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Ina Alber: Zivilgesellschaft­liches Engagement in Polen

Cover Ina Alber: Zivilgesellschaftliches Engagement in Polen. Ein biographietheoretischer und diskursanalytischer Zugang. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 320 Seiten. ISBN 978-3-658-13357-3. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.
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Thema

Ehrenamtliches und freiheitlich-demokratisches Engagement der Bürgerinnen und Bürger sind die Fundamente der Zivilgesellschaft. Zivilgesellschaftliches Engagement kann in Organisationen und individuell praktiziert werden. Es dient grundsätzlich der Befestigung und der Kontinuität der Demokratie-Strukturen eines Landes und dient dem sozialen Frieden.

Autorin

Die Autorin ist promovierte Soziologin und arbeitet am Institut für Soziologie der Universität Göttingen mit den Schwerpunkten Ostmitteleuropaforschung, deutsch-polnische Beziehungen und Methoden der Sozialforschung. Sie ist Autorin zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten.

Entstehungshintergrund

Es ist gekürzte und überarbeitete Fassung der Dissertation (2014) an der Georg -August-Universität Göttingen.

Untersuchungsgrundlagen

Albers Arbeit basiert methodisch auf validen Daten. Triangulation spielt dabei eine wichtige Rolle. Die Studie wird methodologisch intensiv durch die phänomenologisch orientierte Wissenssoziologie bestimmt (vgl. S. 22-23). Die Werke von renommierten Soziologen wie Gabriele Rosenthal, Jürgen Habermas, Reiner Keller, Jürgen Kocka, Wolfgang Merkel, Ulrich Oevermann und Alfred Schütz werden systematisch berücksichtigt. Man spürt die wissenschaftliche Neugier und Motivation der Autorin, die Zivilgesellschaft in Polen nach 1989 zu erforschen.

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit gliedert sich in sechs Kapitel.

„Einleitung – Zivilgesellschaftliches Engagement in Polen“ (Kap.1). Albers stellt bereits in der Einleitung fest, dass: „ … ein so unterschiedlich konnotiertes Konzept wie Zivilgesellschaft immer wieder diskursiv von unterschiedlichen AkteurInnen hergestellt wird“ (S. 17). Des Weiteren konstatiert sie, dass durch „ … Interdependenzen von biographisch entstandenen und in Diskursen bereitgestellten Deutungs- und Handlungsmustern /… / zivilgesellschaftliches Engagement hergestellt /wird/“ (S. 18). In diesem Kapitel werden bestimmte Zweifeln am Selbstverständnis des zivilgesellschaftlichen Engagements geäußert da niemand genau definieren könne, worum es bei Zivilgesellschaft geht (vgl. S. 19). Diese Vieldeutigkeit stelle keinen Raum für Spekulationen, sondern sei eine Herausforderung, um das zivilgesellschaftliche Engagement in Polen methodisch zu untersuchen.

„Erkenntnistheoretische Verortung, Methodologie und eigenes methodisches Vorgehen“ (Kap.2). Hier werden u.a. die Begriffe „Methode“ und „Phänomenologisch orientierte Wissenssoziologie“ analysiert. Die beschriebene Biographie- und Dikurstheorie im wissenschaftlichen Kontext, haben in dieser Arbeit grundsätzlich eine methodologische Bedeutung. Biographieforschung kann je nach Disziplin und Spezifik der Fragestellung unterschiedlich wahrgenommen werden (vgl. S. 55). Relevant ist in diesem Kapitel z. B. die „Triade Deutungsmuster-Handlungsmuster-Handlungsproblem“ (Abbildung 1, S. 71). Daraus ergeben sich die Fragen nach dem Zusammenhang zwischen dem visualisierten Schema der Triade mit der Diskurs – und Biographieforschung. Es wird betont, dass für diese Arbeit zum einen die Perspektiven der Alltagshandelnden sowie die Annahme der gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit, zum anderen die prozesshafte Perspektive auf Transformationsprozesse und sozialen Wandel (vgl. S. 78) primäre Bedeutung haben.

