socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Peter Felixberger, Armin Nassehi: Deutschland. Ein Drehbuch

Cover Peter Felixberger, Armin Nassehi: Deutschland. Ein Drehbuch. Murmann Verlag (Hamburg) 2016. 160 Seiten. ISBN 978-3-946514-17-6. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Anhand von sechs aktuellen Debatten in der deutschen Öffentlichkeit wird in „Deutschland. Ein Drehbuch“ dargestellt, wie Regelmäßigkeiten innerhalb der thematischen Diskurse die Komplexität der modernen Gesellschaft ermöglichen. Dabei steht der scheinbare Widerspruch im Vordergrund, dass moderne Gesellschaften einerseits immer schneller und unübersichtlicher werden, andererseits jedoch sich das Gefühl ausbreitet, dass kaum mehr Überraschendes im öffentlichen Raum zu finden ist. Akteure des öffentlichen Lebens scheinen nach einem Drehbuch zu handeln, wobei jeder seine Rolle erfüllt.

Autoren

Peter Felixberger ist Programmgeschäftsführer für den Murmann Verlag. Er arbeitet als Autor und ist seit 2012 Chefredakteur des neuen Kursbuchs.

Armin Nassehi ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie Herausgeber des Kursbuchs.

Aufbau

Die Besonderheit des Kursbuchs „Deutschland. Ein Drehbuch“ beginnt mit seinem Aufbau. Statt Kapiteln gibt es – einem Drehbuch nachempfunden – ein Intro, sechs Szenen und ein Nachklapp. Die verschiedenen Szenen sind nach dem gleichen Muster aufgebaut. Nach einer kurzen Aufblende werden Selbstauslöser und Reflexe zu dem Thema dargestellt, anschließend in einer Tiefenschärfe analysiert und in der Abblende resümiert. Dabei werden auch die Seitenzahlen durch die Minutenanzeige am Set ersetzt, so dass sich der Inhalt folgendermaßen darstellt:

  • Intro: Das Drehbuch zum Drehbuch (00:01)
  • Szene 1: Flüchtlinge! Eine Frage der Identität (00:24)
  • Szene 2: Sozialstaat! Eine Frage der Gerechtigkeit (00:55)
  • Szene 3: Big Data! Eine Frage der Kontrolle (01:16)
  • Szene 4: Chef! Eine Frage der Führung (01:41)
  • Szene 5: Vermögen! Eine Frage der Verteilung (02:03)
  • Szene 6: Ärztlich assistierter Suizid! Eine Frage der (gestalteten) Autonomie (02:24)
  • Nachklapp: Reflexe zum Buch! Eine Frage der Aufmerksamkeit (02:46)

Inhalt

Zu Beginn werden im „Drehbuch zum Drehbuch“ von den Autoren zwei grundlegende – scheinbar widersprüchliche – Positionen gegenübergestellt.

  • Auf der einen Seite steht die weitverbreitete Feststellung, dass die moderne Welt schneller, bunter und unübersichtlicher geworden ist. Überall scheint gleichzeitig Unerwartetes zu geschehen und der darunter leidende soziale Akteur kämpft dagegen an. Sowohl auf der politisch rechten, wie auch auf der politisch linken Seite wird Widerstand erzeugt, welcher sich gegen das vermeintlich bedrohliche Neue richtet.
  • Auf der anderen Seite – so die Hauptthese des Buches – gibt es keine Überraschungen mehr. Damit sind vor allem die öffentlichen Diskurse gemeint, welche in Form einer ständigen Wiederholung zuvor vorhandene Positionen „remixen“ und „recyceln“. Dabei nehmen öffentliche Personen Rollen an und erfüllen diese nach einem Art Drehbuch.

Entscheidend ist jedoch, dass diese Metapher des Drehbuches nicht versucht zu zeigen, dass im sozialen Spiel etwa alles schon vorbestimmt sei. Vielmehr geht es den Autoren darum, offenzulegen, dass es aus bestimmten Regelmäßigkeiten und Zugzwängen innerhalb der Narrative selbst, keine Ausbruchsmöglichkeiten gibt. In diesem Zusammenhang kommt eine weitere Besonderheit des Kursbuchs zum Zuge: es werden keinerlei Namen genannt. Nicht die Identifizierung von Verantwortlichkeit, sondern die Darstellung der Debattenstruktur steht im Mittelpunkt des Interesses.

