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Pyŏng-ch´ŏl Han: Die Austreibung des Anderen

Cover Pyŏng-ch´ŏl Han: Die Austreibung des Anderen. Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2016. 109 Seiten. ISBN 978-3-10-397212-2. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema

„Die Austreibung des Anderen“ ist ein Essay zum Thema moderner Gesellschafts- und Kommunikationsstrukturen. Dabei steht eine Kritik an der digitalen Revolution, der Globalisierung sowie dem Neoliberalismus im Mittelpunkt. Pyŏng-ch´ŏl Han stellt die These auf, dass „der Andere“ in der heutigen Gesellschaft immer mehr „dem Terror des Gleichen“ weicht. Der Andere als direkte Erfahrung verschwindet. Stattdessen prägen Überkommunikation, Überinformation, Überproduktion und Überkonsumtion die heutige Zeit und machen die Menschen krank. Dabei werden verschiedene philosophische Ansätze (bspw. Heidegger, Lacan oder Lévinas) mit aktuellen Beispielen verbunden.

Autor

Pyŏng-ch´ŏl Han ist Professor für Philosophie und Kulturwissenschaften an der Universität der Künste Berlin. Er ist Mit-Initiator der im November 2016 veröffentlichten Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union.

Aufbau und Inhalt

Das Essay ist in zwölf kurze Kapitel eingeteilt. Dabei widmet sich jedes einem spezifischen Aspekt der Beobachtung vom Verschwinden des Anderen in der modernen Gesellschaft.

Im ersten Kapitel – „Terror des Gleichen“ – stellt Pyŏng-ch´ŏl Han seine zentrale These vom Verschwinden des Anderen vor. Dem Anderen (bspw. als Geheimnis, als Verführung, als Schmerz, als Hölle) wohnt eine Negativität inne, welche dem Selben Gestalt und Maß gibt. Im Gegensatz fehlt dem Gleichen „der dialektische Gegenpart, der es begrenzen und formen könnte“ (S. 9). Während die Erfahrung des Anderen Nähe voraussetzt, wird heutzutage die Abstandslosigkeit konstitutiv und führt zu einer Wucherung des Gleichen. Beispielhaft werden hierbei die neuen digitalen Medien sowie der Porno angeführt. Abschließend werden die Beobachtungen an Charlie Kaufmans Film „Anomalisa“ illustriert: alle Menschen gleichen sich – wie im Film – einander an und die Möglichkeiten echter Identitätsbildung werden beschränkt.

Das zweite Kapitel „Gewalt des Globalen und Terrorismus“ setzt sich mit den Auswirkungen der Globalisierung auseinander. Hier wird kritisiert, dass durch das Globale alle Singularitäten dem Gleichen weichen müssen. Als Reflexe auf diese Entwicklung wird auf der einen Seite der Terrorismus hervorgebracht. Auf der anderen Seite erwachen der Nationalismus und die Neue Rechte. Während sich beide Phänomene scheinbar antagonistisch gegenüberstehen, identifiziert sie Pyŏng-ch´ŏl Han als verschwistert und sich die gleiche Genealogie teilend. Selbst Flüchtlinge und Immigranten sind demnach keine „echten“ Anderen mehr. Vielmehr stellen sie lediglich eine Phantasie vom Anderen dar und fungieren als imaginäre Identitätsstifter. Demgegenüber wird die Gastfreundlichkeit gesetzt, die als universelles Konzept eine Erfahrbarkeit und Versöhnung mit dem Anderen möglich macht.

Im dritten Kapitel „Terror der Authentizität“ wird die weitverbreitete Forderung nach Authentizität in Frage gestellt. Während letztere nur scheinbar ein emanzipatorischer Ansatz ist, wird mit ihr ein neuer Zwang eingeführt: der Zwang sich stetig selbst produzieren zu müssen. Somit wird die Authentizität als „neoliberale Produktionsform des Selbst“ (S. 29) identifiziert und kritisiert. Obwohl in der heutigen Gesellschaft jeder Mensch Einzigartigkeit anstrebt, setzt sich durch dieses paradoxerweise das Gleiche fort und erzeugt gesellschaftlichen Narzissmus. Dieser zeigt sich – so der Autor – beispielsweise in der ausufernden Smartphone- und Selfie-Sucht.

Die Erfahrung echter „Angst“ ist heutzutage durch das Wuchern des Gleichen nahezu unmöglich – so der Autor im vierten Kapitel. Den Schriften von Heidegger folgend wird dargestellt, dass alles im „man“, d.h. in der Ordnung des Alltäglichen untergeht und zur Warenform verkommt. Die „Eigentlichkeit“ des Selbst zu erfahren wird immer schwieriger. Die heutige Angst ist nur noch eine alltägliche und außengeleitete: sie hat keine Verbindung zu der Erfahrung des ganz Andern (dem Tod). Jedoch ist es eine innengeleitete Angst, welche erst eine tiefe Erfahrung des Selbst möglich machen würde.

