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Christian Steuerwald (Hrsg.): Klassiker der Kunstsoziologie

Cover Christian Steuerwald (Hrsg.): Klassiker der Kunstsoziologie. Prominente und wegweisende Ansätze. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2017. 1079 Seiten. ISBN 978-3-658-01454-4. D: 89,99 EUR, A: 71,95 EUR, CH: 87,50 sFr.
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AutorInnen und Entstehungshintergrund

Die Reihe „Kunst und Gesellschaft“, die von Christian Steuerwald beim Springer Verlag herausgegeben wird, hat es sich zur Aufgabe gemacht, verschiedene Ansätze der Soziologie der Kunst zu sammeln und zusammenzubringen.

Nach dem Eröffnungsband „Perspektiven der Kunstsoziologie“, der 2013 erschien und den Steuerwald mit herausgab, ist „Klassiker der Soziologie der Künste“ der achte Band dieser Reihe. 42 AutorInnen schreiben in 42 Texten über 44 Personen, die für eine Soziologie der Künste wichtig sind. Damit fasst der Band über 1000 Seiten und gibt einen weiten Überblick über die Thematik.

Aufbau

In dem Orientierungswerk werden Ansätze gesammelt, die klassisch, bedeutend oder prominent sind, wobei der Herausgeber in seiner Einleitung betont, weder eine Enzyklopädie noch Vollständigkeit mit diesem Sammelband erreichen zu wollen. Steuerwald verortet den Ursprung einer Soziologie der Künste bereits in den ästhetischen und staatstheoretischen Schriften Platons. Hier wird bereits der Verbindung Gesellschaft und Kunst sowie ihren Funktionsweisen in der Gesellschaft nachgegangen. Durch die von ihm beschriebene vermeintliche Gefahr, dass Kunst nur nachahmt und dadurch die Wahrheit verfälscht, seien seine Überlegungen für eine kunstsoziologische Weiterentwicklung bedingt heranzuziehen. Erst mit Giorgio Vasari und seinen Gedanken zur Kunsttheorie werden gesellschaftliche Bedingungen im Feld der Kunst diskutiert.

Darüber hinaus folgt eine kommentierte Namensliste bis in die Gegenwart, wobei auch Personen erwähnt werden, die nicht in den Sammelband Eingang gefunden haben. Detailliert setzen sich die AutorInnen des Bandes ab dem 19. Jahrhundert mit Kunst und Gesellschaft auseinander. Er beginnt mit Karl Marx und Friedrich Engels. Danach folgen Hippolyte Taine, Jean-Marie Guyau, Georg Simmel, John Dewey, Max Weber, Emilie Altenloh, Siegfried Kracauer, Erwin Panofsky, Arnold Hauser, Walter Benjamin, Norbert Elias, Alfred Schütz, Leo Löwenthal, Theodor W. Adorno, Arnold Gehlen, René König, Maurice Merleau-Ponty, Gisèle Freund, Alphons Silbermann, Kurt Blaukopf, Roland Barthes, Jurij Michailovi Lotman, Clifford Geertz, Michel Foucault, Gerhardt Kapner, Niklas Luhmann, Howard S. Becker, Jürgen Habermas, Jean Baudrillard, Pierre Bourdieu, Richard A. Paterson und Paul J. DiMaggio, Susan Sontag, Peter Bürger, John Fiske, Néstor García Canclini, Hans Peter Thurn, Eilean Hooper-Greenhill, Werner Gephart, Antoine Hennion, Nathalie Heinich sowie Bernard Lahire.

Ausgewählte Inhalte

Da die große Auswahl an AutorInnen nicht in einer Rezension detailliert gewürdigt werden können, sollen hier aus dem Inhalt vier besprochen werden. Die Auswahl soll sowohl die Zeitspanne der ausgewählten Personen verdeutlichen, als auch die Zusammenhänge und kritische Reflexion der Aufsätze unterstreichen.

