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Yvonne Hofstetter: Das Ende der Demokratie

Cover Yvonne Hofstetter: Das Ende der Demokratie. Wie die künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt. C. Bertelsmann (München) 2016. 509 Seiten. ISBN 978-3-570-10306-7. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 26,90 sFr.
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Thema

„Big Data“ – die Sammlung und Nutzung ungeheurer Datenmengen mittels fast kapazitätsunbegrenzter Computergiganten – gibt vor, Zusammenhänge zu nutzen, um Anwendungen in fast allen Lebensbereichen zu generieren – dies zunächst und vordergründig zum Nutzen der Menschen und – natürlich – der produzierenden Interessenten.

Im vorliegenden Buch setzt sich Hofstetter dezidiert mit dieser Entwicklung unter dem Gesichtspunkt auseinander, aufzuzeigen, wie politischen Bedingungen und hier insbesondere die demokratischen Strukturen westeuropäischer Staaten durch solche Entwicklungen gefährdet sind. Konsequent widmet die Autorin ihr Werk dem europäischen Parlament quasi als Weckruf und Appell an politische Wachsamkeit.

Autorin

Yvonne Hofstetter hat nach einem Jurastudium in Softwareunternehmen und in der Finanzbranche gearbeitet, bevor sie im Technologieunternehmen „Teramark Technologies“ die Firmenleitung übernahm. Sie ist als Autorin und aus Funk und Fernsehen bekannt.

Entstehungshintergrund

Die Autorin ist seit langem mit der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz befasst und besorgt, was deren schleichenden Folgen für das demokratische Gemeinwesen angeht. „Wer nicht will, das der Mensch in Zukunft zur leicht manipulierbaren Zahl verkommt, muss schon heute dafür sorgen, dass die Künstliche Intelligenz human und demokratisch beherrschbar bleibt“ (S.12) – so beschreibt die Autorin Motivation zum Abfassen des vorliegenden Buches und gleichzeitig dessen inhaltliche Zielsetzung.

Aufbau und Inhalt

Hofstetter leitet ihr Buch mit einer dialogischen Geschichte aus dem Jahr 2101 ein, in der rückblickend die „Machtübernahme“ durch die Digitaliserungsmaschinen beschrieben wird.

So vorbereitet widmet sie unter der Überschrift „Frankensteins Erbe“ in einem 2. Kapitel der entmenschlichenden Bedingung fortgesetzter Analyse von immer mehr Daten des menschlichen Lebens und deren Verdichtung und Bewertung in komplexitätsreduzierenden Modellen. Dass diese schließlich fast suggestiv politische Entscheidungen begründen und rechtfertigen führe zum Ende der Demokratie.

Im 3. Kapitel wechselt die Autorin vom eher literarischen Zugang zu aufklärerischer wissenschaftlicher Genauigkeit; sie legt dar, was Digitalisierung ist und wie sie -schon jetzt und zukünftig- eingesetzt wird. Dabei kommt es ihr darauf an, quasi als Kontrapunkt zur von den Machern behaupteten Nutzerfreundlichkeit und damit verbundener Lebensverbesserungen deutlich zu machen, dass „Die Fähigkeit zu zerstören, eine intrinsische Eigenschaft der Digitalisierung“ (S.52) ist. Neben der ungezählten Grundrechtsverletzungen bei den einzelnen Menschen, sind auch staatliche Organisationen betroffen, die gegenüber Gesetzesverletzungen Digitaler Unternehmen reichlich hilf- und machtlos sind. Digitaler Imperialismus ist – oder wird sein – die Folge dieser Anhäufung und Nutzung von Daten aus dem Leben unzähliger Menschen. Als Kern digitaler Machtverhältnisse sieht sie Individualisierung durch Fragmentierung einerseits, die Unsichtbarkeit, die letztlich bspw. auch staatliche Kontrollinstanzen „überflüssig“ macht, da ja eh schon alles unter Kontrolle ist. Zudem wird die Verheißung einer Überintelligenz gemacht, die das Vakuum einer gewissen gesellschaftlichen Gottlosigkeit zu füllen verspricht (S.73). Hofstetter sieht die Gefahr, dass der Mensch sich einreiht in das Internet der Dinge und dort als Atom unter Milliarden von anderen Atomen seine Persönlichkeit verliert und zum Ding wird. Deshalb tritt sie vehement als Mahnerin auf, Würde und Freiheit des Menschen in demokratischen Grundordnungen gegenüber Digitalisierungseffekten zu verteidigen. Solche sind insbesondere gefährdet durch drei grundlegende Eigenschaften der Digitalisierung: Überwachung, Kopierfähigkeit und Verlust von Originalität, sowie die Rückkopplungsphänomene und deren prinzipielle nichtlineare Dynamik, die auch Steuerung durch Gesetze erschwert.