Die drei folgenden Kapitel „Schwellen“, „Entfremdung“ und „Gegenkörper“ sind kurze Betrachtungen über die „Hölle des Gleichen“ (S. 47). Schwellenreiche, schmerzhafte Verwandlung wird heute durch den glatten Durchgang ersetzt. Digitale Kommunikation baut dabei jede Distanz ab und private Schutzräume verschwinden. Gleichzeitig wird scheinbare Nähe suggeriert und durch ständige Kommunikation vorgetäuscht. Statt einer Entfremdung im Sinne von Marx (durch den Anderen ausgelöst), findet somit – so der Autor – eine Selbstausbeutung statt. Durch das Digitale wird eine Abwesenheit von Gegen und Gegenüber diagnostiziert. Die Begegnung mit dem Realen wird durch das „gefällt-mir“ oder „like“ ersetzt und stellt „die absolute Schwundstufe der Wahrnehmung“ (S. 58) dar.

Anhandvon Beispielen aus der klassischen Literatur (Kafka, Sartre, Orwell) sowie Lars von Trier's Film „Melancolia“ wird in Kapitel acht und neun („Blick“ und „Stimme“) dargelegt, dass durch die digitalen Medien die Freiheit des modernen Subjekts ausgebeutet wird. Es sind die Erfahrungen von Blick und Stimme – so der Autor – die die Begegnung mit dem Anderen auszeichnen und welche durch heutige Entwicklungen verloren gehen.

Die Kapitel „Sprache des Anderen“, „Denken des Anderen“ und „Zuhören“ bilden den Schluss des Essays. Zunächst wird erneut die „Verfasstheit der narzisstischen Gesellschaft“ im „neoliberalen Produktionsverhältnis“ (S. 71) kritisiert. Die Sprache des Anderen ist nicht mehr zu vernehmen und wird durch digitale Kommunikation weithin geglättet. Die Stille – welche tiefes Staunen sowie Kunst ermöglichen – wird durch die „digitale Wohlfahrtszone“ (S. 82), also durch den Lärm des Gleichen, übertönt. Abschließend wird diesen Überlegungen das Ideal des Zuhörens gegenübergestellt. Die Fähigkeit des Zuhörens wird mit Verweis auf das Kinderbuch Momo von Michael Ende als hohe Kunst gelobt. Das Buch endet mit einem Plädoyer die „Zeit des Anderen“ (S. 101) wiederzuentdecken.

Diskussion

Pyŏng-ch´ŏl Han stellt mit „Die Austreibung des Anderen“ eine Kritik an gesellschaftlichen Entwicklungen im digitalen Zeitalter vor. Dabei ist es wichtig, das Buch als Essay zu betrachten (so, wie es der Autor auch selbst angibt) und nicht als wissenschaftliches Werk. Dies bedeutet, dass man eher eine gedankliche Reflexion der modernen Gesellschaft vorfindet, als eine akademische Analyse. Dabei gefällt die enge Verknüpfung von klassischer Philosophie mit modernen Beispielen. Der radikalen Kritik an den Prozessen von Neoliberalismus, Globalisierung und digitalen Medien werden dabei hohe Ideale entgegengesetzt (Gastfreundschaft, Zuhören). Das Wort „heute“ findet sich extrem oft im Text. Leider bleibt etwas unklar, wann das entgegengesetzte „früher“ überhaupt war und ob „damals“ wirklich alles besser war. Auch die Diagnose, dass allein die Entwicklungen der „heutigen Zeit“ für allerlei Krankheiten verantwortlich sind (bspw. „Um der quälenden Leere zu entkommen, greift man heute entweder zur Rasierklinge oder zum Smartphone“ (S. 36)), bleibt zumindest fragwürdig. Dennoch, eine wichtige Kritik an unsichtbaren digitalen Gefahren, welche oftmals nur scheinbar gesellschaftliche Entwicklung bedeuten.

Fazit

„Die Austreibung des Anderen“ von Pyŏng-ch´ŏl Han stellt eine fundamentale Kritik am neoliberalen Zeitalter der Digitalisierung dar. Dabei wird in essayistischer Form das Verschwinden des Anderen diagnostiziert. Während der soziale Akteur in der heutigen Zeit nur scheinbar emanzipiert ist, gehen die Möglichkeiten echter Identitätsbildung verloren. Die Digitalität erzeugt – so der Autor – ein Rauschen des Gleichen und persönlicher Kontakt sowie Erfahrungen werden eingeschränkt. Zur Wiederherstellung der Erfahrung des Selbst werden die Gastfreundlichkeit sowie das Zuhören als ideelle Konzepte angeführt.


Rezensent
Marian Pradella
Wissenschaftlicher Mitarbeiter/Doktorand, DFG-Kolleg “Deutungsmacht”, Universität Rostock
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Zitiervorschlag
Marian Pradella. Rezension vom 13.12.2016 zu: Pyŏng-ch´ŏl Han: Die Austreibung des Anderen. Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2016. ISBN 978-3-10-397212-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21957.php, Datum des Zugriffs 08.12.2019.


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