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Anne Häußler: Der TEACCH Ansatz zur Förderung von Menschen mit Autismus

Cover Anne Häußler: Der TEACCH Ansatz zur Förderung von Menschen mit Autismus. Einführung in Theorie und Praxis. verlag modernes lernen Borgmann (Dortmund) 2016. 5., verbesserte und erweiterte Auflage. 232 Seiten. ISBN 978-3-8080-0771-6. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 40,40 sFr.
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Thema

Der TEACCH® Ansatz ist in den USA entstanden und hat sich bewährt. Mittlerweile findet er auch im deutschen Sprachraum zunehmende Beachtung in der pädagogischen und therapeutischen Begleitung hauptsächlich für Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Schwerpunkt des Buches bildet der praktische Teil, die Autorin beleuchtet zudem die Entstehung des Ansatzes, die theoretischen Grundlagen und berücksichtigt neueste Studien und Diskussionen zur wissenschaftlichen Fundierung des TEACCH Ansatzes. Zielgruppe sind Eltern sowie pädagogische und therapeutische Fachkräfte, die den TEACCH Ansatz kennenlernen wollen und auf der Suche nach alltagstauglichen Hilfen für den praktischen Umgang mit ihren Kindern und Klienten sind.

Autorin

Anne Häußler begleitet Menschen aus dem autistischen Spektrum. Sie hat den TEACCH Ansatz in Deutschland bekannt gemacht. Sie leitet eine Therapie- und Beratungsstelle, die auf dem TEACCH-Konzept basiert arbeitet und hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, von einigen liegen auch jeweils Rezensionen vor.

Aufbau und Inhalt

Das Buch im DIN A 4 Format umfasst 232 Seiten. Durch die Art der Ringbindung ist es gut handhabbar, da man die einzelnen Seiten ganz aufschlagen kann. Es ist in Spalten gedruckt und enthält zahlreiche Abbildungen. Überschriften strukturieren, Merkkästen und fettgedruckte Begriffe heben sich vom Fließtext ab. Checklisten sind farblich markiert, Bilder und Abbildungen ergänzen die Erklärungen. Das Geleitwort wurde von Professor Gary B. Mesibov, Direktor des TEACCH Programms verfasst.

Das hier vorgelegte Werk ist mittlerweile in der 5. Auflage erschienen und erweitert worden. Es umfasst zehn Kapitel plus Anhang, Literatur- und Stichwortverzeichnis.

  1. TEACCH – was hinter dem Namen steckt: Begriffe, die man trennen sollte
  2. Wenn das Gehirn anders arbeitet: Kognitive Besonderheiten bei Menschen mit Autismus
  3. Auswirkungen auf das Lernen: Warum „normale“ Pädagogik bei Menschen mit Autismus an ihre Grenzen stößt
  4. Structured TEACCHing: Strukturierung und Visualisierung in der Förderung von Menschen mit Autismus
  5. Konkrete Hilfen zum Verstehen und Handeln: Die Praxis des Structured TEACCHing
  6. „Und wie fange ich an???“ – Hilfen und Anregungen für die Entwicklung von Strukturierungshilfen
  7. Strukturierung sozialer Situationen: Die Brücke zum Anderen
  8. Dennis – Skizze einer Förderung nach dem TEACCH Ansatz
  9. Max – Beispiel eines Förderberichts auf der Basis des PEP-3
  10. Die Übertragbarkeit von TEACCH – Eine Herausforderung

Das erste Kapitel TEACCH – was hinter dem Namen steckt: Begriffe, die man trennen sollte beginnt mit einem Blick in die Geschichte von Division TEACCH und berichtet darüber, wie alles begann. Es folgt eine aktuelle Skizze des Modellprogramms in North Carolina und wie der Stand heute ist. TEACCH ist ein registriertes Warenzeichen des University of North Carolina TEACCH® Autism Programm und steht für einen pädagogisch-therapeutische Ansatz, der ein umfassendes Konzept zur Förderung von Menschen mit Autismus darstellt. Dabei handelt es sich um ein evidenzbasiertes Verfahren, was bedeutet, dass es empirische Befunde für die Bestätigung der Theorie gibt. Hinter diesem Konzept steht mehr als die Anwendung bestimmter Techniken. Das erste Kapitel endet mit einigen Antworten auf häufig gestellte Fragen zum TEACCH Ansatz, die oft in Seminaren und Beratungsgesprächen gestellt werden. Sie handeln davon, ob es ein spezielles Berufsbild „TEACCH Therapeut“ gibt, welchen Stellenwert die Beziehungsarbeit hat oder welchen Wert auf den Einsatz verbaler Sprache gelegt wird.

