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Markus Hundeck, Eric Mührel (Hrsg.): José Ortega y Gasset. Sozialpädagogik als politisches Programm

Cover Markus Hundeck, Eric Mührel (Hrsg.): José Ortega y Gasset. Sozialpädagogik als politisches Programm. Von Spanien nach Europa. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 132 Seiten. ISBN 978-3-658-01912-9. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.
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Thema

Die Schrift des Philosophen José Ortega y Gasset „Sozialpädagogik als Politisches Programm“, als Vortrag am 12. März 1910 gehalten, legt die Grundzüge einer Sozialpädagogik für den spanisch sprechenden Raum dar. Sie dient den Herausgebern und Autoren Hundeck und Mührel „als Ausgangspunkt für die Renaissance eines Verständnisses von Sozialpolitik vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen Umbrüche in Europa und weltweit“ (vgl. Rückseite des Buches)

Herausgeber

Markus Hundeck ist Verwaltungsprofessor für Soziale Arbeit an der Hochschule Emden/Leer.

Eric Mührel ist seit 2000 Professor für Sozialpädagogik und Sozialarbeitswissenschaft an der Hochschule Emden/Leer und habilitierte sich 2005 an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, wo er 2006 bis 2010 zudem als Privatdozent tätig war. Seit 2013 ist er Vizepräsident für Forschung und Wissenstransfer an der Hochschule Emden/Leer.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Arbeit fußt auf einen 2011 an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt im Zusammenhang mit Studien der Schriften zur Phänomenologie aus den Werken von José Ortega y Gasset aufgespürten und noch nicht ins Deutsche übersetzten Vortrag Ortegas zum Thema: „La Pedagogia Social Como Programa Politico“. Über die Erbengemeinschaft Ortegas wurden die Rechte an der Erstveröffentlichung des Vortrags in deutscher Sprache erlangt.

Aufbau

Der schmale Band – der im Übrigen innerhalb der im Springer Verlag gelisteten Reihe ‚Soziale Arbeit in Theorie und Wissenschaft‘ erschienen ist – enthält zunächst ein einleitendes Kapitel und neben der oben genannten Schrift Ortegas lediglich fünf Beiträge der jeweiligen Herausgeber; den Abschluss bildet ein Literaturverzeichnis, das zunächst die Werke Ortegas im Teil ‚Primärliteratur‘ auflistet, während in Teil ‚Sekundärliteratur‘ Werke sowohl spanischer wie auch allgemeiner Philosophie nicht zuletzt unter Berücksichtigung jener der beiden Herausgeber aufzufinden sind.

Inhalt

Den beiden Herausgebern liegt – wie im einleitenden Kapitel dargelegt – bei der Auswertung der Schrift Ortegas die Überlegung nach einer historisch herzuleitenden Verbindung der Sozialen Arbeit mit einer heute gesellschaftlich akzeptierten und wirtschaftlich gut ausgestatteten sozialpolitischen Bearbeitung sozialer Problemlagen und Konflikten zugrunde, weshalb ihnen gerade eine Darstellung und Erörterung der Erstveröffentlichung genannter Schrift zupass kommt. Dabei geht es um Klärung der Fragen nach dem Hintergrund und der Zielsetzung eines spanischen Philosophen bezüglich der Sozialpädagogik am Anfang des 20. Jahrhunderts und auf welches Verständnis er rekurrieren kann? Da die Herausgeber der Meinung sind, dass derartige Fragen sich nicht aus dem Text selbst heraus beantworten, geht es ihnen um unterstützende Hinweise und Analysen.

Nach dem kompletten Abdruck des Originaltextes vom März 1910 unternimmt es Hundeck in seinem ersten Beitrag der Frage nachzugehen: „Was das Lesen der Texte Ortegas so schwierig macht“. Er hebt besonders den „Sinn für Sprache“, eine „außerordentlich schöne Prosa“, die eine „leidenschaftliche Suche nach den Umständen der Dinge dokumentiert“ hervor, was den Text dann schwer verständlich mache, wenn man in einer philosophischen Abhandlung ein klares methodisches Vorgehen und die Erklärung von Begriffen erwarte (vgl. S. 27). Der Autor hält als Mittel zur Erschließung des Textes eine archäologische Methode für unumgänglich, auch auf die Gefahr hin, dennoch gewisse Gedanken nicht freilegen zu können.

