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Emre Arslan, Kemal Bozay: Symbolische Ordnung und Bildungsungleichheit in der Migrations­gesellschaft

Cover Emre Arslan, Kemal Bozay: Symbolische Ordnung und Bildungsungleichheit in der Migrationsgesellschaft. Springer VS (Wiesbaden) 2016. 545 Seiten. ISBN 978-3-658-13703-8. 59,99 EUR.

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Thema

Die Zusammenhänge von Migration und Bildung markieren spätestens seit der Veröffentlichung der ersten PISA-Studie im Jahre 2001 ein zentrales bildungspolitisches und erziehungswissenschaftliches Diskurs- und Forschungsfeld. Im Mittelpunkt stehen dabei die Analyse von Ursachen der Bildungsungleichheiten und ihre Kopplung an sozialstrukturelle, statistisch erhobene Merkmale im deutschen Bildungssystem.

Bestimmt wird der Diskurs durch die Problematisierung von Lernvoraussetzungen der Schüler*innen, die insbesondere auf die Befähigungen in der deutschen Sprache fokussiert und gleichzeitig Integration als Bildungsziel aufruft, sodass konvergierend Maßnahmen der sprachlichen Förderung in den Mittelpunkt gerückt werden.

Der Sammelband knüpft mit seinem Schwerpunkt an diesem Diskurs- und Forschungsfeld an und nimmt mit seiner interdisziplinären Ausrichtung einen Perspektivwechsel und zugleich eine kritisch-reflexive Vertiefung vor. Pierre Bourdieus theoretischer Begriff der ‚symbolischen Ordnung‘ bildet dabei den Kristallisationspunkt der analytischen Betrachtungen. Aufgegriffen werden vier relationale Grundfragen, die den Diskussionszusammenhang der versammelten Beiträge über das schulische Feld hinaus strukturieren:

  1. Die (Migrations-)Gesellschaft wird in ihrer ungleichen und zugleich hierarchisch-machtasymmetrischen Ordnung erfasst, Bildungseinrichtungen sind darin
  2. Manifestations- und
  3. (Re-)Produktionsort der symbolischen Ordnung und
  4. schließlich wird auf die Unterschiede in der Auseinandersetzung der einzelnen Akteure mit den symbolischen Ordnungen verwiesen, die auch mit ihrer sozialen Standortgebundenheit zusammenhängen (ebd.).

Aufbau

Der Sammelband umfasst mit der Einleitung insgesamt 28 Beiträge, die in vier Kapitel gegliedert und als analytische Differenzierung zu lesen sind:

  1. Theoretische Zugänge
  2. Manifestation der symbolischen Ordnung im Bildungsfeld
  3. Produktion der symbolischen Ordnung im Bildungsfeld
  4. Strategien und Praktiken für eine Bildungsgleichheit

Zu 1. Theoretische Zugänge

Der erste Teil des Sammelbandes führt mit fünf Beiträgen in die grundlegenden theoretischen Zugänge ein:

