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Dörthe Schimke: Fürsorge und Strafe

Cover Dörthe Schimke: Fürsorge und Strafe. Das Georgenhaus zu Leipzig 1671-1871. Leipziger Universitätsverlag (Leipzig) 2016. 197 Seiten. ISBN 978-3-96023-035-9. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR, CH: 43,30 sFr.
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Thema

Zu zeigen, wie und dass diese Leipziger Anstalt, das Georgenhaus, dem „Rat gut 200 Jahre lang als Experimentierfeld sozialpolitischer Maßnahmen“ diente, ist – wie auf dem Einband angekündigt – Gegenstand dieser überarbeiteten und um die Ergebnisse einer Bachelorarbeit erweiterten Masterarbeit. Dafür hat Frau Schimke zahlreiche, bislang weniger beachtete Quellen ausgewertet, die sie theoretisch einzubetten sucht, gewappnet mit einer themenzentrierten Aufnahme entsprechender wissenschaftlicher Literatur. Die Autorin belegt zunächst, dass diese „Einrichtung durchaus als repräsentativ für diesen Typus frühneuzeitlicher Institutionen angesehen werden kann.“ (S. 173) Sie vermag daher gleichsam am Exempel aufzuzeigen, dass man das Georgenhaus „als sozialen Mikrokosmos“ betrachten kann (S. 171), wenn auch nicht in vollständiger Abgrenzung von der Außenwelt. Die Arbeit in dieser Einrichtung ist wie in anderen vergleichbaren Institutionen „primär vor dem Hintergrund ihrer pädagogischen Wirkung zu sehen“ (ebd.), wobei „Fürsorge und Disziplinierung in diesen Anstalten eng verzahnt“ waren. (S. 173) Die Maßnahmen waren der Versuch, dem „Armutsproblem“ zu begegnen und konnten „tatsächlich einem Kreis von Armen bei dem Weg in die Subsistenzsicherung behilflich sein.“ (S. 174)

Gleich im Vorwort wird betont, dass grundsätzliche „Motive, die das Schicksal dieser Anstalt prägten, (…) auch in anderen Zeiten Kontinuität (hatten und haben): soziale Ausgrenzung, das (zwanghafte) Anpassen an gesellschaftliche Normen, aber auch der Wille zur Verbesserung und Überwindung der Armutsproblematik.“ (S. 7) Zwar habe das Georgenhaus nicht „Herr des Armutsproblems“ werden können, zeige aber die „zeitgenössische Herangehensweise der Stadt an Armut und Devianz.“ (S. 170) Wie hier am verallgemeinerungsfähigen Einzelfall und insonderheit mit Blick auf Armutsbekämpfung zu zeigen, sind zumal Foucaults „zugespitzt formulierten Annahmen über die Disziplinierung der Gesellschaft und das Gefängnis als Abbild derselben“ zu relativieren, auch weil sie „polarisierend“ wirkten. (S. 18) Daher werden sie einer kritischen Befragung zugeführt, was Frau Schimke unter Heranziehung kontroverser Argumentationen und Positionen nicht ausspart.

Aufbau und Inhalt

Nebst Vorwort und Einleitung ist das Buch in neun Hauptkapitel mit jeweils mehreren Unterkapiteln gegliedert. Es folgen eine kürzere, gleichwohl sehr dezidierte Zusammenfassung, Abkürzungs-, Quellen- und Literaturverzeichnis sowie ein Abbildungsnachweis und ein Personenregister. Auffällig ist der Umfang des Quellenmaterials und ebenso der wissenschaftlichen Literatur, welche die Autorin zu Rate gezogen hat und in Bezug auf gesellschaftstheoretische Erklärungsansätze kritisch unter den Fragestellungen aufnimmt, ob „im Falle des Georgenhauses ein Konzept von Sozialpolitik des Rates im weitesten Sinne vorhanden“ war und welche „Möglichkeiten und Grenzen dieses System“ besaß und vor allem, welche „Absichten (…) sich hinter der Disziplinierung“ verbargen. Anliegen der Verfasserin ist es damit auch, die von ihr im Folgenden „aufgeführten Theorien auf ihre Anwendbarkeit im Falle des Georgenhauses zu überprüfen.“ (S. 15 f.)

