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Asfa-Wossen Asserate: Die neue Völkerwanderung

Cover Asfa-Wossen Asserate: Die neue Völkerwanderung. Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten. Ullstein Verlag (München) 2016. 219 Seiten. ISBN 978-3-549-07478-7. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 22,90 sFr.
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Homo migrans heute

Es wird immer wieder daran erinnert, dass der anthrôpos, der Mensch, seit seiner Existenz ein Lebewesen ist, das unterwegs ist, um zu überleben. Wanderung, Veränderung und Perspektivenwechsel als physische und psychische Werthaltung sind demnach ganz natürliche, humane und aktive Eigenschaften. Das sind erst einmal die Begründungen dafür, dass Menschen ihre Heimat verlassen. Nun gibt es verschiedene Gründe, weshalb sich Menschen auf den Weg machen: Persönliche, existentielle, politische, gesellschaftliche und weltanschauliche, freiwillig und gezwungen (Jos Schnurer, „Schauen Sie nicht zu, sondern hin!“, 23.10.2015, www.sozial.de/index.php?id=94).

Entstehungshintergrund und Autor

Es ist erfreulich, dass sich auf die zunehmenden Kakophonien, Widerstände und inhumanen Reaktionen von Egoisten, Ignoranten, Populisten und Rassisten, die Flüchtlingen das Menschenrecht auf Asyl verweigern wollen und mit ideologischen, rechtsradikalen und menschenfeindlichen Argumenten und Gewalt gegen die Aufnahme von Einwanderungswilligen vorgehen, immer mehr Stimmen zu Wort melden und mit einer Willkommenskultur positive Zeichen einer humanen, zivilgesellschaftlichen Gemeinschaft setzen (Michael Richter, Neue Heimat Deutschland. Zuwanderung als Erfolgsgeschichte, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21413.php). Die für Humanisten eher verzweifelt klingende Frage – „Wie kann man Menschen davon überzeugen, dass sie aufgeklärt sein wollen?“ – ist in besonderer Weise berechtigt, wenn es darum geht, wie Individuen und Gesellschaften mit Minderheiten und Fremden umgehen. Bis hin zu der Einsicht und Erkenntnis – „Der Fremde bin ich selbst!“ -sind die Wege allzu oft zu weit. Und doch gibt es sie, die als „Gutmenschen“ diskriminiert werden, und trotzdem intellektuell und aufklärerisch dafür eintreten, Flüchtlingen eine Chance für Integration zu geben.

Es wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die Wanderungs- und Fluchbewegungen von heute sich von den historischen Völkerwanderungen in vielerlei Hinsicht unterscheiden; gleichzeitig aber wird auch betont, dass die Unterschiede nicht grundsätzlicher, sondern nur partieller Art sind. Als Grundlagen dafür ist das in der allgemeingültigen, nicht relativierbaren „globalen Ethik“, in Artikel 3 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte postulierte „Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person“, das „Recht auf einen für die Gesundheit und das Wohlergehen von sich und seiner Familie angemessenen Lebensstandard“ (Art. 25), sowie nach der Genfer Flüchtlingskonvention geregelten Anerkennung als Flüchtling „aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung“, festzulegen.

Der aus Äthiopien stammende deutscher Staatsangehörige Asfa-Wossen Asserate versteht sich als interkultureller Vermittler zwischen deutschen, europäischen und afrikanischen Kulturen (Asfa-Wossen Asserate, Deutsche Tugenden. Von Armut bis Weltschmerz, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/15390.php). Selbst einmal Flüchtling, weiß er, wovon er spricht, wenn er in seinem Buch auffordert: „Europa und die westlichen Industrienationen müssen endlich darangehen, die Ursachen von Flucht und Vertreibung zu bekämpfen“.

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert seine Analyse über Fluchtkrisen und -ursachen in vier Kapitel.

  1. „Auf der Flucht“,
  2. „Das Erbe des Kolonialismus“,
  3. „Afrika ist immer für eine Überraschung gut“ und
  4. „Europas Verantwortung“.

Der Bericht des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) von 2016 weist aus, dass sich derzeit rund 65,3 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht befinden, davon aus Afrika 4,4 Millionen Flüchtlinge. Die überaus größte Zahl der Flüchtenden hält sich in Flüchtlingslagern der Nachbarländer und Grenzregionen der Fluchtstaaten auf. Etwa eine Million Flüchtlinge haben sich auf lebensgefährlichen Wegen durch die Wüste, übers Mittelmeer und mit Schlepper- und Schleuserhilfe und Ausbeutung nach Europa gemacht, um hier auf Mauern, Grenzzäune und Abwehrbollwerke zu treffen und abgewiesen zu werden. Allzu viele Flüchtlinge bezahlen diese Odyssee mit dem Leben. UNHCR schätzt, dass in den letzten zwei Jahren etwa 10.000 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken sind. Wie viele Menschen die Saharadurchquerung und die weiteren Strapazen nicht überlebt haben, weiß keiner (Patrick Kingsley, Die neue Odyssee. Eine Geschichte der europäischen Flüchtlingskrise,2016, www.socialnet.de/rezensionen/20914.php).

