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Doris Schaeffer, Jürgen Pelikan (Hrsg.): Health Literacy. Forschungsstand und Perspektiven

Cover Doris Schaeffer, Jürgen Pelikan (Hrsg.): Health Literacy. Forschungsstand und Perspektiven. Hogrefe (Bern) 2016. 336 Seiten. ISBN 978-3-456-85604-9. 34,95 EUR, CH: 46,90 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Der Sammelband beinhaltet, was der Titel verspricht: Das Konzept der Health Literacy wird auf dem Stand der internationalen Debatte vorgestellt. Ziel ist es, Auseinandersetzungen zu Health Literacy und Gesundheitskompetenz anzuregen (diese beiden Begriffe werden im Buch synonym verwendet). Laut Herausgeber/in ist die Besonderheit des Bandes, dass zudem erstmalig die Ergebnisse der Health Literacy-Studien aus dem deutschsprachigen Raum zusammengetragen und die daraus abgeleiteten zukünftigen Forschungsbereiche und Interventionsansätze aufgezeigt und diskutiert werden.

Herausgeberin und Herausgeber

Prof. Dr. Doris Schaeffer hat eine Professur für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld. Zu ihren Arbeits- und Forschungsschwerpunkten zählen die Bewältigung und Versorgung chronischer Krankheit, Health Literacy, Patienteninformation und -beratung, nutzerorientierte Versorgung sowie Professionalisierungsprobleme im Gesundheitswesen.

Dr. Jürgen Pelikan ist Universitätsprofessor im Ruhestand an der Universität Wien und seit 1992 Direktor des WHO-Kooperationszentrums für Gesundheitsförderung im Krankenhaus und Gesundheitswesen. Zu seinen Arbeits- und Forschungsschwerpunkten zählen die Gesundheitsförderung in Krankenhäusern, Salutogenese, Gesundheitskompetenz und gesundheitskompetente Organisationen.

Aufbau

Das Buch ist in folgende drei Abschnitte unterteilt:

  1. Konzeptionelle Perspektiven auf Health Literacy (Kapitel 1 – 7),
  2. Empirische Befunde zur Erfassung von Health Literacy in der Bevölkerung und einzelnen Bevölkerungsgruppen (Kapitel 8 – 14) sowie
  3. Interventionserfordernisse und Ansätze zur Erhöhung von Health Literacy (Kapitel 15 – 20).

Ilona Kickbusch konsterniert in ihrem Geleitwort, dass es in unserem Gesundheitswesen eine neue Unübersichtlichkeit gäbe und dass zwar Wissen vorhanden wäre, es aber an Systemkompetenz fehle. So fordert sie eine Ermächtigung zum Handeln und eine bürgerorientierte Gesundheitspolitik.

Zu I. Konzeptionelle Perspektiven auf Health Literacy

Der erste Teil des Sammelbandes folgt dem klassischen Aufbau theoretischer Einführungen in ein Thema. Die Beiträge 1 und 2 zeigen die Entwicklung und Definition des Konzeptes Health Literacy. Dann werden verschiedene Schwerpunkte im Zusammenhang mit Health Literacy skizziert: Kindes- und Jugendalter (3. Beitrag), chronische Krankheit (4. Beitrag) und Zukunftsperspektiven ( Beiträge 5 – 6). Im 7. Beitrag wird das im Buch vorherrschende Instrument der europäischen Health Literacy-Studie (HLS-EU) mit ausgewählten Ergebnissen vorgestellt.

Zu II. Empirische Befunde zur Erfassung von Health Literacy in der Bevölkerung und einzelnen Bevölkerungsgruppen

Wer nun die Zahlen und Ergebnisse des Health Literacy Surveys für Deutschland (HLS-GER) sucht, die teilweise auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt sind, findet sie im ersten Beitrag des zweiten Teils (8. Beitrag). Auch für Deutschland wird bestätigt, dass Menschen mit Migrationshintergrund, mit chronischen Erkrankungen, mit geringer Bildung und in höherem Alter eine geringere Health Literacy aufweisen.

Es folgt im 9. Beitrag die Darstellung der Ergebnisse einer bundesweiten Repräsentativumfrage zu Gesundheitskompetenz unter gesetzlich Krankenversicherten. Die einzelnen Health Literacy Items sind im Vergleich zu den EU-Daten in Tabellen abgebildet. Sechs Zielbereiche für Interventionen werden definiert.

Die Health Literacy und das Gesundheitsverhalten vulnerabler Bevölkerungsgruppen sind Inhalt des 10. Beitrags. Erstmals sind hier die Variablen Wohlstand und Bildung mit der Gesundheitskompetenz zusammengeführt, ebenso Health Literacy und Gesundheitsverhalten. Es wird u.a. aufgezeigt, dass der Kontext Migrationshintergrund bei Jugendlichen weniger ausschlaggebend für die Health Literacy ist als die sozioökonomischen Bedingungen.