Nach Darlegung von Forschungsstand wie Quellenlage und Erläuterung ihrer Methodik geht Frau Schimke auf theoretische Grundlagen ein und verortet damit ihren Gegenstand in Theorien um Disziplinierung mit Fokus auf Entstehung und Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft. Dabei geht es, (zunächst) in der Zeit des Absolutismus, „um die zentralen Begriffe Macht, Disziplin und Kontrolle.“ (S. 17) Hier beginne, was Foucault unter Nachzeichnung einer neuen und sich dann verändernden Strafrationalität unter „Disziplinargesellschaft“ gefasst habe, dem Wehler mangelnde Plausibilität „für die vermutete Entwicklung“ vorwürfe. Auch Frau Schimke meint, dass theoretische Modelle wie das Foucaultsche zwar „fruchtbar“ seien, „jedoch zu allgemein und in sich unflexibel“ blieben, „um die lokalen Besonderheiten verständlich zu machen.“ Mit Stiehr wäre zu kritisieren, „dass die fürsorglichen Aspekte dieser Institutionen bei einer Konzentration auf die Disziplinierung außen vorgelassen würden“, wobei zumal für das Georgenhaus nicht vergessen werden dürfe, dass „die Anstalt für einen großen Teil ihrer Insassen die Existenz sicherte und bestimmte Leistungen erbrachte“ und es von der Bevölkerung „aktiv“ genutzt wurde. (S. 168) Auch greift die Autorin in ihrem Bezug auf theoretische Grundlagen den Begriff der „totalen Institutionen“ von Goffman auf, der sie als „soziale Zwitter“ betrachtet habe, „einerseits Wohn- und Lebensgemeinschaften“, andererseits als „Treibhäuser, in denen unsere Gesellschaft versucht, den Charakter von Menschen zu verändern“. (zit. Goffman, S. 20) Dieses „Modell“ empfehle sich laut Bretschneider Historikern als „Forschungsansatz“ eher. (ebd.)

Im Zuge der Auseinandersetzung mit dem Konzept der Sozialdisziplinierung erläutert Frau Schimke jene an der Reformation orientierte „praxis pietatis“ des Pietismus und dessen Gegnerschaft zu u.a. „Müßiggang“ und Favorisierung von „Gehorsam und Fleiß“, wobei „Arbeit“ der Orientierungspunkt für abzulehnendes oder zu förderndes Verhalten war. Das galt insbesondere für Kinder als ratsam und wurde daher wesentlich Erziehungsmaßnahmen eingespeist, um auch über diesen Weg frühzeitiger Disponierung eben „der Armut zu entgehen.“ (S. 23 f.) Schließlich habe die Aufklärung mit den „sogenannten Philanthropen“ über Pädagogik eine „Erziehung für Hilfe zur Selbsthilfe“ in die historische Tagesordnung eingespeist. (S. 25 f.) Im Anschluss geht die Autorin auf eben Disziplinierung als zugleich Armenfürsorge in der Frühen Neuzeit ein, was in einem ersten Konkretionsschritt an Armut und Fürsorge im frühneuzeitlichen Leipzig dargelegt wird. In einem weiteren Schritt kommt sie zu ihrem eigentlichen Forschungsgegenstand, dem Leipziger Georgenhaus, und zeigt, dass und wie diese städtische Institution zwischen Fürsorge und Strafe stand – mit dann, was ihrer Arbeit schlussendlich auch zu entnehmen ist, nicht immer exakt zu separierenden Grenzen zwischen Maßnahmen stärker punitiven oder eher resozialisierenden Charakters und solchen in gezielt pädagogischer Absicht.

Wo die Autorin auf den ‚sozialen Mikrokosmos‘ des Leipziger Georgenhauses zu sprechen kommt, stellt sich ihr eben diese Frage nach Bestrafen, Versorgen und Erziehen. Trotz der „teils widersprüchlichen Angaben“ könne „konstatiert werden, dass Frauen eher wegen moralischer Vergehen und Sexualdelikten ins Georgenhaus kamen und Männer tendenziell aufgrund von Eigentumsdelikten oder wegen Bettelns, Vagabundierens sowie Erwerbslosigkeit bestraft wurden“, wobei die Gefangenen meist jünger als die Versorgten waren und sich „stärker aus den armen Schichten rekrutierten. Kriminalität, Devianz und Armut (…) hingen in Leipzig hinsichtlich des Georgenhauses untrennbar zusammen. Auch bei den Waisenkindern ist von einem sozial schwachen Hintergrund auszugehen.“ Letzen Endes würde die „soziale Vielfalt“ nur verständlich, wenn man diese „Institution Zucht- und Waisenhaus“ (S. 106) als – so mit Stier – „zeittypisches Element im System der Maßnahmen zur Vermeidung und Behebung von Armut und all ihren negativen sozialen Folgeerscheinungen“ begreife. (zit. ebd.)

