socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Claudia Dreßing: Das Anti-Aggressivitätstraining als Maßnahme der Jugendhilfe (...)

Cover Claudia Dreßing: Das Anti-Aggressivitätstraining als Maßnahme der Jugendhilfe und Jugendstrafrechtspflege. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2016. 368 Seiten. ISBN 978-3-643-13513-1.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Autorin

Die Autorin studierte Rechtswissenschaften an der Universität Heidelberg. Zurzeit ist sie wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Strafrecht und Strafprozessrecht, Abt.1, der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und befindet sich im juristischen Vorbereitungsdienst des Landes Baden-Württemberg.

Entstehungshintergrund

Mit diesem Buch veröffentlicht die Verfasserin ihre Dissertation, welche von der Juristischen Fakultät der Universität Heidelberg im Mai 2016 angenommen wurde.

Thema

Mit ihrer Untersuchung will Claudia Dreßing im Wesentlichen zwei Fragen beantworten.

  1. Ausgehend von der Tatsache, dass das Anti-Aggressivitätstraining (AAT) einen breiten Anwendungsbereich aufweist, will sie prüfen, ob dieses Training eine geeignete und sinnvolle Maßnahme für jugendliche Gewalttäter ist.
  2. Und: welche rechtlichen Rahmenbedingungen müssen bei der Anordnung und Durchführung gewahrt werden? (4).

Die Autorin will diesen Fragen aus einem empirischen sowie rechtlichen Blickwinkel nachgehen (3). Doch dabei bleibt es nicht. Ihrer ersten Forschungsfrage entsprechend analysiert sie ebenfalls unter einem kriminologischen und psychologischen Aspekt und trifft zudem auch sozialpädagogische Aussagen.

Aufbau und Inhalt

Neben einer Einleitung, einer abschließenden Zusammenfassung mit Resümee sowie einem Literaturverzeichnis umfasst das Werk vier unterschiedlich große Teile, welche in Kapitel untergliedert sind. In einem Anhang sind die Qualitätsstandards zum AAT aufgeführt.

Im ersten Teil beschäftigt sich die Verfasserin mit der historischen Entwicklung, dem theoretischen Hintergrund, dem Konzept sowie dem bemerkenswert breiten Spektrum des rechtlichen Anwendungsbereichs des AAT und des Coolness-Trainings (CT). Anhand eines idealtypischen Ablaufs stellt sie diese Trainingsformen anschaulich dar. Darüber hinaus gibt die Autorin einen Überblick über wichtige Kritikpunkte. Eine vertiefende Auseinandersetzung mit den kritischen Einwendungen nimmt sie dann im weiteren Verlauf ihrer Untersuchung vor.

Claudia Dreßing weist darauf hin, dass sich der konfrontative Ansatz des AAT / CT deutlich von einer permissiv als auch autoritär ausgerichteten Pädagogik unterscheidet und gezielt zu einer kritischen Auseinandersetzung der jungen Menschen mit der eigenen Gewalttätigkeit und zu einer umfassenden Verhaltensspiegelung gelangen will (16).

Im zweiten Teil geht die Autorin der Frage nach, ob das AAT eine geeignete Trainingsmaßnahme ist. Dazu prüft sie zuerst die rechtlichen Anforderungen an das AAT als Hilfe zur Erziehung, als jugendstrafrechtliche Weisung und als Maßnahme des Jugendstrafvollzugs und konstatiert, dass die Ausbreitung dieses Ansatzes auch in den Bereich ambulanter Maßnahmen hinein mit „einer gewissen konzeptionellen Unklarheit und Oberflächlichkeit einhergeht“ (88).

In ihrer anschließenden kriminologischen Analyse merkt die Verfasserin u.a. an, dass im AAT die Eigenverantwortlichkeit des jungen Menschen für sein Gewaltverhalten im Mittelpunkt steht. Sie befürchtet daher zu Recht, dass multifaktorielle und tieferliegende Ursachen keine Berücksichtigung finden und daher der besonderen Behandlungsbedürftigkeit der Mehrfach- und Intensivtäter nicht entsprochen werden kann.