Den Beginn des Buches machen Karl Marx und Friedrich Engels. Beide hatten Ende der 1830er Jahre sehr starke literarische Ambitionen. Jedoch sind für eine Soziologie der Künste die philosophischen Auseinandersetzungen mit zum Beispiel Hegel und Feuerbach interessanter. Ihr großer Wert liegt für den Autor Frank Biewer in der „Neubestimmung des Verhältnisses von Kunst, Gesellschaft und Ökonomie“ (27). Dafür steht zum Beispiel das unegale Verhältnis oder die Ungleichzeitigkeit zwischen materieller und geistiger Produktion, wie es Marx in der Einleitung zur „Kritik der politischen Ökonomie“ formuliert. Durch die stetige Überarbeitung des Basis-Überbau-Theorems von beiden, aber auch durch die vorrangige Bemühung Engels, soll ein deterministisches Verständnis einem dynamischen Verhältnis zwischen Kunst und ihren sozialen Kontexten weichen, wenn auch in letzter Instanz sich die ökonomische Notwendigkeit durchsetze. Während man hier argumentieren könnte, dass die Kunst in den Schriften Marx und Engels eher beiläufig thematisiert wird, als zum Beispiel die Themen Religion, Recht oder Literatur, bricht Biewer eine Lanze dafür, Kunst hier als zentrales Moment zu sehen. Wenn Arbeit das menschliche Wesen bestimmt und die kapitalistische Produktion den Menschen entfremdet, ist die Funktion von Kunst das sinnliche Potential des Menschen zurückzugewinnen. „Marx und Engels kümmern sich in ihren Schriften jedoch intensiver um die Situation von Schriftstellern und Künstlern und die sozialen Rahmenbedingungen, denen sie in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts unterliegen, als auszumalen, was einmal sein könnte“ (33). So betonen sie, dass die Arbeit eines Schriftstellers mehr den gesellschaftlichen Strukturen und der Ökonomie gleicht und somit ein produktiver Schriftsteller im Sinne des Kapitals entsteht, der weder für sich noch für andere schreibt.

Dass den künstlerischen Werken zu wenig Eigensinn attestiert wird, kritisiert Susan Sontag, die in ihrem berühmten Essay „Against Interpretation“ ein Neudenken der gängigen marxistischen Interpretationen fordert. Sontag realisierte Filme, schrieb vier Romane, ein Theaterstück und eine Vielzahl von Kurzgeschichten sowie Essays. Für die Wissenschaftlerin Andrea Glauser ist das Zentrum Sontags Interesses die Verbindung zwischen bestimmten Phänomenen und den sozialen Kontexten. „Kunst ist dabei ein zentraler Aspekt von Gesellschaft, der in Sontags Untersuchungen nahezu omnipräsent ist“ (838). Ein Fokus stellt in diesem Zusammenhang die Fotografie dar, welche Sontag einerseits als Massenvergnügen, andererseits als ein wichtiges Medium künstlerischer Ausdrucksformen charakterisiert. Glauser thematisiert Sontags Publikatonen „On Photography“ sowie „Regarding the Pain of Others“ und zeigt den Wandel in Sontags ersten Überlegungen, dass Kriegsfotografie dazu führe, das Empfinden der RezipientInnen durch die Hohe Quantität der Bilder vom Kriegsschauplatz abzustumpfen. In der letzteren Auseinandersetzung mit Kriegsfotografie kommt sie zu dem Schluss, dass diese „gewisse Formen der Naivität unterlaufe und Unwissen über menschliches Gewalthandeln weitestgehend verunmögliche“ (845). Während die Schriften zur Fotografie sehr breit rezipiert wurden, sind es gerade ihre Texte zur Kunst, wie in „Styles of Radical Will“, „Under the Sign of Saturn“ und „Where the Stress Falls“, die für eine soziologische Beschäftigung mit künstlerischen Werken enorme Wichtigkeit aufweisen und aufgrund der geringen Wahrnehmung ‚neu‘ entdeckt werden müssten.

Dagmar Danko schreibt über Nathalie Heinich, die sich seit über 40 Jahren mit einer Soziologie der Künste beschäftigt. Für sie sei die Kunst innerhalb der Soziologie eine große Herausforderung, da die Kunst vom Sozialen am weitesten entfernt betrachtet werde. Vielleicht ist das auch der Grund, dass Heinich Kunst und Soziologie zu ihrem primären Forschungsfeld macht. Als Doktorandin von Pierre Bourdieu beschäftigte sie sich mit der Malerei des 17. Jahrhunderts in Frankreich. Später arbeitet sie selbständig als Forscherin, mitbegründet in den 1990ern die kunstsoziologische Zeitschrift „Sociologie de l´Art“ und systematisiert 1998 „ihre Vorstellung einer ‚pragmatischen (Kunst-)Soziologie‘ in“ (1043) „Ce que l´art fait à la sociologie“. Im Jahr 2001 veröffentlicht sie die Überblicksdarstellung einer möglichen Kunstsoziologie „La sociologie de l´art“. Sie zeichnet darin Kunstsoziologie nach einer Abfolge von drei Generationen nach, wobei in der Soziologie zuerst nach dem Wechselspiel Kunst und Gesellschaft gefragt, danach Kunst in der Gesellschaft nachgesprüt und zuletzt Kunst als Gesellschaft verstanden wurde. „Mit ihrer Hinwendung zu einer Soziologie der Werte deutet Heinich an, inwiefern die Herausforderung, die die Künste für Soziologen darstellen, nur gemeistern werden kann, wenn auch die ‚großen‘, grundsätzlichen Themen wie Identifikationskonstruktionen, Normen und Werte, Politik und Moral in Angriff genommen werden“ (1058).

