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Peter Bründl, Manfred Endres u.a. (Hrsg.): Elternschaft

Cover Peter Bründl, Manfred Endres, Susanne Hauser (Hrsg.): Elternschaft. Klinische und entwicklungspsychologische Perspektiven. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2016. 290 Seiten. ISBN 978-3-95558-182-4. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Die internationalen Beiträge beschreiben psychoanalytisch orientierte Therapieprozesse mit Eltern und Kindern an Hand vieler Fallbeispiele. Sie berücksichtigen dabei auch sonst oft marginalisierte Formen von Elternschaft, zum Beispiel sehr frühe Elternschaft, Kinder von gleichgeschlechtlichen Paaren, Pflege- und Adoptiveltern sowie Mütter, Ersatzmütter, Väter und Waisenkinder in einem Dritte-Welt-Land.

Aufbau und Inhalt

Die Herausgeber_innen stellen dem Band ein Vorwort voran, in dem sie betonen, dass mit dem Elternwerden ein tiefgreifender Transformationsprozess verbunden ist. Einerseits entwickelt sich mit dem Übergang in die Elternschaft zumindest im günstigen Fall eine langfristige Fürsorgehaltung und Feinfühligkeit gegenüber dem Kind. Andererseits wird mit diesem Übergang auch die Partnerschaft auf neue Weise herausgefordert. Die Partner sind nämlich mit bis dahin weniger relevanten unterschiedlichen Pflegetraditionen ihrer Herkunftsfamilien konfrontiert und müssen diese nun aufeinander abstimmen und sie stehen vor der Herausforderung in ihrer binären Beziehung triadische Kapazitäten zu entwickeln. Die Herausgeber_innen verbinden mit diesem Band die Hoffnung, deutlich machen zu können, dass nicht nur Eltern Einfluss auf die Entwicklung ihrer Kinder nehmen, sondern Kinder mit dem Eintritt in das Leben ihrer Eltern auch Einfluss auf deren personale Entwicklung nehmen.

In dem auf das Vorwort folgenden Abschnitt Forschungsperspektiven finden sich zwei Beiträge. Der Aufsatz von Gerhardt Roth befasst sich mit der transgenerationalen Weitergabe von Traumata aus neurobiologischer Sicht. Er trägt Forschungsergebnisse aus der Neurobiologie zusammen, die verdeutlichen, dass sich bei posttraumatischen Belastungsstörungen auch hirnorganische Veränderungen nachweisen lassen und dass entsprechende Schädigungen über verschiedene Mechanismen auch in der nachfolgenden Generation wirksam werden können. Eine ganz andere Forschungsperspektive verfolgt Katarzyna Schier. Sie berichtet aus Studien zur Behandlung parentifizierter Kinder. Diese leiden daran, dass ein Elternteil psychisch Kind geblieben ist und die Kinder sich ihrerseits genötigt sehen, eine große Last von Verantwortung und/oder Arbeit zu übernehmen.

Unter der Überschrift Eltern-Kind-Psychotherapie findet sich ein Beitrag von Alicia Liebermann zur Kind-Eltern-Psychotherapie. Bei der von der Autorin entwickelten Child-Parent-Psychotherapie (CPT) stehen traumatisierte Kleinkinder im Mittelpunkt. Die an einem Beispiel verdeutlichte Behandlung zielt darauf ab, seelische Gesundung schon in der Kindheit auch bei nur rudimentärer Sprachkompetenz zu ermöglichen und dabei die Eltern, die zumeist Verantwortung für das traumatisierende Geschehen tragen, oder Ersatzeltern mit in die Therapie einzubeziehen. Ziel ist es, die Kleinen von Albträumen zu befreien und ihnen mit den Eltern ein neues liebevolles Umfeld zu schaffen. Es folgt ein Beitrag von Daniel Schechter und Erica Willheim, in dem sie ihre psychoanalytische Arbeit mit traumatisierten Eltern und deren Kleinkindern beschreiben. Die Therapie beginnt mit der abwechselnden separaten Beobachtung der Eltern und der Kinder und dann der Eltern-Kind-Interaktion. Durch eine empathische psychotherapeutische Förderung der Eltern wird deren Fähigkeit zur Reflexion gefördert. Sie werden befähigt, die eigenen Gefühlszustände und die ihrer Kinder besser einzuschätzen, zu verstehen und letztlich auch zu regulieren.

