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Manfred Berger: Geschichte des Kindergartens

Cover Manfred Berger: Geschichte des Kindergartens. Von den ersten vorschulischen Einrichtungen des 18. Jahrhunderts bis zur Kindertagesstätte im 21. Jahrhundert. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2016. 223 Seiten. ISBN 978-3-95558-183-1. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Autor

Manfred Berger, Jg. 1944, machte sich durch die Gründung und Leitung des Ida-Seele Archivs in Dillingen/ Donau, und durch zahlreichen Publikationen über bedeutende Personen der Sozialpädagogik und Pädagogik der Frühen Kindheit einem Fachpublikum bekannt.

Thema und Zielsetzung

Der Autor beschreibt in seinem Buch die „Geschichte des Kindergartens. Von den ersten vorschulischen Einrichtungen des 18. Jahrhunderts bis zur Kindertagesstätte im 21. Jahrhundert“ eine pädagogische Institution, die sich als eine vorschulische Einrichtung erfolgreich verbreitete. Ohne Fragestellung und Zielsetzung des Buches zu nennen, wird der Kindergarten, der von Fröbel 1840 gegründet wurde, als eine Erziehungs- und Bildungseinrichtung neben der Familie und Schule beschrieben. Im Verlauf des Buches wird der Begriff Kindergarten synonym für Kindertagesbetreuung verwendet. Bergers Beschreibungen beziehen sich auf die institutionellen Entwicklungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Kaiserreichs 1918. Des Weiteren fokussiert er den Kindergarten während der Weimarer Republik bis zum Ende der Nazi-Diktatur. Daran schließt die Zeit nach 1945 bis zur Wiedervereinigung 1990 an und verläuft sich in den aktuellen Debatten um die Funktion der Kindertagesbetreuung.

Aufbau

Die kurze Einleitung wird als erstes Kapitel ausgewiesen. Darauf folgt das zweite Kapitel. „Von den Anfängen bis zum Ende der Kaiserzeit“. Die ersten vorschulischen Einrichtungen waren Bewahranstalten. Erst durch den von Friedrich Fröbel gegründeten Kindergarten wurde eine bildungspolitische Bedeutung sichtbar. „Damit ging Fröbel eindeutig über die sozialfürsorgerischen oder christlich- missionarischen Motive seiner Zeit hinaus“ (S. 196). Neben Fröbels Bemühungen entwickelte sich auch die evangelische und katholische Kleinkindererziehung, vor allem in streitbarer Auseinandersetzung zur Idee des Kindergartens.

Die Kriegsjahre 1914 bis 1918 waren durch eine öffentliche militärische Kleinkinderziehung gekennzeichnet.

Im dritten Kapitel werden die Entwicklungen während der Weimarer Republik bis zum Ende der Nazi-Gewaltherrschaft aufgegriffen, die den Kindergarten als gesellschaftspolitische öffentliche Erziehungs- und Bildungsinstitution hervorbrachte.

Nach 1945 bis 1989 entwickelte sich der Kindergarten, bedingt durch die Teilung Deutschlands in die DDR und die Bundesrepublik unterschiedlich weiter.

Die 1989 erfolgte Wiedervereinigung Deutschlands markiert, so der Autor, einen weiteren Wendepunkt in der Geschichte des Kindergartens. Heute ist der Kindergarten als eine frühkindliche Bildungseinrichtung weitgehend akzeptiert und wird mithilfe staatlich initiierter Bildungspläne auch als solche fachlich anerkannt. Mit der Institution Kindergarten entstanden vielfältige pädagogische Konzepte, die von Berger erwähnt werden. Im Rahmen eines Exkurses weist der Autor auf das Forschungsdesiderat des jüdischen Kindergartens hin.

Das vorliegende Buch wird mit einer Zusammenfassung und einem Ausblick beendet. Es folgen Quellenangaben und ein ausführliches Literaturverzeichnis mit Hinweisen auf Weblinks.