Nach Asien ist Afrika der zweitgrößte Kontinent der Erde. Er ist doppelt so groß wie China und Indien, und Europa würde zehn mal hineinpassen. Durch die dominanten, kolonialen und eurozentrierten Höherwertigkeitsvorstellungen der Europäer jedoch wurde den afeikanishen Menschen und ihren Kulturen über Jahrtausende hinweg Eigenständigkeit und Identität abgesprochen. Die arroganten und machtbesessenen Einstellungen der Weißen haben im Rassismus und Kolonialismus ihren Ausdruck gefunden. Die Auffassung, dass die Afrikaner keine Geschichte und damit eben auch keine eigenen Kulturen haben, wird auch deutlich im wissenschaftlichen Rassismus, wie ihn etwa der anerkannte Sprachforscher, Missionar, Direktor des Londoner Afrika-Instituts und Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Dietrich Westermann, unwidersprochen 1939 öffentlich kundtun konnte: „Das Geschick des Afrikaners ist für alle absehbare Zeit mit dem des Europäers aufs Engste verbunden, ja, es ist von ihm abhängig, er ist der Schüler und Arbeitnehmer, wir die Lehrer und Arbeitgeber, aber auch: wir sind die Herren und er der Untergebene“ (Jos Schnurer, Wie die Deutschen zu den Fremden kamen. Aspekte der Freire-Pädagogik, Nr. 18, Verlag Dialogische Erziehung / Paulo Freire-Verlag, Oldenburg 2002, 42 S. ). Im modernen, globalen Diskurs vollzieht sich ein Wandel (Lutz van Dijk, Geschichte eines bunten Kontinents. Neu erzählt mit afrikanischen Stimmen, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/20698.php; Franziska Dübgen / Stefan Skupienen, Hrsg., Afrikanische politische Philosophie. Postkoloniale Positionen, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/20696.php; Moustapha Diallo, Hrsg.; Visionäre Afrikas. Der Kontinent in ungewöhnlichen Portraits, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/16225.php).

Der ugandische Kritiker der kolonialen und neokolonialen Machtverhältnisse in Afrika, Okot p´Bitek (1931 – 1982), hat schon frühzeitig darauf hingewiesen, dass die Afrikaner ihre ökonomische und kulturelle Entwicklung in ihre eigenen Hände nehmen sollten. In einem Vortrag beim National Arts Festival of Zambia in Lusaka 1967 trug er das folgende „Gebet“ vor, das auch heute noch gesprochen werden könnte:

Oh Gott, bewahre Afrika vor unseren neuen Herrschern.
Lass sie demütig werden.
Öffne ihre Augen,
damit sie sehen,
dass der materielle Fortschritt
nicht auf einer Stufe steht mit geistigem Fortschritt.
Oh Herr, öffne die Ohren der afrikanischen Herrscher,
damit sie Freude empfinden
beim Klang ihrer Trommeln
und der Gedichte ihrer Mütter.

Neokolonialismus, Neoliberalismus und Kapitalismus westlicher Prägung verhindern, dass die afrikanischen Staaten auf Augenhöhe und gleichberechtigt über ihre Rohstoffe und Produkte verfügen und in der sich interdependent entwickelnden (Einen?) Welt agieren können, wirtschaftlich und politisch. Europa und der industrialisierte Westen ist gefordert: „Wenn Afrika eine Zukunft haben soll, muss Europa aber vor allem von seiner desaströsen Wirtschafts- und Handelspolitik Abschied nehmen“, und es muss mit dazu beitragen, „dass Afrika endlich gut regiert wird“.

Fazit

Nur Appelle? Gibt es nicht schon genug Warnrufe, dass Ego- und Ethnozentrismus, Nationalismus, Fundamentalismus, Rassismus, Populismus und Rechtsradikalismus Menschlichkeit zerstören? Asfa-Wossen Asserate bringt in seinem Essay keine neuen oder gar revolutionären Gedanken; er mahnt jedoch an, auch bei der Frage nach der Flüchtlingskrise einen eigenen Perspektivenwechsel zu vollziehen: „Was haben wir in Deutschland, in Europa und in der westlichen Welt damit zu tun, dass sich (auch) in Afrika Menschen auf den Weg machen, um anderswo ein menschenwürdiges, freies und gerechtes Leben führen zu können?“. Der Autor belässt es dabei nicht bei Fingerzeigen; die historischen, politischen und empathischen Informationen sind hilfreich, um letztendlich die Reaktionen in Gang setzen zu können, die notwendig sind, an einer friedlichen, gerechten und humanen Welt mitzuarbeiten: Das Bewusstsein, dass jeder Mensch tagtäglich und überall die Verantwortung für eine globale Ethik mit sich trägt!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 02.01.2017 zu: Asfa-Wossen Asserate: Die neue Völkerwanderung. Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten. Ullstein Verlag (München) 2016. ISBN 978-3-549-07478-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21963.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


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