In einem weiteren Schritt untersucht Claudia Dreßing auf Grundlage aktueller Forschungsergebnisse, ob das AAT Behandlungsansätzen entsprechen kann, die als erfolgreich gelten. Sie gelangt zu dem Ergebnis, dass es „mit seiner konzeptionellen Zielsetzung“ (127) übereinstimmt. Allerdings genüge es dem Risiko-, Bedürfnis- und Ansprechbarkeitsprinzip nicht umfassend.

Sodann wertet die Autorin in einer empirischen Sekundäranalyse verschiedene Evaluationsstudien und Testergebnisse zum AAT aus. Sie bemerkt, dass die methodische Qualität dieser Vorhaben nicht zureichend bzw. deren Validität begrenzt ist und kommt zu dem Schluss, dass Zweifel an der Wirksamkeit des AAT durchaus berechtigt sind. Seine Unwirksamkeit sei damit aber auch nicht bewiesen, und solange es keine bessere Alternative gebe, sei es opportun, am AAT festzuhalten (159f.).

Im dritten Teil untersucht die Verfasserin verschiedene Rechtsfragen (z.B. Mitwirkung und Zwang, freie Trägerschaft, Grenzen einer Privatisierung, rechtsstaatliche Grenzen, Verfassungsmäßigkeit), welche mit der Anordnung und Durchführung eines AAT verknüpft sind.

Darüber hinaus will sie auf diesbezügliche rechtliche Rahmenbedingungen hinweisen, die berücksichtigt werden sollten. Sie gelangt dabei zu klärenden und differenzierten Ergebnissen und stellt u.a. fest, dass der rechtliche Zwangsrahmen junge Menschen unterstützen kann, sich der Konfrontation zu stellen, Gleichzeitig betont sie, dass dieser rigide Kontext „unter dem Vorbehalt der erzieherischen Sinnhaftigkeit“ (197) steht.

Auch die Bedeutung des AAT-Trainers wird an verschiedenen Stellen herausgearbeitet, denn dieser hat, obwohl die rechtliche Kontrolle über ihn begrenzt ist, einen „maßgeblichen Einfluss auf die Überwachung“ (323) der richterlichen Weisung.

In einer nuancierten Argumentation geht die Autorin auch auf Fragestellungen der Verfassungsmäßigkeit des AAT ein und resümiert, dass Anordnung und Durchführung eines solchen Trainings verfassungsmäßig sei, „sofern die Verhältnismäßigkeit im Einzelfall gewahrt wird.“ (305)

Im vierten Teil ihrer Analyse wertet Claudia Dreßing die Ergebnisse ihrer Befragung von sechs (oder fünf?) Interviewpartnern aus, die im Wesentlichen die Ergebnisse ihrer Analyse bestätigen. Einen methodischen Anspruch verfolgt sie dabei allerdings nicht.

In einer Zusammenfassung rekurriert die Verfasserrin auf ihre Ausgangsfragen. Sie erkennt im AAT grundsätzlich einen geeigneten Trainingsansatz, welcher im Rahmen des Jugendhilferechts, Jugendgerichtsgesetzes und Jugendstrafvollzugsrechts gerechtfertigt ist, sofern es eine klare Indikation gibt, die Verhältnismäßigkeit im konkreten Einzelfall genau geprüft wird und keine besser geeigneten Behandlungsalternativen zu Verfügung stehen.

Diskussion

Besonders die Fragestellung, ob das AAT eine geeignete Maßnahme für jugendliche Gewalttäter ist, macht eine über den rechtswissenschaftlichen Kontext hinausgehende Argumentation notwendig. Damit befindet sich Claudia Dreßing inmitten diesbezüglicher Diskussionen und Auseinandersetzungen der Sozialen Arbeit. Für meinen Geschmack jedoch geht sie auf diese nicht wirklich ein, denn sie berücksichtigt paradigmatische Unterschiede in der Sozialen Arbeit und deren Methodik nicht.