Inhalt

In Kapitel 1, der Einleitung, fokussiert der Autor den Kindergarten als eine neue Form von Bewahranstalt, die zwar nicht flächendeckend aber von unterschiedlichen Interessen motiviert, zu einem pädagogischen Institutionalisierungsprozess führte. Berger knüpft an die Gründung des Kindergartens vor 175 Jahren an, der eine Erfindung für Kinder und für Eltern gewesen sei und benennt die Funktion. Der Kindergarten und verschiedene Kleinkinderschulen sollten die familiale Erziehung unterstützen, die mütterliche Erwerbsarbeit ermöglichen und die Armut bekämpfen. Fröbels Kindergarten ist als eine Anstalt zur „allseitigen Pflege des Kinderlebens“ eine wichtige Innovation gewesen (S. 8). Anfänglich wirkten Privatpersonen und konfessionelle Träger im Bereich der Kleinkindbetreuung. Erst nach Fröbels Tod am 21. Juni 1952 wurde die Bewegung sichtbar. Diese organisierte sich zunächst im Rahmen von Vereinsarbeit. Die Fröbelbewegung und die der evangelischen Kleinkinderschulen waren in Deutschland Motoren für weitere Entwicklung des Kindergartenwesens. Bereits 1871 wurde der Oberlin-Verein als Dachorganisation für die evangelischen Kleinkinderschulen gegründet. 1873 formierte sich in Nordhausen der Deutsche Fröbelverband. Auf katholischer Seite gab es den Verband der Kleinkinderanstalten Deutschlands. Dieser fusionierte 1920 mit dem Verband für Kinderhorte zum „Zentralverband katholischer Kinderhorte und Kleinkinderanstalten Deutschlands“ (S. 9). Die Verbände nutzen eigene Publikationsorgane. Seit 1860 wurde über Fröbels Pädagogik in der Zeitschrift „Kinder-Garten und Elementar-Klasse“ publiziert. Die heutige Zeitschrift „Theorie und Praxis der Sozialpädagogik“ erschien seit 1870 als „Die christliche Kleinkinderschule. Zeitschrift für christliche Kleinkinderpflege und Erziehung“. Die uns bekannte katholische Fachzeitschrift „Welt des Kindes“ erschien als „Kinderheim“ seit 1918. Eine historische Darstellung der öffentlichen Kleinkindererziehung erfordere, so der Autor, eine Periodisierung und Fokussierung auf zentrale Entwicklungen (vgl. S. 11).

In Kapitel 2 nimmt Berger die Anfänge der Kleinkindbetreuung bis zum Ende der Kaiserzeit in den Blick. Impulse für Kleinkinderbewahranstalten kamen aus England und Frankreich. In Deutschland wurden die ersten Einrichtungen als Strickschulen, Spiel- Sitz- und Warteschulen bezeichnet. Der von Fröbel gegründete Kindergarten bürgerte sich als eine Bezeichnung für Kleinkindinstitutionen erst während des Nationalsozialismus ein (vgl. S. 13). Dass Fröbel nicht der einzige war, der sich für die Erziehung und Bildung von kleinen Kindern außerhalb der Familie und vor der Schule einsetzte, wird von Berger durch die Erwähnung des Pauperismus, die Folgen der Industrialisierung und die Entwicklungen der Schule aufgegriffen. Die Philanthropen hatten schon begonnen, den Bildungsgedanken auf kleine Kinder zu beziehen. Für die Einrichtung von evangelischen Kleinkinderschulen gab Theodor Fliedner entscheidende Impulse. Im katholischen Bereich arbeiteten Ordensschwestern mit Kleinkindern. Berger erwähnt auch Johann Georg Wirth, der als Lehrer vorschulische Einrichtungen begrüßte und bereits über die Bedeutung des Spiels der Kinder und die standesgemäße Kinderaufzucht publizierte (vgl. S. 20). Der Lehrer Johannes Fölsing bildete, wie Fröbel und Fliedner, für diese Institution aus. Darüber hinaus richtete er 1848 in Darmstadt eine Kleinkinderschule für Kinder höherer Stände ein. Sie diente der Schulvorbereitung und Arbeitserziehung durch Denk- und Sprachübungen. Ida Seele, die erste Fröbelschülerin, leitete die Darmstädter Kleinkinderschule, obwohl Fölsing die „Spielgaben“ ablehnte (vgl. S. 61).