  • Emre Arslan fasst in seinem Beitrag zentrale Zugänge der theoretischen Werkzeuge Bourdieus als Soziologie der Symbolsysteme zusammen und geht insbesondere auf Elemente und Erscheinungsformen der symbolischen Ordnung ein. In seiner Schlussfolgerung verweist er auf die bewusste und unbewusste (Re-)Produktion und Legitimation der symbolischen Ordnung durch Klassenverhältnisse, die als objektive Struktur gleichzeitig die Wahrnehmung der Akteure prägt.
  • Kemal Bozay nimmt im Anschluss daran eine differenzierte Diskussion des Begriffs im Spannungsverhältnis von Macht, Herrschaft und Hegemonie vor. Im Mittelpunkt stehen neben Bourdieus Verständnis von symbolischer Gewalt und Herrschaft, ebenso Gramsci mit seinem Konzept der kulturellen Hegemonie und Foucaults Analytik der Macht. Bozay ordnet diese Zugänge nicht nur in ihrer Kritik an soziologischen und philosophischen Theorien ein. Er nimmt auch einen Vergleich in ihren Zusammenhängen vor und verweist auf die gegenwärtige Rezeption.
  • Olaf Stöcker rückt Grenzziehungsmechanismen und symbolische Macht im Kontext institutioneller Ungleichheiten in den Mittelpunkt. Dabei thematisiert er Bourdieus Zugang der Logik der Praxis und die naturalisierte und akzeptierte Beharrungskraft von Rechtfertigungsordnungen, die Veränderungen, trotz des Wissens um Ungleichheiten, hemmen.
  • Britta Hoffarth hingegen nimmt Migrationsforschung als Subjektivierungsforschung in den Blick. Sie zielt dabei auf die Betrachtung von Bildung, Ordnung und Migration als Spannungsfeld, in dem Subjektpositionen hervorgebracht werden und erfasst darüber zugleich eine theoretische Kopplung zwischen Bourdieu und Foucault. Thematisiert werden Ansprüche an die Migrationsforschung, in denen über die Analyse von rassismusrelevanten Anrufungen Subjektpositionen im Sinne von ermöglichenden und begrenzenden Bildungsräumen zur Geltung gebracht werden sollen.
  • Diese Betrachtungsperspektive einer kritischen Migrationsforschung wird durch Safiye Yıldız aufgegriffen. In ihrem Beitrag analysiert sie über die Bourdieuschen Begriffe des Feldes und der symbolischen Macht relationale Bezüge zwischen Politik, Pädagogik und Bildung mit dem Fokus auf sprachlich-symbolische Ordnungen. Verdeutlicht wird die Analyse durch Interviewausschnitte aus einem internationalen Forschungsprojekt und demnach, „welche Machtwirkung die für die Bildung und somit für den Arbeitszugang standardisierte deutsche Sprache auf Menschen mit Migrationshintergrund hat“ (S. 98).

Zu 2. Manifestation der symbolischen Ordnung im Bildungsfeld

In dem zweiten Teil des Bandes werden in acht Beiträgen empirische Arbeiten vor dem Hintergrund der theoretischen Perspektiven ausgeführt, die verschiedene Blickwinkel auf das Bildungsfeld werfen und die Komplexität von Manifestationen der symbolischen Ordnung in Migrationsverhältnissen verdeutlichen.

