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Yvonne Kehren: Bildung für nachhaltige Entwicklung

Cover Yvonne Kehren: Bildung für nachhaltige Entwicklung. Zur Kritik eines pädagogischen Programms. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2016. 247 Seiten. ISBN 978-3-8340-1608-9. D: 25,00 EUR, A: 25,80 EUR.
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Thema

Der Autorin geht es darum, „in einer historisch-systematischen Rekonstruktion die Bildungsdimension nachhaltiger Entwicklung freizulegen“ (1). Die Methode wird als „bildungstheoretische Widerspruchsanalyse“ gekennzeichnet (10), wobei Bildungstheorie verstanden wird „als eine spezifische Reflexionsform bürgerlicher Vergesellschaftung“ (ebd.)

Autorin

Yvonne Kehren ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Allgemeine Pädagogik und Berufspädagogik der TU Darmstadt. Die Arbeit ist 2015 am FB Humanwissenschaften der TU Darmstadt als Dissertation eingereicht worden.

Aufbau und Inhalt

Das voraussetzungsvolle Konzept für eine Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE), das in empirischen Studien ungeprüft zugrunde gelegt werde, will die Verf. kritisch prüfen (8). Sie beruft sich dabei auf „die kritisch-materialistische Bildungstheorie im Anschluss an Heydorn, Gamm und Koneffke“ (9).

Das Buch ist in zwei Teile oder „Abschnitte“ und fünf Kapitel gegliedert. Dazwischen geschoben sind zwei Exkurse.

Im ersten Teil blendet die Verf. zurück bis zum Aufkommen des Naturschutzgedankens und dem Beginn der Naturschutzbewegung um 1900. Dann ruft sie die wissenschaftlichen und politischen Initiativen seit der Warnung des Club of Rome vor den Grenzen des Wachstums in Erinnerung und kommentiert die programmatischen Verlautbarungen, z.B. die Agenda 21 von Rio.

Im Exkurs I wird Nachhaltigkeit als „im Widerspruch von Systemerhalt und Systemtransformation“ befangen analysiert.

Im zweiten Teil „Zur (Ent-)Pädagogisierung globaler Krisen“ werden Dokumente zur programmatischen, institutionellen und organisatorischen Konzeption einer BNE referiert und interpretiert. Der Differenz von Umweltbildung und BNE wird nachgegangen. Speziell deutsche Ansätze wie der Nationale Aktionsplan der Weltdekade BNE oder Transfer-21 werden kommentiert.

Nach dem Exkurs II „Bildung im Widerspruch zwischen Systemerhalt und Systemtransformation“ setzt sich die Verf. kritisch mit der „Formalisierung subjektiver Kompetenzen“ auseinander, begründet die Forderung nach einem „Paradigmenwechsel im pädagogischen Selbstverständnis“, entfaltet ein „materialistisches Interdisziplinaritätskonzept“ als Kern der BNE und verweist auf „die Gesellschaftlichkeit von Naturverhältnissen“ (213).

Nachhaltige Entwicklung verlangt für die Verf. die „Re-Vision von Bildung“, womit gemeint ist, das ursprüngliche Versprechen von Bildung einzulösen, dass sie „zur Selbstaufklärung der Gesellschaft beitragen“ kann (167).

Diskussion

Der inhaltliche Überblick über die gut zehn Expertisen, Empfehlungen und Agenden für eine nachhaltige Entwicklung und Bildung von internationalen und nationalen Konferenzen, Beiräten, Kommissionen im ersten Teil ist sehr informativ. Die „bildungstheoretische Widerspruchsanalyse“ dagegen erschließt sich der Leserin/ dem Leser aufgrund der philosophischen Arkansprache nur schwer. Deutlich wird die Verf., wo sie die Individualisierung der Problematik kritisiert, d.h. dass dem einzelnen die Verantwortung für Nachhaltigkeit aufgebürdet wird, was die „Schlüsselrolle“ der Konsument*inen in Konzepten zur BNE erklärt (132). Deutlich wird sie, wo sie die hehren pädagogischen Ziele („eine Kultur des Miteinander“) mit der gesellschaftlichen Alltagsrealität konfrontiert: „Nun erleben Kinder und Jugendliche jedoch einen Alltag, der von Konkurrenz, Diskriminierung, Ausschluss und sozialen wie ökonomischen Ungleichheiten geprägt ist“ (129). An anderer Stelle verweist sie noch einmal auf die Sozialisation im Alltag, die ein Denken und Handeln im Sinne nachhaltiger Entwicklung erschwert (208). Überzeugend ist auch der Aufweis der institutionellen Bedingungen, die Forschung und Bildung für nachhaltige Entwicklung per se unterlaufen (Kap. 5.1). Zu ergänzen gewesen wären noch Studienstress und prekäre Beschäftigung an den Universitäten. Auf ihre Kritik stößt die dem neuen Kompetenzansatz unterstellte Inhaltsgleichgültigkeit oder „Formalisierung“ von Bildung bzw. Lernen (154, 162).

Unklar geblieben ist dem Rezensenten aber, was die „kritisch-materialistische Perspektive“ (185) ausmacht, welche die Verf. für ihre Studie in Anspruch nimmt. Sie kritisiert das „weitgehende Ausblenden der gesellschaftlichen Widersprüche“ (169). Aber diese werden auch von ihr nicht analysiert, höchstens angedeutet. Sie urteilt zwar, dass eine auf Konsens gestimmte, möglichst unverfängliche Konzeption von BNE das Ziel verfehlt, aber ihr Appell für eine „Re-Pädagogisierung“ (205) wirkt hilflos.

Fazit

Das Buch informiert gut über die politische, wissenschaftliche und pädagogische Diskussion betreff Nachhaltigkeit und BNE. Der zweite Teil liefert einige Anstöße für die Auseinandersetzung mit diesem Bildungskonzept. Im Übrigen kann man dazu nur sagen: Wer mit der Bildungstheorie von Heydorn, Gamm, Koneffke etwas vertraut ist, mag sich hier bestätigt sehen.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 08.03.2017 zu: Yvonne Kehren: Bildung für nachhaltige Entwicklung. Zur Kritik eines pädagogischen Programms. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2016. ISBN 978-3-8340-1608-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21929.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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