socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

André Fringer: Palliative Versorgung in der Langzeitpflege

Cover André Fringer: Palliative Versorgung in der Langzeitpflege. Entwicklungen, Möglichkeiten und Aspekte der Qualität. Hogrefe (Bern) 2016. 267 Seiten. ISBN 978-3-456-85619-3. 29,95 EUR, CH: 39,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Sterbenden Menschen und ihren Familien beizustehen ist eine der grundlegenden Aufgaben des Pflegeberufs. Langzeitpflegeinrichtungen sind zunehmend gefordert, Strategien und Konzepte moderner Palliativ Care zu implementieren und sehen sich gleichzeitig der Herausforderung gegenüber, nicht in die Enge des Qualitätsdiskurses zu geraten. Dieses Buch zeigt Chancen und Grenzen der Palliativversorgung in der Langzeitpflege auf.

Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Prof. Dr. Andre Fringer ist Pflegefachmann und Pflegewissenschaftler. Er ist im Hochschulbereich in St. Gallen in der Schweiz tätig. Palliative Care ist einer seiner Forschungsschwerpunkte.

Als Herausgeber hat Fringer über 20 Autorinnen und Autoren für dieses Buch gewinnen können.

Aufbau und Zielgruppe

Nach einführenden Worten verteilen sich 20 Beiträge auf 267 Seiten. Die Beiträge reichen von „Palliativ Care im Spannungsfeld von Demenz und Heimpflege“ über „Messinstrumente und Ansätze zur Qualitätsüberprüfung palliativer Betreuungen“ bis hin zu „Alternative und komplementäre Methoden als Qualitätsaspekte“ und „Spiritual Care in der End of Life Care“.

Auf der Homepage des Verlags finden sich weitere Hinweise sowie das Inhaltsverzeichnis.

Ausgewählte Inhalte

Um den Rahmen dieser Rezension nicht zu sprengen, werde ich vier Beiträge des Buches betrachten, die mich bei der ersten Durchsicht des Inhaltsverzeichnisses besonders angesprochen haben.

Zu 2. Palliative Care im Spannungsfeld von Demenz und Heimpflege. Schulte bearbeitet in seinem Beitrag das Spannungsfeld Demenz und Heimpflege. Zunächst zeigt er mit Fakten den Bedarf auf: die Zahl der Demenzerkrankungen nimmt zu, der Todesort verlagert sich von zu Hause ins Heim und der Bedarf an Palliative Care ist bei spezifischen Krankheitsverläufen unterschiedlich. Während z.B. Herz-Lungen-Erkrankungen mit Langzeiteinschränkungen mit intermittierenden Insuffizienzen einhergehen, lässt sich bei Demenz ein stetiger progressiver Abbau beobachten. Die Versorgungslage wird zudem durch die gesellschaftliche Individualisierung verschärft. Ältere Paare sind oft völlig auf sich gestellt und ambulante Dienste kommen in der Demenzversorgung schnell an ihre Grenzen. Diese Veränderungen haben Konsequenzen für die Versorgungsleistungen. Palliativ- und Demenzversorgung haben hier viele Parallelen, sei es im Pflegeaufwand oder in der Interdisziplinarität von Betreuungsleistungen, aber auch einige Barrieren. Dazu gehören die Multimorbidität und der Fokus auf die individuelle Lebensqualität. Angesichts dieser komplexen Versorgungslage sind die Imageprobleme und die Personalknappheit in der Langzeitpflege eine weitere Herausforderung. Schulte unterscheidet zwischen Patienten der Grundversorgung und denen der spezialisierten Palliative Care. Pflegende benötigen Basiskompetenzen und sollen punktuell spezialisierte Expertise aus Palliative-Care-Teams hinzuziehen. Das Pflegeheim der Zukunft hat einen therapeutischen Auftrag zur Förderung der Autonomie der Bewohner. Dazu braucht es eine adäquate Infrastruktur.

Zu 4. Ist-Situation der Palliative Care in der stationären Langzeitpflege. Fringer und Lehmann widmen sich in diesem Beitrag der Ist-Situation der Palliative Care in der stationären Langzeitpflege. In der Schweiz ist das Bild hierzu heterogen: ein Viertel der Alten- und Pflegeheime haben Palliative Care in ihrem Leitbild als Kernaufgabe aufgeführt, knapp zwei Drittel jedoch keinerlei Konzept zu diesem Thema entwickelt. Bei den versorgenden Hausärzten wie auch bei den Pflegekräften ist der Ausbildungstand unterschiedlich. Knappe Personalressourcen und fehlende Kontinuität in der Ansprechbarkeit bilden zusätzliche Barrieren und führen zu ungenügenden Behandlungsstandards. Die Autoren beleuchten die Rahmenmerkmale der befragten Einrichtungen wie Trägerschaft, Größe, Zertifizierungen und Qualifikation der Mitarbeiter. Es wird konstatiert, dass Bewertung und aktuelle Wirklichkeit der Palliative Care auseinanderklaffen und die Selbsteinschätzung in der Befragung unter Vorbehalt zu betrachten ist. Aspekte, die zu einer vermehrten Implementierung von Palliative Care beitragen können, sind z.B. eine umfassende Versorgungsplanung im Sinne des Advanced Care Planning, ein ausgewogener Skill-Grade-Mix oder ein interdiziplinärer Diskurs.