Die erste Szene „Flüchtlinge!“ beschäftigt sich sodann damit, dass – so die Autoren – die Flüchtlingskrise nicht der Auslöser für folgende Reaktionen war, sondern vielmehr ein Verstärker. Die Reflexe innerhalb der Debatte folgten eigenen Logiken (Selbstauslösern), welche einerseits die „Willkommenskultur“, andererseits eine rechte Abwehrreaktion getriggert haben. Die Autoren stellen fest, dass ersteres dazu geführt hat, dass jegliche Diskussion um Zahlen, Risiken und Regulierungen für quasi illegitim erklärt und damit die Herausforderung der Situation verkannt wurden. Auf der anderen Seite hätte auch die rechte Seite die Zahl der Flüchtlinge begrüßt, jedoch nicht die Flüchtlinge selbst. Soll heißen, durch das Sichtbarwerden „des Anderen“ konnten Pegida, AfD & Co die Frage nach der deutschen Identität in den Mittelpunkt der Debatte stellen und sich auf Augenhöhe mit „den Eliten“ wähnen. Darauf aufbauend, wird die These verfolgt, dass beide Reflexe sich gegenseitig verstärken, jeweils ihre Rolle im Drehbuch spielend. Obwohl die öffentlichen Reflexe die Gesellschaft in einer extremen Ausnahmesituation darstellen, stellen die Autoren abschließend fest, dass die Flüchtlingskrise „als Identitätskrise erfahren und als praktische Herausforderung bearbeitet“ (00:52) wird. Somit wird die Stabilität der gesellschaftlichen Struktur letztlich bestätigt.

Die zweite Szene „Sozialstaat!“ betrachtet zwei antagonistische Gerechtigkeitskonstruktionen sowie ihre Anwendung innerhalb des öffentlichen Raums. Dabei stehen sich im Drehbuch von Sozialstaat und Markt die Diskursräume von Wirtschaftslibertären und Kapitalismuskritikern unvereinbar gegenüber. Während sich die sozialstaatliche Gerechtigkeitskonstruktion von der marktfolgenden Gerechtigkeitskonstruktion abschottet werden über normativ-moralische Pfade nach Kooperationsarchitekturen gesucht. Mitunter entstehen dabei bizarre Koalitionen; aus Rechten werden Linke und aus Linken werden Rechte. Während der Sozialstaat „semantisch zu Tode geritten“ ist (01:14), wird er nichtsdestotrotz immer wieder weitergedacht. Dies – so Nassehi und Felixberger – verschaffe der modernen Gesellschaft letztendlich Stabilität, denn gerade durch Widersprüche und Paradoxien sind (Neu-) Zuordnungen und (Neu-) Ausrichtungen für den sozialen Akteur möglich.

Die dritte Szene „Big Data!“ konzentriert sich im Zuge der Diskussion um die Datenrevolution auf Fragen zu Überwachung und Kontrollverlust. Die modernen technischen Möglichkeiten erlauben den Vergleich von riesigen Mengen von Datensätzen (bspw. Google, Facebook) gegen den Willen des Anwenders. Während die Internetrevolution zunächst mit dem Grundreflex der Demokratisierung verbunden war, entwickelt sich im Diskurs eine Dialektik von Kontrollverlust und Kontrolle. Im Skript kämpfen die Akteure dann für Selbstbestimmung und um Rückgewinnung von Kontrolle. Dabei wird die These aufgestellt, dass sich – wie bei allen technischen Erneuerungen – letztendlich die Technik gegen die Kritik durchsetzen und eine Selbstanpassung stattfinden wird.

Die vierte Szene „Chef!“ behandelt den Wandel der Führungsfigur vom dirigierenden Firmenchef hin zu partizipativen, flexiblen und selbstbestimmten Verhaltensweisen. Seit Jahrzehnten bewege sich dabei die Diskussion um den besseren Führungsstil in einer Reflexschaukel, welche mal den krisengestählten Cäsarismus, mal den Brückenbauer in selbstbestimmtere Leadership-Praxen hervorheben. So wird dann eine „anything goes“-Einstellung festgestellt, wobei sich die Verfechter der jeweiligen Praxis als Inhaber der alleingültigen Wahrheit ansehen: „Im Diskus wird die Führungsfrage ständig neu revitalisiert“ (02:01). Dabei bedient sich der Inhaber einer Wahrheitsmeinung an vorliegenden Feststellungen und Äußerungen um die eigene Wahrheitskonstruktion zu festigen. Ein Ende des Diskurses kommt nicht in Sichtweite, jeder spielt seine Rolle.

Szene fünf, „Vermögen!“ widmet sich dem Themenfeld der sozialen Gerechtigkeit. Es soll aufgezeigt werden, dass auch hier verschiedene (Gerechtigkeits-) Definitionen im Diskurs nicht vereinbar sind: „Jede Debatte und Diskussion über soziale Gerechtigkeit mäandert nur im Delta der eigenen Urteile und Wahrheiten“ (02:04). So wird beispielsweise durch eine Offenlegung der Argumente von Anhängern und Gegnern von steuerlichen Entlastungen aufgezeigt, dass beide Positionen zwar jeweils gute Gründe für ihre Forderungen anbringen, jedoch niemals eine Übereinkunft möglich ist. Jede Seite folgt dem eigenen Narrativ, erneuert längst bekannte Positionen und erfüllt so das Drehbuch.

