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Felix Tretter: Sucht. Gehirn. Gesellschaft

Cover Felix Tretter: Sucht. Gehirn. Gesellschaft. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2016. 254 Seiten. ISBN 978-3-95466-290-6. 39,95 EUR.
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Autor

Felix Tretter ist bekannt durch zahlreiche Publikationen und Monographien aus den Bereichen Sucht und Psychiatrie. Sein besonderes Interesse gilt seit langem der Nutzbarmachung von Systemtheorie für medizinische Fragestellungen. Beispielhaft seien hier die Monographien „Ökologie der Sucht“ (1998) und „Systemtheorie im klinischen Kontext“ (2005) genannt. Tretter studierte Psychologie, Soziologie und Medizin. Er promovierte zum Dr. phil, zum Dr. rer. pol. und zum Dr. med.

Weiter habilitierte sich Tretter 1999 für Klinische Psychologie; er ist außerplanmäßiger Professor am Department für Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Von 1992 bis zum Herbst 2004 war er Chefarzt der Drogenabteilung des Bezirkskrankenhauses München/Haar, des heutigen Isar-Amper-Klinikums.

Ziel und Zielgruppe

Das Buch wendet sich an interessierte Laien, wie auch Fachleute, die suchtkranke Menschen behandeln oder beraten. Es gibt einen Überblick darüber, was unter Sucht zu verstehen ist, wie die Entstehung süchtigen Verhaltens erklärt werden kann und welche Behandlungs- und Hilfemöglichkeiten in Deutschland zur Verfügung stehen. Das Buch ist getragen von dem Bemühen, den komplexen Gegenstand der Suchterkrankungen aus möglichst vielen Perspektiven zu beleuchten. So wird auf die Wirkweise von Drogen, in der Person des Süchtigen liegende Einflussfaktoren, auf neurobiologische Erklärungsmodelle sowie auf Umweltfaktoren eingegangen. Dabei wird eine „systemwissenschaftliche Sichtweise“ skizziert. Unter Berücksichtigung und kritischer Würdigung aktueller Forschungsbefunde möchte das Buch den Leser in die Lage versetzen, sich ein umfassendes Bild zum Thema Suchterkrankungen zu machen und vor diesem Hintergrund eigene Haltungen und Entscheidungen kritisch zu reflektieren und ggf. in eine andere Richtung zu lenken.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel wird der Frage nachgegangen, welche Erlebens- und Verhaltensweisen mit dem Begriff „Sucht“ beschrieben werden sollen. Der Autor hebt als zentrales Merkmal eine krankheitswertige Bindung an, eine bestimmte Substanz oder bestimmte Verhaltensweisen hervor, die in der Folge zu Funktionsminderungen im sozialen, psychischen oder körperlichen Bereich führen. Ausgangspunkt dabei ist das allgemein menschliche Streben, Lustzustände herbeizuführen und Unlustzustände zu vermeiden. Die Kriterien für einen schädlichen Gebrauch oder eine Abhängigkeit von Substanzen werden benannt. Die häufigsten Suchtformen, substanzgebundene, wie nicht stoffliche, werden beschrieben. Es wird hervorgehoben, dass es sich bei der Entwicklung suchtartiger Verhaltensweisen um ein allgemein menschliches Phänomen handelt, was auch die Verbreitung von Suchterkrankungen erkläre.

Im zweiten Kapitel wird dann genauer auf die Epidemiologie von Suchtstörungen eingegangen. Veränderungen in den Konsummustern, bezogen auf ca. die letzten 20 Jahre, werden dargestellt. Auf den Zusammenhang zu gesellschaftlichen Entwicklungen, die sich in den veränderten Konsumgewohnheiten widerspiegeln, wird eingegangen. Die Bedeutung von Konsumstatistiken wird diskutiert und am Beispiel der Frage, inwieweit Cannabis als Einstiegsdroge für Heroin gewertet werden kann, verdeutlicht.

Das dritte Kapitel ist der Erläuterung der Wirkweise der am häufigsten konsumierten psychoaktiven Substanzen gewidmet. Grundlegend wird zwischen aktivierenden, sedierenden und psychodysleptischen Wirkungen unterschieden. Die Wirkweisen von Alkohol, Tabak, psychoaktiven Medikamenten, Cannabis, Heroin, Kokain und Amphetaminen sowie Koffein werden ausführlicher dargestellt.