In meiner Wahrnehmung wird die Frage, ob die Konfrontative Pädagogik sozialpädagogische Ansätze tragen oder gar hervorbringen kann, in der Fachwelt durchaus unterschiedlich diskutiert.

Die Feststellung der Autorin, dass sich die rechtlichen Maßnahmen, in welchen das AAT zur Anwendung kommen kann, (soziale Gruppenarbeit, soziale Trainingskurse und soziale Trainings) „in Zielsetzung und methodischer Konzeption ähneln“ (87) würden, ebnet sozialpädagogische Differenzierungen unsachgemäß ein. Rechtliche Maßnahmen werden in der Umsetzungspraxis fachspezifisch ausgeführt. Also kommt man besonders hinsichtlich eines Trainingsverfahrens nicht umhin zu diskutieren, ob und wie sich dieses in der Methodik Sozialer Arbeit verorten läßt, welche Positionen es dazu gibt und ob auch Unverträglichkeiten festzustellen sind.

Darüber hinaus bin ich der Meinung, dass auch in wissenschaftlichen Diskursen Pleonasmen vermieden werden sollten. Die Bezeichnung „soziale Gruppenarbeit“ ist ein solcher „weißer Schimmel“, denn Gruppenarbeit bedient sich ja per se sozialer Prozesse. Sollte aber die Soziale Gruppenarbeit als Basismethode der Sozialen Arbeit gemeint sein, möchte ich nicht versäumen darauf hinzuweisen, dass diese eine spezifische ethische und methodische Ausrichtung aufweist. Als Basismethode bestimmt sie den Rahmen, in welchem gruppenorientierte Verfahrensweisen und Techniken angezeigt sind. Das gilt auch für das AAT und CT.

Die Soziale Gruppenarbeit hat das Potenzial, das zu leisten, was die Verfasserin in der AAT-Konzeption vermisst (118), nämlich das Eingehen auf multifaktorielle Risiko- und Schutzfaktoren. Allerdings benötigt diese für den Umgang mit Gewalttätern spezifische Arbeitsweisen. Das AAT und das CT könnten diese Lücke füllen und Verfahren der Sozialen Gruppenarbeit (keinesfalls aber eigenständige Methoden) sein – aber nur, wenn sie mit den moralphilosophischen Implikationen und dem methodischen Selbstverständnis Letztgenannter kompatibel sind. Hier besteht Diskussions- und Entwicklungsbedarf. Auf diesen geht die Autorin aber leider nicht ein.

Fazit

Claudia Dreßing legt ein Werk vor, welches faktenreich, gehaltvoll, differenzierend und in Rechtsthemen gründlich ist. Damit ist ihr ein wichtiger Beitrag zur Versachlichung der in der Vergangenheit teilweise sehr heftig geführten Kontroverse um Ansatz und Verfahren des AAT im Rahmen der Sozialen Arbeit gelungen.

Darüber hinaus arbeitet sie notwendige Entwicklungsanforderungen an das AAT heraus und gibt gut begründete Anregungen fürWeiterentwicklungen.

Dieses Buch ist all denen sehr zu empfehlen, die im Studium, in der Fort- und Weiterbildung, in der Hochschullehre und in der Praxis mit diesem Themenbereich befasst sind.


Rezensent
Prof. Dr. Gerd Krüger
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Fakultät Wirtschaft und Soziales
E-Mail Mailformular


Alle 20 Rezensionen von Gerd Krüger anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Gerd Krüger. Rezension vom 06.02.2017 zu: Claudia Dreßing: Das Anti-Aggressivitätstraining als Maßnahme der Jugendhilfe und Jugendstrafrechtspflege. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2016. ISBN 978-3-643-13513-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21903.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Kinderbetreuer/in (m/w/d), Sankt Augustin

Krippenleitung (w/m/d), Jesteburg

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung