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Manfred Pretis: ICF-basiertes Arbeiten in der Frühförderung

Cover Manfred Pretis: ICF-basiertes Arbeiten in der Frühförderung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2016. 197 Seiten. ISBN 978-3-497-02589-3. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Die Planung von Förderzielen in der Frühförderung stellt eine Herausforderung im Spannungsfeld zwischen elterlichen Erwartungen, fachlichen Einschätzungen und kindlichen Ausgangslagen dar. Zur besseren Integration aller Bedürfnislagen eignen sich ‚SMARTe‘ Förderziele, die „spezifisch, messbar, akzeptabel, realistisch und terminierbar“ (Klappentext) sind. Durch diese Ziele lassen sich basierend auf der ICF-CY transparent bestmöglich geeignete Ziele formulieren.

Daraus ergeben sich folgende Forschungsfragen: Wie lassen sich ‚smarte‘ Förderziele formulieren? Wie können diese zu Erfolgen in der Frühförderung beitragen? Wie sind diese Erfolge messbar bzw. als wirksam einzustufen?

Autor

Prof. Dr. Manfred Pretis ist Professor für Transdisziplinäre Frühförderung an der Medical School Hamburg. Zudem ist er als Lehrbeauftragter an der Karl-Franzens-Universität Graz, der Akademie für medizinisch-technischen Laboratoriumsdienst Wien und am sozial- und heilpädagogischen Förderungsinstitut Steiermark tätig.

Entstehungshintergrund

Während Angebote der Frühförderung oftmals mit einer „intuitiv erlebte[n] Wirksamkeit“ (S. 15, Hervorhebung im Original) verknüpft werden, bleibt die Frage nach der empirisch belegten Wirksamkeit offen. Ebenso wird sich in ebenjenen Angeboten auf Abweichungen von alterstypischen Messwerten in der Individualförderung bezogen, während eine Verbindung zur ICF ausbleibt, indem daraus resultierende Teilhabeeinschränkungen definiert werden würden.

An dieser Stelle setzt die vorliegende Publikation an, da sie das Ziel verfolgt, Maßnahmen der Frühförderung empirisch messbar zu gestalten.

Aufbau und Inhalt

Das Buch von Manfred Pretis beinhaltet sieben Kapitel und ein Sachregister:

  1. Einleitung
  2. Smarte Ziele in Frühförderung und Frühtherapie
  3. Die ICF-CY als Hilfsmittel smarter Zielorientierung
  4. Smarte Zielerreichung messen
  5. Smarte Ziele im Rahmen evidenzbasierter Praxis
  6. Glossar
  7. Literatur

In Kapitel 1 setzt sich Pretis mit den grundlegenden Definitionen und Zielen der ICF-CY-basierten Arbeit in der Frühförderung auseinander.

In den Themenkomplex der smarten Ziele in Maßnahmen der Frühförderung führt Kapitel 2 ein, indem die Frage nach der Messbarkeit individueller Förderangebote erörtert wird (Kap. 2.1). Dazu erfolgt u.a. eine Differenzierung zwischen Effizienz und Wirksamkeit sowie eine Darlegung von Vor- und Nachteilen standardisierter Entwicklungstests.

Daran schließen sich Ausführungen über die Beschaffenheit smarter Ziele (Kap. 2.2) und über erfolgsversprechende Strategien zur Umsetzung an (Kap. 2.3).

Hinweise zur praktischen Umsetzung von smarten Zielsetzungen werden in den Teilkapiteln 2.4-2.7 gegeben: zu Herausforderungen bei der auf Hypothesen basierenden Arbeit, der Formulierung smarter Ziele, angezweifelter Wissenschaftlichkeit sowie zu Verwechslungen von Ressourcenorientierung und Zieldefinitionen.

In Kapitel 3 wird die ICF-CY eingeführt, indem ihr Bezug zum Thema ‚Gesundheit‘ skizziert (Kap. 3.1) und das Potential der ICF-CY zur Formulierung von Zielen in der Frühförderung hervorgehoben wird (Kap. 3.2).

Zur besseren Nachvollziehbarkeit wird die ICF-CY in ihrem Aufbau beschrieben (Kap. 3.3) und dargelegt, wie die theoretischen Ausführungen der ICF-CY in eine praktisch orientierte Anwendung übertragen werden können (Kap. 3.4). Das kann einerseits durch eine reduzierte Komplexität der Inhalte erfolgen (Kap. 3.4.1) und andererseits durch konkrete Umsetzungsbeispiele nachvollzogen werden (Kap. 3.4.2).

Abschließend wird darauf hingewiesen, dass mittels der ICF-CY formulierte Ziele in den Schulbesuch hineinreichen können (Kap. 3.5) und sich zudem Ziele aus Sicht der Familien formulieren lassen (Kap. 3.6).

Es schließt sich Kapitel 4 an, das sich mit der Messbarkeit smarter Ziele auseinander setzt.

Es werden zunächst bereits bestehende Evaluationsmaßnahmen (Kap. 4.1) und Hinweise zu Evaluationen (Kap. 4.2) beschrieben.

Das Teilkapitel 4.3 zeigt auf, wie aus Kriterien smarte Prozessziele formuliert werden können, illustriert anhand des Akronyms ZWERG (Zielerreichung, Wirtschaftlichkeit, Einfachheit, Rechtzeitigkeit, Genauigkeit; vgl. S. 135f). Die Darstellung der Erreichung von Zielen wird in den Teilkapiteln 4.3.1-4.3.4 erläutert (u.a. hinsichtlich der Goal Attainment Scale, der ICF-CY-Beurteilungsmerkmale und allgemeiner Hinweise zur Dokumentation).