  • Nora Warrach und Julia Reuter fokussieren dabei die „symbolische (Un-)Ordnung von Identität im Spiegel transnationaler Verhältnisse“ (S. 118) und rücken Befunde zu Migrations- und Bildungsbiographien junger Frauen in den Mittelpunkt, die von Deutschland in die Türkei migriert sind. Thematisiert werden Dimensionen von Heimatgefühl, Arbeitsmarktintegration und familiäre Gleichberechtigung, die auf die Notwendigkeit verweisen, binäre Differenzsetzungen in der Gestalt von ‚Wir‘ und ‚den Anderen‘ und damit zusammenhängende Zuschreibungen zu erkennen und zu irritieren.
  • In dem Beitrag von Christian Hoops und Heiner Barz werden „Lebensstile und Einstellungen zur Bildung bei Personen mit Migrationshintergrund“ (S. 123) auf der Basis einer repräsentativen Studie vorgestellt. Orientierung gibt dabei der sich in den 1980er Jahren etablierende Milieubegriff, der auf den erweiterten Kapitalbegriff Bourdieus Bezug nimmt und bereits in der Sinusstudie eingesetzt wurde. Mit den quantitativ ausgerichteten Analysen werden die in der Sinusstudie identifizierten acht so genannten Migrations-Milieus durch fünf weitere Cluster erweitert.
  • Elisabet Schilling widmet sich in ihrem Beitrag „Zukunftsentwürfe und Fremdheitsdiskurse“ (S. 145) der Konstruktion biografischer Projekte und geht bei der migrationsspezifischen Biografie von einem Dispositiv aus, das sich über den schulischen Raum hinaus auf verschiedene Bildungsfelder erstreckt. Das Dispositiv konstituiert sich demnach in ausschließenden Selektionsprozessen, in denen auch statistische Daten kontinuierlich Wissen produzieren und machtvoll auf biografische Projekte subjektivierend einwirken. Vorgestellt werden in drei Fällen die Perspektive der kommunalen Integrationsarbeit und ihr Einfluss auf schulische Prozesse, die Perspektive der pädagogischen Praxis und die Perspektive des Migrationssubjektes, eines jungen Mannes, der in verschiedenen Bildungsfeldern unterschiedliche Anrufungen erfährt und in diesen Widersprüchen versucht, „ein tragfähiges Biografiekonstrukt zu entwerfen“ (S. 156).
  • Im Beitrag von Oliver Fürtjes und Emre Arslan werden Zukunftsentwürfe speziell von ‚Studierenden mit Migrationshintergrund‘ mit der sozialen Herkunft und der Befragung des Habitus kontextualisiert. Dabei geht es um die Universität als organisierten Bildungsraum und der Frage nach der „‚kulturellen Adaption‘ durch Bildungsbeflissenheit“ (S. 171). Auf der Grundlage einer quantitativen Erhebung an der Universität Siegen wird über den Vergleich mit ‚Studierenden ohne Migrationshintergrund‘ diese Fragestellung bestätigt und verdeutlicht, dass habituelle Unterschiede über diese Differenzierung der Studierenden keine Erklärungskraft haben und mit der Verortung der ‚Studierenden mit Migrationshintergrund‘ im sozialen Aufstiegsmilieu begründet. Während von gelungenen Adaptionsbemühungen auf Seiten der Studierenden ausgegangen werden kann, benennen die Autoren die Unklarheit, „ob dies auch umgekehrt zutrifft, inwiefern also die Universität Adaptionsbemühungen an die neuen Studierendenmilieus leistet“ (S. 194).
  • Einen anderen Blickwinkel des Manifestationsortes bringen Alisha M.B. Heinemann und Inci Dirim ein. Sie rekonstruieren innerhalb einer monolingualistischen Sprach(en)ordnung „Sprache als ordnendes Prinzip im Bildungssystem“ (S. 199) und verweisen insbesondere auf den marginalisierten Status, der mehrsprachigen Menschen durch die Delegitimierung von spezifischen Sprachen in der Schule zugewiesen wird. Damit machen sie darauf aufmerksam, dass diese Sprachen und mit ihnen die Sprechenden in subjektivierender Wirkung als fremd und störend verhandelt werden, wohingegen legitime Sprachen als Sprachkompetenz der Sprechenden Bewunderung erfahren. Über eine linguizismuskritische Analyse gehen sie am Beispiel des Satzes „Die Sprechen bestimmt (schlecht) über mich“ (ebd.) der Gleichsetzung von fremd, störend und weiter einer beleidigenden und aggressiven Praxis im schulischen Feld nach, wenn Sprachverbote moralisch legitimiert ausgesprochen werden. Sie plädieren nicht nur für die Aufhebung von Sprachge- und verboten, sondern auch für ein pädagogisches Vertrauen „in die Selbstverantwortung der pädagogischen Subjekte und eine Hinterfragung der sprachlichen Normierungen und nationalstaatlichen Imagination“ (S. 212).
  • Denise Büttner und Magnus Frank zeigen in ihrer feinsequenzanalytischen Rekonstruktion des Satzes „Bei Dir läuft“ die migrationsgesellschaftliche Verhandlung des Normverstoßes in der Jugendsprache detailliert auf. Die Analyse verdeutlicht die Attraktivität des entstehenden neuen Sinns mit dieser Phrase für jugendliche Sprecher*innen und zugleich ihre legitime und illegitime Verwendung in symbolischen Ordnungen von Migrationsverhältnissen.
  • In dem Beitrag von Argyro Panagiotopoulou, Lisa Rosen und Matthias Wagner werden universitäre Lehrveranstaltungen und die (Re-)Produktion von Rassismus in den Mittelpunkt gerückt. Die Datenbasis bildet ein kontinuierlich durchgeführtes Seminar im Lehramtsstudium und die Gruppendiskussion der teilnehmenden Studierenden über das „nicht diskriminieren“ und die Problematisierung des „überpolitisch korrekte[n] Sprechen[s]“ (S. 245). Dabei stehen Diskriminierungserfahrungen von Studierenden mit zur Disposition. Aus den Ergebnissen werden inhaltliche und hochschuldidaktische Schlussfolgerungen gezogen.
  • Den Abschluss dieses Kapitels bildet der Beitrag von Andreas Kewes und seine Auseinandersetzung zu so genannten „Brückenleuten“ (S. 257). Kewes verweist zunächst auf eine sich verändernde – positiv zu deutende – Migrationsrhetorik, in der sich auch die „Brückenfigur“ finden lässt und entfaltet darin seine These, „dass bei der Rede über Brückenleute oder auch einer notwendigerweise zu erzeugenden (interethnischen) Augenhöhe eine kategoriale Unterscheidungspraxis Pate steht, die durch die Benennung von Brückenköpfen stabilisiert wird“ (S. 259). Anhand von zwei Fallbeispielen geht er dieser Figur in seiner komplexen Praxis nach.