Als Friedrich Fröbel den Kindergarten 1840 als Anstalt zur Spielpflege, zur Ausbildung von „Kinderführerinnen“ und als Musteranstalt zur Erziehung und Unterstützung von Eltern gründete, gehörten ein Arbeits-, Schau und Nutzgarten dazu (vgl. S. 24). Von Fröbels pädagogischem Vermächtnis blieb die Spielpflege übrig. Daran hinderte auch das Kindergarten Verbot nichts, das von Berger erwähnt und in den entscheidenden Argumenten vorgetragen wird (vgl. S. 28 f). Frauen verbreiteten den Kindergarten in die USA, nach England und nach Übersee. Bertha Freifrau Marenholtz-Bülow präsentierte sich von Dresden aus als wahre Fröbelpädagogin. Fröbels Nichte Henriette Schrader-Breymann, die das Pestalozzi-Fröbel-Haus in Berlin mitbegründete, entwickelte wie Marenholtz-Bülow ein Konzept für einen Volkskindergarten. Die Aristokratin wollte den Kindergarten für die bürgerlichen Kinder und einen Volkskindergarten für Proletarierkinder. Im Kindergarten sollten neben dem Spiel Sittsamkeit, Ordnung und Sauberkeit, Disziplin und Pflichterfüllung, Höflichkeit und Gehorsam gelernt werden. Im Volkskindergarten sollten handwerkliche Fähigkeiten vermittelt werden, um an das Arbeitsleben zu gewöhnen. Schrader-Breymanns Konzept eines Volkskindergartens argumentierte für die gemeinsame Erziehung und Förderung des Spiels. Mithilfe der „Monatsgegenstände“ sollten Kinder an Lebensthemen herangeführt werden. Berger erinnert auch an August Köhler, Johanna Goldschmid, Lina Morgenstern, Eleonore Heerwart, Angelika Hartmann und stellt ihre Beteiligung an der Kindergartenbewegung vor.

Die evangelische Kleinkindererziehung fußte auf der Vorstellung, dass Armut Ausdruck religiöser Verwahrlosung sei und durch christliche Unterweisung verändert werde. Johann Friedrich Ranke, erster Lehrer am Seminar für Kleinkinderschullehrerinnen in Kaiserswerth und später Direktor am Potsdamer Oberlinhaus, von 1875 – 1879 verantwortlicher Redakteur der evangelischen Fachzeitschrift „Die christliche Kleinkinderschule“ kritisierte die Fröbelpädagogik aufgrund fehlender religiöser Dimensionen. Adolf Freiherr Bissing auf Beerberg, der die Gründung des Oberlinvereins für christliche Kleinkinderschulen initiierte, hob die Bedeutung der Erziehung in der Familie hervor.

Die Diakonisse Hanna Mecke, Leiterin des Kasseler Evangelischen Fröbelseminars, und Diakonissen Ausbildnerin Anna Borchers ebneten der Fröbelpädagogik innerhalb der evangelischen Kleinkinderpflege den Weg (vgl. S. 69).

Die katholische Kleinkindererziehung wird vom Autor des Buches als strenge sittliche Erziehung rekonstruiert. Vorschulische katholische Einrichtungen entstanden erst seit 1885 und wurden von Ordensschwestern geführt. Mangelnde Empathie und Bereitschaft, kindliche Bedürfnisse wahrzunehmen sowie ein autoritärer Erziehungsstil kennzeichnete, so Berger, den Umgang mit Kindern. Zum „Brechen des kindlichen Starrsinns“ und zur Bestrafe für eine „offensichtliche Bosheit“ mussten Kinder in der Ecke stehen (vgl. S. 75). Manche Schwestern schlugen Kinderhände, wenn Kinder etwas nahmen, was ihnen nicht zustand. Das Schaukelpferdchen, so Berger, stand unter Verdacht sittlicher Verführung. Kinder, die in den Bänken sitzend ihre Hände in den Taschen versteckten oder die Füße übereinanderlegten, wurden ermahnt, das Verhalten zu ändern (vgl. S. 78).

Während des Ersten Weltkrieges kamen Kriegskindergärten auf, damit die Mütter im Rahmen der Kriegsproduktion arbeiten konnten. Der Patriotismus der Kaiserzeit war auch in den Kindereinrichtungen spürbar. Berger zitiert Gedichte und Lieder dieser Zeit.

