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Bruno Schrep: [...] Reportagen über Grenzgänger und Außenseiter

Rezensiert von Gerd Schneider, 28.12.2004

Cover Bruno Schrep: [...] Reportagen über Grenzgänger und Außenseiter ISBN 978-3-7776-1320-8

Bruno Schrep: Jenseits der Norm. Reportagen über Grenzgänger und Außenseiter. Hirzel Verlag (Stuttgart) 2004. 191 Seiten. ISBN 978-3-7776-1320-8. 18,00 EUR.CH: 28,80 sFr.
Mit einem Vorwort von Hans Leyendecker.

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Autor

Bruno Schrep, 59, in Wiesbaden geboren, gelernter Bankkaufmann, begann seine journalistische Laufbahn als Gerichtsreporter beim Wiesbadener Tagblatt. Nach einer weiteren Station bei der Mainzer Allgemeinen Zeitung arbeitet Schrep seit 1996 als Reporter im Ressort Deutschland für den SPIEGEL. Beim Internationalen Publizistik-Wettbewerb der Stadt Klagenfurt wurde er 1994 mit dem Preis des Landes Kärnten ausgezeichnet. Mehrfach war er unter den Nominierten für den Egon-Erwin-Kisch-Preis.

Buchveröffentlichungen u.a.: "Gefährliche Heimat" (1996 Quell-Verlag); "Alle meine Rosen sind blau" (2001 Hirzel Verlag); große Reportagen in Sammelbänden, so im von Rudolf Augstein herausgegeben Band "Ein deutsches Jahrzehnt" (1995 Hoffmann und Campe).

Inhalt

Wie geraten Menschen an den Abgrund? Diese Frage hätte über den meisten Beiträgen im Reportagenband Schreps "Alle meine Rosen sind blau" stehen können, der vor drei Jahren erschien. In dieser Sammlung wurden Schicksale und Tragödien von Menschen dargestellt, die am Rand der Gesellschaft stehen, oder standen, muss man sagen, denn einige von ihnen stürzten ab. Der Autor erzählt in fast allen seinen journalistischen Arbeiten von Verlierern und Verzweifelten. Der Leser erhält Einblicke, die ihm, zählt er sich zu den so genannten Normalbürgern, meist fremd sind, auch unangenehm, nicht zuletzt deswegen, weil man diese Menschen, von denen Schrep berichtet, die Zustände, die er beschreibt, ohne weiteres auch in seiner Umgebung, in seiner Stadt entdecken könnte. Da steht Eberswalde und die dortige Neonazi-Szene nur als offensichtliches Beispiel. Daneben jener fast schon unheimlich anmutende Bericht über Bodo S., das Mathe-Genie, das mit seinem Leben in dieser Gesellschaft nicht zurecht kam und sich in der Titel gebenden Geschichte aus dem Flugzeug warf (ohne Fallschirm). Die Polizei rätselte lange, weil in der Nähe der abgestürzten Maschine weit und breit kein Pilot zu finden war.

Ein gerader Weg führt von "Alle meine Rosen sind blau" zum jetzt erschienenen Buch "Jenseits der Norm". Auch viele dieser Geschichten handeln über Grenzgänger und Außenseiter der Gesellschaft, über Menschen, die von den Zuständen, in denen sie leben müssen, an (und in) den Abgrund getrieben werden. Siebzehn Beiträge sind hier versammelt, jedem ist ein Foto vorangestellt. Sie heißen (mit den zitierten, den Inhalt kurz und treffend wiedergebenden Untertiteln):

  • Der Pavarotti von der Alster ("ein russischer Opernsänger ruiniert seine Stimme in der Hamburger Fußgängerszene");
  • Tod im Müll ("ein Zivildienstleistender legt einen bewegungsunfähigen Schwerbehinderten in einen Abfallcontainer");
  • Das brumm ich für dich ab ("ein Brüderpaar foppt ein Jahr lang die Hamburger Justiz");
  • Ein falscher Satz ("drei sächsische Lehrerinnen fallen nach den Terroranschlägen vom 11. September durch umstrittene Äußerungen auf");
  • Ich bin Seemann, kein Bettler ("Osteuropäische Seeleute schoben jahrelang Dienst auf einem gestrandeten Schiff");
  • Von der Hure zur Heiligen ("Sie brechen ein Tabu: Prostituierte, die erotische Wünsche von Behinderten erfüllen")
  • Du bist nicht mehr heil ("Die Überlebenden eines Amoklaufes in Köln werden bis heute von ihren Erinnerungen gequält");
  • Die Straße ("Die Wellritzstraße in Wiesbaden - Mikrokosmos zwischen Ghetto und Schmelztiegel");
  • Der gejagte Jäger ("Ein Staatsanwalt, der zu den bekanntesten Verfolgern von Nazi-Verbrechern zählte, manipulierte Akten und behielt Bußgelder ein");
  • Direkt in die Augen ("Bizarrer Rechtsstreit zwischen einem Amtsrichter und einem Kommissar");
  • Geheimnis im Wattestäbchen ("Misstrauische Männer lassen testen, ob sie wirklich biologische Väter sind");
  • Ich nix Verbrecher ("Rumänische Kinder werden von Kriminellen zum Stehlen in deutsche Großstädte geprügelt");
  • Tod eines geschätzten Mitarbeiters ("Ein homosexueller BKA-Mann verbrennt sich aus Kummer über Kollegen-Schikanen");
  • Nur noch Schrott ("Führungskräfte ab 50, die arbeitslos werden, haben kaum noch Chancen auf einen neuen Job");
  • Angestarrt wie Fabelwesen ("Kinder mit der Erbkrankheit Progerie altern im Zeitraffertempo");
  • Ich will nicht Gott spielen ("Zwei Frauen müssen eine Entscheidung über Leben und Tod treffen");
  • Das zerstörte Paradies (eine Mutter stürzt sich mit ihren beiden Kindern in den Tod").

