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Barbara Kavemann, Annemarie Graf- van Kesteren u.a.: Erinnern, Schweigen und Sprechen nach sexueller Gewalt in der Kindheit

Cover Barbara Kavemann, Annemarie Graf- van Kesteren, Sibylle Rothkegel, Bianca Nagel: Erinnern, Schweigen und Sprechen nach sexueller Gewalt in der Kindheit. Ergebnisse einer Interviewstudie mit Frauen und Männern, die als Kind sexuelle Gewalt erlebt haben. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 195 Seiten. ISBN 978-3-658-10509-9. D: 29,99 EUR, A: 30,83 EUR, CH: 32,00 sFr.
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Thema

Ein zentraler Aspekt bei sexualisierter Gewalt in der Kindheit ist die Frage, weshalb offenbaren sich die meisten Betroffenen nicht und was können Motive oder auch Hindernisse sein darüber zu sprechen. Das Buch stellt die Ergebnisse der ersten qualitativen Interviewstudie im deutschsprachigen Raum zum Thema Erinnern, Schweigen und Sprechen nach sexueller Gewalt in der Kindheit vor.

Autorinnen

Die Autorinnen arbeiten an verschiedenen Instituten, Akademien und Hochschulen in Deutschland.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in acht verschiedene Abschnitte. Nach der Vorstellung der Anlage der Untersuchung werden die Themen Erinnern, Vergessen und Verstehen, Schweigen und Sprechen nach bzw. über sexualisierte Gewalt, die Reaktionen des Umfeldes (Ablehnung, Stigmatisierung, Akzeptanz), die Erfahrungen mit dem Unterstützungssystem sowie Fragen der individuellen Bewältigung und der gesellschaftlichen Aufarbeitung differenziert vorgestellt.

Inhalt

Zunächst werden Kontext und Anlage der Untersuchung vorgestellt. Hier wird ein historischer Überblick über die verschiedenen Phasen der (gesellschaftlichen) Diskussion des Themas gegeben und es wird auf verschiedene Akteure eingegangen, die sich an der gesellschaftlichen Aufarbeitung beteiligt haben.

Bevor genauer auf die Studie eingegangen wird, werden kurz die Entwicklung von Traumatheorie und verschiedene Behandlungskonzepte skizziert. Das Ziel der qualitativen Interviewstudie ist, systematisch die Gründe zu erfassen, weshalb Betroffene schweigen oder über den sexuellen Missbrauch sprechen.

Konkret werden vier Forschungsfragen aufgeworfen:

  1. Was wollen die Interviewpartner*innen aufrechterhalten, indem sie schweigen bzw. was wollen sie durch die Offenbarung beenden/ verändern,
  2. welche Erwartungen richten Betroffene an Personen, denen sie sich offenbaren und
  3. auf welche Reaktionen treffen sie und
  4. wie nehmen die Interviewpartner*innen ihren Opferstatus damals und heute wahr?

Die Stichprobe der 58 im Jahr 2012 durchgeführten Interviews besteht aus 44 Frauen und 14 Männern unterschiedlicher Herkunft, mit unterschiedlichen Lebensgeschichten, die durch verschiedene Kontakte gefunden werden konnten. Es ist damit die größte qualitative Studie zur Offenbarungsbereitschaft nach sexuellem Missbrauch in Kindheit und Jugend in Deutschland. In dem Abschnitt „Erinnern, Vergessen und Verstehen“ werden zunächst verschiedene, psychologische Theorien und Ansätze zu Erinnerungsprozessen vorgestellt und diskutiert.

Erinnern und Verstehen von sexuellem Missbrauch in den Interviews geht auf verwendete Metaphern und die unterschiedlichen Verlaufsmuster von Erinnerungsprozessen ein. In dem sich anschließenden Kapitel „Schweigen nach sexueller Gewalt“ werden verschiedene Motive des Schweigens beleuchtet: das Ziel bestehende Lebensverhältnisse aufrechtzuerhalten, Schweigen als Schutz vor Konsequenzen, Schweigen aufgrund fehlender Ressourcen und Schweigen aufgrund der Normalisierung von Gewalt. Auch hier sind die Ergebnisse der Studie durch eindrucksvolle Zitate unterlegt und mit Erkenntnissen anderer Studien verknüpft.

„Sprechen über sexuellen Missbrauch“ ist unterteilt in Push-Faktoren („Was drängt heraus aus dem Schweigen“) und Pull-Faktoren („Was bewegt zum Sprechen“). Push-Faktoren können vielfältig sein: Mitteilungsdrang direkt nach dem Erleben, Schmerz oder Leid als psychische Belastung, physische Reaktionen nach Beendigung des Missbrauchs, die Erfahrung kritischer Lebensereignisse oder auch kritische Ereignisse in einer Partnerschaft, das Erleben eigener Stärke. Pull-Faktoren können sein: Beendigung des Missbrauchsverhältnisses, der Wunsch nach Entlastung oder professionelle Unterstützung.

Abgeschlossen wird der Abschnitt mit Beispielen zu unabsichtlichem Sprechen über das Ereignis. Folgerichtig thematisiert der nächste Abschnitt die möglichen Reaktionen auf das Sprechen (Ablehnung, Stigmatisierung, Akzeptanz). Hier wird genauer auf die verschiedene Aspekte eingegangen, glauben die Angesprochenen die Erzählung, inwieweit haben diese Wissen über sexuellen Missbrauch, relativieren sie das Leid oder erkennen sie dieses an, welche Klischees über Opfer sind vorhanden oder welche Eigeninteressen steuern die Reaktionen auf die Offenlegung. Anschließend werden Erfahrungen mit den möglichen Unterstützungssystemen – Therapie, Beratung, Selbsthilfe – aufgegriffen.

Um mehr über geschlechtsspezifische Besonderheiten der Verarbeitung herauszuarbeiten, wurden 12 Interviews ausgewählt (jeweils sechs Frauen und sechs Männer) und die jeweiligen Erfahrungen mit Therapie, Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen gegenübergestellt. Zusätzlich wurden die jeweiligen Gruppen altersmäßig sortiert, um daraus Erkenntnisse über den Einfluss öffentlicher Diskussionen zum Thema sexueller Missbrauch zu gewinnen.

Der letzte Abschnitt des Buches integriert die Ergebnisse der Studie in die Geschichte der öffentlichen und fachlichen Diskussion zum sexuellen Missbrauch und stellt somit die Interviews in einen größeren Rahmen.

Diskussion

Der besondere Wert dieser Studie (und dieses Buches) liegt darin, dass Betroffene befragt werden und somit zu Wort kommen und dies zu einer zentralen Frage der Praxis: was hindert bzw. motiviert Betroffene bei sexualisierter Gewalt in der Kindheit sich zu offenbaren, wie erleben sie die Reaktionen des Umfeldes, wie schätzen sie den Wert von Unterstützungssystemen ein und welche Zusammenhänge gibt es zum gesellschaftlichen Diskurs zu diesem Thema. Dabei gelingt es den Autorinnen, ein sehr differenziertes Bild der Thematik zu entwickeln mit vielen wertvollen Erkenntnissen gerade für die Praxis.

Die Darstellung der Vielschichtigkeit gelingt auch deshalb besonders gut, da stets historische und gesellschaftliche Bezüge hergestellt werden. Aus den Ergebnissen der Studie entstehen beim Lesen weitere Fragen beispielsweise, welche Folgerungen für präventive Ansätze zu ziehen wären oder welche Inhalte insbesondere Fort- und Weiterbildung akzentuieren müssten. Insgesamt ein wichtiger und wertvoller Beitrag zum Thema sexualisierte Gewalt in der Kindheit.

Fazit

Im Vorwort des Buches wird zu Recht betont, dass dieses Buch für alle, die sich fachlich und beruflich mit dem Thema sexuelle Gewalt in der Kindheit beschäftigen, Pflichtlektüre sein sollte. Dem kann man nur zustimmen, da gerade für erfahrene Praktiker Detailerkenntnisse vermittelt werden, die frühere Annahmen zum Schweigen/ Offenbaren oder auch zum Hilfesystem korrigieren und differenzieren.


Rezensent
Prof. Ulrich Paetzold
Professor für Psychologie an der Hochschule Lausitz, Fachbereich Sozialwesen in Cottbus. Neben interkulturellen Fragen sind Schwerpunkte in der Lehre: sexueller Missbrauch, Klinische Psychologie, Beratung. Zusatzqualifikationen: Approbation zum Psychologischen Psychotherapeuten sowie verschiedene kognitive Therapieverfahren.
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Zitiervorschlag
Ulrich Paetzold. Rezension vom 18.01.2017 zu: Barbara Kavemann, Annemarie Graf- van Kesteren, Sibylle Rothkegel, Bianca Nagel: Erinnern, Schweigen und Sprechen nach sexueller Gewalt in der Kindheit. Ergebnisse einer Interviewstudie mit Frauen und Männern, die als Kind sexuelle Gewalt erlebt haben. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-10509-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21905.php, Datum des Zugriffs 17.08.2019.


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