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Elisabeth Wagner, Ulrike Russinger: Emotionsbasierte systemische Therapie

Cover Elisabeth Wagner, Ulrike Russinger: Emotionsbasierte systemische Therapie. Intrapsychische Prozesse verstehen und behandeln. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2016. 275 Seiten. ISBN 978-3-608-89177-5. 29,95 EUR.
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Thema

Elisabeth Wagner und Ulrike Russinger sehen in den der systemischen Therapie intrapsychische Prozesse und die Bedeutung der Emotionen nicht angemessen berücksichtigt. Die Autorinnen zeigen auf wie (insbesondere in der Einzeltherapie) die direkte Arbeit mit Emotionen theoretisch und anhand von praktischen Beispielen und Fallvignetten in das systemische Krankheitsverständnis integrierbar ist und sich systemische Therapien hiermit auch konzeptionell erweitern.

Autorinnen

Elisabeth Wagner, Dr. med., Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, Psychotherapeutin (Systemische Familientherapie), arbeitet als Lehrtherapeutin an der Lehranstalt für Systemische Therapie in, Wien und als Psychotherapeutin in freier Praxis.

Ulrike Russinger, Magistra der Psychotherapiewissenschaften, Diplom-Sozialarbeiterin, Psychotherapeutin, Therapieausbildungen in systemischer Familientherapie und klientenzentrierter Psychotherapie; U. Russinger ist ebenfalls als Lehrtherapeutin an der Lehranstalt für systemische Familientherapie in Wien und in freien Praxis tätig.

Entstehungshintergrund

Die Autorinnen konstatieren, dass in der systemischen Therapie über Jahrzehnte die theoretische Konzeptualisierung von affektiven Prozessen erstaunlich konsequent vermieden wurde. Auch heute stehe über „Gefühle sprechen“ (S. 74) unzweifelhaft weiterhin nicht im Fokus der systemischen Fachliteratur. Die praktische Erfahrung zeige jedoch, dass Umdeuten, Verhaltensaufgaben oder die konsequente Aufmerksamkeitsfokussierung auf Ausnahmen, Ressourcen und Lösungen problematisches Erleben abschwächen oder zum Verschwinden bringen kann, aber oftmals zu keiner wesentlichen Veränderung führt. In solchen Fällen könne daher eine explizite Fokussierung emotionaler Schemata hilfreich sein (S. 81).

Aufbau

Einführend weisen die Autorinnen darauf hin, dass sich das Interventionsrepertoire systemischer TherapeutenInnen in den letzten Jahren ausgeweitet hat. Jedoch bleibe es häufig dem Zufall oder persönlichen Vorlieben überlassen, welche Intervention zu welchem Zeitpunkt in einer Therapie zum Einsatz käme. Intrapsychische Funktionen von Störungen seien jedoch in der systemischen Fachliteratur bislang theoretisch nicht ausformuliert. Hierzu will das Buch einen Beitrag leisten.

  1. Der erste Teil des Buches beschäftigt sich mit den theoretischen Grundlagen emotionsbasierter systemischer Therapie,
  2. der zweite beschreibt die mit diesem Ansatz assoziierten therapeutischen Vorgehensweisen und Praktiken.

Zu Teil 1

Im ersten Kapitel des ersten Teils (theoretische Grundlagen) führen die Autorinnen unter dem Titel „Passt die Theorie, die wir Systemischer Therapie zugrunde legen, noch zu der Art von Systemischer Therapie, die heute durchgeführt wird?“ ein.

Das zweite Kapitel leistet einen Überblick über die Pionierphase und die wachstumsorientierte Familientherapie von Virginia Satir, die Kybernetik I, Kybernetik II mit der konstruktivistischen Wende bis hin zu Anmerkungen über die lösungsorientierte, narrative und strategische Therapie.

Das dritte Kapitel gibt einen Überblick über „Konzepte intrapsychischer Funktionen in der Systemischen Therapie“ und schließt einen Exkurs über die Psychotherapie im Verständnis der Synergetik ein.

Das vierte Kapitel befasst sich mit basalen psychologischen Konzepten und hier insbesondere die Bedeutung der Grundbedürfnisse (nach Grawe u. a.), die Organisation von Erfahrungen durch Schemata und affektive Prozesse. Unter Schema verstehen die Autorinnen die Steuerung der Wahrnehmung Informationsverarbeitung des Menschen, in dem frühere Erfahrungen herangezogen werden und um aktuelle Informationsverarbeitung, Bedeutungsgebung oder aktuelles Verhalten oder Empfinden auszurichten. Ein Schema ist damit eine neuronal verankerte Reaktionsbereitschaft des Menschen im Sinne der früheren Beziehungserfahrung zu handeln (siehe S. 68ff).

Bereits im vierten Kapitel wird ein Bezug zu neuronalen Vorgängen hergestellt, die im fünften Kapitel – „Systemische Therapie unter der Perspektive der Neurobiologie“- näher ausgeführt werden. Beschrieben werden u. a. der neuronale Aufbau und die Mechanismen der Erregungsübertragung, die Plastizität des Gehirns und Formen des Gedächtnisses.

Das sechste Kapitel über das Fallverständnis als professionelle Leistung fokussiert den diagnostischen Blick im Hinblick auf die Auswirkungen dysfunktionaler Schemata. Anhand der Vorstellung zweier Fälle wird deutlich, dass klassische systemische Methoden oftmals nicht ausreichen und bei vielen Fällen ein Rückgriff auf das Konzept der Schemata hilfreich und notwendig ist. Gleichzeitig ist mit diesem Konzept eine spezielle Form des Diagnostizierens im Sinne einer reflektierten Expertenhaltung verbunden.

Näher ausgeführt wird die Bedeutung struktureller Fähigkeiten im siebten Kapitel, hier insbesondere die Fähigkeit zur Selbst- Objektwahrnehmung, zur Impulssteuerung, zur Affektdifferenzierung, zum Affektausdruck, sowie die Fähigkeit mit anderen emotional in Kontakt zu treten, wie Verstehen und wichtige Beziehungen innerlich bewahren zu können (S. 129). Für die Praxis bedeutet dies, es ist zu beachten, dass Patienten mangels früher emotionaler Unterstützung bestimmte Strukturen nur unzureichend ausbilden konnten.

Im achten Kapitel wird die Emotionsfokussierte Therapie (EFT) nach Leslie S. Greenberg vorgestellt, die für die Autorinnen ein bereicherndes Konzept für die systemische Therapie bietet. Die Emotionsfokussierte Therapie integriert das Focusing, Konzepte der personenzentrierten Therapie, der Gestalttherapie sowie existenzieller und erlebnisorientierter Ansätze. Einbezogen werden zudem Konzepte der Bindungstheorie.

Das neunte Kapitel bietet mit der Darstellung der Schematherapie und des Modus-Modells ein zentrales Kapitel. Die Autorinnen beziehen sich hier insbesondere auf den Gründer der Schematherapie Jeffrey E. Young und der Dialektisch Behavioralen Therapie (DBT) von Marsha Linehan. Ausführlich werden maladaptive Schemata vorgestellt, die jeweils als Anpassungsleistung intrazyklischer Bewältigungsreaktionen eines Menschen verstanden werden, dessen Grundbedürfnisse in seiner Entwicklung verletzt oder nicht befriedigt wurden. Mithilfe der Schematherapie wird versucht diese Grundbedürfnisse hinter den dysfunktionalen Bewältigungsversuchen zu analysieren und therapeutisch im Sinne korrigierender Erfahrungen zu beantworten. Erörtert werden hier verschiedene Modi (Innere- Kind- Modi, Innere-Eltern-Modi), diese Erkenntnisse werden auf die Praxis therapeutischen Arbeitens bezogen und mithilfe eines Beispiels in ein vierstufiges Phasenmodell der Therapie eingeordnet:

  1. Herstellen einer tragfähigen Arbeitsbeziehung und Gewinnen einer gemeinsamen Problembeschreibung/Fallkonzeption,
  2. Problemklärungs- und Problemaktivierungsphase,
  3. Veränderungs- und Übungsphase und
  4. Beibehaltungs- und Ablösungsphase eingeordnet.

Zu Teil 2

Im zweiten Teil des Buches („Therapeutische Interventionen zur Förderung der emotionalen Verarbeitung“) steht die Darstellung der Methoden im Vordergrund. Vorgestellt werden zunächst Methoden (Kapitel 1) der Förderung der Emotionswahrnehmung und -klärung, der Affektaktualisierung (Kapitel 2), hier insbesondere mit der Darstellung gestalttherapeutischer Techniken.

Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit der Regulierung von Affekten und Methoden der Selbstberuhigung und der Ressourcenaktivierung bei inneren Spannungszuständen oder drohender Affektüberflutung.

Das vierte Kapitel thematisiert die Transformation von Emotionen, auch hier wieder insbesondere mit Techniken aus der Gestalttherapie ( Zwei-Stühle-Arbeit mit Inneren Kritikern), der schematherapeutisch orientierten Bearbeitung biografischer Szenen und der Schemamodifikation durch »Imagery Rescripting«.

Das Buch schließt mit Schlussbemerkungen der Autorinnen und dem Literaturverzeichnis.