Zu 3. Produktion der symbolischen Ordnung im Bildungsfeld

In dem dritten Kapitel wird in weiteren acht Beiträgen der Aufmerksamkeitsfokus stärker auf die Mechanismen der (Re-)Produktion der symbolischen Ordnung im Bildungsfeld gelenkt.

  • Den Auftakt macht Kemal Bozay mit dem Fokus auf Ethnisierungsprozesse im Bildungsfeld als Reproduktionsmechanismus sozialer Ungleichheit. Anhand von vier Analysen von Bildungsbiographien migrantisierter Jugendlichen zeigt er auf, wie erst über grenzziehende Zuschreibungen eine „Re-Definition als ‚Türke‘ oder ‚Marokkaner‘“ erfolgt und unabhängig von der sozialer Herkunft die ausgrenzende Marginalisierung biografisch wirksam wird. Der Ethnisierungsprozess zeigt sich demnach als soziale Exklusion, der mit Kulturalisierungen einhergeht und von den jungen Menschen biografisch mit unterschiedlichen Strategien bewältigt wird.
  • Explizit um Erwartungseffekte von Lehrer*innen geht es in dem Beitrag von Felicitas Nadwornicek. Zusammengefasst werden zentrale Untersuchungen zur Wirkungskraft von Erwartungseffekten, die mit dem Fokus auf Bildungsungleichheit und symbolische Gewalt im deutschen Bildungssystem kontextualisiert werden.
  • Michael Klundt beleuchtet in seinem Beitrag das Bildungsverständnis zwischen Verwertbarkeit, Menschenrecht und Manipulation, um schließlich bildungsferne Bildungsstrukturen und Bildungsbenachteiligung in Verhältnis zu setzen.
  • Als Produktions- und Manifestationsorte symbolischer Ordnung thematisiert Emra Ilgün-Birhimeoğlu Vereine mit dem Fokus auf „Ausgrenzungsmechanismen entlang der Differenzlinien Geschlecht und Ethnie“ (S. 343). Auf der Grundlage einer multimethodischen Studie wird diskutiert, „an welchen Stellen sich im Bereich des ehrenamtlichen Engagements strukturelle Hindernisse und Ausgrenzungs- sowie Abgrenzungsmechanismen gegenüber Frauen mit Migrationshintergrund identifizieren lassen“ (ebd.). Dabei kommt sexistischen und rassistischen Diskriminierungen in mehrheitsgesellschaftlichen Vereinen eine zentrale Bedeutung zu, die in der Konsequenz auch ein Begründungsmoment für die Umsetzung von Selbstorganisationen von Migratinnen konstituieren.
  • In dem Beitrag von Tarek Badawia wird religiöse Bildung als Spannungsfeld von Salafismus und Islamkritik thematisch. Badawia zeichnet die Überlagerungen dieser zwei Pole und ihre Konsequenzen für muslimische Menschen in Deutschland nach und verdeutlicht die Notwendigkeit und Möglichkeiten religiöser Bildung.
  • Ilka Sommer widmet sich dem Diskurs der (Nicht-)Anerkennung ausländischer Qualifikationen. Dabei verdeutlicht sie, dass in diesem hochgradig selektiven Diskurs nicht nur die Bewertung der Qualifikationen das Individuum bewertet, „sondern auch das andere Bildungssystem und damit ein anderes Wissenskollektiv“ (S. 374). In globalen Mechanismen der Über- und Unterordnung verweist Sommer auf die damit verbundene symbolische Gewalt als eine „Gewalt des kollektiven Besserwissens“ (ebd.).
  • Linda Jakubowicz nimmt in ihrem Beitrag „subjektive Erinnerung und nationale Erinnerungskultur als Ausdruck von Herrschaftsverhältnissen“ in den Blick. Mit dem Fokus auf Österreich verweist sie auf die Normalität der Migration und die Notwendigkeit die damit verbundenen Transformations- und Aushandlungsprozesse über die stärkere „Einbeziehung der Perspektiven und historiographischen Standorte von MigrantInnen in die nationale Geschichte“ (S. 389) anzuerkennen und sichtbar zu machen. Mit der Perspektive auf die Relevanz von Geschichte für Identität wird demnach „Nation und Nationalstaat als Element von Exklusion und Inklusion“ (S. 397) befragt und sowohl auf die Integration von „Migrationsgeschichte als Teil der nationalen Haupterzählung“ (S. 399) als auch auf Erinnerungsorte und „Arenen der Repräsentation“ (S. 405) aufmerksam gemacht.
  • Im Mittelpunkt des Beitrags von Constantin Wagner steht die „Reproduktion ‚ethnisch‘ vermittelter sozialer Ungleichheit in einem schweizerischen Sozialamt“ (S. 419) mit der Perspektive auf die „Folgen institutioneller und akteursbezogener Kategorisierungen“ (ebd.). Dabei unterscheidet Wagner drei Analyseebenen, die in der konkreten Handlungspraxis zusammenwirken. Rekonstruiert werden verschiedene Modi des beruflichen Selbstverständnisses der Sozialarbeiter*innen in der Beziehung zu ihrer Klientel, das darin jeweils eingelassene ‚ethnische‘ Verständnis und schließlich, „die Ebene der historischen Strukturierung und Beschaffenheit des Sozialraums sowie des beruflichen Feldes und der jeweiligen Institution, der die konkrete Handlungssituation konstituiert und vorstrukturiert“ (S. 420). Nachgezeichnet werden die (Un-)Gleichbehandlung der Klientel, wie auch ihre Kategorisierung, die schließlich auf die Unkenntnis der eigenen Positionalität in diesem professionellen Gefüge verweisen.