Nachfolgend gibt Hundeck einen erläuternden Kommentar zum Modus des wissenschaftlichen Arbeitens und hält sich dabei an die im zu kommentierenden Text vorhandenen Zeilennummerierungen, um somit dem Leser eine bessere Orientierung geben zu können. Mittels dieser Vorgehensweise werden nun persönliche Anmerkungen Ortegas zu seiner Rede ‚Sozialpolitik als politisches Programm‘ und zur Rede vor der Gesellschaft ‚El Sitio‘ in Bilbao gegeben. Insbesondere letzere schlüsselt Hundeck quasi stichwortartig auf und geht beispielsweise auf die Reflexion Ortegas über den Patriotismus, über Erziehung und über den Menschen als Individuum ein, womit sich eine sozialpädagogische Ausrichtung – und zudem das „Herzstück“ in der Überlegung, „dass jeglicher Individualismus Mythologie, ja sogar, dass er unwissenschaftlich sei, und deshalb müsse eine Individualpädagogik ein Irrtum und ein unfruchtbares Projekt sein“ (vgl. S. 57) in dieser Rede erkennbar macht. Ortegas Rede orientiert sich am Zerfall Spaniens, weshalb er offensichtlich bzgl. seiner Sozialpädagogik einer Sozialisation der Schule im Sinne einer gesellschaftlichen Kooperation vor dem Hintergrund des Gedankens der Gleichheit, also der gleichen Bildungschancen für alle, um den vorhandenen Ungleichheiten zwischen Reich und Arm, Gebildeten und Ungebildeten und damit einer Aufspaltung der Gesellschaft begegnen zu können, das Wort redet.

Hundeck erkennt zusammenfassend als Konsequenz von Ortegas sozialpädagogischem Programm, dass das zukünftige Spanien eine Gemeinschaft sein müsse oder es werde nicht mehr existieren. Dabei müsse das aus unzählbaren Individuen bestehende ‚Gewebe‘, der ‚Volkskörper‘, mit einer einzigen Seele ausgestattet und notwendigerweise durch Bildung garantiert sein. Letztlich laufe Ortegas Vision auf eine Universalisierung bzw. auf eine Demokratisierung eines Spanien im Rahmen einer Europäisierung hinaus, die durch eine Kooperation zu verstehen sei.

In seinem zweiten Beitrag beleuchtet Hundeck den Hintergrund der Philosophie und der Sozialpädagogik von Ortega im Zusammenhang mit dessen Ringen um Spanien und der Bewältigung von dessen Problemen; dabei wirft er sowohl einen Blick in die Sozialgeschichte Spaniens, wie er andrerseits die Bedeutung der Sozialpädagogik für eine Renovatio Spaniens thematisiert, somit Ortegas sozialpädagogisches Programm als ein in die Zukunft gerichtetes Experiment an einem neuen Spanien (vgl. S. 111) versteht.

Eric Mührel unternimmt es in seinem Beitrag das Verständnis von Sozialpädagogik bei Ortega y Gasset zu ergründen. Er konzediert zugleich, dass es sich bei dessen Sozialpädagogik explizit lediglich nur um einen Vortrag von 1910 handelt, welcher bislang in der deutschsprachigen Gesamtausgabe seiner gesammelten Werke gefehlt habe. Mührel kehrt heraus, dass Ortega Sozialpädagogik als eine „Wissenschaft von der Umgestaltung der Gesellschaft“ begreift und somit eine „politisch-pragmatische Theorie“ ist (S. 79). Bezogen auf die damalige Situation Spaniens ist seine Sozialpädagogik als ein politisches Programm, ja als ‚Erziehung zur Demokratie‘ zu verstehen. Mührel kommt zu der Erkenntnis, dass sich im Sinne Ortegas „die Notwendigkeit einer Sozialpädagogik als politisches Programm für die Entwicklung eines demokratischen und solidarischen Europas“ (S. 84) stellt, da offensichtlich Europa gesellschaftlich, politisch wie auch kulturell das Problem darstelle.