Ihren Blick in diesen Mikrokosmos vertieft Frau Schimke durch Innenansichten, wobei es u.a. um wesentliche Bereiche wie Arbeit, Zwang und Strafe, Ernährung und Hygiene sowie Krankheit geht. Auch Missstände kommen zur Sprache und ebenso die zeitgenössische Sicht auf diese Anstalt, um mit einem weiteren Kapitel (und da genereller) auf die Intentionen der Waisenhausschule und Fürsorge durch das Instrument der Bildung einzugehen. Bevor sie die Frage erörtert, ob das Georgenhaus als Einrichtung wider die Leipziger Armut zu betrachten ist, vergleicht sie es mit anderen Einrichtungen ähnlicher Zielrichtung. Parallelen ergeben sich etwa in Bezug auf das Personal, „welches u.a. durch persönliche Bereicherungen, sexuelle Vergehen, Gewaltmissbrauch, Trunksucht und Inkompetenz negativ auffiel“, was zu „zahlreichen Schwierigkeiten bei der Bewältigung des Anstaltsbetriebs“ geführt habe. Insofern sei auch das Georgenhaus ein „typisches Beispiel für ein frühneuzeitliches Zuchthaus“, wobei demgegenüber die „nach den Prinzipien der Aufklärung“ eingerichtete, „reorganisierte Waisenschule in Leipzig“ hervorzuheben wäre. Ihre „Fallstudie“, so das Fazit der Verfasserin, könne gleichwohl als „repräsentativ für diesen Typus frühneuzeitlicher Einrichtungen angesehen werden“, als „in vielerlei Hinsicht deckungsgleich“. (S. 164 f.)

Wo es um die Einschätzung des Georgenhauses als Bollwerk gegen die Armut geht, kommt Frau Schimke nicht umhin festzustellen, dass „Zucht-, Arbeits- und Waisenhäuser (…) die zeitgenössische Antwort auf diese Problematik“ darstellen, die Problematik der Armut nämlich, die nicht „als strukturelles, auf tieferliegende gesellschaftliche und gesamtökonomische Faktoren zurückgehendes Problem erkannt“ wurde, „sondern eher als individuelle Angelegenheit angesehen, bei der die Frage nach dem Willen des Einzelnen zur Arbeit eine zentrale Rolle einnahm und Besserung einen wichtigen Ansatz bedeutete.“ Wohl dürfe man die Rentabilität von Häusern wie dem Georgenhaus in Bezug auf ihren Anteil am „Aufkommen der Manufakturen“ in Frage stellen und entsprechend dürfe ihre Rolle hinsichtlich des „Arbeitszwangs“ nicht einseitig herausgestrichen werden, doch aber gelte: „Arbeit stellte vielmehr eine Erziehungsmaßnahme und gleichzeitig das Endziel einer solchen Erziehung dar“ – so deutlich in einem Aktenvermerk aus dem Jahre 1795 über „junge Insassen“, die, „wenn sie entlassen werden sollten, sich an Arbeitsamkeit gewöhnen, und nicht wieder von der menschlichen Gesellschaft gerissen und eingesperrt“ werden. (S. 166 ff.) Umsichtig heißt es jedoch auch in einem zeitgenössischen Dokument, wo der Autor die gemeinsame Unterbringung von Waisen und Zuchthäuslern ablehnt, dass sonst „der Keim der edlen Ehrbegierde, der in dem Jüngliche und Mägdchen mit Weisheit genährt werden muss, (…) erstickt (wird), und der als Waisenknabe entlassen wurde, kommt oft als Züchtling wieder.“ (zit. S. 36)

