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Silvio Vietta: Die Weltgesellschaft

Cover Silvio Vietta: Die Weltgesellschaft. Wie die abendländische Rationalität die Welt erobert und verändert hat. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. 240 Seiten. ISBN 978-3-8487-2998-2. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR.
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Weltgesellschaft – Vision oder Wirklichkeit

Von der EINEN WELT ist die Rede, und die „kreative Vielfalt“ wird beschworen (Weltkommission „Kultur und Entwicklung“, 1995), wenn die auf der „globalen Ethik“ fußenden Voraussetzungen für globale Humanität und Verantwortung in das Bewusstsein der Menschheit gebracht werden: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“ (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948). Die Frage nach der Einheit und Gleichwertigkeit der menschlichen Individuen und Völker kann als das Grundanliegen des Humanum angesehen werden, wie dies in den anthropologischen, antiken Philosophien mit der Stellung des anthrôpos auf der obersten Stufe der scala naturae (Aristoteles) zum Ausdruck kommt.

Entstehungshintergrund und Autor

Freilich: In der Realität des menschlichen Daseins tut sich eine Kluft auf zwischen den Auffassungen, ob der Mensch des Menschen Feind oder Freund sei, und ob dem Menschen die Erde oder der Mensch zur Erde gehöre. Soll sich also der Mensch mit seinem Verstand und seinem Können die Erde untertan machen, oder soll er sich der Welt zugehörig wissen? Das Wissen, dass es die Welt als Lebensraum der Menschen und der anderen Lebewesen gibt, kann als das intellektuelle Plazet des Menschseins angesehen werden. Mit der Ratio, der Vernunftfähigkeit, entwickelt der Mensch seine Weltanschauung, und er ordnet seinen Umgang mit der Welt je nach den objektiven oder subjektiven Einstellungen, den erworbenen Identitäten und den gewordenen Ideologien ein. Es sind Machtpositionen und Höherwertigkeitsauffassungen oder humane Gleichheitsvorstellungen, die den Rationalitätsbegriff bestimmen.

Es ist deshalb verdienstvoll, dass der (em.) Literatur-, Kultur- und Geschichtswissenschaftler von der Universität Hildesheim, Silvio Vietta sich der Frage annimmt, wie die abendländische Rationalität die Welt erobert und verändert hat. Wir reden vom Eurozentrismus, wenn damit erklärt werden soll, welche physischen, psychischen, idealistischen, rationalen und ideologischen, evolutionären und revolutionären Einflüsse das abendländische und europäische Denken und Handeln auf die Weltentwicklung bewirkt haben. Es ist die Geschichte der Eroberungen, der Machtausübung und -verbreitung, von Hegemonie und Unterdrückung, von Kapitalismus und Liberalismus, und von der Janusköpfigkeit des rationalistischen, westlichen Agierens und Re(a)gierens. Vietta reflektiert die abendländische Rationalität als „Entwicklungsgeschichte ..., die den erobernden Zugriff auf die Welt allererst ermöglicht hat, in welchem Verlauf der Welteroberung die Welt und das Wissen über sie zugleich sich ausbreitete und wandelte“. Die Forschungsarbeit umfasst damit eine Bestandsaufnahme des rationalen, historischen Gewordenseins der Weltennahme, die Analyse über die Bedingungen und Wirkungen in der Gegenwart, und eine Perspektive auf zukünftige mögliche, wünschenswerte Entwicklungen einer humanen Welt.

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert die Arbeit neben der Einführung in die Thematik in vier Kapitel.

  1. Im ersten Kapitel („Revolution der Rationalität“) setzt sich der Autor mit den historischen Entwicklungen in der abendländischen Wissenschaft und Technik auseinander und reflektiert die Begrifflichkeiten, etwa den „Weltbegriff“.
  2. Im zweiten Kapitel benennt der Autor mit der Markierung „Militärische Rationalität“ die vielfältigen, gewaltsamen und machtvollen Strategien und Eroberungen.
  3. Im dritten Kapitel geht es um die Spannweite von „Rationalität und Religion“.
  4. Das vierte Kapitel behandelt „Rationalität und Reichtum“.

Rationales Denken, das sich zum tätigen, vernunftgeleiteten Handeln entwickelt, bildet gleichsam eine neue, aktive Form der menschlichen Existenz und schafft einen erweiteten und entgrenzenden Zugang, eine (theoretische) ganzheitliche Sicht und eine materielle, also stoffliche Handhabung der Weltbetrachtung und Weltauseinandersetzung. Die Verbindung von Wissenschaft und Technik schafft gleichzeitig Defizit und Mehrwert, die sich aus dem Theorie-Praxis-Dilemma ergeben. Probleme, Effekte und Perspektiven beim Raum-, Zeit- und funktionalen Denken und Handeln in der „Rechnergesellschaft“ und dem World-Wide-Web heute verdeutlicht der Autor mit dem Projekt „Smart City“, bei dem „der total kontrollierte Raum und der total unkontrollierte. hart aufeinander stoßen“.

