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Philip Streit: Ich will nicht in die Schule!

Cover Philip Streit: Ich will nicht in die Schule! Ängste verstehen und in Motivation verwandeln. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. 160 Seiten. ISBN 978-3-407-86413-0. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 21,30 sFr.
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Autor

Der Autor ist Klinischer und Gesundheitspsychologe, Psychotherapeut (SF) sowie Supervisor und Vizepräsident des Deutschsprachigen Dachverbandes Positive Psychologie DACH-PP e. V. Deutschland.

Entstehungshintergrund

Dieses Buch wurde durch die Positive Psychologie nach Martin Seligman inspiriert und will zwei sehr unterschiedliche psychologische Bereiche zusammenhängend beleuchten, nämlich Angst und „Positivität“. Angeregt durch die Arbeiten von Gerald Hüther versteht Philip Streit Angst als einen zentralen Ausgangspunkt für Entwicklung.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst neben einer Einleitung und abschließenden Danksagung zehn Kapitel. Die ersten beiden setzen allgemein und theoretisch an, die dann folgenden beschäftigen sich mit verschiedenen Ausprägungen der Schulangst, die letzten beiden skizzieren Hilfestellungen im Fall von Mobbing und Schulverweigerung.

Im ersten Kapitel nimmt der Autor eine Definition von Angst vor und weist auf ihre Funktionen hin. Dabei werden Ängste als bedeutender Bestandteil des Leben verstanden, denn sie geben den „Startimpuls für die erfolgreiche Bewältigung von Herausforderungen, da sie die nötige Energie zum Handeln bereitstellen.“ (18) Aber auch auf lähmende und blockierende Wirkungen der Angst wird kurz eingegangen ebenso auf vermeidende, verdrängende oder übertreibende Abwehrformen sowie auf pathologische Angst.

In zweiten Kapitel stellt der Verfasser eine „kleine Neurobiologie der Angst“ vor. Er resümiert, dass kontrollierte Stressreaktionen eine Aufwärtsspirale, unkontrollierte hingegen eine Abwärtsspirale der Angst auslösen können. Ein Zuviel an Herausforderung und Anforderung hat neurobiologisch gesehen das Potenzial, einen Erfolgskreislauf in einen Negativkreislauf umkippen zu lassen. Philip Streit betont, dass es nicht darum gehen kann, die Angst loszuwerden, sondern sie zu erkennen und als das zu verstehen, was sie ist, nämlich „der Urbeginn von Wohlbefinden und Erfolg“(33).

Das dritte Kapitel widmet sich dem Themenkreis Schule und Angst. Im Zentrum steht dabei die neurobiologisch fundierte Feststellung, dass es zur produktiven Bewältigung der Angst bestimmter „Metakompetenzen“ bedarf, einer leider nicht näher explizierten „Summe von Fertigkeiten und Problemlösekompetenzen, die uns neue Situationen gut bewältigen lassen“ und „Programme unseres Großhirns“ (37) sind. Der Autor fragt, wie die Schule mit Herausforderungen und Ängsten umgeht und konstatiert, dass „Angst zur Schule dazugehört“ (42).

Im vierten Kapitel entwickelt Philip Streit Überlegungen zum positiven Umgang mit Ängsten. Er stellt fest, dass es Lern- und Erfahrungsprozesse sind, die bewirken, ob sich im Individuum „beflügelnde Bewältigungsschemata“ (46) oder Muster des Rückzugs und der Niedergeschlagenheit verfestigen. Der Erziehung misst er hierbei eine entscheidende Bedeutung bei. Diese sollte „sicherer Hafen“ sein und eine „Ankerfunktion“ (49) für die Kinder erfüllen. Der Autor nennt Erziehungsgrundsätze, „die eine optimale Basis abgeben“, dass Kinder in eine „Aufwärtsspirale der Angst“ (48) gelangen können. Ausgangspunkt ist das Ansetzen an und das Verknüpfen von Ressourcen involvierter Menschen, Familien und Institutionen. Darüber hinaus weist er u.a. auch auf die Relevanz einer sicheren Bindung, einer klaren Struktur der Erziehung sowie elterlicher Präsenz hin. In Anlehnung an den Ansatz von Richard M. Lerner und das P.E.R.M.A.-Modell von Martin Seligman stellt Philip Streit in einem kursorischen Überblick Überlegungen an, die dazu beitragen können, dass Erziehungsbedingungen entstehen, welche bewirken, dass Kinder „sich konstruktiv herausfordernd mit dem Gefühl der Angst“ (59) auseinandersetzen.

Im fünften Kapitel wendet sich der Verfasser der Trennungsangst zu. Diese reflektiert er in Bezug auf verschiedene Gesichtspunkte, wie beispielsweise eine nicht eindeutige und klare Bindung sowie überbeschützendes Elternverhalten.

Das sechste Kapitel beschäftigt sich mit Versagensangst und Überforderung. Philip Streit akzentuiert verschiedene Angst beschleunigende Prozesse, wie perfektionistische Ansprüche, überhöhte Anforderungen, mangelnde Unterstützung sowie Abwertung und Entwertung.

