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Paris Rainer: Ein Ball. Kleine Schriften zur Soziologie

Cover Paris Rainer: Ein Ball. Kleine Schriften zur Soziologie. Manutius Verlag (Heidelberg) 2016. 160 Seiten. ISBN 978-3-944512-15-0. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR.
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Autor

Rainer Paris, Jahrgang 1948, war bis 2013 Professor für Soziologie an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Vor allem seine über viele Jahre publizierte „Soziologie-Kolumne“ in der Monatszeitschrift „Merkur“ hat ihm den Ruf eines originellen Denkers und brillanten Schreibers verschafft.

Thema

Das Buch versammelt zwölf kleine Aufsätze, „Essays“ im Wortsinne, die zuvor bereits anderswo erschienen sind und nun in leicht überarbeiteter Form wieder erscheinen. Es handelt sich um kleine Kunststücke der angewandten Soziologie im Stil der Short Stories. Die Beiträge sollen hier der Reihe nach kurz vorgestellt werden:

Überblick über die Beiträge

1 „Leidenschaften“ ist der erste Essay überschrieben. Das übergreifende Kennzeichen leidenschaftlichen Handelns ist die dauerhafte emotionale Intensität. Das unterscheidet Leidenschaften von anderen Erregungen, Affekten und Lastern. Laster kann man viele haben, Leidenschaften nur wenige, am Ende nur eine. Denn: „Leidenschaften dulden keine Konkurrenz.“ (S. 14)

2 Der kleine Essay über den „Ball“ (S. 18 ff) und den im Spiel mit ihm kreativen Menschen, kommt am Ende auf den Fußball zu sprechen. Und auf die freiwillige Selbsterschwerung, die sich der Mensch im Fußballspiel auferlegt. Paris schreibt: „Der menschliche Fuß ist … nicht gut eingerichtet, um damit kontrolliert Bälle zu schlagen. Ihm fehlt der frei konvertierbare Daumen, mit dem die Primaten … zugreifen können. Deshalb ist für den anthropologisch benachteiligten Fußballer (im Vergleich zum Handballkollegen, KH) bereits das Stoppen des Balls oftmals eine geradezu artistische Leistung.“ Der Fußballer muss sich weit mehr als alle Sportler, die den Ball mit der Hand spielen, in einer besonderen Weise „einfühlen“ in die Bewegung und Dingeigenschaften des Balls: „Er muss in seiner Bewegung die Bewegung des Balls gleichsam verlängern, sich seiner Flugbahn anschmiegen … Pointiert könnte man sagen, dass der Handballer den Ball spielt, während der Fußballer mit dem Ball spielt.“ (S. 26) Und nicht selten dreht der Ball den Spieß herum – und spielt mit dem Spieler. Treffender lässt sich das faszinierende Alleinstellungsmerkmal des Fußballspiels kaum beschreiben!

3 „Sonnenbaden“, behauptet Paris im gleichnamigen Aufsatz, „ist nicht sonderlich intellektuell“. (S. 39) Das ist keine sonderlich originelle Erkenntnis. Aber in der Leistungsgesellschaft hat Sonnenbaden das Zeug zur Provokation. Denn um schön braun zu werden, genügt es nichts zu tun und sich einfach nur auf die faule Haut zu legen. Das Ergebnis, der knackig gebräunte Körper, verleiht (seit die „vornehme Blässe“ nicht mehr hoch im Kurs steht und ein Vorbote des baldigen Endes ist) Anerkennung und Ansehen bei den gestressten Mitmenschen. Hier liegt der seltene Fall vor, dass man „Status durch Faulheit“ (S. 35) gewinnt.

4 Die „Kleine Soziologie des Wartens“ (S. 43 ff) ist auch eine Machtsoziologie: Nur ohnmächtige Menschen warten, wichtige Menschen warten nicht. Sie werden „vorgelassen“ und berufen sich „auf Termine“. Oder sie können es sich herausnehmen, andere warten zu lassen. Der Wartende ist immer der Dumme. Aber der Aufsatz geht tiefer: Wenn Tiere auf Beute lauern, warten sie nicht. Nur Menschen können warten. Im Wartenkönnen offenbart sich die spezifisch menschliche Fähigkeit zur „selbstreflexiven Vergegenwärtigung der Zeiterfahrung“. (S. 43). Warten ist oft ein zwanghaftes Fragen nach der Zeit, das unleidlich und aggressiv gegen Mitwartende machen kann. Das Gute daran: Wenn das Warten vorbei ist, ist es auch vergessen. (vgl. S. 56)

5 Von Max Webers berühmter Definition ausgehend, bedeutet „Macht“ in einem elementaren Sinne: „Der Wille des einen ist das Tun des anderen, jener tut etwas, was er nicht getan hätte“, wenn es den Willen des anderen nicht gegeben hätte. (vgl. S. 57) Macht wird zur Gewohnheit, wenn wir tun, was von uns erwartet wird, ohne dass wir dazu angewiesen worden wären. Wir tun es aus freien Stücken und fühlen uns nicht genötigt. Der Essay „Die Normalität der Macht“ reflektiert das Gelingen und Misslingen solcher Gewöhnungsprozesse.