In Kapitel 3 wird die Entwicklung des Kindergartens seit der Weimarer Republik bis zum Ende der Nazi-Gewaltherrschaft beschrieben. Hier wurden die wesentlichen Weichen für den Prozess der Institutionalisierung gestellt. Im Sommer 1920 tagte der Kindergarten-Ausschuss der Reichsschulkonferenz, der Einfluss auf die Ausgestaltung des Reichsjugendwohlfahrtsgesetz (RJWG) hatte. Hier wurde festgelegt, dass der Kindergarten eine Einrichtung der Jugendwohlfahrt sei und den neu eingerichteten Jugendämtern unterstellt werden sollte. Die anwesenden kirchlichen Trägervertreter, die Vertreter des Deutschen-Fröbelverbandes und der preußischen Landesregierung schlugen vor, die Erziehung der Kleinkinder als Aufgabe der Familie auszuweisen und den Besuch des Kindergartens als Nothilfe aufzufassen. Rechtlich galten Kinder, wenn sie unter 14 Jahre alt waren und regelmäßig betreut wurden, als Pflegekinder (vgl. S. 85). In konfessionellen Kindergärten sollte die religiöse Erziehung im Vordergrund stehen.

In Rom fand 1914 ein internationaler Montessori Kongress statt, den italienisch sprechende Kindergärtnerinnen besuchten. Unter ihnen war Clara Grunwald, die sich nach ihrer Rückkehr nach Deutschland darum bemühte, die Montessori Methode in Deutschland zu verbreiten. In Deutschland kam es dann zum sogenannten Fröbel- Montessori-Streit. Die Fröbelbewegung verhinderte eine Synthese beider Ansätze, denn die Spielpflege sei wichtiger als die Unterstützung der Sinneswahrnehmungen (vgl. S. 90 f). Martha Muchow, Mitarbeiterin von William Stern am Hamburger Psychologischen Institut und Erfinderin des Intelligenzquotienten, stärkte die überzeugten Fröbelpädagoginnen und Pädagogen. Sie kritisierte Maria Montessori, die der Phantasie des Kindes und dem Spiel keine entwicklungsförderliche Bedeutung beimesse (vgl. S. 95).

Des Weiteren erwähnt Berger die Gründung der ersten Waldorfschule in Stuttgart 1926 durch Elisabeth von Grunelius und die Anfänge der psychoanalytischen Pädagogik durch Nelly Wolffheim. Sie verstand das Spiel als seelischen Ausdruck und als Möglichkeit, Macht- und Geltungsbedürfnisse sowie Hemmungen beim Spielen abzubauen. Der Autor des Buches weist auf den Pädagogik Professor Aloys Fischer hin, der im Kindergarten eine Institution sah, die die allen Kindern zu Gute kommen sollte. Deshalb plädierte er für die Einordnung des Kindergartens ins Schulsystem (vgl. S. 99). Auch die Raumgestaltung des Kindergartens wurde thematisiert. Schulbänke wurden abgeschafft. Die Puppen- und Bauecken kamen in Mode. Der Gruppenraum sollte geschmackvoll, wie eine Wohnstube, gestaltet sein.

Während der Nazi-Diktatur wurden 1936 Montessori- Kinderhäuser verboten und 1938 auch die Waldorfeinrichtungen geschlossen, während Fröbel neu entdeckt und, so Berger, als Nationalpädagogik interpretiert wurde (vgl. S. 108). Jüdische Kinder durften keinen Kindergarten besuchen und der Führergruß wurde in allen Einrichtungen erwartet. Viele Fachkräfte richteten sich an den neuen Anforderungen an sie aus.