„Das Deutungsmuster ‚Zivilgesellschaftliches Engagement‘ im Wandel“ (Kap.3). Alber unterstreicht die historische Bedeutung der Gewerkschaft Solidarność in Polen: „Besonders die diskursiven Zuschreibungen an die Solidarność überdauern im heutigen Zivilgesellschaftsdiskurs – im Fall der vorliegenden Studie jedoch stärker auf der symbolischen als auf der personellen Ebene“ (S. 105). Folglich wird konstatiert: „Zivilgesellschaftliches Engagement ist diskursiv eng verknüpft mit liberalen, kommunitaristischen oder konservativen Vorstellungen von politischer Partizipation, Bürgerrechten und – pflichten sowie Gemeinwohl“ (S. 106). Des Weitern wird am Beispiel der Familie Kempinski die Tradition des zivilgesellschaftlichen Engagements beschrieben. Solidarność wird als Symbol für die demokratische Bewegung Polens gedeutet.

„Zivilgesellschaftliches Engagement als Qualifikation“ (Kap.4). In diesem Kapitel werden die Umstände der Zivilgesellschaft in Polen sowohl aus historischer als auch gegenwärtiger Sicht analysiert. Dabei werden auch die historischen Aspekte der Zwangsorganisationen im sozialistischen Polen, der Solidarność und der Tradition des politischen Engagements in polnischen Familien diskutiert. Die Ergebnisse der durchgeführten biographisch-narrativen Interviews erheben nicht den Anspruch auf Repräsentativität im statistischen Sinne. Die durchgeführten Interviews z. B. mit Wojtek Wejda, Danuta Kremer und Aleksander Trochowski demonstrieren bestimmte Denkweise zur Entwicklung des zivilgesellschaftlichen Engagements in Polen nach 1989.

„Zivigesellschaftliches Engagement als Ermächtigung“ (Kap. 5). Die Autorin analysiert an dieser Stelle das zivilgesellschaftliches Engagement unter dem Aspekt der Ermächtigung. Aufbauend auf dem Qualifikationstypus wird der Ermächtigungstypus diskursiv behandelt und u.a. als Deutungsmuster sozialer Emanzipation analysiert (vgl. S. 225). Die Faktoren wie soziale Ungerechtigkeit, Diskriminierung und Verletzung von Menschenrechten sowie ökologische Belange beeinflussen das zivilgesellschaftliche Engagement als Ermächtigung. Wichtig sind in diesem Kapitel die Falldarstellungen, z. B. das Interview mit Edyta Truszkowska, Amnesty International Polen und Nina Jesien. Die Fallanalyse Krystyna Pietrzak aus Schlesien bringt wichtige Erkenntnisse mit sich, indem sie z. B schreibt: „Ich bin die Zivilgesellschaft“(S. 244). Die Erfahrungen der Krystyna Pietrzak offenbaren eine Kurzgeschichte des zivilgesellschaftlichen Engagements. Sie war Mitglied der Pfadfinder in Polen; gegenwärtig kann sie die Früchte von Demokratie und Freiheit in Polen positiv miterleben.

„Zur Herstellung von zivilgesellschaftlichem Engagement unter Transformationsbedingungen“ (Kap.6). In diesem Schlusskapitel wird untersucht, dass Zivigesellschaft als rationaler Begriff eng mit gesellschaftlichem Zusammenhalt korreliert. Dabei spielen Moralphilosophie und Demokratie eine primäre Rolle. Der soziale Wandel in Polen ist historisch stark mit Transformationsprozessen verknüpft, allerdings als „Konstruktionen zweiter Ordnung“ (S. 268) zu verstehen. Die Ergebnisse der Studie zur Herstellung von zivilgesellschaftlichem Engagement in Polen nach 1989 basieren methodologisch auf der Wissenssoziologie. Bei der Untersuchung des sozialen Phänomens zivilgesellschaftlichen Engagements lassen sich mit Hilfe der Triangulation systematisch Daten besonders zur Biographianalyse sammeln und wissenschaftlich auswerten.

