socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Mechthild Bereswill: Hat Soziale Arbeit ein Geschlecht?

Cover Mechthild Bereswill: Hat Soziale Arbeit ein Geschlecht? Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2016. 59 Seiten. ISBN 978-3-7841-2934-1. D: 7,50 EUR, A: 7,80 EUR.

Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (Herausgeber).
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

In Geschlechtertheorien gilt Geschlecht nicht als biologisch begründete Eigenschaft eines Menschen, sondern als dreidimensionale soziale Differenzkategorie, die sich erstens historisch entwickelt und in entsprechenden gesellschaftlichen Strukturen niedergeschlagen hat, zweitens in Diskursen konstruiert und drittens in sozialen Interaktionen immer wieder hergestellt und bestätigt wird. Auch die Soziale Arbeit ist in Theorie, institutioneller Ordnung sowie professioneller Praxis einerseits durch Geschlechterverhältnisse strukturiert, andererseits bringt sie diese auch immer wieder hervor und ist an ihrer Reproduktion beteiligt. Dabei betreffen Geschlechterverhältnisse grundlegende Fragen sozialer Ungleichheit, vor allem aufgrund geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung. So sind es meistens Frauen, die gar nicht (in Familien) oder schlecht bezahlte (z.B. Kranken- und Altenpflege, auch Soziale Arbeit) Carearbeit leisten. Deshalb sind sie auch von höheren Armutsrisiken betroffen. Zudem arbeiten Frauen deutlich häufiger als Männer in Berufen, die schlechter bezahlt sind, weniger Aufstiegschancen bieten und einen geringeren gesellschaftlichen Status haben, so dass sie auch seltener berufliche Positionen besetzen, in denen sie über Macht und Einfluss verfügen.

Spätestens seit den 1960er Jahren versteht sich Soziale Arbeit als die Profession, die sich für den Abbau sozialer Ungerechtigkeit einsetzt und sozialpolitisch einmischt, so dass sie im professionstheoretischen Sinne in besonderer Weise gefordert ist zu reflektieren, inwieweit sie selbst an der Reproduktion sozialer Ungleichheit durch die Stabilisierung von Geschlechterverhältnissen beteiligt ist. Pointiert und provokativ trägt deshalb die nur rund 46 Textseiten umfassende Schrift von Mechthild Bereswill den Titel „Hat Soziale Arbeit ein Geschlecht?“. Um Antworten auf diese Frage zu geben, begibt sie sich auf Spurensuche und setzt dazu vier verschiedene „Theoriebrillen“ (S. 13) auf. Je nach theoretischer Perspektive gilt „Geschlecht“ als …

  1. eine gesellschaftlich-historisch gewordene „Strukturkategorie“,
  2. eine in sozialen Interaktionen immer wieder hergestellte „soziale Konstruktion“,
  3. Teil konflikthafter Prozesse von Identitätsentwicklung und Subjektivierung als „Konfliktkategorie“ sowie
  4. als in gesellschaftlichen Diskursen hergestellter „Diskurseffekt“ (S. 14, i. O. kursiv).

Beispielsweise verweist Mechthild Bereswill mit Blick auf „Geschlecht“ als gesellschaftlich überaus relevante Strukturkategorie für Soziale Arbeit auf Alice Salomon. Als eine der zentralen Protagonistinnen der Verberuflichung Sozialer Arbeit hat sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts Soziale Arbeit mit ihrem Konstrukt der „geistigen Mütterlichkeit“ ausdrücklich als Frauenberuf markiert (S. 11). Obwohl in den letzten Jahren der Ruf nach mehr Männern in der Sozialen Arbeit immer lauter geworden ist, sind bis heute unter den Studierenden nur rund ein Viertel Männer zu finden. Im Gegensatz dazu sind in der Berufspraxis zwei Drittel der Planungs- und Leitungspositionen von Männern besetzt, während sie unter den Fachkräften nur zu rund einem Drittel vertreten sind (S. 33). So gesehen sind auch die Träger bzw. Organisationen Sozialer Arbeit aktiv an der Reproduktion geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung und damit von Strukturen sozialer Ungleichheit beteiligt. Auf soziokultureller und Diskursebene ändert daran auch die in den letzten Jahren nicht nur fachöffentlich, sondern auch in der breiten Öffentlichkeit debattierte Forderung nach mehr Männern in der Kinder- und Jugendhilfe nichts. Denn damit geht einher, dass Konstruktionen von Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität immer wieder bestätigt bis hin zu naturalisiert werden. Vor diesem Hintergrund greift Mechthild Bereswill kritisch diese Forderung nach mehr Männern in der Sozialen Arbeit auf. An diesem Beispiel buchstabiert sie die vier verschiedenen Geschlechtertheorien, die sie sich jeweils als ‚Theoriebrille‘ aufsetzt, aus und arbeitet die damit verbundenen Konsequenzen für Soziale Arbeit heraus.