In Kapitel 4 greift Berger den Neubeginn nach 1945 bis zur Wiedervereinigung Deutschlands auf. In der DDR, der sowjetischen Besatzungszone, war der Kindergarten Teil des Bildungssystems, um die sozialistische Persönlichkeit zu erziehen. Darüber hinaus ermöglichte die staatlich organisierte Betreuung der Kinder die Gleichberechtigung der Frau, die in der Erwerbsarbeit von Müttern ihren Ausdruck fand. Bereits 1952, so Berger, wurden in Ostdeutschland flächendeckend Kinder im Vorschul- und Schulalter erzogen. Ein Bildungsplan bildete die Grundlagen aller Kindergärten in der DDR. Bis 1985 hatte es sechs Bildungspläne gegeben, die die marxistische Pädagogik darstellten bzw. die politische Ideologie der Arbeiterklasse im DDR Sozialismus begründeten (vgl. S. 125). Seit 1963 leitete Margot Honecker das Ministerium für Volksbildung und setze die machtpolitischen Interessen durch. Die Liebe zum Parteivorsitzenden, die antikapitalistische Abgrenzung sowie die Freundschaft mit der Sowjetunion und auch die Loyalität der Fachkräfte gegenüber der Staatsführung wurden zur Verpflichtung. „Die sozialistische Bildung und Erziehung der Kindergartenkinder war eine permanente, alle Lebensbereiche umfassende, einheitliche Formung und Beeinflussung, der man sich so gut wie nicht entziehen konnte“ (S. 132).

In Westdeutschland knüpfte man an die Weimarer Republik an und so war der Kindergarten eine sozialkaritative Einrichtung und sollte die Persönlichkeit des Kindes fördern (sozialpädagogisches Doppelmotiv). Bis in die späten 1950er Jahre kennzeichneten Raumnot, Personalmangel und Finanzierungsprobleme die Praxis. Die Kindergartenpädagogik folgte einer Fröbeltradition, die sich als Basteln und Kreisspiele spielen entpuppte. Erziehung geschah durch Intuition. Der Autor des Buches macht auch hierfür Berichte von Kindergärtnerinnen zugänglich (S.140-141). Die Fröbelforscherin Erika Hoffmann setzte sich für eine Kindergartendidaktik ein. Berger erinnert auch an die sogenannte Schörlpädagogik. Margarete Schörl war eine österreichische Ordensfrau, die in Krems an der Donau wirkte. Sie hatte das Raumteilverfahren entwickelt. Immobile Gegenstände wie die Bilderbuch-, Puppen- und Bauecke wurden ergänzt durch mobile Raumteiler. Damit waren Tische gemeint, auf denen unterschiedlichste Spiel-und Aktivitäten wie Basteln, Malen und Essen stattfanden (vgl. S.151).

Der sogenannte Sputnikschock der 1960er Jahre brachte den Kindergarten in die bildungspolitische Diskussion. Bereits kleine Kinder sollten früh gefördert und begabte Kinder sollten besonders unterstützt werden. Um die Bildungskatastrophe (Picht) abzuwehren wurden Sprachfördermaßnahmen und logisches Denken eingeführt. Vorschulmappen und die Geschlechtermischung kamen in Mode. In Modellkindergärten wurde nun wissenschaftlich erforscht, wie kleine Kinder lesen lernen. Seit 1970 wurde auch mit Rahmenplänen experimentiert, denn der Kindergarten sollte als eine vorschulische Einrichtung die fünf bis sechsjährigen Kinder schulreif machen. Zwar konnten die Erfolge empirisch nicht nachgewiesen werden, doch war, so Berger, ein bildungspolitischer Kampf um die Fünfjährigen und die Eigenständigkeit der Kleinkindpädagogik gegenüber der Schule entbrannt. Mitte der 1960er Jahre hatte Walter Thorun, Vorstandsmitglied des Pestalozzi- Fröbel- Verbandes eine neue Berufsbezeichnung vorgeschlagen. Kindergärtnerinnen sollten nun Erzieherin/Erzieher heißen, denn Männer wurden ausdrücklich aufgefordert, sich ausbilden zu lassen (vgl. S. 159).

Die Studentenbewegung initiierte Kinderläden, die sich besonders in den Großstädten ausbreiteten. Die Diplomsoziologin Monika Seifert gründete in Frankfurt den ersten antiautoritären Kindergarten. In der Auseinandersetzung mit den Schriften von Anna Freud, Sigfried Bernfeld und Nelly Wolffheim und dem Bewusstsein für die Gefahren der autoritären Erziehung sowie Abgrenzung von Eltern kam erneut Bewegung in die Institution. Die studentische Kampagne der sexuellen Befreiung wurde auch im Kinderladen erlebbar. Der Journalist Gerhard Bott, so Manfred Berger, beschrieb, dass Kinder Erzieherinnen beim Essen an den Genitalien berührten und auch versuchten, sie auszuziehen, ohne dass ihnen dabei Einhalt geboten wurde. Vereinzelt kam es zum Koitus mit Kindern (vgl. S. 161).