Welteroberung, das drückt schon die Bezeichnung aus, vollzieht sich durch Machtausübung. Die machtpolitische Geschichte der Menschheit ist geprägt von der militärischen Rationalität, die immer basiert auf irrationalen Motiven. Macht macht Macht – diese Erfahrung liegt allen Expansionen, Eroberungen, Hegemonien, Bürger- und Weltkriegen zugrunde. Und sie wirkt als (geopolitisches, klassenkämpferisches, ethnozentrisches und ideologisches) Muster.

Der abendländische Rationalismus ist immer wieder befeuert und angegriffen worden durch Weltanschauungen und Glaubensmacht. Im Spannungsfeld von Rationalität und Religion wirken verschiedene Antriebs- und Fliehkräfte, wie etwa die der Rationalität innewohnende Kritik, die ihr ebenfalls beigeordnete Ideologie, sowie der Absolutheitsanspruch, aber auch der rationalen wie kontroversen Begründung, dass der Mensch ein religiöses Lebewesen ist. Die in der (europäischen) Aufklärung entwickelten Menschenrechte – Freiheit des Individuums, Freiheit des Glaubens und der Weltanschauung, Toleranz, Humanität und Laizismus – sind Maßstab für einen rationalen Umgang mit Religion.

Bei allen rationalen Überlegungen und Analysen steht gewissermaßen im Vorder- wie im Hintergrund die Frage nach der Gerechtigkeit. In allen Prognosen über den Zustand der Welt wird die Forderung vorangestellt, etwa in den Berichten an den Club of Rome mit der Mahnung, dass das Ende des ökonomischen Wachstums erreicht sei (1971), dass es ein weiteres „business as usual“ nicht geben könne, wie dies der Brundtlandbericht 1987 fordert, der Aufforderung zum Paradigmenwechsel, nämlich „umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“, wie es im Bericht der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 heißt, und aktuell mit den von den Vereinten Nationen ausgerufenen, globalen Nachhaltigkeitszielen. Diese Aufbruchs- und Veränderungsstimmung hin zu einer nachhaltigen Entwicklung bedarf des rationalen Denkens und Handelns, verbunden mit den Kompetenzen zum emotionalen und visionären Bewusstsein. „Rationalität tendiert zur Beengung von Individualität durch Disziplinierung und Kontrolle, eine rational organisierte Gesellschaft braucht solche Fähigkeiten auch, aber sie braucht für das Glücksgefühl von Bürgern in ihr auch jene Freiräume, in denen sich ein selbst bestimmtes und für andere Erfahrung offenes Lebensgefühl entfalten kann“. Die skandalösen und menschenunwürdigen Entwicklungen, dass die bereits Wohlhabenden und Mächtigen immer reicher und mächtiger und die Habenichtse und Ohnmächtigen immer ärmer und ohnmächtiger werden, lassen sich rational weder begründen, noch rechtfertigen!

Hinweise auf weiterführende Literatur

Hinweis auf eine weitere, grundgelegte und weiter verweisende Arbeit des Autors: Michael Gehler / Silvio Vietta, Hrsg., Europa – Europäisierung – Europäistik. Neue wissenschaftliche Ansätze, Methoden und Inhalte, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/9268.php, und auf ausgewählte Literatur zur Thematik:

Fazit

„Rationalität meint eine spezifische Form des Denkens, die durch Kausalität, Zielstrebigkeit, also eine möglichst zielführende Zweck-Mittel-Relation geprägt ist“. Mit dieser Definition nähert sich der Autor den historischen, philosophischen, gesellschaftspolitischen und kulturspezifischen, zweckrationalen Fragestellungen und Quellendiskussionen. Dass er dabei nicht stehen bleibt, sondern analysiert, wie die verschiedenen, weltgesellschaftlich entstandenen, rationalen Denk- und Handlungsformen an die globalen Bedürfnisse und die globale Ethik Hier, Heute und Morgen angepasst und verändert werden können, macht die Forschungsarbeit zu einem Baustein für eine „Theorie der Rationalität“.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 07.12.2016 zu: Silvio Vietta: Die Weltgesellschaft. Wie die abendländische Rationalität die Welt erobert und verändert hat. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. ISBN 978-3-8487-2998-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21880.php, Datum des Zugriffs 24.07.2017.


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