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Esther Dorn-Fellermann: Zivilgesell­schaftliches Engagement durch Community Radios

Cover Esther Dorn-Fellermann: Zivilgesellschaftliches Engagement durch Community Radios. Chancen und Grenzen partizipativer Medienarbeit in Südafrika. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2016. 367 Seiten. ISBN 978-3-86764-647-5. D: 49,00 EUR, A: 50,40 EUR.
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Das Radio als Informations-, Aufklärungs- und Integrationsmittel

Der Rundfunk hat insbesondere in Gesellschaften und Staaten, die Transformationsprozesse durchlaufen, oder sich aus kolonialen und dominanten Abhängigkeitsverhältnissen befreien und sich zu unabhängigen Ländern entwickeln, eine besondere Bedeutung. Die Wichtigkeit, über den Rundfunk politische und kulturelle Nachrichten zu verbreiten und Unterhaltung zu senden, zeigt sich insbesondere in Gesellschaften, deren Kulturen, wie in Afrika, über Jahrtausende nicht in erster Linie auf der Verschriftlichung, sondern auf der mündlichen Überlieferung beruhten. Das gesprochene und gehörte Wort und der Rhythmus, direkt und über das Radio vermittelt, hat im individuellen und gesellschaftlichen Leben der Menschen ein herausgehobenes Gewicht. So wundert es nicht, dass in den meisten afrikanischen Ländern nach der Unabhängigkeit die Alphabetisierungs- und Integrationsprogramme über den Rundfunk ausgestrahlt wurden.

Entstehungshintergrund und Autorin

Die Bedeutung des Radios bei der gesellschaftspolitischen Entwicklung in den afrikanischen Ländern ist heute, trotz der Zunahme der Print-, TV-Medien und des World-wide-Web, nicht geringer geworden. Das Radio als anschaffungs- und kostengünstiges Gerät und die im Gegensatz zu den TV- und virtuellen Medien einfacheren Produktions- und Sendebedingungen der Radiomacher machen den Rundfunk zu einem wirksamen Instrument für eine zivilgesellschaftliche und demokratische Entwicklung, vor allem dann, wenn das Community-Radio-Konzept (CR) institutionell an der Verfasstheit einer zivilgesellschaftlichen, demokratischen, freiheitlichen Antidiskriminierungspolitik ausgerichtet ist, wie dies in der Verfassung der Südafrikanischen Republik von 1997 u. a. „in Bezug auf Antidiskriminierung, die nicht nur die Hautfarbe betreffend geregelt ist, sondern auch andere Gruppen einschließt, die bisher wegen ihres Glaubens, ihrer sexuellen Neigungen, ihres Geschlechts oder ihrer Herkunft benachteiligt wurden“.

Die Politikwissenschaftlerin Esther Dorn-Fellermann hat 2014 an der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn mit ihrer Forschungsarbeit „Zivilgesellschaftliches Engagement durch Community Radios“ promoviert. Sie ist als Research Assistant bei der Deutsche-Welle-Akademie in Köln tätig. Es sind Fragen, wie sich in entstehenden Mediengesellschaften positive Partizipationskulturen entwickeln und welche Chancen und Grenzen partizipativer Medienarbeit in Südafrika vorfindbar sind: „Es wird davon ausgegangen, dass sich die demokratisierende Wirkung eines partizipativ organisierten CommunityRadios vor allem bei den Akteuren im täglichen Sendebetrieb durch den Erwerb von Medienkompetenzen sowie durch die Auseinandersetzung über inhaltliche und organisatorische Fragen entfaltet“. Die Forschungsarbeit basiert auf Leitfadeninterviews vor Ort (2011) mit den verantwortlichen Leitern von fünf ausgewählten Radiostationen und weiteren Engagierten in der Provinz Eastern Cape, Höreranalysen und der Sichtung von Dokumenten, wie Satzungen, Leitfäden, Lizenzen, Sendeplänen. Die bei den untersuchten Stationen vorfindbaren Situationen lassen freilich nur bedingt generalisierende Schlüsse zu. Sie bieten aber Anhaltspunkte und zu analysierende Fragen im Zusammenhang mit den in der Arbeit grundgelegten Leitfragen: Partizipation – Transparenz – Medienkompetenz – Programmentwicklung – Bezug zur Community.

Aufbau und Inhalt

Die Forschungsarbeit wird, neben der Einleitung und der Schlussbetrachtung und unter Voranstellung eines ausführlichen Abkürzungsverzeichnisses, in die folgenden Artikel gegliedert:

  • Zivilgesellschaftliches Engagement durch Medien
  • Radio als partizipatives Medium
  • Zivilgesellschaftliches Engagement in der südafrikanischen Transformation
  • Radio in Südafrika: Die Rahmenbedingungen
  • Zivilgesellschaftliches Engagement durch Community Radios
  • Chancen und Grenzen partizipativer Medienarbeit in Südafrika.

Im Anhang werden die in der Forschungsarbeit grundgelegten und benutzten Quellen- und methodischen Materialien aufgeführt.