Ein Rahmenkonzept zur Erklärung der Entstehung von Sucht wird im vierten Kapitel vorgestellt. Ausgehend vom klassischen Dreifaktorenmodell der Suchtentwicklung (Person, Umwelt, Droge) wird ein differenzierteres „ökologisches“ Modell der Suchtentstehung entwickelt. Hervorgehoben wird dabei, dass biologische, personale und umweltbedingte Faktoren in ihrem Zusammenwirken und mit ihrer gegenseitigen Beeinflussung gesehen werden müssen. Die biologische und personale Verfasstheit eines Menschen stellt im Zusammenwirken mit der unmittelbaren sozialen und gesellschaftlichen Umwelt das „subjektive Ökosystem der Person“ dar. Wenn dieses „Ökosystem“ schlecht ausbalanciert ist, kann eine Vulnerabilität für Suchterkrankungen entstehen.

Im fünften Kapitel wird die innere Verfasstheit der „Person“ dargestellt. Der Autor entwirft dazu ein Netzwerkmodell psychischer Instanzen, die in ihrer Wechselwirkung dazu führen können, dass fortgesetzt psychoaktive Substanzen konsumiert werden. Sie erfüllen dann eine spezifische Funktion oder gleichen Defizite aus, die oftmals zu Rückkopplungsschleifen führen und so erneuten Konsum begünstigen. Das Innenleben einer Person mit Wahrnehmung, Gedächtnis, Gedanken, Gefühlen, Selbsterleben, Motiven, Plänen und Verhaltensimpulsen ist dabei als System miteinander interagierender Subsysteme konzipiert. Zum Verständnis der Entwicklung der Sucht bei einer konkreten Person kann die Bedeutung einzelner Elemente von unterschiedlichem Gewicht sein, sie sind jedoch stets im Zusammenhang des Gesamtsystems zu bewerten. Das Modell schützt so vor einer einseitigen oder vereinfachenden Erklärung.

Das sechste Kapitel ist der Erläuterung neurobiologischer Erkenntnisse gewidmet. Der Autor hebt hervor, dass es wichtig sei, die Erkenntnisse der Hirnforschung in die Erklärung von Sucht mit einzubeziehen, man dürfe den Erkenntniswert jedoch nicht überschätzen. Im Folgenden wird dann ein Überblick gegeben, welche Gehirnareale und Neurotransmittersysteme schwerpunktmäßig an der Entstehung und Aufrechterhaltung süchtigen Erlebens und Verhaltens beteiligt sind. Das Zusammenspiel aktivierender und hemmender Neurotransmittersysteme wird als ein System konzipiert, das immer wieder einen Gleichgewichtszustand anstrebt. Hierfür verwendet der Autor den Begriff „neurochemisches Mobile“. Dieses Modell wird als ein Rahmenkonzept vorgestellt, mit dem sich die wesentlichen neurochemischen Zusammenhänge bei psychischen Störungen sowie bei der Wirkweise von Psychopharmaka und Drogen in einen verständlichen Erklärungszusammenhang bringen lassen.

Das siebte Kapitel wendet sich ausführlich der Umwelt als Verursachungsfaktor von Sucht zu. Umwelt meint hier primär die soziale Umwelt. Es werden dabei verschiedene Ebenen unterschieden, ihre Einflüsse als Risikofaktoren für die Entwicklung einer Sucht werden diskutiert.

  1. Zunächst geht es um die unmittelbare, soziale Umwelt einer Person („Mikroebene“): Primäre Bezugspersonen, Familie, Arbeit, Wohnung, Freizeitmöglichkeiten.
  2. Davon unterschieden wird eine „Mesoebene“ von Umwelt. Angesprochen sind damit lokale und regionale Strukturen und Organisationen und strukturelle Merkmale, die die Entstehung einer Suchterkrankung begünstigen oder ihr entgegenwirken können.
  3. Als dritte Ebene, „Makroebene“ schließlich werden die gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen benannt. Hierunter fallen das politische System, die Rechtsordnung, das medizinische Versorgungssystem sowie das kulturelle System mit Werten, Glaubenshaltungen und dem zur Verfügung stehenden Wissen.