Diskussion

Auch das ist der methodisch überzeugenden und hochgradig materialreichen wie ebenso auf theoretische Einbettung bedachten Studie von Frau Schimke neben anderen Anregungen zum Weiterdenken zu entnehmen: ‚Arbeit‘ rückt als Abwehr von gesellschaftlich problematisch werdender, quantitativ anwachsender Armut ins Zentrum. Die Gründe sind hinlänglich analysiert. Wie jedoch Arbeit in der sich in der frühen Neuzeit zur bürgerlichen formierenden Gesellschaft mit – nicht nur lokal – zu gewinnenden und zu befördernden Tugenden verkoppelt wird, erhellt eine Intention auf Stabilitätserhalt, der über Etablierung subjektiver Ausstattungen gewonnen werden musste, die mit überkommenen Werthaltungen und normativen Orientierungen der in Erosion geratenen feudal agrarischen Epoche nicht kompatibel oder gar kontraproduktiv waren. Dass ‚bürgerliche Tugenden‘ nicht nur den ‚Insassen‘, sondern großen Teilen der Bevölkerung in dieser langen Zeit des Übergangs – auch – frommten, ist dabei nicht zu unterschlagen. Doch ist, am Rande bemerkt, jene „praxis pietatis“ (s.o.) etwas Anderes als mittelalterliche Barmherzigkeit. Die Soziogenese und Psychogenese, wie sie Norbert Elias im „Prozeß der Zivilisation“ analysiert hat, ist der Verfasserin vertraut; auch sie illustriert und dokumentiert an einem Beispiel die Prozedur jener „Differenzierung des gesellschaftlichen Gewebes“, mit der „auch die soziogene, psychische Selbstkontrollapparatur differenzierter, allseitiger und stabiler“ wird. (Elias) Disziplinierung des Selbst war darin einer der Angelpunkte und ist in etwa der philanthropischen Hilfe zur Selbsthilfe fortgesetztes Thema und lebt in späterer Pädagogik fort, etwa in dem bekannten Satz Montessoris „Hilf mir, es selbst zu tun“, ein Desiderat, das inzwischen zur Selbstverständlichkeit geronnen ist.

Wo sich die zu implementierenden Tugenden um ‚Arbeit‘ ranken, steht zur Frage, welche Arbeit in welcher Form gemeint war und auf der Folie welcher ihr entsprechenden Vernunft und auch welcher Moral solche Tugenden vorrangig favorisiert wurden, die der sich anbahnenden und sich als herrschende durchsetzenden Ökonomie entsprachen, die nicht von allein und gleichsam im Vorab durch den „stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse“ (Marx) an und in den Menschen durchgesetzt wurden. Dass dies nicht ohne Widerstand vonstattenging, ist durch Forschungen der Sozialgeschichte belegt. Thompson, hier mit dem ansonsten von ihm kritisierten Althusser übereinstimmend, spricht diesbezüglich von einem ‚Klassenkampf‘, welcher der ‚Klasse‘ vorausgehe und in dem sie sich konstituiere: Als „Klasse an sich“, nicht schon „für sich“ (die Termini werden fälschlich Marx zugeschrieben, so etwa von Bucharin), als zusammengewürfelte ‚Masse‘ Besitzloser, deren objektive Lage ihrer intersubjektiven Realisierung als Menschen in gleicher Lage und von gleichen Interessen vorausgehe. Nicht ausschließlich, aber auch daraus rekrutierten sich die ‚Insassen‘ des Georgenhauses und der vergleichbaren Einrichtungen jener Zeit, die in der historischen Fortentwicklung zum Industrieproletariat wurden (was nicht zu verwechseln ist mit dem Marxschen „Lumpenproletariat“, das noch Züge der Vaganten, Bettler, Diebe etc. trug, vergleichbar den frühen Zuchthäuslern). Schon an den ‚Insassen‘, vor allem an den Armen und Bedürftigen, zeichnete sich jenes „Übel“ des späteren Proletariats ab, „daß Millionen nur durch anstrengende, körperlich zerrüttende, sittlich und geistig verkrüppelnde Arbeit sich ein knappes Auskommen zu erwerben vermögen; daß sie sogar das Unglück, eine solche Arbeit gefunden zu haben, für ein Glück halten müssen.“ (Schulz, zitiert in Marx´ Pariser Manuskripten) – Diese sich anbahnende Form von Arbeit war letzten Endes im Visier und darauf Selbsthilfe als erst einmal tunlicher Ausweg aus Armut ausgerichtet, zu jener Zeit allerdings noch nicht mit dem späteren Zungenschlag Lord „Brougham´s Zuruf an die Arbeiter: ‚Werdet Kapitalisten!‘“ (ebd.)