Zwei weitere Beiträge unter dem Titel Väter befassen sich mit der Integration von Vätern in die Therapie von Kindern. Bei den meisten sogenannten Eltern-Kind-Therapien wird nämlich nur mit den Müttern gearbeitet. Tessa Baradon unterscheidet Väter mit unterschiedlicher emotionalen Nähe zum Kind und unterschiedlichem Selbstverständnis in Bezug auf das meist zunächst bei der Mutter offensichtliche psychische Problem. Sie zeigt, wie Väter in unterschiedlichen Konstellationen für eine Teilhabe an der Therapie gewonnen werden können und welche Vorteile dies bietet. Der Beitrag von James M. Herzog befasst sich mit dem Vater-Kind-Spiel im Rahmen von therapeutischen Behandlungen. Das Spiel gibt dem Therapeuten, wie er an zwei Beispielen zeigt, Hinweise auf Deformationen der Vater-Kind-Beziehung und erlaubt ihm mit den aus dem Spiel gewonnenen Einsichten zum Beispiel die Repräsentanz von der Verbundenheit zwischen den Elternteilen zu aktivieren. Letztere scheint ihm wesentliche Grundlage einer Gesundung sowohl der Väter wie auch ihrer Kinder.

In dem Abschnitt Mütter findet sich ein Beitrag von Adriana Grotta und Paola Morra, der sich mit aggressiven Müttern befasst. An vier Kinderschutzfällen wird gezeigt, wie latente psychische Konflikte bei der Geburt eines Kindes oder bei dessen weiterer Entwicklung in unterschiedlichen Formen ausbrechen können. Die Autor_innen plädieren für psychonanalytisch geschulte konstante Aufmerksamkeit für die Familien und eine gute Vernetzung von Ärzten und Therapeuten. Der Beitrag von Petra Heymann in diesem Abschnitt gewährt einen Einblick in die Entwicklung von Kindern, die mit zwei Müttern leben. Sie konzentriert sich dabei auf die durch eine oft anonyme Samenspende erzeugte Mutterschaft. Sie zeigt auf, dass sich die Kinder auf Grund ihrer Genese in einer viel komplexeren Zeugungs- und Familiengeschichte verorten müssen. Für die Symptomatik der Kinder lesbischer Paare war nach Heymanns Auffassung in den von ihr analysierten Fällen nicht die sexuelle Orientierung der Mütter ausschlaggebend, sondern das unübersichtliche Geflecht der Beziehungen zu und zwischen Eltern und Ersatzeltern.

Juliane und Peter Bründl befassen sich an Hand eines Fallbeispiels mit der Frage, ob eine 14-jährige eine hinreichend gute Mutter werden kann. Sie zeigen, dass und wie eine psychoanalytisch orientierte Behandlung die entwicklungsspezifisch im Jugendalter auftretende Verunsicherung und die durch die Schwangerschaft erzeugten Identitätstransformationsprozesse begleiten kann, so dass eine liebevolle und anhaltende Mutter-Kind-Beziehung angebahnt und aufrechterhalten werden kann.

Ein weiterer Abschnitt ist der begleitenden Elternarbeit in der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie gewidmet. Helene Timmermann befasst sich mit „psychisch kranken Eltern als Bündnispartner in der Psychotherapie ihrer Kinder“. Die begleitende Elternarbeit muss ihrer Erfahrung nach den gesunden Elternteil einbeziehen und den kranken einerseits stärken, andererseits aber auch mit seiner Problematik und deren Auswirkungen auf das Kind konfrontieren. Eva Hass geht der „Bedeutung der affektregulatorisch- und bindungsgeleiteten Elternarbeit in einer kindzentrierten psychodynamischen Familientherapie“ nach. Sie plädiert für eine psychodynamische kindzentrierte Familientherapie. Auch hier steht die Eltern-Kind-Interaktion im Fokus. Indem der Therapeut diese unmittelbar beobachtet, gewinnt er wichtige Einsichten.