6 An den (unreflektierten) Routinen und Gewohnheiten des Alltags, die wir „Normalität“ nennen, rühmt Paris die „Kraftersparnis durch Wiederholung“ (S. 67) Reformen greifen in diese Gewohnheiten ein und wollen sie verändern. Permanente Reformen tun dies ohne Unterlass. Damit zerstören sie Normalität und hinterlassen eine ewige Baustelle, die unsere Lebensqualität verschlechtert. Der Aufsatz „Unfug permanenter Reformen“ (S. 64 ff) verhandelt die dabei angerichteten Kollateralschäden.

7 Die Marginalie „Gehorsam“ (S. 71ff), 1998 erstmals erschienen, lohnt es heute, fast 20 Jahre später, vor dem Hintergrund des „Trumpismus“ in den USA zu lesen. Wir schulden Gehorsam der legitimen Herrschaft. Was aber, wenn wir einem rechtmäßig Gewählten gehorchen müssen, den wir persönlich und wegen seiner ersten Amtshandlungen verachten? In den sechs Spielarten des Gehorsams gegenüber Autoritäten, die der Aufsatz aufführt, scheint im Falle Trump der „mürrische Gehorsam“ und der „Gehorsam unter Protest“ die übrigen vier Spielarten („vorauseilender Gehorsam“, „habitueller Gehorsam“, „begeisterter Gehorsam“ (mit einer „Übererfüllung des Solls“), „stummer Gehorsam“) zu dominieren. – An „Ungehorsam“ wird nicht gedacht.

8 Der Aufsatz „Solidarische Beutezüge“ (S.79 ff) ist jenen Techniken des Machterwerbs gewidmet, die sich „Seilschaften“ nennen. Unter Männern besonders beliebt; unter machthungrigen Frauen besonders vermisst. Seilschaften sind solidarische und arbeitsteilige Gruppen mit gemeinsamen Zielen. Man strebt die Schalthebel der Macht und den maximalen Nutzen für jedes einzelne Mitglied an. Ist der Gipfel erreicht, droht die Verteidigung der Pfründe zur Hauptaktivität zu werden. Aus Solidarität wir korrupte Klüngelei und der Abstieg kann schnell zum Absturz werden.

9 Der Beitrag „Die Kunst der Intrige“ (S. 93 ff) zeichnet ein unsympathisches Bild des Intriganten, der mit Heimtücke und Hinterhältigkeit ihm entgegen gebrachtes Vertrauen missbraucht und auf Aufrichtigkeit mit Heuchelei antwortet. In Betrieben, Verwaltungen, Organisationen sind Intrigen ein „Instrument der Mittelmächtigen“ (S.101), um Macht und Einfluss zu erlangen. Wer ganz oben und fest im Sattel ist, hat Intrigen nicht nötig; wer ganz unten steht und wenig Kontakte besitzt, dem fehlen alle Ressourcen, um erfolgreich zu intrigieren. Überraschend gnädig endet der Aufsatz, wenn Paris schreibt: „Es kann ja manchmal auch gute Gründe für eine Intrige geben, etwa wenn man unfähige oder ideologisch verblendete Amtsinhaber nicht anders loswerden kann. Nicht immer sind Intriganten böse und Opfer arglos und gut.“ (S. 105) – Auch hier denkt der zeitgenössische Leser wieder an Donald J. Trump.

10 Der Essay „Vom Misstrauen“ (S. 107 ff) spricht von Anfang an auch vom Gegenteil, vom Vertrauen. Vertrauen und Misstrauen sind die zwei Seiten einer Medaille. Vertrauen und Misstrauen koexistieren in unterschiedlichen und wechselnden Mischungen und Dosierungen. Vertrauen baut sich langsam auf; Misstrauen ist schnell bei der Hand. Vertrauen kann enttäuscht werden, Misstrauen nicht. Vertrauen begünstigt die Zusammenarbeit mit anderen; Misstrauen macht einsam. Am Ende kommt der 2005 zuerst publizierte Aufsatz auf ein Systemmisstrauen zu sprechen, dass uns angesichts von „Pegida“, „AfD“ und „Reichsbürgern“ von aktueller Bedeutung zu sein scheint: Die parlamentarische Demokratie setzt eine Mischung von personalem Repräsentantenvertrauen und generalisiertem Systemvertrauen voraus. (vgl. 116) Wenn dieses Vertrauen schwindet („Die da oben machen ja doch, was sie wollen und wirtschaften in die eigene Tasche!“), entsteht ein Misstrauen, das steigerungsfähig ist. Wenn Misstrauen zu Wut und Wut zu Hass wird, ist ein Affekt zur Leidenschaft geworden, der es am Ende egal ist, wen und was sie zerstört und auch vor der Selbstzerstörung nicht zurückschreckt.