Die letzte Szene „Ärztlich assistierter Suizid!“ ist die „leiseste“ aller sechs. Im Unterschied zu den vorherigen Szenen, gibt es hier keine lauten Auseinandersetzungen oder deutlichen Lager. In einer Rekonstruktion der Debatte um die Neuregelung der Frage nach ärztlicher Unterstützung beim Freitod von unheilbar Kranken, spüren die Autoren dennoch fundamentale Konfliktlinien auf. Hier sei beispielweise das Verhältnis von Profession und Klient genannt. Es wird aufgezeigt, wie durch das Fehlen eines Lösungshorizonts auf Ersatzprobleme ausgewichen wird, welche negative Konsequenzen für die ursprüngliche Lösungsfrage mit sich bringt.

In der „Abblende“ wird einer erneuten Besonderheit begegnet. Das Buch liefert zwei (Eigen-) Rezensionen (eine positive, eine negative) direkt mit. Außerdem wird das Angebot unterbreitet, durch „erraten“ aller zitierten Namen ein weiteres Kursbuch zu erhalten.

Diskussion

Peter Felixberger und Armin Nassehi sezieren im Buch konkurrierende Narrative innerhalb aktueller gesellschaftlicher Debatten detailliert. Dabei ist das erklärte Ziel nicht, Lösungen zu entwickeln. Vielmehr geht es den Autoren darum, Argumentationsstrukturen innerhalb der deutschen Gesellschaft offen zu legen. Dies gelingt den Autoren und ermöglicht so einen genauen Einblick in die Themenfelder. Gerade dadurch, dass dabei kaum Wertungen der Diskurspositionen vorgenommen werden, verschafft dem Leser einen „Blick von oben“. So ist es möglich den gesamtheitlichen Diskurs wahrzunehmen. Gleichzeitig fordert das Buch eine Reflektion ein; denn die Überzeugung auf der „richtigen“ Seite im Diskurs zu stehen ist immer beidseitig vorhanden und oftmals nicht entscheidbar. Es stehen sich konkurrierende Wirklichkeits- und Argumentationskonstruktionen gegenüber. Dass es unmöglich ist, nicht selbst auch im Diskurs verankert zu sein wird durch die (Eigen-) Rezensionen zum Schluss angedeutet: das Werk ist somit selbst schon Teil des Drehbuchs geworden.

Der Aufbau als Drehbuch erscheint zunächst unorthodox, jedoch gefällt die klare Gliederung, die im gesamten Buch beibehalten wird. Auch der Verzicht auf jegliche Namen ist zunächst angemessen als Hinweis auf die Bedeutungslosigkeit der einzelnen Akteure im Gesamtdiskurs. Jedoch bringt dies auch Probleme mit sich und zwar aus einem simplen Grund: manchmal würde man schon gerne wissen, wer da eigentlich zitiert wird. Denn selbst wenn es um die Diskurs-Struktur geht, bleiben es die soziale Akteure, die diese Struktur überhaupt generieren. Dies zeigt sich dann auch im Angebot eine Liste mit Namen an die Autoren zu schicken. Da nur die Wenigsten fähig sein werden alle zitierten Personen aus dem Kopf zu „erraten“ setzt eine (teilweise extrem schwierige) Recherche ein. Somit wird die (diskurserzeugende) Person letztendlich doch wieder in den Mittelpunkt gerückt.

Nichtsdestotrotz, ein sehr lesens- und empfehlenswertes Buch, welches eine exzellente Aufschlüsselung von wichtigen Debatten in der gegenwärtigen Gesellschaft liefert.

Fazit

Das Buch stellt die These auf, dass in der gegenwärtigen Gesellschaft kaum mehr Überraschungen zu finden sind. Zwar wird weitläufig konstatiert, die moderne Welt werde immer komplexer, bunter und schneller, andererseits – so Nassehi und Felixberger – spielen sich die öffentlichen Diskurse stets in schon vorhandenen und vorgefertigten Mustern ab. Anhand von sechs aktuellen Debatten (von der Flüchtlingskrise bis hin zur Diskussion um Ärztlich assistierten Suizid) wird sehr detailliert dargestellt wie sich oftmals antagonistische Positionen gegenüber stehen, wobei die gesellschaftlichen Akteure jedoch lediglich alte Inhalte neu zusammensetzen. Etwas wirklich Neues oder Überraschendes ist kaum zu erkennen und alte Argumentationsstrukturen bleiben stabil erhalten.

Ein in jedem Fall lesenswertes Buch, welches einen genauen Überblick über konkurrierende Positionen innerhalb der Diskurse liefert und anhand aktueller Beispiele zu überzeugen weiß.


Rezensentin
Marian Pradella
M.A., Cultural Sociology, Karl-Franzens-Universität Graz
E-Mail Mailformular


Alle 4 Rezensionen von Marian Pradella anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Marian Pradella. Rezension vom 29.11.2016 zu: Peter Felixberger, Armin Nassehi: Deutschland. Ein Drehbuch. Murmann Verlag (Hamburg) 2016. ISBN 978-3-946514-17-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/21954.php, Datum des Zugriffs 27.03.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Inserieren und suchen Sie im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!