Immer wenn Erwartungshaltungen, Bestandsaufnahmen und Forderungen nach zivilgesellschaftlichem, demokratischem Engagement formuliert und analysiert werden, kommt es darauf an, sich über die Begrifflichkeiten und Wertvorstellungen zu verständigen: Was wird unter einer „bürgerlichen Gesellschaft“ verstanden? Wie soll „bürgergesellschaftliches Engagement“ aussehen? Wie entstehen „Partizipation“ und „Solidarität“? Welche Rolle nehmen dabei „Medien“ ein, und welche Wirkungen üben sie im „Kommunikationsprozess“ aus? Wenn Radio also als „partizipatives Medium“ benannt wird, kommt es auch darauf an, die Geschichte des Rundfunks als „westliche“ Technologie zu erkunden und die Imponderabilien im interkulturellen Diskurs zu diskutieren; und damit eben auch die sozialen, kulturellen und politischen Funktionen des Radios aufzudecken.

Das Community Radio, wie es sich in afrikanischen, aber auch in lateinamerikanischen Ländern entwickelt hat ( siehe dazu z. B. die Freire-Pädagogik, wie sie in Deutschland von der Paulo-Freire-Kooperation: Dialogische Erziehung, ISSN 1433-4895, diskutiert wird ), und sich als Initiative für zivilgesellschaftliches Engagement im südafrikanischen Transformationsprozess zeigt, unterscheidet sich zwar nicht grundlegend von den westlichen Radiotechniken, jedoch deutlich von den institutionellen und rechtlichen Vorgaben. Das CR ist kaum zu vergleichen mit den meist staatlich geförderten, finanzierten, lizenzierten und kontrollierten Radiostationen; sie sind ansatzweise eher vergleichbar mit den „Bürgerradios“, wie sie in einigen Bundesländern nach deren Mediengesetzgebung als nichtkommerzieller Lokalfunk deklariert werden und z. B. nach dem Niedersächsischen Mediengesetz von 2001 „die lokale und regionale Berichterstattung ergänzen und allen interessierten Bürgerinnen und Bürgern den Zugang zum Rundfunk gewähren und Medienkompetenz vermitteln“ soll. Von der staatlichen, gesetzlich geregelten Mitfinanzierung der Bürgerradio-Initiativen in Deutschland freilich können (süd-)afrikanische CR-Radiomacher nur träumen. Nach der südafrikanischen Verfassung überwacht und kontrolliert der Staat die Einrichtung und den Betrieb von CR-Initiativen, vergibt Sendefrequenzen und -lizenzen. Die IBA (Independent Broadcasting Authority) wacht darüber, dass keine rassistischen, diskriminierenden und ideologischen Sendungen ausgestrahlt werden, dass eine Balance zwischen Werbeeinnahmen und Einfluss auf die Berichterstattung und Sendekultur eingehalten wird, und (ansatzweise) die Unabhängigkeit der Radioarbeit gewährleistet ist.

Auch wenn die Bedingungen der rund 10 CR-Stationen in Südafrika mit den Bürgerradio-Initiativen im Westen nicht vergleichbar sind, stellt die Autorin fest, dass die „südafrikanische Medienlandschaft ( ) dennoch als differenziert und weit entwickelt angesehen werden (kann)“. Das auf den drei Säulen ruhende südafrikanische Mediensystem – Public Service Broadcaster, kommerzieller und Community Radio-Sektor – wird im Rundfunkgesetz von 1999 geregelt. Demnach sind CR-Initiativen darauf verwiesen, ihren Kosten- und Finanzierungsbedarf weitgehend über Spenden, Sponsoring, Werbung und Mitgliedsbeiträgen zu decken. Mit der 2003 gegründeten „Media Development & Diversity Agency (MDDA)“ immerhin sollen Pressefreiheit und Unabhängigkeit der Sender gewährleistet werden: „Für die soziale Nachhaltigkeit ist die partizipative Kommunikation entscheidend“.

In der sich immer interdependenter, entgrenzender und globaler entwickelnden (Einen?) Welt ist die Frage obsolet: Was haben wir, in Deutschland und Europa, mit einer nachhinkenden oder sich im Rahmen der südafrikanischen Transformation bildenden eigenständigen Radiolandschaft zu tun? Wenn eine friedliche, gerechte und demokratische Eine Welt entstehen soll, kann es uns nicht egal sein, ob und wie sich zivilgesellschaftliches Engagement hier bei uns und anderswo bildet. Der Community-Radio-Sektor in Südafrika beginnt sich, das ist ein Ergebnis der Forschungsarbeit von Esther Dorn-Fellermann, offensiv und vielversprechend zu entwickeln. Das könnte sich beispielgebend auf Initiativen in anderen (afrikanischen, lateinamerikanischen und asiatischen) Ländern auswirken und positive Einflüsse auf die globale Entwicklungszusammenarbeit haben.

Fazit

Die vermutlich erste wissenschaftliche Untersuchung über die Entwicklung und Nutzung, Wirkungen und Defizite, Aktivitäten und Irrwege einer partizipativen Aufklärung, Information und Bildung durch Community Radios in Südafrika liefert keine Rezepte; auch die Visionen halten sich in Grenzen. Die Forschungsarbeit besticht durch ihre realistische Zugangsweise und „vor Ort“ ermittelten Wirklichkeiten: „Partizipative Medienarbeit führt nicht automatisch zu einem demokratieorientierten Programm“; es sind die Rahmenbedingungen, die ein solches ermöglichen oder verhindern. Und es sind die Menschen, die verantwortungsvoll und engagiert Community Radio machen – das aber ist eine Voraussetzung, die überall gilt!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 24.11.2016 zu: Esther Dorn-Fellermann: Zivilgesellschaftliches Engagement durch Community Radios. Chancen und Grenzen partizipativer Medienarbeit in Südafrika. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2016. ISBN 978-3-86764-647-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21895.php, Datum des Zugriffs 18.08.2019.


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