Jürgen Zimmer, Leiter des Arbeitsbereiches Vorschulerziehung am DJI entwickelt mit anderen in Modelleinrichtungen den Situationsansatz. Die Kinder sollten bereits im Kindergarten auf die Bewältigung von zukünftigen Situationen ihres gegenwärtigen und zukünftigen Lebens vorbereitet werden. Die Erziehungsziele der Autonomie, Solidarität und Kompetenz sollte durch die thematische Arbeit unterstützt werden. Die Aufgabe der Erzieherin war, Situationen als besondere Lernsituationen zu bestimmen. Dazu entwickelte Zimmer mit Mitarbeiterinnen ein Curriculum „Soziales Lernen“, das didaktische Einheiten aufzeigte, die von den Erzieherinnen angepasst werden sollten. Berger nennt einige der Themen, z.B.: Neue Kinder in der Gruppe, Tod, die Ferien gestalten, Kinder allein zu Hause, Gastarbeiterkinder, Kinder aus unvollständigen Familien etc. (vgl. S. 162).

In Kapitel 5 greift der Autor die Zeit der Wiedervereinigung von 1990 bis zur Gegenwart auf. Das System der BRD, in dem der Kindergarten Teil des reformierten Kinder- und Jugendhilfegesetzes war, galt bundesweit und die DDR-Erzieherinnen mussten sich beruflich weiterbilden. Das hinterließ bei ihnen, so Berger, Anerkennungsprobleme. Der Kriminologe Christian Pfeiffer stellte sogar einen Zusammenhang zwischen der praktizierten DDR Erziehung und späterer Straftäterschaft her, was damals als ein „Höhepunkt des ‚Pädagogischen Ost-West-Konfliktes‘“ gewertet wurde (S. 163). In den 1990er Jahren kam der integrative Kindergarten als neue Betreuungsformen auf. Des Weiteren wurde die Flexibilisierung der Öffnungszeiten eingeführt und die Aufnahme zweijähriger Kinder ermöglicht. Es entstanden altersgemischte Gruppen und die Grenzen zwischen Krippe, Kindergarten und Hort verflüssigten sich (vgl. S. 167). Die Diskussionen über frühkindliche Bildung wurden durch die PISA, IGLU und OECD Studien verstärkt und mündeten in die Bildungsreform ein, die politisch verantwortete Bildungspläne als verbindlichen Rahmen für die Qualität der Praxis ausweisen. Berger beschreibt die Gemeinsamkeiten der Pläne und weist daraufhin, dass auch wirtschaftliche Stiftungen ein Interesse am Kindergarten hatten. „Das Haus der kleinen Forscher“ wird hier besonders hervorgehoben. Die Qualitätsdebatte wurde durch die NUBBEK Studie von 2013 angefeuert. Heute existieren traditionelle pädagogische Ansätze neben modernen Bildungskonzepten, die das Lernen der Kinder im Fokus haben. Bilinguale und heilpädagogisch integrative Kitas, der Rechtsanspruch auf Kindertagesbetreuung und die Initiative „Mehr Männer in Kitas“ werden genannt. Derzeit, so Berger sei Medienbildung/-erziehung eine besondere Herausforderung.

Im Exkurs zur Entwicklung des jüdischen Kindergartens erwähnt der Autor den ersten 1839 eröffneten Kindergarten in Frankfurt a.M. der nach der Fröbel Pädagogik arbeitete. 1863 gab es eine verstärkte Zuwanderung ostjüdischer Familien in die Großstädte. Der Berliner Verein „Israelitischer Volkskindergarten und Kinderhort“ gründete 1895 einen Volkskindergarten, der eine Vorbildfunktion für jüdische Kindergärten hatte (vgl. S. 185) Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es die jüdische Kindergärten ausschließlich in Westdeutschland. Heute, so der Autor, gebe es bundesweit 20 Einrichtungen, die unter hohem Polizeischutz stehen (vgl. S. 194).