Diskussion

Die Autorinnen legen mit diesem Buch einen wichtigen Schritt bei der Integration systemischer und intrapsychischer Konzepte dar und hier insbesondere mit der Verbindung von Systemtheorie, Psychologie und Neurobiologie. Ergänzt werden sollten jedoch noch die Bedeutung der Lebenswelten.

Im Vorwort bezeichnet Kurt Ludewig (S. 14f) es als einen Verdienst der Autorinnen den Mut zu haben, dieses Buch zu veröffentlichen, was andere meistens nur im Verborgenen handhaben. Er führt weiter aus (S. 15): „Allein die Tatsache, dass dieses Material nun veröffentlicht wird, dürfte viele Kolleginnen und Kollegen zum Aufatmen einladen. Mit ihren tagtäglich aus der Handlungsnot erwachsenen, angeblichen „Übertritten“ sind sie nicht mehr allein.“ Solch ein Satz erstaunt: 20 Jahre nach Klaus Grawes Forderung an die Psychotherapie den Weg von der Konfession zur Profession zu beschreiten, wird aufgezeigt, dass solch ein integrativer Ansatz noch längst nicht selbstverständlich ist, auch wenn die Praxis meines Erachtens hier weiter zu sein scheint als die Therapieverbände.

Dieses Buch ist ein sehr gelungener notwendiger Schritt der Integration intrapsychischer Vorgänge zu einer Integration verschiedener therapeutischer Zugänge. Möglicherweise führen solche Schritte der Integration im Kontext einer Veränderung erster Ordnung zu einem Schritt der Veränderung zweiter Ordnung.

Für mich stellt sich jedoch auch die Frage, ob es sich bei all der Integration von Aspekten der psychodynamischen Therapie bzw. aus emotionsfokussierten Vorgehensweisen verschiedener humanistischer Therapien und von schematherapeutischen Aspekten aus der kognitiven Verhaltenstherapie sich noch um eine systemische Therapie handelt oder um eine Form einer Integrativen Therapie.

Fazit

Bis heute nehmen psychologische Konzepte in der theoretischen Begründung systemischer Therapie für die Autorinnen keinen nennenswerten Raum ein (S. 49). Diese Lücke wird gefüllt unter anderem durch die Bezugnahme auf die Synergetik (Schiepek et al.) sowie auf vielfältige weitere basale praxisrelevante psychologische Konzepte. Die Autorinnen führen aus, dass diese Konzepte aus anderen Disziplinen in der systemischen Therapie relativ problemlos genützt werden können, sofern dabei therapeutische systemische Haltungen nicht aufgegeben werden (S. 62).

Nachdem im ersten Teil des Buches ausführlich emotionsbasierte theoretische Grundlagen systematisch vorgestellt werden, werden im zweiten Teil detailliert und konkret Möglichkeiten der Förderung der Emotionen, der Wahrnehmung und der Veränderung anhand von vielen Beispielen einfühlsam und Schritt für Schritt erläutert.

Für Psychotherapeuten verschiedener Therapierichtungen bietet das Buch eine Bereicherung, es ist sehr gut lesbar und stellt eine gelungene Verbindung von theoretischer Reflexion und praktische Anwendung dar. Systemische TherapeutInnen sind eingeladen sich theoretisch fundiert mit Emotionen bzw. intrapsychischen Vorgängen zu beschäftigen, zudem bietet es Psychotherapeuten anderer Schulen einen Einblick in systemische Konzepte.

Die Autorinnen legen mit ihrem Buch eine konzeptionelle Erweiterung der systemischen Theorie und Praxis vor, insbesondere für die Einzeltherapie. Ihrem Anspruch, ein innovatives Buch vorzulegen, dass das Augenmerk auf intrapsychische Prozesse und Störungen, die bisher im systemischen Kontext nicht angemessen berücksichtigt werden, wird voll eingelöst. Die Bedeutung der intrapsychischen Vorgänge für die systemische Therapie wird sehr plastisch, anschaulich und theoretisch fundiert ausgeführt. In diesem Kontext wird sehr übersichtlich die Bedeutung von Schemata erläutert. Hilfreich sind auch die Zusammenfassungen

Das Buch ist in einer angenehmen, theoriebasierten und doch unverständlichen Sprache geschrieben. Die Fallvignetten sind anschaulich und zeigen auf, dass für die Autorinnen eine gute therapeutische Beziehung ein zentraler Wirkmechanismus ist.

Dieses Buch kann systemischen Therapeuten ebenso wie Beratern und Therapeuten anderer therapeutischer Schulen empfohlen werden.


Rezensent
Dr. Jürgen Beushausen
Hochschule Emden Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit (LfbA), Supervisor, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut
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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 16.12.2016 zu: Elisabeth Wagner, Ulrike Russinger: Emotionsbasierte systemische Therapie. Intrapsychische Prozesse verstehen und behandeln. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-608-89177-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21899.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


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