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Susanne Fritsch, Herbert Günther: Inklusion: So geht das

Cover Susanne Fritsch, Herbert Günther: Inklusion: So geht das. Die wichtigsten Handlungsfelder in der Praxis. Debus Pädagogik Verlag (Schwalbach/Ts.) 2016. 191 Seiten. ISBN 978-3-95414-047-3. D: 24,80 EUR, A: 25,50 EUR.
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Thema

Der übersichtliche Band ist aus der pädagogischen Grundschulpraxis heraus entstanden und für die Praxis verfasst. Er stellt sich der Inklusion als Herausforderung für die Schulpolitik im Sinne eines unbeeinträchtigten Bildungszugangs für alle Kinder am konkreten Beispiel des Grundschulbereichs. Angesprochen sind sowohl alle pädagogisch Verantwortlichen wie die Eltern. Anhand von Erfahrungsberichten wird konkretisiert, wie die Umsetzung gemeinsamen Lernens unter der Bedingung der Anerkennung von Vielfalt in heterogenen Lerngruppen gelingen kann. Dabei gilt es differenzierenden und individualisierenden Unterricht zu planen und umzusetzen.

Autorin und Autor

Susanne Fritsch kommt aus dem Elementarbereich, Herbert Günther aus dem Bereich der Lehrer*innenausbildung. Insofern wird interprofessioneller Kooperation, dem Aspekt des Übergangs von der Kita in die Grundschule sowie den professionellen Voraussetzungen, die notwendig sind, um inklusionsorientierte Prozesse gestalten zu können, besondere Aufmerksamkeit zuteil. Die Autor*innen verstehen ihren Zugang als „moderat“ (7), soll heißen, Inklusion wird als Voraussetzung für einen gleichberechtigten und barrierefreien Bildungszugang verstanden, dessen Gelingen an bestimmte innere und äußere Rahmenbedingungen geknüpft ist.

Entstehungshintergrund

Grundanliegen des Bandes ist es, auf der Basis von Erfahrungsaustausch, Informationen und Kenntnisse über die Möglichkeiten und erforderlichen Rahmenbedingungen zu generieren, die notwendig sind, um eine inklusionsorientierte Praxis in der Grundschule zum Wohle jedes einzelnen Kindes gestalten zu können. Exemplarisch wird der Stand der Dinge an der aktuellen Situation im Saarland (Stand 2013) dargestellt.

Aufbau

Der Band spricht eine Reihe unterschiedlicher Handlungsfelder an, die für inklusionsorientierte Prozesse im Grundschulbereich bedeutsam sind. Hierzu gehören

  • die Entwicklung eines inklusiv ausgerichteten Konzepts,
  • die Beantragung von Schulassistenzen,
  • die Ermittlung eines sonderpädagogischen Förderbedarfs,
  • die Beantragung von Nachteilsausgleichen,
  • die Planung und Umsetzung guten Unterrichts und individueller Förderung,
  • die Gestaltung des Übergangs von Kita zur Schule,
  • die Entwicklung individueller Unterrichtskonzepte,
  • die Zusammenarbeit zwischen allgemeinen und sonderpädagogischen Fachkräften sowie
  • der Einbezug der Eltern in eine Bildungspartnerschaft.

Inhalt

Einleitend wird deutlich gemacht, dass das Ziel der Inklusion weder auf die Grundschule, noch auf das Bildungssystem an sich beschränkt ist, sondern insgesamt gesellschaftspolitische Aspekte aufweist. Kurz wird ein Abriss über die Geschichte des Inklusionsgedankens im Bildungsbereich seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts gegeben.

Den Kern des Bandes nehmen die unterschiedlichen oben angeschriebenen Handlungsfelder ein. Inklusive Schulentwicklungen sind zunächst konzeptionell zu fundieren, wobei die Autor*innen dabei neben der Erwähnung des Index für Inklusion auch die Bedeutung von Erfahrungsberichten und Befunde der Inklusionsforschung herausstellen.

Anschließend werden Hinweise für unterschiedliche Leistungsbeantragungen zur Unterstützung von Kindern mit Behinderung gegeben. Dabei geht es „um die Ermittlung des sonderpädagogischen Förderbedarfs, die Beantragung von Sozialhilfe und Jugendhilfe sowie von Integrationshelfern und Nachteilsausgleich“ (36).

Das Förderschulsystem wird ausführlich in seiner Differenzierung dargestellt und seine Expertise in Bezug auf die Unterstützung und Hilfestellung für Grundschullehrkräfte in inklusionsorientierten Prozessen hin überprüft.