Diskussion

Diese Studie gibt Antworten auf folgende Fragen:

  1. Was bestimmt die Entstehung und die Zukunft des zivilgesellschaftlichen Engagements in Polen?
  2. Welches sind die die Kriterien der Untersuchung der Abläufe des zivilgesellschaftlichen Engagements in Polen?
  3. Welche Chancen ergeben sich gegenwärtig für die polnische Gesellschaft durch das zivilgesellschaftliches Engagement?
  4. Wie lassen sich künftige Herausforderungen der Zivilgesellschaft in Polen beschreiben?

Zivilgesellschaftliches Engagement ist Bestandteil westlicher Demokratien. Nach der deutschen Wiedervereinigung und dem Zerfall des Ostblocks suchte Polen nach neuer Orientierung. Polen bekam die Chance, EU-Mitglied zu werden, nicht zuletzt dank der Unterstützung der deutschen Regierung. Deutsche Erfahrungen im Bereich des zivilgesellschaftlichen Engagements können für Polen eine wichtige Orientierungshilfe sein. Polen muss allerdings seinen eigenen freiheitlich-demokratischen Weg gehen.

Ina Alber liefert mit ihrer Arbeit eine Plattform des Verstehens und der Kommunikation des zivilgesellschaftlichen Engagements in Polen. Die von ihr vorgestellte und angewandte Methode der Triangulation ist ein geeignetes „Vehikel“, das Phänomen des zivilgesellschaftlichen Engagements in Polen zu untersuchen. Der Begriff „Zivil“ lässt sich wie folgt auslegen:

  • Z – Ziele freiheitlich wählen
  • I – Informationen objektiv verifizieren
  • V – Verantwortung bewusst übernehmen
  • I – Integration mehrheitlich durchführen
  • L – Lust auf demokratische Veränderungen

Der konnotative Aspekt des Begriffs „Zivil“ kann also durchaus verschiedene Kontexte und Assoziationen hervorrufen. Eines bleibt aber als gesicherte Prämisse: Zivilgesellschaftliches Engagement muss freiheitlich-demokratisch verantwortlich stattfinden. Am Beispiel der Biographieanalysen werden Entwicklungen und Wandel des zivilgesellschaftlichen Engagements in Polen nachvollziehbar dargestellt.

Auffallend ist, dass die zivilgesellschaftliche Partizipation in Polen (20 Prozent) zu den niedrigsten in Europa gehört; in Deutschland z. B. sind es 30 Prozent der Bevölkerung, die sich gesellschaftlich ehrenamtlich engagieren. Andererseits ist die Tradition der Nichtregierungsorganisationen in Polen relativ kurz. Vieles spricht dafür, dass in Polen in der Allgemeinheit das Bewusstsein für zivilgesellschaftliches Engagement und Gemeinwohl erst noch geweckt und systematisch gefördert werden muss, und zwar im Sinne der Maxime John F. Kennedys: „Frage nicht was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst!“

Zielgruppe

Zu empfehlen ist das Werk grundsätzlich Politikern, Studenten der Soziologe, der Politologie und der Pädagogik, d. h. allen, die sich für die Polen-Problematik interessieren. Es ist ein gelungener Beitrag zu Polenforschung.

Fazit

Albers wissenschaftliche Arbeit zeichnet sich aus durch hohe Methodenkompetenz. Anhand der Triangulation werden der Wandel der Deutungsmuster und Typen des zivilgesellschaftlichen Engagements in Polen nach 1989 analysiert. Die demokratischen Werte, Freiheit, Menschenwürde und Menschenrechte bestimmen das zivilgesellschaftliche Engagement des modernen Polen wie nie zuvor. Dies ist in Polen u.a. zahlreichen Aktivistinnen und Aktivisten zu verdanken, z. B. der zweiten Generation aus der Bewegung der Solidarność. Aus der Zivilcourage der treibenden Kräfte der Solidarność (1980) bezieht die heutige polnische Gesellschaft Wege und Ziele ihres zivilgesellschaftlichen Engagements der Gegenwart.


Rezensent
Dr. Siegmund Pisarczyk
Diplompädagoge & Nonprofit Manager
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Zitiervorschlag
Siegmund Pisarczyk. Rezension vom 28.12.2016 zu: Ina Alber: Zivilgesellschaftliches Engagement in Polen. Ein biographietheoretischer und diskursanalytischer Zugang. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-13357-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21951.php, Datum des Zugriffs 12.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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