Wenn man die Veränderung der Form von Arbeit im Zuge einer sich durchsetzenden Ökonomie in den Blick nimmt, worauf man durch die Verfasserin mit ihrem Verweis auf „gesamtökonomische Faktoren“ (s.o.) im Zusammenhang von Armut aufmerksam gemacht wird, so mag man in den disziplinierenden bis fürsorglichen und erzieherischen Maßnahmen gleichsam eine ‚Urschrift‘ ausmachen, die bis heute fortwirkt und aktualisiert ist. Wo Frau Schimke auf eine „neue Gruppe von Armen, sogenannte labouring poor“ in der vorindustriellen Zeit zu sprechen kommt (S. 27), also eine nicht nur im vorindustriellen England erheblich Zahl von Menschen, „arbeitenden Armen (…), die sich trotz eigenem Einkommen durch Teuerungen und andere äußere Faktoren ständig in der Gefahr der Verarmung sahen und sich immer wieder an die Armenkasse wenden mussten“ (ebd.), wird diese Vermutung genährt. Generell wären schon zur damaligen Zeit Frauen stärker von Armut bedroht gewesen und man habe „Kriterien bei der Gewährung von Unterstützungsleistungen“ entwickelt, wobei nicht nur die „Hausarmen, also ortsansässigen Bedürftigen“ Vorrang hatten, sondern auch zwischen „unwürdigen“ und „würdigen“ Armen unterschieden wurde, wobei letztere „primär mit Almosen bedacht wurden“, und es habe auch „Bettelzeichen als Berechtigungsnachweis zum Betteln“ gegeben. Zwar knüpften die „Instrumente und Grundstrukturen der Armenfürsorge“ an die des Spätmittelalters an, doch sei „Kernstück dieser Ordnung (…) immer wieder der Arbeitsgedanke, d.h. die Einstellung bzw. Fähigkeit der Armen zur Arbeit, die zum Gradmesser für die Differenzierung dieser in ‚würdige‘ und ‚unwürdige‘ Arme wurde.“ Dass sich dies auch in Erziehungskonzepten niederschlug, ist nur folgerichtig: Der Arbeitsgedanke „wurde geradezu zum pädagogischen Auftrag im Kampf gegen den ‚Müßiggang‘ und somit zur Pflicht für alle dazu fähigen Armen.“ Demgegenüber ließen sich die „Formen der Selbst- und Fremdhilfe, die die frühneuzeitliche Gesellschaft auch prägten, schwieriger fassen“, weshalb die Forschung z.T. dazu neige, „den repressiven Charakter der frühmodernen Armenfürsorge überzubetonen“. (S. 28 ff.) Sicher stehen die Historiker im Hinblick auf alltägliche Formen der Fremd- und Selbsthilfe unterhalb der Schwelle des Justiziablen, weil sie durch die Maschen obrigkeitsstaatlicher Einhegung schlüpften, wie ebenso hinsichtlich des Gelingens von Integration „vor einem Quellenproblem“. (S. 170) Was die Verfasserin jedoch vorträgt, könnte man amüsant finden, wäre es für die Betroffenen nicht so bitter: Leichterdings ist die Logik damaliger Einwirkungen auf die ‚Armen‘ bis in die Konturen der Maßnahmen mit der heutigen Hartz IV-Gesetzgebung zu parallelisieren. Hergeholt scheint es nicht, darin eine perfektionierte Ausformulierung jener unterstellten ‚Urschrift‘ auszumachen, übrigens auch mit Blick auf all die (damals wie heute) nur schwerlich administrativ abzublockenden Überlebenslisten, was die Quellen nicht hergeben und was auch heute nicht ‚total‘ zu kontrollieren ist.