Um die Health Literacy von 15-jährigen Jugendlichen in Österreich im Vergleich zur Gesamtbevölkerung geht es im 11. Beitrag. Wer sich mit dem Instrument HLS-EU-Q47 näher befassen will und gute statistische Kenntnisse besitzt, findet in diesem Beitrag Rechenbeispiele, Tabellen und vergleichende Darstellungen.

Der 12. Beitrag fokussiert auf Health Literacy und Prävention bei älteren Menschen mit Migrationshintergrund. Es gibt ein gutes Beispiel, wie ein Datensatz (NRW-HLS-EU) für eine besonders vulnerable Gruppe weiter ausdifferenziert werden kann.

Der 13. Beitrag geht der Frage nach, was die Health Literacy bei Menschen mit Migrationshintergrund aus der Türkei und Ex-Jugoslawien determiniert. Er wird untenstehend in der Diskussion weiter ausgeführt.

Der 14. Beitrag zu Health Literacy und Gesundheitsbewusstsein wertet empirische Daten aus der GEDA-Studie (Gesundheit in Deutschland aktuell) aus und kommt zu dem Schluss, dass die Konstrukte Gesundheitskompetenz, Gesundheitsbewusstsein und Gesundheitsmotivation konzeptionell weiter abgegrenzt werden müssten.

Zu III. Interventionserfordernisse und Ansätze zur Erhöhung von Health Literacy

Im 15. Beitrag wird dargelegt, welche Herausforderungen sich in der Versorgung chronisch kranker und besonders pflegebedürftiger Menschen in Akutkrankenhäusern, stationären Langzeitpflegeeinrichtungen und dem häuslichen Setting ergeben. Der Fokus liegt dabei auf einer möglichen (konzeptionellen) Herangehensweise aus der Perspektive der Pflegeprofession.

Der 16. Beitrag zielt darauf ab, aus Betroffenenperspektive den Stellenwert von Health Literacy für den Umgang mit Medikamenten empirisch genauer zu beleuchten. Daraus werden Konsequenzen für die Entwicklung von Interventionen zur Förderung von Gesundheitskompetenzen von Menschen mit chronischen Erkrankungen aufgezeigt.

Der 17. Beitrag befasst sich mit Erfahrungen aus der Beratungspraxis der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland und erläutert häufige Problemkonstellationen. Die Befunde geben Einblick in den Unterstützungsbedarf von Patienten und Patientinnen und die Fähigkeiten und Fertigkeiten, die sie im Rahmen der gesundheitlichen Versorgung benötigen.

Wie die Gesundheitskompetenz durch interaktive Formen der Gesundheitsbildung erhöht werden kann, wird im 18. Beitrag beschrieben. Vor dem Hintergrund positiver Erfahrungen resümieren die Autorinnen, dass die unterschiedlichen Angebote des Bildungskonzeptes der Patientenuniversität an der Medizinischen Hochschule Hannover zur Förderung der Gesundheitskompetenz einer breiten Bevölkerungsgruppe beitragen können.

Im 19. Beitrag werden die Entwicklung des Selbstbewertungsinstrumentes zum Wiener Konzept gesundheitskompetenter Krankenbehandlungsorganisationen und die Ergebnisse einer Machbarkeitsstudie in englischer Sprache dargestellt. Das Instrument ermöglicht die Identifikation notwendiger Maßnahmen im Hinblick auf die Verbesserung organisationaler Health Literacy.

Abschließend wird im 20. Beitrag die Bedeutung von Health Literacy im Hinblick auf gesundheitsrelevante Outcomes wie dem Gesundheitszustand und dem Gesundheitsverhalten zusammengefasst. Betont wird die Notwendigkeit nationaler Aktionspläne, die die Herausforderungen für zukünftige Forschung, konzeptionelle (Weiter)Entwicklung und Interventionsstrategien thematisieren und auf eine politische Ebene heben.

Diskussion

Im theoretischen Teil des Bandes (I.) fällt auf, dass ausgerechnet die Beiträge, die auch kritische Themen behandeln, auf Englisch verfasst sind. So schreibt Rima E. Rudd aus den Vereinigten Staaten u.a. über Forschungs-Dilemmata (2. Kapitel). Richard H. Osborn und Alison Beauchamp aus Australien thematisieren u.a. die Optimierung der Health Literacy unter den individuellen Einflüssen wie Vertrauen, Glaube, Emotionen, kulturelle und Umweltfragen („health literacy responsiveness“) (5. Kapitel). Nicht zuletzt sprechen Peter J. Schulz und Uwe Hartung aus der Schweiz u.a. Probleme der Messbarkeit von Health Literacy an (6. Kapitel). Dagegen scheinen die deutschsprachigen Kapitel alle aus der gleichen Schule zu kommen, was den Eindruck erwecken könnte, dass es hier zu Lande ein kleiner Kreis an Expertinnen und Experten ist, die sich dem großen Thema Health Literacy annähern.