Vorstellungen von Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität zeigen sich jedoch nicht nur in der Debatte zur Problematisierung Sozialer Arbeit als Frauenberuf, sondern sie sind auch in institutionelle Vorgaben sowie Interaktionen zwischen Fachkräften und AdressatInnen eingelassen. So nehmen sich in der alltäglichen Praxis die Beteiligten als Mädchen und Jungen bzw. Männer und Frauen wahr und adressieren sich entsprechend mit daran geknüpften Verhaltenserwartungen von Männlichkeit und Weiblichkeit. Wer davon abweicht, gilt als ‚nicht normal‘ und wird mit Kritik oder abfälligen Bemerkungen sanktioniert. Identitätstheoretisch gewendet gehen damit Verengungen biografischer Handlungsoptionen einher, weil Verhalten und Lebenswünsche erwartet werden, die für das jeweilige Geschlecht als angemessen bzw. ‚normal‘ gelten, ungeachtet der individuellen Bedürfnisse und Identitätswünsche. Neben diesen Normalitätsvorstellungen der Fachkräfte greifen auch institutionelle Vorgaben wie beispielsweise jene in der Jugendberufshilfe. Dort werden junge Frauen häufig gezielt auf Frauenberufe verwiesen mit der Begründung, dass sich damit ihre Vermittlungschancen auf einen Ausbildungsplatz deutlich erhöhen. Viele Fachkräfte reflektieren solche ‚Cooling-Out-Prozesse‘ der Berufswünsche der jungen Frauen nicht, zumal sie aufgrund institutioneller Vorgaben zur Sicherung ihrer eigenen Arbeitsplätze gefordert sind, möglichst hohe Vermittlungsquoten zu erzielen.

Zwar nicht an dem hier gewählten Beispiel der Jugendberufshilfe, sondern z. B. am Strafvollzug (S. 26) begründet Mechthild Bereswill aus den vier erwähnten „Theoriebrillen“ (S. 13), dass sich Soziale Arbeit in Wissenschaft, Aus- und Weiterbildung sowie Praxis mit geschlechtertheoretischen Ansätzen und Forschungsergebnissen auseinander setzen sollte. Ausgehend davon plädiert sie abschließend dafür, in der Sozialen Arbeit „Geschlecht als sensibilisierendes Konzept zu verstehen“ (S. 52), ohne dabei jedoch die „Gender-Paradoxie“ im Verständnis von Judith Lorber zu verschweigen, d.h.: „Die Wirkung von Geschlecht soll unter ausdrücklichem Bezug auf Geschlecht verändert werden“ (S. 51), was Gefahren der Naturalisierung der Geschlechterkategorie beinhaltet.

Autorin

Mechthild Bereswill ist Professorin für Soziologie sozialer Differenzierung und Sozialkultur am Institut für Sozialwesen der Universität Kassel.

Entstehungshintergrund

Die, wie schon erwähnt, nur um die 46 Textseiten umfassende Schrift von Mechthild Bereswill ist in der Schriftenreihe „Soziale Arbeit kontrovers“ erschienen, die der Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. und der Lambertus Verlag als Teil des Deutschen Caritasverbandes gemeinsam herausgeben. „Ausgehend von einer provokanten oder rhetorischen Fragestellung“ möchten die HerausgeberInnen in ihrer Reihe „aktuelle Fragen der sozialen Arbeit aufgreifen und in knapper handlicher Form Orientierungshilfen zur Verfügung stellen“ (S. 3). Dabei wird von „einer provokanten oder rhetorischen Fragestellung“ ausgegangen, mit dem Ziel, „vermeintliche Gewissheiten, Selbstverständlichkeiten oder Verallgemeinerungen“ (ebd.) kritisch zu überprüfen.

Aufbau und Inhalt

Die kurze Schrift gliedert sich in sechs Kapitel. Neben der Einleitung im 1. Kapitel und dem Ausblick im 6. Kapitel führt Mechthild Bereswill in die bereits oben genannten vier verschiedenen Geschlechtertheorien ein und zeigt insbesondere am Beispiel der breit debattierten Forderung, dass mehr Männer als Fachkräfte für die Soziale Arbeit gewonnen werden sollten, welche Bedeutung der Sozialkategorie Geschlecht in der Sozialen Arbeit zuzurechnen ist, im Einzelnen:

1. Einleitung: Antworten auf eine irreführende Frage“. Ausgehend vom Alltagsverständnis von Geschlecht gibt Mechthild Bereswill einen kurzen Überblick zu den von ihr gewählten vier „Theoriebrillen“ und führt in die „Bedeutung von Geschlecht für die Soziale Arbeit“, auch vor dem Hintergrund vor gesellschaftlichen Transformationsprozessen, ein. Ferner begründet sie, warum sie sich dafür entschieden hat, am Beispiel der Forderung „nach mehr Männern in der Sozialen Arbeit“ (S. 13) die vier verschiedenen geschlechtertheoretischen Zugänge mit ihren jeweiligen Konsequenzen für die Debatte zu illustrieren.

2. Geschlechterverhältnisse als Geschlecht als Strukturkategorie“. In diesem zweiten Kapitel ordnet Mechthild Bereswill aus einer intersektionalen Perspektive Geschlecht, neben Klasse und ethische Herkunft, als zentrale gesellschaftliche Strukturkategorie zur Herstellung sozialer Ungleichheit ein. Nicht nur am Beispiel der Forderung nach dem Einbezug von mehr Männern als Fachkräfte in der Sozialen Arbeit, sondern auch am aktuellen Diskurs zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf zeigt sie kritisch, wie aus dieser „gesellschaftstheoretische(n, R.E.) Brille“ (S. 23) soziale Ungleichheit fortgeschrieben und stabilisiert wird.

3. Geschlechterverhältnisse – Geschlecht als soziale Konstruktion“. Aus der Perspektive sozialkonstruktivistischer Theorien skizziert Mechthild Bereswill, wie in sozialen Interaktionen, innerhalb sogenannter Doing-Gender-Prozess, immer wieder Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit hergestellt und bestätigt werden. In kritischer Lesart können diese Bilder und damit verbundenen Verhaltenserwartungen auch als Identitätszumutungen für die AdressatInnen Sozialer Arbeit verstanden werden. Mechthild Bereswill reflektiert die Forderung nach mehr Männern in der Sozialen Arbeit sowie die grundlegenden Debatten zu sogenannten Männer- und Frauenberufen aus dieser „Theoriebrille“.

4. Geschlechteridentitäten – Geschlecht als Konfliktkategorie“. Aus psychoanalytischer Sicht präzisiert Mechthild Bereswill die Entwicklung von Geschlechtsidentität als lebenslangen Prozess und stellt diese konflikthaft ablaufende subjektive Aneignung in ihrer Bedeutung für die Soziale Arbeit dar.

5. Geschlechterdiskurse – Geschlecht als performativer Akt“. Zentrale Protagonistin der dekonstruktivistischen Geschlechtertheorien ist Judith Butler. Vor allem mit Bezug auf Michel Foucault hat sie zentrale diskurs- und machttheoretische Arbeiten zu Geschlechter und Queer Studies vorgelegt, die Mechthild Bereswill kurz vorgestellt und in ihrer Bedeutung für die Soziale Arbeit erläutert.

6. Ausblick: Geschlecht als sensibilisierendes Konzept“. Wie hier schon einleitend herausgestellt worden ist, schließt die kurze Schrift von Mechthild Bereswill mit ihrem Plädoyer, die von ihr skizzierten vier geschlechtertheoretischen ‚Brillen‘ zur Reflexion professionellen Handelns und der institutionellen Bedingungen in der Sozialen Arbeit zu nutzen. Dabei verhehlt sie jedoch nicht die damit verbundene Ambivalenz oder gar „Paradoxie“ in dem Sinne, dass versucht wird, Geschlechterverhältnisse und daran gebundene Vorstellungen von Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität zu ändern, indem sie immer wieder in den Blick genommen, thematisiert und so gesehen auch reproduziert und stabilisiert werden.

Diskussion und Fazit

Für alle diejenigen, die sich einen komprimierten und konzentrierten Überblick zu aktuellen geschlechtertheoretischen Ansätzen und deren jeweiliger Bedeutung für die Soziale Arbeit verschaffen möchten, empfehle ich diese kurze, aus meiner Sicht sehr strukturiert und ausgezeichnet lesbar gestaltete Schrift von Mechthild Bereswill als Lektüre. Mit ihrem immer wieder aus den vier verschiedenen Theorieperspektiven diskutierten Beispiel der Debatte zu „mehr Männern in der Sozialen Arbeit“ sowie sonstigen, eingestreuten Beispielen aus der Sozialen Arbeit eignet sich diese Schrift insbesondere auch für den Einsatz im Rahmen relevanter Studiengänge sowie der Fortbildung von Fach- und Leitungskräften der Sozialen Arbeit. Besonders hervorheben möchte ich dabei, dass Mechthild Bereswill es nicht dabei belässt, nur die vier meines Erachtens gegenwärtig als zentral geltenden Geschlechtertheorien und deren Relevanz als „sensibilisierendes Konzept“ für kritische Reflexionen professionellen Handelns und der institutionellen Bedingungen der Sozialen Arbeit vorzustellen, sondern sie geht darüber deutlich heraus: Denn abschließend hinterfragt sie wiederum ihre zur Frage „Hat Soziale Arbeit ein Geschlecht“ gefundenen Antworten nochmals kritisch, indem sie auf die „Gender-Paradoxie“ und die damit verbundenen Widersprüchlichkeiten verweist.


Rezensentin
Prof. Dr. Ruth Enggruber
Hochschule Düsseldorf, FB Sozial- und Kulturwissenschaften
E-Mail Mailformular


Alle 55 Rezensionen von Ruth Enggruber anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ruth Enggruber. Rezension vom 16.12.2016 zu: Mechthild Bereswill: Hat Soziale Arbeit ein Geschlecht? Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2016. ISBN 978-3-7841-2934-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21908.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Assistenz (w/m/d) für Kindergartenverwaltung, Heilbronn und Erlenbach

Referent (w/m/d) Service Learning, Augsburg

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung