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Karl-Heinz Braun, Matthias Elze u.a.: Sozialreportage als Lernkonzept

Cover Karl-Heinz Braun, Matthias Elze, Konstanze Wetzel: Sozialreportage als Lernkonzept. Grundlagen - Arbeitsleitfäden - Fallstudien. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 317 Seiten. ISBN 978-3-658-10519-8. D: 19,99 EUR, A: 20,55 EUR, CH: 25,00 sFr.
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Thema

Die Sozialreportage ist nicht nur eine journalistische Darstellungsform, sondern kann auch eine Methode sein, um sich Wissen über soziale Problemlagen aktiv und forschend anzueignen. Im Sinne der drei Autoren des vorliegenden Buchs ist sie deshalb ein geeignetes Lernkonzept für Schüler, Studierende oder Forschende – besonders im Bereich der Sozialen Arbeit. Sie zeigen anhand von sieben Beispielen, wie Studierende in Projektseminaren in bestimmte Lebenswelten und Sozialräume eingetaucht sind, um sie anschließend in Form von Sozialreportagen zu präsentieren.

Eine besondere Rolle spielt in dem Buch die Fotografie als Dokumentationsmethode. Es handelt sich dabei auch um eine Methoden der Kompetenzaneignung. Denn für die Sozialreportage als Lernkonzept ist wichtig, dass die Lernenden nicht nur „fremde“ Bilder interpretieren, sondern die Herausforderungen bei deren Gestaltung selbst aktiv erfahren.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist im Arbeitskontext des 2009 gegründeten „Magdeburger Archivs für Sozialfotografie“ (www.masof.de) am Fachbereich Sozial- und Gesundheitswesen der Hochschule Magdeburg-Stendal sowie des 2013 gegründeten „Fuldaer Archivs für Sozialfotografie“ (www.fasof.de) am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Fulda entstanden. Auch Ergebnisse aus Veranstaltungen des Studiengangs Soziales der Fachhochschule Kärnten sind darin verarbeitet.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in drei Teile:

  1. Der erste legt die theoretischen Grundlagen der Sozialreportage als Lernkonzept dar.
  2. Der zweite Teil bietet konkrete Arbeitshilfen und Raster für das Erstellen von Sozialreportagen bzw. das Ergründen von Sozialräumen und sozialen Problemlagen.
  3. Im dritten Teil können exemplarische Projekte und ihre jeweiligen Entstehungshintergründe nachvollzogen werden.

Inhalt

Sehen – zeigen – präsentieren: Wenn Lernende oder Forschende diese drei Akte durchlaufen, eignen sie sich ihre Lerngegenstände aktiv an. Im Fall der Sozialreportage als Lernkonzept entspricht das „Sehen“ einer Recherche vor Ort, also dort, wo das Leben spielt. Denn sinnliche, unmittelbare Erfahrungen sind die Voraussetzung dafür, soziale Sachverhalte später in Worte und Bilder kleiden zu können.

Das „Zeigen“ wiederum entspricht dem Akt des Komprimierens: Aus einer Vielzahl der recherchierten Eindrücke und Fakten wird das spätere Gerüst der Sozialreportage herauskristallisiert. Wer auf einzelne Sachverhalte „zeigt“, hebt sie aus ihrem Kontext hervor und verleiht ihnen besondere Bedeutung.

Das „Präsentieren“ schließlich ist das Inszenieren der Reportage als Reportage, der Fotografie als Fotografie. Das Medium wird zu einem Ersatz der Wirklichkeit und erhält als solches eine eigenständige Präsenz. Das wird besonders deutlich, wenn Sozialfotografie ausgestellt, archiviert oder rezensiert wird.

Theoretische Einordnung

Um die Sozialreportage als Methode der Sozialen Arbeit theoretisch zu fundieren, berufen die Autoren sich besonders auf den Ansatz der „Atmosphäre“ nach Gernot Böhme. Er ist als Herangehensweise an die Sozialfotografie deshalb geeignet, weil er einen Bezug herstellt einerseits zwischen der Art und Weise, wie Menschen (Fotografen) die Welt erleben und selbst in sie einbezogen sind – und andererseits den harten Fakten der sozialräumlichen, ökonomischen und politischen Lebensbedingungen. Nach Böhme lässt sich die Arbeit von Fotografen – egal, ob Schnappschuss, ambitionierte Hobby- oder professionelle Fotografie – als Rekonstruktion begreifen: Als „Konstruktion“, weil der Fotograf durch sein Wirken wertet und interpretiert. Und als „Re“-Konstruktion, weil er immer auch die Welt widerspiegelt, wie sie ist, mit einer eigenständigen Faktizität, die sich dem fotografischen Prozess entzieht. Die Atmosphäre ist in diesem Sinne ein Phänomen, das zwischen Subjekt und Objekt liegt.

