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Branko Milanović: Die ungleiche Welt

Cover Branko Milanović: Die ungleiche Welt. Migration, das eine Prozent und die Zukunft der Mittelschicht. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2016. 311 Seiten. ISBN 978-3-518-42562-6. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

Hat die soziale Ungleichheit, gemessen an Einkommen und Vermögen, seit Beginn der Industrialisierung zugenommen? Wie sieht die Entwicklung innerhalb der Staaten und beim Vergleich zwischen den Volkswirtschaften aus? Welche Entwicklung ist, besonders unter Berücksichtigung der Globalisierung, in Zukunft zu erwarten? – Das sind die Fragen des Autors. Er setzt sich dabei mit der Annahme von Simon Kuznets auseinander, dass Ungleichheit mit wirtschaftlichem Wachstum zunächst zunehme, aber nach einer langen Phase der Verschärfung abnehme. Diese Kuznets-Hypothese modifiziert Milanovic und nimmt statt der Auf-Abwärts-Kurve eine zyklische Wellenbewegung an. Zur Erklärung ergänzt er den Kuznets-Ansatz um den Ansatz von Thomas Picketty (103).

Autor

Milanovic hat sich als Wirtschaftswissenschaftler auf dem Gebiet der Einkommensverteilung einen Namen gemacht. Er hatte zeitweise bei der Forschungsabteilung der Weltbank eine leitende Funktion. Zurzeit ist er Senior Scholar am Luxembourg Income Study Center und Visiting Presidential Professor an der City University of New York.

Aufbau und Inhalte

In der Einleitung erklärt der Verf. seine Fragestellung, d.h. seine Hypothese, und informiert über den Aufbau seines Buches.

Im 1. Kapitel zeigt er, in welchem Ausmaß einerseits die Mittelschichten in Asien, vor allem in China angewachsen sind und wie andererseits der Reichtum sich auf ein Prozent bzw. sogar auf 0,01 Prozent der Weltbevölkerung konzentriert.

Das 2. Kapitel steht unter der Frage „Wovon hängt langfristig die Entwicklung der Ungleichheit innerhalb der Länder ab?“ Der Verf. sieht zunächst die Kuznets-Hypothese bestätigt (Zunahme der Ungleichheit ab der Industriellen Revolution bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts mit anschließender Abnahme bis in die 1980er Jahre). Der seither sich wieder öffnenden Schere möchte er mit seiner Zyklen-Theorie gerecht werden. Für soziale Differenzierung wie für Nivellierung macht der Verf. ein Wechselspiel wirtschaftlicher und politischer Faktoren verantwortlich (95), wobei die zyklische Entwicklung nur für moderne Volkswirtschaften mit Wachstum gilt. Milanovic unterscheidet „gutartige“ und „bösartige Mechanismen“ oder Kräfte (Kriege, Revolutionen, Sozialpolitik etc.). Länderanalysen für USA, GB, Deutschland und andere EU-Staaten, Japan, Chile und Brasilien beschließen das Kapitel.

Im 3. Kapitel wird untersucht, wie sich das Einkommensgefälle zwischen den Ländern bzw. den Bevölkerungen in den letzten 200 Jahren entwickelt hat. Der Verf. stellt fest, dass die Ungleichheit um 1970 ihren Höhepunkt erreicht hatte und danach eine Angleichung stattfand, was auf die Aufholjagd Chinas und Indiens zurückzuführen ist. Aufmerksam gemacht wird auf die Differenz und mögliche Koinzidenz von „orts-“ und „klassenabhängiger“ Ungleichheit, und welche Dimensionen der „Ortsbonus“ (142) bzw. Länderbonus haben kann, was den Migrationsdruck aus dem globalen Süden verständlich macht (158). Der Verf. beleuchtet kritisch die Abschottung der reichen Regionen (152ff.) und erörtert mögliche Strategien einer sozialverträglichen Öffnung (160ff.).

Das 4. Kapitel ist der Versuch, zukünftige mögliche Entwicklungen im Lauf dieses Jahrhunderts auszumachen, wobei sich der Verf. weitgehend damit begnügt, aktuelle gesellschaftliche Prozesse und die Reaktionen darauf zu analysieren, einerseits die zunehmende sozioökonomische Konvergenz zwischen Asien und den nordatlantischen Staaten, andererseits die verschärfte Ungleichheit innerhalb der USA und Europas. Der Schwund der Mittelschicht wird als bedrohlich für das politische System gesehen. Für Afrika weckt der Verf. keine großen Erwartungen.

Diskussion

Der Blick auf die soziale Welt ist der Blick des Weltbank-Experten. Das BIP pro Kopf und der Gini-Koeffizient spiegeln die jeweilige soziale Situation nur bedingt wieder. Aber wer sich das klar macht, kann das Buch mit Gewinn lesen, wenn er/sie über ein paar fragwürdige Stellen hinwegsieht. Das betrifft vor allem die vom Verf. erwogenen Strategien einer für die Einwanderungsgesellschaften akzeptablen Öffnung der Grenzen (z.B. Lohnabschläge oder Sondersteuern für Zugewanderte). Befremdlich ist nach den Erfahrungen von 1933 die Würdigung der Mittelschicht als „Hüter von Demokratie und Stabilität“ (205), zumindest aus deutscher Sicht. Dabei scheint sich der Verf. an anderer Stelle selbst nicht sicher zu sein, ob diese Schicht nicht im Zweifelsfall die Stabilität gegenüber der Demokratie vorzieht.

Überhaupt findet man im letzten Kapitel einige Widersprüche. Einerseits konstatiert Milanovic, dass das Bildungsniveau nur noch wenig Einfluss auf Einkommen und Sozialstatus hat (226). Andererseits empfiehlt er eine Stärkung der öffentlichen Bildung als Mittel gegen die soziale Schließung (232). Und obwohl er die Konzentration und Zentralisation des Kapitals im Zug der Globalisierung bestätigt, erörtert er die Vermögensbildung in breiten Schichten als politische Alternative (ebd.).

Ein Verdienst des Verf. ist es, dass er den Blick für die ungeheure Kluft zwischen dem globalen Norden und Süden nochmals öffnet, ohne die großen Differenzen innerhalb beider Hemisphären zu vernachlässigen. Wachstumskritik würde bei Milanovic auf starke Einwände stoßen; denn für ihn ist der Beitrag des Wachstums für die Verbesserung der Lebensbedingungen in den ärmeren Ländern kaum zu überschätzen (243). Die Folgen der Vermögenskonzentration in USA und Europa werden in ihrer ganzen Dramatik verdeutlicht. Bestätigt wird wiederholt in dem Buch der von manchen noch in Frage gestellte „Globalisierungsdruck“ auf Wirtschaft und Politik.

Fazit

Das Buch liefert einen guten Überblick über innergesellschaftliche und interkontinentale soziale Ungleichheit, gemessen an Einkommen und Vermögen und mit Daten und Schaubildern belegt. Die Vogelschauperspektive des Weltbank-Experten hat auch ihre Vorzüge. Denn soziale Verwerfungen und Probleme werden kühl und schonungslos aufgezeigt und abgewogen. Hervorzuheben ist abschließend das starke Bemühen um Verständlichkeit.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 20.12.2016 zu: Branko Milanović: Die ungleiche Welt. Migration, das eine Prozent und die Zukunft der Mittelschicht. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2016. ISBN 978-3-518-42562-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21878.php, Datum des Zugriffs 14.12.2018.


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