Eine bemerkenswerte Zusammenstellung, wie dieses Verzeichnis zeigt. Auch diese Geschichten aus der Welt des realen Lebens sind zuvor im Hamburger Nachrichtenmagazin erschienen. Viele von ihnen haben ihren Ursprung in einer kleinen Meldung im Lokalteil einer Zeitung, so etwa über die Mutter, die ihre beiden Kindern aus dem Flurfenster des 9. Stockwerks eines Wiesbadener Hochhauses wirft und selbst hinterher springt. Zurück bleiben die entsetzten Fragen: Warum wirft eine Mutter ihre Kinder weg wie Abfall? Autor Schrep begibt sich vorsichtig auf die Spurensuche, sucht bei den Nachbarn, Bekannten, Verwandten sensibel nach den Antworten. In seiner Darstellung des Falles wird, ohne dass langes analysierendes Erklären notwendig ist, klar: Hier handelte es sich um eine Frau, die dringend Hilfe gebraucht hätte, aber anscheinend hat es niemand gemerkt und in der Welt dieser Verzweifelten gab es keinen Menschen mehr, dem sie sich hätte anvertrauen können.

Nicht von ungefähr handelt es sich bei Die Straße um den längsten Beitrag des Buches. Die Integration, das Zusammenleben von Deutschen und Ausländern in unserem Land - darauf richtet Schrep seinen Reporter-Blick in mehreren Arbeiten. Während diese Rezension verfasst wird, erscheint im SPIEGEL Nr. 51 eine Reportage Schreps über die rund eine Million so genannte Illegale, die in Deutschland leben ("Träume im Schattenreich").

In Die Straße beleuchtet der Journalist das Thema eindrucksvoll am Beispiel der Wiesbadener Wellritzstraße (460 Meter lang, Menschen aus 25 Ländern wohnen hier). Tagelang fragte er die Anwohner, traf sie in ihren Wohnungen, Geschäften und Restaurants, zeigt die unsichtbaren Risse auf, die durch diese Straße laufen. Menschen, die Tür an Tür wohnen und arbeiten, repräsentieren dennoch sehr verschiedene Welten. Dann wird im Mikrokosmos dieses Wohngebiets die Kluft deutlich, die nicht nur Ausländer und Deutsche trennt, sondern auch viele Einwanderer in der Straße. Das hat mit Religion zu tun, auch mit den sozialen Gegebenheiten und Zwängen, in denen die Menschen leben und die Argwohn und Ablehnung erzeugen kann. Seit dem 11. September ist das Misstrauen in manchen Ecken der Straße noch größer geworden. Es kommt vor, dass Polizisten eine Hinterhofmoschee stürmen auf der Suche nach Terrorpropaganda. Liberale Moslems wünschen einen islamischen Buchladen weit weg: Der schade dem Ruf der Straße.

Fazit

Im Vorwort des Buches empfiehlt Hans Leyendecker dem Leser besonders die Reportage über den Tod eines geschätzten Mitarbeiters. Wie ein 40 Jahre alter homosexueller Angestellter des Bundeskriminalamtes von den ehrenwerten Kollegen so lange schikaniert wurde, bis er sich mit Benzin übergoss und bei lebendigem Leibe verbrannte, werde von Schrep, so Leyendecker, nüchtern und gerade deshalb packend erzählt. Dem kann man zustimmen und ergänzen, dass dies auf fast alle Reportagen zutrifft. Dieser Autor nähert sich seinem Sujet frei von Vorbehalten, beschreibt schlicht und direkt, ohne Wortinszenierung, fast möchte man sagen, ohne Gefühl. Knapp und hart ist die Darstellung, keine Schlenker sind eingebaut. Doch gerade die Tatsache, dass sich Schrep als Schreiber so gut wie nicht einmischt, nichts kommentiert und analysiert, berührt den Leser um so mehr und Satz für Satz erlebt er hier Lebens-Dramen, wie er sie sich in seinen schlimmsten Alpträumen nicht hätte vorstellen können. Im wem würde diese Geschichte der Beziehung eines Zivildienstleistenden zu einem Schwerstbehinderten (Tod im Müll) nicht noch lange nachklingen? Und der Bericht Der Pavarotti von der Alster über einen hoch qualifizierten, einst in seiner Heimat gefeierten russischen Opersänger, der mit Hilfe seiner Kunst in der Hamburger Fußgängerzone ein paar Cent und Euro zusammenkratzen muss und sich dabei die Stimme ruiniert - wie blitzartig werfen diese wenigen Seiten ein Streiflicht auf das Schicksal von Millionen Menschen nach dem Zusammenbuch des kommunistischen Systems.

"Die Themen liegen auf der Straße", sagte Bruno Schrep in einer Lesung aus seinem Buch. Natürlich, möchte man antworten, eine Binsenweisheit. Aber richtig hinschauen können nur ganz wenige. Dieser Autor kann es, wie seine Reportagen zeigen. Er zeigt uns Seiten auf aus einer Welt, die wir vielleicht zu kennen glauben und doch nicht kennen.

Rezension von
Gerd Schneider
Schriftsteller, Drehbuchautor

Es gibt 21 Rezensionen von Gerd Schneider.

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ISSN 2190-9245