Sozialfotografie: Dokumentation und Interpretation

Die Sozialreportage als Methode der Sozialen Arbeit ist eine Verschränkung von Text und Bild. Fotografien wird der gleiche dokumentarische Wert beigemessen wie Schriften. Damit der Wahrheitsgehalt von Fotografien als Quelle wissenschaftlichen Kriterien standhält, müssen aber bestimmte Kriterien bei der Produktion und Rezeption vorliegen. Die Arbeitshilfen im mittleren Teil des Buches enthalten:

1. Leitlinien zur sozialdokumentarischen Fotogestaltung:

  • Methoden der Vorbereitung
  • Auswahl der dokumentierten Realitätsausschnitte
  • Wahl der Gestaltungsmittel
  • Herausarbeiten des Verallgemeinerungsfähigen

2. Leitlinien zur Interpretation von Sozialfotografie:

  • „Vorreflexive“ Aneignung des Alltagssinns
  • Interpretation des zeitdiagnostischen Dokumentensinns

Arbeitshilfen zur Erkundung von Sozial- und Lebensräumen

Bei den Arbeitshilfen handelt es sich um eine „lose Sammlung“, die auf der Erfahrung mit konkreten Projekten basieren. Sie haben unterschiedliche Schwerpunkte:

  • Fotografische Stadt- und Dorferkundung
  • Erkundung großer, aktueller Sozialräume
  • Wohnanlagen und -siedlungen
  • Geschichte von sozialen Räumen
  • Soziale Milieus
  • Soziale Schlüsselprobleme
  • Analytische Hilfen für Ausstellungsbesuche
  • Katalog der Angaben für eigene Fotoserien
  • Rückmeldebogen für der Prozess der Erstellung von Sozialreportagen

Exemplarische Projekte

Sieben exemplarische Sozialreportagen aus ganz unterschiedlichen Themenspektren werden dargestellt: Von der Reflektion und Selbstreflektion bei der Stadterkundung über historische- und Umweltthemen bis hin zum Graffiti als jugendkulturelle Besetzung (halb-)öffentlicher Räume. Die Autoren gehen dabei von eigenen Erfahrungen mit studentischen Seminargruppen in der Sozialen Arbeit aus, die Sozialreportagen erstellt haben, um sich bestimmte Lebenswelten und Sozialräume zu erschließen.

Diskussion

Der erste Teil des Buches legt die theoretischen und konzeptionellen Grundlagen der Sozialreportage als Lernkonzept dar. Dies ist ein hilfreicher Zugang für Forschende, Studierende oder Lehrende, die das Konzept der Sozialreportage wissenschaftlich begründen möchten. Die Leitlinien, Planungs- und Ordnungsraster im mittleren Teil können auch davon unabhängig als Praxisanleitungen verwendet werden. Sieben Praxisbeispiele aus studentischen Seminargruppen bieten mit didaktischen Vorbemerkungen eine gute Orientierung in der Vielfalt der Themenkomplexe, die durch Sozialreportagen erarbeitet werden können.

Für Praktiker oder auch journalistisch geprägte Leser, die sich für die wissenschaftliche Sozialreportage als Gegenbeispiel zur journalistischen Sozialreportage interessieren, muss klar sein: Das Buch ist selbst keine Reportage, sondern vor allem ein Fach- und Lehrbuch. Im Gegensatz zu einem journalistisch aufbereiteten Medium überwiegt der Text gegenüber dem Bild und aufgrund des wissenschaftlichen Anspruchs benötigen praxisorientierte Leser sicherlich eine gewisse Einarbeitungszeit in das Werk. Jedoch sind insbesondere die Arbeitshilfen und Fallbeispiele auch einzeln als Einstieg in ein eigenes Projekt mit Schülern oder Studierenden gut verwendbar.

Fazit

Die wissenschaftliche Sozialreportage ist eine Methode der Sozialen Arbeit, um sich Wissen über soziale Problemlagen, Lebenswelten und Sozialräume gemeinsam mit Lernenden aktiv und forschend anzueignen. Gleichzeitig ist sie eine Methode der Kompetenzaneignung besonders im Bereich der Sozialfotografie. Denn wer selbst Texte und Bilder erstellt, um sie in Form einer Sozialreportage als eigenständiges Werk zu präsentieren, ist mit Fragen der Reflektion, Selbstreflexion, Interpretation und Gegebenheit von sozialen Sachverhalten konfrontiert. Das Buch bietet konkrete Arbeitshilfen und Anschauungsbeispiele für diesen Prozess. Es ist besonders geeignet für Studierende und Lehrende in der Sozialen Arbeit sowie für Forschende. Sowohl ein wissenschaftlicher Zugang zur Methode, als auch konkrete Handlungsanleitungen sind gegeben.


Rezensentin
Rebekka Sommer
Werbetexterin und nebenberuflich freie Journalistin. Nach ihrem Studium der Soziologie und Sozialen Arbeit befasst sie sich auf ihrem privaten Blog www.rebsommer.wordpress.com damit, wie soziale Themen medial aufbereitet werden. Zu diesem Thema hat sie als Lehrbeauftragte in einem Projektseminar „Journalismus und Soziale Arbeit“ an der Evangelischen Hochschule Freiburg mit Studierenden der Sozialen Arbeit gearbeitet.
Homepage rebsommer.wordpress.com
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Zitiervorschlag
Rebekka Sommer. Rezension vom 20.03.2017 zu: Karl-Heinz Braun, Matthias Elze, Konstanze Wetzel: Sozialreportage als Lernkonzept. Grundlagen - Arbeitsleitfäden - Fallstudien. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-10519-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21914.php, Datum des Zugriffs 22.10.2017.


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