Das siebente Kapitel handelt von der Erfolgsangst (oder besser: der Angst vor Veränderung). Der Verfasser konstatiert, dass der Erfolgsangst in der Schule zwar bislang noch kein großer Stellenwert beigemessen werde, diese jedoch „einen Gutteil von Schulverweigerungen aufklären und verstehbar machen“ (103) könne.

Im achten Kapitel befasst sich der Autor mit Prozessen des schulischen Alltagslebens, welche einzelnen Schülerinnen und Schülern eine angemessene Befriedigung ihrer sozialen Bedürfnisse (Zugehörigkeit, Autonomie und Bedeutung) verwehren und Angst auslösen können. Dabei geht er auf neurobiologische und sozialpsychologische Gesichtspunkte sowie auf Mobbing- und Stalking-Phänomene ein.

Im neunten und zehnten Kapitel werden Hilfestellungen für Eltern und Lehrer im Falle von Mobbing und Schulverweigerung vorgestellt.

Diskussion

Angst gehört zu unserem Leben und erfüllt wichtige Funktionen. Der Umgang mit ihr ist von entscheidender Bedeutung. Die vom Autor verwendete Denkfigur einer „Aufwärtsspirale der Angst“ (sprachlich leider etwas missverständlich gefasst) bringt diesen Zusammenhang angemessen zum Ausdruck. Ihm ist zuzustimmen, wenn er feststellt, dass die Idee einer Schule ohne Angst nicht nur unrealistisch, sondern auch wenig sinnvoll ist. Eine Investition in immer neue schulische Konzepte mit der Absicht, „eine Glück verheißende Schule ohne Angst“(42)zu schaffen, kann an der eigentlichen pädagogischen Herausforderung vorbeilaufen, kommt es doch zuvörderst auf die Persönlichkeiten und das konkrete Verhalten an.

Aber Menschen sind grundsätzlich dem Einfluss verschiedenster Größen unterworfen, welche auf die soziale Konstruktion schulischer Situationen einwirken (gesellschaftliche Funktionen von Schule, schulische Mikropolitik, berufliche und schulische Sozialisationsprozesse, sozioökonomischer Rahmen usw.). Über diese aber erfahren wir in dem Buch von Philip Streit wenig. Problematische Formen des Umgangs mit Angst in der Schule werden zwar genannt (Defizitorientierung, Leistungsdruck, Pädagogik des Belohnens und Bestrafens), auf die hierbei bedeutsamen Variablen (z.B. Lehrerpersönlichkeit, berufliche Eignung und Kompetenz, Schülerpersönlichkeit, Schüler-Lehrer-Interaktion, Schulleben und Schulkultur) geht der Verfasser kaum ein. Seine etwas euphemistische Haltung in Bezug auf erzieherische Intentionalität (47)unterschlägt, dass sich Eltern und auch Lehrer in Verhältnissen und Situationen befinden können, welche die souveräne Verfügung über Verhaltenspotenziale und -optionen erschweren oder gar behindern.

Grundsätzlich geht der pädagogische Tenor des Buches so in Ordnung. Für mich bleibt jedoch die Frage unbeantwortet, wie denn die angesprochenen Erziehungsbedingungen (53), welche eine Aufwärtsspirale der Angst ermöglichen können, herzustellen sind. Und was muss konkret geschehen, damit Schule ein „sicherer Hafen“ für unsere Kinder wird? Der Verfasser nennt Kriterien (112f.), die eine Schule zumindest teilweise erfüllen sollte. Diese sind für meinen Geschmack aber wohlfeil und formulieren mehr oder weniger altbekannte pädagogische Formeln.

Fazit

Das Buch ist lesefreundlich geschrieben. Die Sachzusammenhänge werden anschaulich und für Laien leicht verständlich dargelegt. Viele Beispiele aus der therapeutischen Praxis des Autors, pointierende Zusammenfassungen und viele Tipps tragen das Ihre dazu bei.

Die monierten theoretischen Vereinfachungen folgen offenbar einer didaktischen Intention: Als primäre Zielgruppen hat Philip Streit vermutlich Eltern, aber auch Lehrer und Schüler im Blick. Insofern ist das Werk der Ratgeberliteratur zuzuordnen (dennoch sollte es über ein Quellenverzeichnis verfügen!). Es wurde im Geiste der Positiven Psychologie geschrieben. Wer diese sucht, der wird vom Autor treu bedient. Die Rat suchende Kundschaft aber wird kaum in der Lage sein, diese psychologische Position kritisch reflektierend einordnen zu können.


Rezensent
Prof. Dr. Gerd Krüger
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Fakultät Wirtschaft und Soziales
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Zitiervorschlag
Gerd Krüger. Rezension vom 10.01.2017 zu: Philip Streit: Ich will nicht in die Schule! Ängste verstehen und in Motivation verwandeln. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. ISBN 978-3-407-86413-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21937.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


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