Und: wir werden uns mit Prozessen der gezielten Beeinflussung im Sinne des sog. „Nudging“ auseinandersetzen müssen, was den Einfluss von Big Data ggü. Politischen Institutionen vergrößert. Im weiteren Verlauf setzt die Autorin sich ausführlich mit den Bedingungen von Komplexität auseinander und legt dar, wie diese zur Herausforderung für unser Gemeinwesen werden wird, eben weil tendenziell chaotische Systeme nicht mehr mit traditionell linearen Modellen gesteuert werden können und weil in solchen geringe Veränderungen massive Folgen haben können -der berühmte Flügelschlag des Schmetterlings, der einen Hurrikan bedingt. Die Autorin betont dann allerdings auch die prädiktiven Möglichkeiten komplexer Systeme und weist auf deren Nutzung hin, etwas in Ansätzen für ein Demokratiemodell nach Scott Muller (S. 222f)

Auf der Basis der vorangegangenen Theorieaspekte wagt Hofstetter dann einen Blick in die Zukunft: sie simuliert die europäische Situation 2018 am Beispiel Frankreichs nach einer vermeintlichen Wahl von LePen zur Präsidentin im April 2017, dem anschließenden Austritt Frankreichs aus der EU und schließlich aus dem EURO- mit all den Auswirkungen dynamischer Art auf Wirtschaft und Politik, bis hin zu Bestrebungen der sog. Mutalisiation- dem Teilen von Ressourcen nach Vorbildern wie Airbnb und Uber, der bedingten Abschaffung von Arbeit mit all den unabsehbaren Folgen für das menschliche Zusammenleben und die demokratischen Lebensbedingungen. Fr. Hofstetter setzt ihr Simulationsszenario fort mit einem Ausblick in das Jahr 2025: Veränderte und weniger Beschäftigungsverhältnisse, deutliche Spaltung der Gesellschaft in Mächtige und Ohnmächtige…schließlich der Zerfall Europas und seiner (demokratischen) Werte.

Im letzten Teil ihres Buches beschäftigt sich die Autorin dann aber auch mit Weichenstellungen, die o.,g. Szenarien verhindern könnten: Wie können demokratische Werte in der unaufhaltsamen Digitalisierung verteidigt und beschützt werden, wie kann das politische Machtprimat ggü. wirtschaftliche Interessen bewahrt werden, wie die Freiheit ggü. dem Informationskapitalismus? So endet das Buch nachdenklich und versöhnlich- es fordert mit Nachdruck heutiges Handeln, da bestimmt Prozesse unumkehrbar erscheinen- solche zu erkennen hilft das Buch..

Diskussion

Fraglos stellt das Buch gerade auch mit seinen überaus reichlichen Belegen einen wichtigen Diskussionsbeitrag zu modernen Entwicklungen dar, in denen wir uns ja längst befinden. Die Darstellungen sind kenntnisreich und verständlich ausgeführt – die Mischung von Realität und Fiktion, die Nutzung von unterschiedlichen Darstellungsstilen und Simulationsszenarien macht das Lesen trotz aller bedrückender Inhalte unterhaltsam und abwechslungsreich. Und: auch wenn die Autorin begründet kein Lösungsmodell für den Umgang mit Digitalisierung und BigData anbietet, leitet sie doch den Leser an, als Homo politicus aufmerksam und wachsam zu sein, und Freiheit im Gemeinwesen als etwas zu betrachten, was nachhaltig und neuartig gefährdet ist und geschützt werden muss. Folgeabschätzung von Entwicklungen etwa im Sinne einer Industrie 4.0 oder einer (Rechts-)Popularisierung von Politik nicht ausschließlich (selbsternannten) Fachleuten zu überlassen, Forderungen an Politik zu stellen und (wahl-)politisch aktiv zu sein und einen gesunden aber nicht ängstlichen Skeptizismus zu pflegen, erscheint hierbei für uns alle wesentlich. Die Autorin macht hierzu Mut.

Fazit

Eine aktuelle und gesellschaftlich wichtige Frage zur Entwicklung der Digitalisierung und ihrer natürlich auch politischen Folgen wird hier vielfältig,kenntnisreich,detailliert und in unterschiedlicher Darstellungsform vorgestellt und erörtert -das Buch sollte einem möglichst großen Leserkreis die eigene Betroffenheit verdeutlichen und dazu beitragen, dass die Frage nach dem „Warum“ und „Wozu“ von Welt und Mensch und Zukunft nicht blind vertrauend den Informationsmächtigen überlassen wird- die eigene Betroffenheit zu erkennen und wachsam und einflussnehmend zu sein- dies ist der implizite Apelle des lesenswerten Buches an uns alle.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Hochschullehrer Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, seit 31.8.2011 pensioniert
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Zitiervorschlag
Christian Schulte-Cloos. Rezension vom 05.05.2017 zu: Yvonne Hofstetter: Das Ende der Demokratie. Wie die künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt. C. Bertelsmann (München) 2016. ISBN 978-3-570-10306-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21920.php, Datum des Zugriffs 23.10.2018.


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