Die einzelnen Elemente der sozialen Umwelt werden im Hinblick auf ihren Einfluss, Suchtverhalten zu begünstigen oder Resilienz zu fördern, diskutiert. Die soziokulturelle, politische, gesellschaftliche und rechtliche Dimension des Gebrauchs oder Beschränkung des Gebrauchs von Drogen wird dargestellt. Auch auf die Kulturgeschichte des Konsums von Tabak, Alkohol, Opiaten, Kokain und Cannabis sowie suchtrelevanter Psychopharmaka wird eingegangen.

Das achte Kapitel ist der überblicksartigen Darstellung des Suchthilfesystems gewidmet. Es wird hervorgehoben, dass bereits die Vielfalt der Ursachenfaktoren einen Hinweis darauf gibt, dass auch zur Prävention und Behandlung von Suchterkrankungen ein vielfältiges Angebot notwendig ist. Selbstverständlich prägen die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen auch Art und Inhalt der angebotenen Hilfemöglichkeiten. Es wird betont, dass im Sinne des „ökologischen Ursachenmodells“ eine gut abgestimmte Kooperation und Koordination von Hilfemaßnahmen notwendig sind. Ökonomischer Zwang und institutionelle Eigeninteressen behindern hier oft, dass die vorhandenen Möglichkeiten im Sinne der Hilfebedürftigen optimal genutzt werden können. Einige grundlegende Gedanken zu Therapiezielen und Therapiestrategien werden angerissen. Auch deren teilweise gegebene Abhängigkeit von gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen wird diskutiert.

Diskussion und Fazit

Dem Autor ist es gelungen, einen umfassenden Überblick über das komplexe Thema Sucht zu geben. Das Themenfeld wird aus den unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet: Beginnend damit, was unter „Sucht“ zu verstehen ist, wird die Verbreitung süchtigen Verhaltens in der Bevölkerung und die Wirkungsweise von Drogen dargestellt. Anschließend, und dies ist das Hauptanliegen des Buches, wird ein integratives Rahmenkonzept zur Entstehung von Sucht entwickelt. Orientierungsrahmen hierfür bietet ein Modell aus vier Faktoren, nämlich der

  1. Droge,
  2. der Person mit den Aspekten der biologischen und
  3. psychischen Verfasstheit sowie
  4. der Umwelt.

Insofern wird das Buch dem Anspruch gerecht, eine „systemisch-ökologische Perspektive zu skizzieren“.

Hervorzuheben ist die ausführliche Darstellung der vielgestaltigen umweltbezogenen Aspekte der Entstehung von Suchtproblemen. Auch den personenbezogenen Faktoren als Schnittstelle von Biologie und Umwelt wird hinreichend Raum gegeben. Gewarnt wird vor der Überbewertung und einseitigen Orientierung an den Befunden der neurobiologischen Forschung.

Das Buch wird dem Anspruch gerecht, ein „integratives Verständnis für Suchtkranke“ zu entwerfen. In diesem Sinne kann es auch als programmatisch verstanden werden, sowohl was zukünftige Forschungsbemühungen angeht, als auch für die klinische Praxis, wenn es darum geht, ein individuelles Verständnis und ein individuelles Störungsmodell für den jeweils betroffenen Menschen zu entwickeln.

Insgesamt ist der vorliegende Band sehr lesenswert. Sowohl interessierte Laien als auch Fachleute aus Medizin, Psychologie und Suchtkrankenhilfe finden hier sowohl einen Orientierungsrahmen, als auch Anregungen zur kritischen Reflexion bisheriger Sichtweisen.


Rezensent
Dr. rer. nat. Volker Premper
Leitender Psychologe, MEDIAN Klinik Schweriner See, Lübstorf (Mecklenburg-Vorpommern)
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Zitiervorschlag
Volker Premper. Rezension vom 19.01.2017 zu: Felix Tretter: Sucht. Gehirn. Gesellschaft. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2016. ISBN 978-3-95466-290-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21918.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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