Der zweite und den Band abschließende Beitrag von Mührel stellt ebenfalls Europa in den Mittelpunkt von ‚Ortegas kulturphilosophische Grundlegungen für eine politische Integration‘. Hintergrund bildet dabei Ortegas Idee einer europäischen Integration der unterschiedlichen Nationen – vor dem Hintergrund des Desasters der beiden Weltkriege und der verschiedenen totalitären Herrschaftssysteme im fortschreitenden 20. Jahrhundert (vgl. S. 114). Mührel weist dabei darauf hin, dass Ortega als der „Philosoph Europas“ (ebd.) gilt und erkennt in ihm den Vordenker für das Konzept einer staatlichen Einheit Europas im Sinne der ‚Vereinigten Staaten von Europa‘ (vgl. S.113 f.) – auf der Basis eines europäischen Kulturbewusstseins als Grundlage einer politischen Integration.

Diskussion

Sicher handelt es sich bei dem Aufspüren und der nachfolgenden Analyse des bislang nicht ins Deutsche übersetzten Textes von Ortega y Gasset aus dem Jahr 1910 um ein nicht einfaches Unterfangen – und dennoch gelingt es den beiden Herausgebern die Hintergründe, die Sichtweise und die Relevanz eines sozialpädagogischen Textes mit dessen sozialpolitischer Programmatik so rüberzubringen, dass selbst die offenkundige Schwierigkeit in der Les- und Verstehbarkeit den Erkenntnisgewinn in keiner Weise schmälert.

Es ist für die Herausgeber und Autoren sicher nicht ohne Belang zu sehen gewesen, dass Ortega zwischen 1905 und 1907 in Deutschland zumindest zwei Semester bei Hermann Cohen und Paul Natorp studiert und sich dies auf sein Verständnis von Sozialpädagogik niedergeschlagen hat. Und so unternehmen es Hundeck/Mührel die zweifellos von hoher prosaischer Qualität bestimmte Darlegung von Ortega in erster Linie unter den Gesichtspunkten eines gesellschaftspolitischen und auch kulturphilosophischen Impetus zu verstehen. Dies jedoch macht es nicht unbedingt leichter Ortega ohne weiteres verständlicher zu machen, noch dazu, wo es eines gewissen Einfühlungsvermögens nicht nur in die Sprache, sondern auch in die dadurch verdeutlichte politische Situation Spaniens zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zwiespalt zwischen Zerfall und Renovatio bedarf.

Fazit

Die Arbeit von Ortega y Gasset macht vor allem deutlich, welche spezifische Rolle die Sozialpädagogik im Sinne eines sozialpädagogischen Programms unter besonderer Berücksichtigung von Bildung für jedermann spielen kann. Somit sind die Ausführungen in diesem Punkt geradezu als modern in der gegenwärtigen Zeit anzusehen. Des weiteren gilt dies auch für seine Haltung gegenüber Europa und der Notwendigkeit der Schaffung eines europäischen Staatenbundes.

Insgesamt: ein nicht einfach zu verstehender Originaltext, eine durchaus fundierte Analyse und eine erhellende Interpretation mit Zukunftsorientierung im Bezug auf die politische Situation Europas.


Rezensent
Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann
Professor für Andragogik, Politikwissenschaft und Philosophie/Ethik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
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Zitiervorschlag
Peter Eisenmann. Rezension vom 17.03.2017 zu: Markus Hundeck, Eric Mührel (Hrsg.): José Ortega y Gasset. Sozialpädagogik als politisches Programm. Von Spanien nach Europa. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-01912-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21909.php, Datum des Zugriffs 27.07.2017.


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