Was mehr aus- als abweicht, ist selbst Folge einer „Integration“, und zwar in Adornos Lesart und seine Analyse aufnehmend, dass „Integration“ in die bürgerliche Gesellschaft fortlaufend „Desintegration“ erzeugt, was zugleich (auch) zeigt, dass die „Entwicklung zur totalen Integration (..) unterbrochen, nicht abgebrochen“ ist. (Horkheimer/Adorno) Man kann hier einen Abklatsch oder späte Ausläufer jenes Widerstandes ausmachen, wie er sich nach den Forschungen u.a. von Thompson in den Massen Besitzloser der frühbürgerlichen Gesellschaft regte. Und der spätere Zuruf an das Proletariat, „Werdet Kapitalisten“ (s.o.), ergeht an das gegenwärtige Prekariat und auch den heutigen Share- und Workholder dem Sinne nach ebenso noch wie die neoliberale Anrufung des „unternehmerischen Selbst“ (Bröckling) mit der Aufforderung zu Eigeninitiative und eben Selbsthilfe. Das biblische Zinsverbot (gegenüber dem „Bruder“ und „Volksgenossen“; 5. Moses, 23, 20), im mittelalterlichen Denken bis in den „limitativen Eigentumsbegriff“ (Waibl) etwa des Thomas von Aquin noch als Beschränkung eines ungezügelten ökonomischen Handelns erhalten, und auch die von Keynes unter Bezug auf die Bibel vorgebrachte Einrede gegen den „Wucherzins“, er sei ein „Vergehen“ und überhaupt „die Liebe zum Geld (..) verabscheuungswürdig“, bleiben in ihrer sinngemäßen Übertragung politisch durchaus korrekte moralische Schönheitspflästerchen: Solche – zeitgemäß gewendeten – Mahnungen werden in Sonntagsreden ausgelagert und letztlich doch von neoliberalen Heilsversprechen übertönt. Allerdings transportieren sie den Gedanken an das ‚Fürsorgliche‘, ein begleitendes ideologisches Versatzstück, das als vor allem mediale Kritik von Gier etc. und Warnungen vor einem ‚Raubtierkapitalismus‘ erscheint, was der Glättung eventueller Wogen dient. Beobachtbar werden jedoch die Ansinnen zur Selbstoptimierung und Selbst-Disziplinierung weitgehend befolgt und können hie und da existenzielle Not lindern und wie auch immer riskante Zukunftsaussichten eröffnen – wie es schon im Zusammenhang des Georgenhauses zu Leipzig in Form der Akzeptanz seitens der Bürger zu sehen war. Ob allerdings – aus dieser Sicht – die Foucaultsche Analyse und Bestimmung von Gesellschaft als „Disziplinargesellschaft“ in der Zusammenschau mit der „Kontrollgesellschaft“ nach Deleuze fragwürdig wird, darf bezweifelt werden.

Fazit

Dass ihre Arbeit solche Anknüpfungspunkte für weitergehende Diskussionen bietet, ist Frau Schimke wegen ihrer eben auch interdisziplinären Herangehensweise zu danken, die ihre akribische historische Forschungsarbeit zum Georgenhaus zu Leipzig als einen Bezugspunkt für theoretische Erörterungen und Weiterentwicklung ausweisen. In diesem Sinne ist diese Arbeit nur zu empfehlen, auch weil sie weiterer Klärung der Frage dient und sie lebendig erhält, wie wir wurden, was wir sind. Sie trägt dazu bei, aus der Geschichte zu lernen, vielleicht bis auf die Ebene von (handlungsanleitenden) Überlegungen, wie „Macht, Disziplin und Kontrolle“ (s.o.) auch in neuen Gewändern nicht nur an eine bestimmte „Arbeitsamkeit gewöhnen“ (s.o.) und den ‚Armen‘ nur als „Züchtling“ in einen offenen Vollzug entlassen, sondern ganz unpathetisch so zu überwinden sind, dass die Herrschaft von Menschen über Menschen ein allerdings sehr langes Kapitel in zukünftigen Geschichtsbüchern wird. So kann nicht nur, aber auch, die Analyse der Geschichte der Armut und ihrer grundsätzlichen Ursachen seit der Frühen Neuzeit „heute Parteinahme für die Residuen von Freiheit, für Tendenzen zur realen Humanität“ abverlangen, „selbst wenn sie angesichts des großen historischen Zuges ohnmächtig scheint.“ (Horkheimer/Adorno) Dass dabei der „Blitz des Gedankens“ (Marx) einschlagen muss, was Aufklärung im klassischen Sinne meint, wozu Frau Schimke anregt und was nicht auf einem anderen Blatt steht, ist fortwährendes Desiderat in Bezug auf zugrunde liegende Ursachen, damit sich „die Emanzipation (…) zu Menschen vollziehn“ (Marx) kann – denen beim Wort Armut nichts mehr einfällt.


Rezensent
Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 30.11.2016 zu: Dörthe Schimke: Fürsorge und Strafe. Das Georgenhaus zu Leipzig 1671-1871. Leipziger Universitätsverlag (Leipzig) 2016. ISBN 978-3-96023-035-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21906.php, Datum des Zugriffs 11.12.2019.


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