Das anschließende Kapitel befasst sich mit Kernpunkten eines inklusionsorientierten Unterrichts, der den individuellen Bedarfen der Kinder gerecht zu werden vermag. Besonderes Augenmerk liegt auf den Voraussetzungen, die individualisierter Unterricht hat.

Interprofessionelle Kooperation ist nicht nur gefordert zwischen allgemeinen und sonderpädagogisch ausgerichteten Professionellen, sondern in besonderer Weise auch zwischen Akteur*innen aus dem Kita-Bereich und dem Primarbereich. Das Kapitel beschreibt Kooperationsfelder und Überlegungen zu praktischer Zusammenarbeit im Lichte einer inklusionsorientierten Zielsetzung.

Christina Bauer-Rehlinger und Sabrina Kientz skizzieren anschließend erfahrungsbasiert, wie individualisierter Unterricht gestaltet werden und die Kooperation zwischen Grundschullehrkräften und Förderschullehrer*innen gelingen kann.

Abschließend wird auf die Rolle der Eltern eingegangen, deren Beitrag für eine gelingende Inklusion in der Schule unverzichtbar ist. Unter dem Stichwort der Elternbildung werden neue Wege der Zusammenarbeit ausgelotet.

Den Band beschließen Reflexionen einer Gundschullehrerin (Christina Sutter), die sich den praktischen Erfahrungen mit inklusiven Entwicklungen stellt.

Diskussion

Der vorliegende Band löst den Anspruch ein, in aller Übersichtlichkeit möglichst praktische Hinweise für inklusionsorientierte Entwicklungen im Grundschulbereich liefern zu wollen. Dabei ist positiv hervorzuheben, dass die Autor*innen grundsätzlich davon ausgehen, dass Inklusion sich nicht in einer optimierten Integration von Kindern mit Behinderung erschöpft, sondern Schul- und Unterrichtsorganisation generell auf den Prüfstand stellt – mit dem Ziel, gleichwertige und barrierefreie Bildungsbeteiligung für alle zu ermöglichen. Leider erscheint Inklusion dabei jedoch immer wieder als bloße (wenn auch als „brilliant“ bezeichnete) Idee und nicht als menschenrechtlich begründetes Gebot, das in Schulen seit der Ratifizierung der UN-BRK Anwendung finden müsste und bildungspolitische Verpflichtung ist. Dabei wird die Unvereinbarkeit von bestehenden bildungspolitischen und gesetzlichen Rahmenbedingungen mit Art. 24 der UN-BRK allzu zurückhaltend thematisiert und Inklusionsbemühungen geraten eher zu einem vom gemeinsamen Willen und der gemeinsamen Haltung beteiligter Professioneller, Eltern und den Lern- und Leistungsvoraussetzungen des einzelnen Kindes abhängigen Experiment.

Fazit

Gelingende Inklusionsprozesse haben sich am Wohlergehen jedes einzelnen Kindes zu messen – insofern ist den Autor*innen uneingeschränkt zuzustimmen. Gleichwohl ist die Anwendung der UN-BRK (Art. 24) im Bildungsbereich, mit der Sicherstellung einer vollen und uneingeschränkten Bildungsteilhabe für alle Kinder, alternativlos. Kennzeichnendes Merkmal eines inklusionsorientierten Unterrichts- und Schulalltags ist dabei, dass die diagnostische Identifikation des integrierten Kindes mit Behinderung nicht die Ausgangsbedingung der pädagogischen Begegnung und Intervention ist, sondern dass es spezifische Situationen und Konstellationen sind, die ggf. (sonder)pädagogischen Handlungsbedarf nach sich ziehen. Damit ist es nicht die zugeschriebene Behinderung, die einen sonderpädagogischen Förderbedarf begründet, sondern die je konkrete im Unterrichtsalltag auftretende Situation, an der Kinder mit und ohne Behinderung beteiligt sein können, welche zur pädagogischen Herausforderung für Inklusionsorientierung wird. Diesen Schritt gehen die Autor*innen nicht mit. Dennoch bietet der Band wertvolle Ansatzpunkte für die Praxis, sich auf den Weg einer inklusionsorientierten Schulentwicklung zu machen.


Rezensent
Prof. Dr. Clemens Dannenbeck
Dipl. Soz., Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut
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Zitiervorschlag
Clemens Dannenbeck. Rezension vom 04.07.2017 zu: Susanne Fritsch, Herbert Günther: Inklusion: So geht das. Die wichtigsten Handlungsfelder in der Praxis. Debus Pädagogik Verlag (Schwalbach/Ts.) 2016. ISBN 978-3-95414-047-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21939.php, Datum des Zugriffs 23.07.2019.


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