11 Der Beitrag „Der Verlierer“ (S. 121 ff) spürt Gewinnern und Verlierern hinterher. In jeder Gesellschaft gibt es Menschen, die von neuen Entwicklungen weniger profitieren als sie zu profitieren hofften. Die nennen sich dann, angesichts von Globalisierung und Digitalisierung, „Modernisierungsverlierer“ oder – im Deutschland des letzten Vierteljahrhunderts – die „Verlierer der Einheit“. Ein oft widersprüchliches Gemisch aus objektiven Daten und subjektiven Empfindungen evoziert das Loser-Gefühl. Wäre es überall so einfach wie im Wettkampfsport, ließen sich Gewinner und Verlierer stets leicht unterscheiden. Aber das soziale Leben ist komplizierter. Jede Gesellschaft kennt z. B. Gewinner, die sich als Verlierer fühlen: der Millionär angesichts des Milliardärs. Diese Leute neigen dazu, zum „Neider“ zu werden. Aus der Sicht des Neiders erscheint der Mehrbesitz des anderen als etwas, was eigentlich ihm zusteht. (vgl. S.126) Dem Neider ist das „sonnige Gemüt“ (S. 122) des Verlierers, der sich als Gewinner fühlt, eindeutig vorzuziehen, meint Paris. Des Autors Herz schlägt also für Menschen, die großem Pech und Missgeschick immer noch eine positive Seite abgewinnen können.

12 Der abschließende Essay „Ordnung in Paarbeziehungen“ trägt den befremdlichen Obertitel „Haken und Schubladen“. (S. 131 ff) – Wenn Paare sich entschließen, in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen und ein „richtiges Paar“ zu werden (was durch die als erstes angeschaffte „Waschmaschine“ materiell bezeugt wird), treffen in der Regel zwei „Gewohnheitstiere“ aufeinander, die nicht ganz kongruente Ordnungsvorstellungen haben. Am Beispiel zweier Einrichtungsgegenstände, „Haken“ und „Schubladen“, erörtert der Aufsatz die möglichen Ordnungskonflikte. Was am Haken hängt – Bilder, Handtücher, Pfannenwender etc. – ist für alle sichtbar. Der Hauptzweck des Hakens ist „das Vermeiden des Suchens“. (S. 138) Ist ein Haken leer, signalisiert das Fehlen des Gegenstandes, sofern er nicht im Gebrauch oder in der Wäsche ist, die eingetretene und schleunigst zu behebende Unordnung. Gegenstände, die in der Schublade aufbewahrt werden, haben den Nachteil der Unsichtbarkeit. Das Suchen wird erschwert und das Fehlen einer Sache fällt so schnell nicht auf. Vorteil der Schublade: Chaos und Unordnung bleiben dem unbefugten Auge verborgen. Schubladen sind immer gut, wenn man Besuch erwartet und eine ordentliche Wohnung vorzeigen will. Die Geschlechteraffinität der verschiedenen durch die Gegenstände symbolisierten Ordnungsprinzipien scheint für Paris klar zu sein: Männer machen sich für „Haken“ stark, Frauen für „Schubladen“. – Die Frage, was Freud dazu sagen würde, stellt sich einem soziologischen Buch natürlich nicht!

Fazit

Der Blick durch die soziologische Brille lässt die Dinge des Alltags oft in einem neuen Licht erscheinen, sodass uns Sichtweisen eröffnet werden, die uns bislang verschlossen waren. Rainer Paris ist ein Soziologe der gemischten Verhältnisse und ein Meisterdeuter des Uneindeutigen. Er weiß fachsoziologische Befunde am oft unscheinbaren Gegenstand in einer eleganten, mitunter literarischen Sprache auszudrücken. Das macht die Lektüre auch zu einem ästhetischen Erlebnis. Georg Simmel und Heinrich Popitz hätten an Rainer Paris ihre helle Freude!


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 23.02.2017 zu: Paris Rainer: Ein Ball. Kleine Schriften zur Soziologie. Manutius Verlag (Heidelberg) 2016. ISBN 978-3-944512-15-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21924.php, Datum des Zugriffs 22.10.2017.


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