Zu 4. Strategien und Praktiken für eine Bildungsgleichheit

Das abschließende Kapitel des Bandes zeichnen sechs Beiträge aus, die Perspektiven für Veränderungen benachteiligender Strukturen in der symbolischen Ordnung der Migrationsgesellschaft aufzeigen.

  • Mark Terkessidis stellt das Programm Interkultur vor und diskutiert Aufgaben der Bildung hinsichtlich des Personals und der Organisationskultur.
  • Erol Yıldız gibt einen Einblick in postmigrantische Lebenspraktiken, die er in Bewegung und als Transopie in transnationalen Räumen erfasst und im Kontext von mobiler Sesshaftigkeit resp. sesshafte Mobilität befragt.
  • Carolin Butterwege geht auf „schulische Handlungsmöglichkeiten gegen Armut bei Kindern mit Migrationsgeschichte“ (S. 469) ein und benennt Dimensionen der materiellen, kulturellen, gesundheitlichen und sozialen Versorgung.
  • Sonja Hohmann und Cem Serkan Yalçın geben einen Einblick in Bildungs- und Arbeitsmarktstrategien im internationalen Vergleich und formulieren Handlungsempfehlungen, wie die politische Anerkennung und institutionelle Etablierung von Herkunftssprachen in der Schule, Anerkennung religiöser Zugehörigkeiten, migrationsrelevante Unterrichtsinhalte und Veränderungen in der Personalstruktur. Auf der Ebene des Arbeitsmarktes formulieren sie insbesondere die Notwendigkeit der Anerkennung von fachlichen Qualifikationen und der Überwindung von Benachteiligungen in der Auswahl- und Einstellungspraxis.
  • Emre Arslan entfaltet „Reflexionen eines Projektes zur Mehrsprachigkeit in der universitären Ordnung“ (S. 501). Er zeigt auf, wie dieses Projekt „den einsprachigen Habitus des deutschen Bildungssystems herausgefordert hat und dabei den positiven Diskurs in Deutschland über die Themen Internationalisierung und Mehrsprachigkeit“ (S. 518) nutzte.
  • Den Abschluss des Kapitels und ebenso des Bandes bildet der Beitrag von Kemal Bozay. Zusammengefasst werden Reproduktionsmechanismen sozialer Ungleichheit und ihre Auswirkungen mit Blick auf Kategorisierungen wie Schicht und Migrationshintergrund mit der Kontextualisierung in institutionell verankerten Diskriminierungspraktiken. Als pädagogische und auch politische Handlungsstrategien benennt Bozay schließlich fünf strukturelle Bedingungen und Handlungsschritte.

Diskussion

Dieser umfassende Sammelband bietet in mehrfacher Hinsicht wichtige Impulse für das Diskurs- und Forschungsfeld ‚Migration und Bildung‘.