Für eine Leserschaft, die sich schon länger mit Health Literacy befasst, mag der empirische Teil des Bandes (II.) wie eine komprimierte Darstellung dessen wirken, was anderweitig schon publiziert wurde. Dagegen verspricht Kapitel 13 mit der österreichischen Migranten-Gesundheitskompetenz-Studie eine Erweiterung des bekannten Instrumentes: Die Auswertung einer qualitativen Studie ergibt zwölf migrationsspezifische Items, die getestet wurden. Die Beschreibung des qualitativen Teils besteht aus nur einem einzigen kurzen Abschnitt, auch fehlt die kritische Reflexion der Zusatz-Items. Spätestens hier wird dem in qualitativer Methodologie ausgebildeten Fachpublikum deutlich, welcher theoretische Zugang in diesem Band fehlt jenseits der Tabellen und Zahlen.

Sehr anregend ist der Beitrag zu Motivationsprozessen und dem Suchen von Gesundheitsinformationen (14. Kapitel), der eine Kernfrage aufwirft: Ist zuerst Gesundheitsbewusstsein von Nöten, um die Gesundheitskompetenz zu steigern oder bringt eine hohe Gesundheitskompetenz erst Gesundheitsbewusstsein hervor? Wünschenswert wären mehrere solcher qualitativen Impulse zum Nachdenken im Sammelband gewesen.

Im dritten Teil werden gesellschaftliche und umgebungsbedingte Determinanten von Health Literacy thematisiert: zum einen die Gesundheitskompetenz der Gesundheitsprofessionen, zum anderen eine organisationale Gesundheitskompetenz der (Gesundheits-)Leistungsanbieter. Plädiert wird für die Stärkung der professionellen Identität der Pflege inklusive der Erweiterung des Selbst- und Aufgabenverständnisses (Kapitel 15). Dem schließt sich die Betonung einer angemessenen Umgebungsgestaltung an (Kapitel 19) – wobei sich die Frage stellt, warum dieser Beitrag aus Österreich basierend auf einem bereits 2015 auf Deutsch erschienenen Artikels in englischer Sprache verfasst wurde. Die beschriebenen Interventionen bleiben vorrangig Individuen zentriert, die Notwendigkeit „Health in all Policies“ – auch im Sinne eines verhältnisorientierten Public Health Ansatzes – zu verankern, bleibt eine berechtigte Forderung, die es zukünftig umzusetzen gilt (Kapitel 20).

Insgesamt hat der Sammelband Lehrbuch-Charakter. Dies wird unterstrichen durch Informationsboxen mit den Überschriften „Merke/Note“, „Empfehlung“ oder „Definition“, deren Inhalte dann aber nicht einheitlich und stringent sind. Besonders wichtige Punkte sollten wohl herausgestellt werden: Die Notwendigkeit dieses „erhobenen Zeigefingers“ hat sich den Rezensentinnen nicht erschlossen. Jeder einzelne Beitrag kann auch für sich stehen, mit Herleitung und Definitionen sowie einer eigenen Literaturliste. Für Leserinnen und Leser, die das ganze Buch studieren, sind die ständigen Wiederholungen allerdings müßig.

Fazit

Leserinnen und Leser, die einen Einstieg in die internationale Entwicklung des Konzeptes Health Literacy und zur Diskussion und Umsetzung in Deutschland suchen, sei dieser Sammelband sehr empfohlen. Auch für ein Fachpublikum, das sich schon länger mit dem Thema Gesundheitskompetenz beschäftigt, ist dieses Werk ein Muss im Bücherregal, da es dazu Studienergebnisse in Deutschland bündelt. Zwar ist im ganzen Buch wenig Kritik am Grundkonzept zu lesen und es entsteht der Eindruck, dass längst bekannte Ansätze der Gesundheitsförderung unter der Health Literacy-Fahne nur mit einem neuen Etikett versehen wurden. Aber die Herausgeberin und der Herausgeber hatten ja nicht versprochen, eine endgültige Klärung eines vielleicht überladenen Konzeptes vorzunehmen, sondern wollten Anregungen zur Auseinandersetzung geben. Die ist ihnen gelungen.


Rezensentin
Yvonne Adam
Ethnologin, Wissenschaftliche Mitarbeiterin zu Schulgesundheitspflege, Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft, Charité – Universitätsmedizin Berlin, https://igpw.charite.de/. Dozentin im Bereich Migration und Gesundheit, www.amiko-institut.de
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Rezensentin
Dr. rer. cur. Ines Wulff
Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft, Charité – Universitätsmedizin Berlin, https://igpw.charite.de/
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Zitiervorschlag
Yvonne Adam/Ines Wulff. Rezension vom 08.03.2017 zu: Doris Schaeffer, Jürgen Pelikan (Hrsg.): Health Literacy. Forschungsstand und Perspektiven. Hogrefe (Bern) 2016. ISBN 978-3-456-85604-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21945.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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