Kapitel 7, die Zusammenfassung und der Ausblick, fokussiert die Erziehung zum Gehorsam, zur Sittlichkeit und Disziplin, die während des Kaiserreiches im Vordergrund stand. Fröbels Pädagogik markierte den Beginn einer Pädagogik vom Kinde aus. Sie machte den Kindergarten zu einer familienunterstützenden Bildungseinrichtung, die über sozialfürsorgerische oder christlich missionarische Motive hinaus das kindliche Spiel als besondere Ausdrucksweise des Kindes hervorhob. Das Kindergartenverbot konnte die Verbreitung der Idee nicht aufhalten und selbst die ideologische Verfälschung seiner Erziehungsvorstellungen während der Nazi- Diktatur und in der DDR haben an seiner Bedeutung nicht gerüttelt. Seit der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 wurde der Kindergarten eine eigene Bildungsinstitution neben der Schule und er erfüllt die Aufgabe der Ermöglichung von Erwerbsarbeit für Frauen. Die Kleinkinderpädagogik sichert Lernprozesse und ermöglicht die Verarbeitung von Lebenserfahrungen, die mit dem technischen Fortschritt einhergehen. Bei der Integration der Flüchtlinge habe der Kindergarten, so Berger, die Funktion die Willkommenskultur zu gestalten.

Diskussion

Bergers „Geschichte des Kindergartens“ thematisiert die institutionelle Entwicklung des Kindergartens, benennt einige beteiligte Personen, politische Ereignisse und fachliche Auseinandersetzungen. Im Vergleich mit bereits vorliegenden Vorhaben, die von Wilma Aden-Grossmann, Franz Konrad und Rürgen Reyer, Günter Erning, Karl Neumann, Diana Franke-Meyer und Helge Wasmuth publiziert wurden, orientiert sich der Autor im Rahmen der Beschreibung an dort erarbeiteten Kanonisierungsvorschlägen bzw. Periodisierungen. Aufgrund der fehlenden Fragestellung und Leitideen zum Umgang mit historischen Texten, Erinnerungen und Geschichten, bleiben die Informationen als eine Aneinanderreihung von Ereignissen, zurück. Das Buch macht dennoch die Vielschichtigkeit und vielfältige Entwicklung dieser Institution sichtbar, lässt meiner Ansicht nach aber offen, in welcher Absicht diese Geschichte des Kindergartens vorgelegt wird. Heute wissen wir aus der historiographischen Forschung, dass Geschichte nicht einfach vorliegt, sondern konstruiert ist und über eine Fragestellung und die Art, sich der Vergangenheit zu nähern, erst entsteht.

Das Buch wirft bei mir Fragen auf. Haben erst die letzten zwanzig Jahre dazu geführt, den Kindergarten als formale Bildungsinstitution flächendeckend und politisch gewollt aufzustellen? Wo ist der Erziehungsgedanke, der zu Beginn und während der Nachkriegszeit so wesentlich erschien, geblieben? Welche gesellschaftlichen Konsequenzen ergeben sich aus einer Kleinkindpädagogik, die Institutionalisierungsprozesse nicht ideen-, sozial- und begriffsgeschichtlich reflektiert, sondern funktionalistisch handelnd beantwortet?

Fazit

Das Buch ergänzt die bisherigen historischen Dokumente und Versuche, die Geschichte der Kindertagesbetreuung zu rekonstruieren. Es enthält Zitate, die von anderen Autoren und Autorinnen nicht veröffentlicht wurden und eignet sich zur Auseinandersetzung mit der Geschichte des Kindergartens. Dabei regt es an, das ein oder andere Thema zu vertiefen und für sich einzuordnen.


Rezensentin
Prof. Dr. Christiane Vetter
Leiterin der Studienrichtung Soziale Arbeit in der Elementarpädagogik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart
Homepage www.dhbw-stuttgart.de/themen/studienangebot/fakulta ...
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Zitiervorschlag
Christiane Vetter. Rezension vom 05.01.2017 zu: Manfred Berger: Geschichte des Kindergartens. Von den ersten vorschulischen Einrichtungen des 18. Jahrhunderts bis zur Kindertagesstätte im 21. Jahrhundert. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2016. ISBN 978-3-95558-183-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21933.php, Datum des Zugriffs 25.08.2019.


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ISSN 2190-9245

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