Hervorzuheben ist zunächst die theoretische Fundierung durch das Theoriegebäude Bourdieus, welches in den einzelnen Beiträgen entfaltet und mit weiteren Zugängen zentraler Denker*innen in einem breiten empirischen Spektrum vermittelt wird. Die Differenzierung zwischen Manifestation und Produktion von symbolischer Ordnung ermöglicht dabei eine analytische Betrachtungsperspektive, mit der es dem Band auch gelingt, die Aporie von Subjektivismus und Objektivismus theoretisch und methodologisch zu überwinden und eine „Gelenkstelle zwischen sozialer Ordnung und Alltagspraktiken der Menschen zu kreieren“ (S. 2).

Dieser Perspektivwechsel erscheint für wissenschaftliche Denkbewegungen in diesem Feld insofern zentral, als eine sich mit Beginn der Migrationsforschung in den 1960/70er Jahren individualisierte, zugleich kulturalisierende Defizitperspektive auf migrantisierte Menschen dekonstruieren und der Analysefokus auf soziale Prozesse der Grenzziehungen und ihren habituellen Subjektivierungspotentialen lenken lässt. Dies betrifft gleichermaßen pädagogische Akteur*innen der Mehrheitsgesellschaft und ermöglicht ihre Involviertheit in symbolische Ordnungen zu erfassen, anstatt auch auf sie eine professionelle Defizitperspektive in Anwendung zu bringen.

Bildungsungleichheit erschöpft sich in diesem Band demnach nicht in einem funktionalen Bildungsverständnis, mit dem die Verwertbarkeitsdimension und ausschließlich die Verteilung auf der vertikalen Ebene der Sozialstruktur betrachtet werden. Vielmehr verdeutlichen die Beiträge in diesem Band über die Bezugnahme auf verschiedene Bildungsfelder einen facettenreichen Zugang.

Neben den vielfältigen Einblicken in theoretische Variationsmöglichkeiten und empirische Arbeiten, werden auch Strategien zur Irritation und Veränderung benachteiligender und ausgrenzender Ordnungen in Migrationsverhältnissen zur Reflexion und konkreten Umsetzung angeboten. Allerdings wäre daher eine noch stärker übergreifende Thematisierung von Klassifikationen in ihrer Emergenz in Bezeichnungspraktiken und herrschaftsstabilisierenden Funktionsweisen wünschenswert. Möglich wäre damit auch, essentialistische Markierungen und Gleichsetzungen von Klassifikationen wie Kultur, Ethnizität und Migrationshintergrund als gängige Modi in Herstellungspraktiken symbolischer Zugehörigkeitsraume zur Disposition zu stellen. Hierzu tragen aber auch die Beiträge bei, sodass eben jene Grenzziehung als Reproduktions- und Manifestationsmechanismen als Reflexionsimpuls Aufmerksamkeit erfährt und insgesamt sowohl zentrale, als auch neue Impulse vermittelt werden und zum weiteren Nachdenken und Forschen einladen.

Fazit

Mit dem Band legen die Herausgeber ein zentrales und bemerkenswertes Werk für die Migrationsforschung vor. Auch wenn Bourdieus Herrschaftssoziologie zuweilen pessimistisch auf Veränderungsmöglichkeiten benachteiligender und ausgrenzender Strukturen stimmen lässt, bietet gerade die Analyse und Reflexion eben dieser Strukturen Impulse für Veränderungsspielräume. Die Beiträge in diesem Sammelband bieten mit ihren jeweiligen Schwerpunkten und in der Gesamtschau vielfältige Anregungen an, von denen sowohl Sozial- und Erziehungswissenschaftler*innen in Lehre und Forschung als auch Akteure in verschiedenen pädagogischen Feldern produktiven Nutzen ziehen können.


Rezension von
Dipl. Soziologin Aysun Doğmus
Dipl. Soziologin, Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Postdoc) am Arbeitsbereich Erziehungswissenschaft insbesondere interkulturelle und vergleichende Bildungsforschung an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
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Zitiervorschlag
Aysun Doğmus. Rezension vom 21.07.2017 zu: Emre Arslan, Kemal Bozay: Symbolische Ordnung und Bildungsungleichheit in der Migrationsgesellschaft. Springer VS (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-13703-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21923.php, Datum des Zugriffs 20.01.2022.


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