Unter dem Titel Adoptiv- und Pflegeelternschaft widmet sich Angelika Zeiler der Frage, wie Pflege- und Adoptiveltern das Zustandekommen ihrer Familien erleben und wie sich die „künstliche Familienmatrix“ auf die Entwicklung der familialen Beziehungen auswirkt. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist eine kleine Befragung von sieben Paaren, die Erfahrungen mit sozialer Elternschaft gemacht haben. Fernanda Pedrina und Maria Mögel befassen sich mit der „Gestaltung der Übergänge von Kleinkindern in Pflegefamilien“. Sie können dabei als Psychotherapeutinnen und Gutachterinnen in Kinderschutzfällen auf reiche Erfahrungen mit der Inobhutnahme von Säuglingen und Kleinkindern zurückgreifen und beschreiben sowohl problematische als auch gelingende Übergänge in Pflegefamilien.

Unter dem Titel Entwicklungsperspektiven in der Arbeit mit Erwachsenen sind zu guter Letzt zwei sehr disparate, aber überaus lesenswerte Beiträge zusammengestellt. Jack Novick und Kerry Kelly Novick befassen sich mit dem „Kinderecho und dem Echo ihrer Eltern in der Behandlung Erwachsener“. Sie machen darauf aufmerksam, dass ein Trauma nicht als ein singuläres, sondern als ein mehrfach wieder aufgetauchtes und transformiertes Erlebnis über Generationen hinweg weitergegeben wird. In dem zweiten Beitrag dieses Abschnittes berichtet Babara Saegesser von ihrer therapeutischen Arbeit mit Müttern, Ersatzmüttern, Vätern und Waisenkindern in ostafrikanischen Städten. Diese von koranischen Normen geprägte Welt legitimiert die Macht von Vätern gegenüber ihren Frauen wie Kindern bis hin zur Entscheidung über deren Leben und Tod. In weiten Landstrichen gibt es zudem einen durch Aids erzeugten enormen Ausfall der Elterngeneration, so dass viele Kinder als Waisen in der Verwandtschaft mehr schlecht als recht versorgt werden. Saegesser beschreibt, wie sie unter diesen Bedingungen mit einer psychoanalytischen Grundhaltung Hilfe zum Überleben anbieten kann.

Fazit

Die Beiträge beschreiben vielfältige psychoanalytisch informierte Arbeitsformen mit Kindern und Eltern in sehr unterschiedlichen Familienkontexten und sozialen Situationen. Die Autoren können sich fast alle auf eine reiche eigene therapeutische Erfahrung beziehen. Bei vielen steht nicht mehr allein die frühe Kindheit im Fokus der Analyse. Die beschriebenen Behandlungsverfahren schenken vielmehr der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben in verschiedenen Altersstufen Aufmerksamkeit, insbesondere der Bewältigung des Übergangs in die Elternschaft. Die Autoren beschreiben sehr flexibel genutzte Therapieformen, die neben dem Patienten bzw. der Patientin dessen/deren familiales Umfeld mit in die Behandlung einbeziehen. Der Sammelband dürfte für psychoanalytisch geschulte Therapeuten, aber auch für andere Professionen von großem Interesse sein, sofern sie als Ärzt_innen, Richter_innen, Lehrer_innen oder Sozialpädagog_innen mit Eltern und Kindern in belastenden Konstellationen zu tun haben. Die vielen Therapiebeispiele lassen die jeweiligen Lösungsansätze immer wieder anschaulich werden. Auch ich als psychologisch interessierte Familien- und Gendersoziologin habe das Buch mit Gewinn gelesen.


Rezensentin
Dr. habil. Waltraud Cornelißen
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Zitiervorschlag
Waltraud Cornelißen. Rezension vom 30.10.2017 zu: Peter Bründl, Manfred Endres, Susanne Hauser (Hrsg.): Elternschaft. Klinische und entwicklungspsychologische Perspektiven. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2016. ISBN 978-3-95558-182-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21961.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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