Kapitel 4.4 fasst die Möglichkeiten der smarten Zielformulierung zusammen, während Kapitel 4.5 auf kritische Fragen zur individuellen Messbarkeit antwortet.

Kapitel 5 befasst sich mit Evidenzbasierung in ihrer Bedeutung für die Praxis.

Zur besseren Veranschaulichung von Wirksamkeit im Allgemeinen wird das Ampelsystem nach Novak et al. 2013 modifiziert, um Interventionen bewerten zu können (Kap. 5.1).

Im Speziellen wird evidenzbasierte Praxis im nachfolgenden Teilkapitel 5.2 erklärt und anhand ausgewählter Interventionen und Diagnosen exemplifiziert (Kap. 5.3 mit den drei Beispielen ADHS (Kap. 5.3.1), FASD (Kap. 5.3.2), ASS (Kap. 5.3.3)).

Das Kapitel findet eine Zusammenfassung im letzten Teilkapitel 5.4.

Diskussion

Der Autor möchte mit seiner Publikation Grundlage für eine stärker empirisch belegte Frühförderung schaffen, die die eigene Wirksamkeit messbar aufzeigen kann. Durch eine bisher eher intuitive Einschätzung der Wirksamkeit ebenjener Maßnahmen bestehen Unklarheiten und zum Teil sogar Zweifel über die Sinnhaftigkeit von Angeboten. Letztendlich weist Pretis auf die zunehmende Forderung nach Evidenzbasierung durch Leistungsträger_innen hin (vgl. S. 153). Als langfristige Zielsetzung für die Arbeit mit smarten Förderzielen wird die bewertende Einteilung von Interventionen nach dem Ampelsystem in Anlehnung an Novak et al. 2013 beschrieben.

Es gelingt dem Autor herauszuarbeiten, dass die Formulierung smarter Ziele eine zukünftige Unterstützung in Konzeption, Durchführung und Evaluation von Frühfördermaßnahmen sein kann. Allerdings werden diese Erkenntnisse durch einzelne Längen in der Publikation begleitet, eine kompaktere Darstellung wäre hilfreich gewesen. Mit Hilfe des evidenzbasierten Ansatzes gelingt dem Autor jedoch ein äußerst innovativer Ansatz für Forschung und Praxis.

Insbesondere die Fachkräfte in der Frühförderung werden durch die Publikation aufgefordert ihre eigene Arbeit noch stärker hinsichtlich wissenschaftlicher Grundlagen und Ergebnisse zu reflektieren. Dazu bedarf es einer Einteilung von zur Verfügung stehender Fachartikel hinsichtlich der objektiven Überprüfbarkeit. Zudem gewinnt die kollegiale Fallberatung bzw. Teambesprechung nach Pretis an Bedeutung, wenn gemeinsam Entwicklungsziele und Umsetzungsstrategien – angelehnt an die ICF-CY – formuliert werden. Zur Verdeutlichung dieser Arbeitsschritte werden abschließend drei Beispiele skizziert.

Offene Fragen bleiben, insbesondere hinsichtlich des neuen Ansatzes der Evidenzbasierung der Frühförderung, wie z.B.: Wie kann die Wirksamkeit von Therapien nachgewiesen werden ohne zur Überlastung von Fachkräften führen (Stichwort: zusätzliche Arbeit)? Wie können publizierte bzw. bereits implementierte Angebote empirisch überprüft werden? Wie kann den Anforderungen eines zunehmenden ‚Marktes der Maßnahmen‘ entsprochen werden ohne Frühförderung zu einem reinen ‚Dienstleistungsangebot‘ geraten zu lassen? Diese und weitere Fragen sind durch Erfahrungen der Fachkräfte in der Praxis zu reflektieren und nach Möglichkeit zu beantworten.

Fazit

Es ist dem Autor gelungen, zwei unterschiedliche Perspektiven zu vereinen: individuelle Frühförderung und empirische Messbarkeit. Während die individuelle Frühförderung mit ihren langjährigen Erfahrungen die Grundlage bildet, ist die Verbindung mit dem Codierungssystem der ICF-CY als bedeutsame Perspektive anzusehen, Aussagen über Wirksamkeit und Effizienz zu treffen.

Die Impulse des Buches können dazu beitragen, zur Verringerung von Teilhabebeeinträchtigungen beizutragen, indem diese Auswirkungen einer (drohenden) Behinderung wahrgenommen und weitere Komponenten der ICF-CY wie ‚Umwelt‘ oder ‚Strukturen‘ einbezogen werden in Zielsetzung und Angebotsausrichtung (vgl. S. 103f.).

Das Buch kann dementsprechend Fachkräften in der Frühförderung, Studierenden sowie weiteren interessierten Leser_innen empfohlen und als Ausgangspunkt einer empirischeren Ausrichtung von Angeboten aufgefasst werden.


Rezensentin
Dr. Karoline Klamp-Gretschel
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Zitiervorschlag
Karoline Klamp-Gretschel. Rezension vom 14.03.2017 zu: Manfred Pretis: ICF-basiertes Arbeiten in der Frühförderung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2016. ISBN 978-3-497-02589-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21935.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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