Der letzte Artikel des Sammelbandes beschäftigt sich mit dem französischen Soziologen Bernard Lahire und befasst sich somit mit einem Kritiker Heinichs. Während sie, zum Beispiel in ihrer wissenschaftlichen Auseinandersetzung „Être écrivain“ über AutorInnen, sich mit dem Schwerpunkt Selbstwahrnehmung und -inszenierung beschäftigte, verfasste Lahir den Gegenentwurf mit „La condition littèraire“. Léonor Graser beschreibt die biographischen Pfade Lahires und hebt die Beziehung zu Bourdieu hervor, der eine starke Faszination auf Lahire ausübt und dessen Gedanken aufgenommen werden, wobei Lahire auf der einen Seite die Wichtigkeit Bourdieus betont, aber auf der anderen Seite auch die Grenzen aufzuzeigen und Inkohärenzen aufzudecken versucht. In seiner Forschung stehen Individuum und Gesellschaft sich nicht diametral gegenüber, sondern ergänzen sich. Es geht „ihm darum, die besondere Bedeutung beobachtbarer Variationen des Verhaltens zu verstehen, nicht nur zwischen den sozialen Klassen und Gruppen, sondern auch auf intra- und interindivvidueller Ebene, in synchroner und diachroner Perspektive“ (1067). Lahire bemüht sich mittels quantitativen und qualitativen Methoden der Heterogenität und Pluralität von Paradigmen nachzuspüren, wobei die Forschungsarbeiten keinen Vergleich scheuen dürfen. Dabei wird er unter anderem dafür kritisiert, wissenschaftliche Arbeiten an seinen eigenen Ansprüchen zu messen und dass er diese des Vergleichs für unwürdig hält. So „scheint Bernard Lahire manchmal die Mechanismen kultureller Herrschaft in Gang zu halten, die zu überwinden er auffordert“ (1076).

Diskussion und Fazit

Nach den 40 Vorstellungen und Einführungen von 42 prominenten und bedeutenden Personen ist man zum einen von der Fülle an Informationen erschlagen, zum anderen scheint das Bedürfnis da zu sein, die Namensliste zu erweitern. Wo sind zum Beispiel Immanuel Kant und Karl Rosenkranz oder für die Gegenwart Hannah Deinhart und Janet Wolff, um nur ein paar zu nennen? Die interessierte LeserInnenschaft wird sicherlich noch einige Namen vermissen. Doch hier kommen wir in ein Fahrwasser, das dem Herausgeber nicht unbekannt ist, hat er doch gleich zu Beginn in der Einleitung die Unvollständigkeit der Liste hervorgehoben und betont, keine vollständige Enzyklopädie erstellt zu haben. „Allein bis Anfang der 1970er werden mehr als 2300 Veröffentlichungen kunstsoziologischer Schriften in einer kommentierten Bibliographie von Alphons Silbermann (1973) zusammen getragen [!]. Bis heute sind es mehr als 20.000 Arbeiten“ (9f).

Während die Quantität der Artikel also in einer nächsten Auflage erweitert werden kann – dafür wären allerdings zwei Bände zu empfehlen –, halten die Aufsätze dieser Auflage was das beschriebene Vorhaben in der Einleitung verspricht. Die Auswahl gibt einen guten Überblick über AutorInnen, die sich sowohl am Rande ihrer Arbeit einer Soziologie der Künste widmen als auch konkret an der Schnittstelle Soziologie und Kunst Forschungen realisieren. Für WissenschaftlerInnen, die sich ebenso für den Kontext Kunst und Soziologie interessieren, ist der Sammelband eine enorm wichtige Nachschlagsquelle zur Orientierung aber auch zur Vertiefung.


Rezension von
Andreas Hudelist
Schwerpunkte: Ästhetik, Cultural Studies, Film- und Fernsehforschung, Kunst sowie kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung
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Zitiervorschlag
Andreas Hudelist. Rezension vom 11.04.2017 zu: Christian Steuerwald (Hrsg.): Klassiker der Kunstsoziologie. Prominente und wegweisende Ansätze. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-01454-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21896.php, Datum des Zugriffs 28.02.2021.


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