Zu 8. Menschen mit Demenz am Lebensende: Beobachtungen und Erfahrungen. Steiner und Saxer stellen in ihrem Beitrag auch Menschen mit Demenz in den Mittelpunkt. Demenzielle Erkrankungen sind die dritthäufigste Todesursache in der Schweiz. Das letzte Lebensjahr der Erkrankten ist häufig geprägt von Symptomen wie Schmerzen und Atemnot, wiederkehrende Infekte, psychomotorische Unruhe und Agitiertheit. Die Autoren stellen die Frage, welche Anzeichen und Hinweise für einen baldigen Tod Pflegekräfte bei Menschen mit Demenz in einer spezialisierten Einrichtung beobachten und deuten und gehen dieser mit einer qualitativen Herangehensweise nach. Anhand von zehn Interviews mit Pflegekräften konnten sie herausarbeiten, das es physiologische und psychisch-soziale Anzeichen und Hinweise für akute und chronische Verläufe gibt. Pflegekräfte nehmen Zustandsverschlechterungen oder Unsicherheiten als Wendepunkt wahr. Der Wendepunkt ist hier zum einen ein Gefühl, etwas nicht Nachvollziehbares oder aber auch eine Vorahnung. Eine weitere Kategorie ist die Beschreibung der Lebensendphase. Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass die Phänomene des Sterbeprozesses eindeutige und uneindeutige Verhaltensweisen beinhalten. Die oft eingeschränkte Mitteilungsfähigkeit der an Demenz Erkrankten erschwert die Einschätzung. Die Arbeit der Pflegekräfte sollte darauf abzielen, Symptome rasch und richtig zu identifizieren, um passende und verbindliche Maßnahmen umzusetzen.

Zu 11. Interprofessionalität in der Langzeitpflege. Der Beitrag von Schmidt-Mannhart dreht sich um die Interprofessionalität als unverzichtbare Bedingung von Palliative Care, die aber aufgrund fehlender Rahmenbedingungen und Voraussetzungen an mangelnder Umsetzung leidet. Am Beispiel von Frau B. zeichnet die Autorin nach, welchen Situationen mit interprofessionellen Handlungen begegnet werden kann. Eine Intervention ist das geriatrische Assessment. Mit diesem Ansatz tauschen unterschiedliche Berufsgruppe ihre Beobachtungen und ihr Wissen aus und entwickeln einen bedürfnisorientierten Behandlungsplan in gemeinsamen Besprechungen. Auch medizinethische Entscheidungssituationen sind interprofessionell zu lösen. Der persönliche Wille kann besser eruiert werden, wenn sich verschiedene Professionen und Disziplinen mit ihren Informationen daran beteiligen. Für ein interprofessionelles Gespräch schlägt die Autorin folgende Struktur vor: Beschreibung des Problems/der aktuellen Situation, Analyse des Problems, Formulierung verschiedener Handlungsmöglichkeiten und die Umsetzung des Entscheids. Von Seiten aller Professionen sind Kooperationsbereitschaft und Kommunikationsfähigkeiten sowie die Bereitschaft, das eigene Wissen weiterzugeben und von anderen zu lernen, erforderlich.

Diskussion

Dieses Buch betrachtet sehr umfassend und aus diversen Blickwinkeln die palliative Versorgung in der Langzeitpflege. Es zeigt tiefgehend und fundiert die aktuellen Herausforderungen und Lösungsvorschläge auf. Die Auseinandersetzung mit dem Thema lebt von der Vielfalt der Autoren und Beiträge, von strukturellen Betrachtungen bis hin zu Studienergebnissen. Die meisten Beiträge stammen aus der Schweiz, hier muss die Übertragbarkeit in den deutschen Kontext geprüft werden.

Das Buch ist ein Beitrag zum wissenschaftlichen Diskurs über Palliativ Care und damit kein explizites Handbuch für den pflegerischen Alltag. Wünschenswert wäre es, aus den gewonnenen Erkenntnissen alltagsnahe Empfehlungen zu formulieren und zu veröffentlichen, um den Eingang in die Praxis zu gewährleisten und die Diskussion noch breiter zu gestalten.

Fazit

Dieses Buch ist die Basis, sich mit Qualität in Kombination mit Palliative Care auseinanderzusetzen und die Möglichkeiten in der Langzeitpflege zu erschließen.


Rezensentin
Dr. sc.hum. Nina Fleischmann
M.A. Public Health und Pflegewissenschaft
E-Mail Mailformular


Alle 62 Rezensionen von Nina Fleischmann anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Nina Fleischmann. Rezension vom 16.03.2017 zu: André Fringer: Palliative Versorgung in der Langzeitpflege. Entwicklungen, Möglichkeiten und Aspekte der Qualität. Hogrefe (Bern) 2016. ISBN 978-3-456-85619-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21912.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung