs 20.08.2017.


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