Im zweiten Kapitel handelt davon, welche Auswirkungen es hat, wenn das Gehirn anders arbeitet: Kognitive Besonderheiten bei Menschen mit Autismus. Dabei stehen die Besonderheiten der Wahrnehmung bei Menschen mit Autismus im Mittelpunkt. Behandelt werden Auffälligkeiten beim Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten sowie beim Gleichgewichtssinn. Häußler spricht in dem Zusammenhang vom „kognitive Stil“, womit sie die Besonderheiten meint, wie Informationen gesammelt und verarbeitet werden in Bezug auf die Aufmerksamkeit und Reizverarbeitung sowie das Gedächtnis und Problemlösungsverhalten. Interessant ist, wie diese für das Denken und Handeln genutzt werden.

Von den Auswirkungen auf das Lernen: Warum „normale“ Pädagogik bei Menschen mit Autismus an ihre Grenzen stößt handelt das dritte Kapitel. Die Autorin fasst die typischen Erschwernisse beim Lernen (Merkkasten S. 44) zusammen und reflektiert über Konsequenzen für die pädagogische Förderung in Bezug auf inhaltliche Aspekte, Art der Anforderungen, Art der Verstärker, Formen der Instruktion und Anleitung und die Gestaltung der Unterrichtssituation (S.49). In diesem Kapitel wird auch der Begriff der „Kultur des Autismus“ näher beleuchtet.

Das vierte Kapitel Structured TEACCHing: Strukturierung und Visualisierung in der Förderung von Menschen mit Autismus beginnt mit grundlegenden Erkenntnissen zur „Strukturierung“ im Rahmen des TEACCH Ansatzes. Es beleuchtet Aspekte und Vorteile der visuellen Informationsvermittlung, der Einsatzbereiche und Grenzen von Structured TEACCHing in der Entwicklungsförderung und gibt allgemeine Hinweise für die praktische Umsetzung.

Konkrete Hilfen zum Verstehen und Handeln: Die Praxis des Structured TEACCHing wie erstens die Strukturierung des Raumes, zweitens die Strukturierung von Zeit und Tagesablauf, drittens Arbeitsorganisation, Aufgabenpläne und Systeme zur selbstständigen Beschäftigung, viertens die Gestaltung von Material und Strukturierung von Tätigkeiten und fünftens die Routinen als Hilfe zur Strukturierung sind Kern des fünften Kapitels.

Und wie fange ich an???“ ist eine häufige Frage, in Seminaren. Das sechste Kapitel gibt praktische Hilfen und Anregungen für die Entwicklung von Strukturierungshilfen in Bezug auf die Strukturierung des Raumes, die Arbeit mit Zeitplänen und die Strukturierung selbstständiger Beschäftigung mit Hilfe von Arbeits- und Aktivitäten-Systemen sowie die Gestaltung von Aufgaben. Hier finden sich zahlreiche Hinweise wie eine Checkliste z.B. zur Aufdeckung von Unklarheiten oder eine Systematik zur Einordnung von Fähigkeiten im Kontext ausgewählter Aspekte der kognitiven Entwicklung.

Das siebte Kapitel handelt von der Strukturierung sozialer Situationen: Die Brücke zum Anderen. Darin werden viele konkrete Hilfen zur praktischen Anwendung gegeben wie ein Beispiel zur Gestaltung einer Partneraktivität oder Arbeitsblätter, mit denen man diese Aktivitäten vorbereiten kann.

Die folgenden Kapitel acht und neun stellen Fallvignetten vor. Es beginnt mit Dennis – Skizze einer Förderung nach dem TEACCH Ansatz und einem Überblick über den Ablauf der individuellen Fördermaßnahme inkl. Berichten und Protokollen sowie zahlreichen Fotos aus der direkten Arbeit. Daran schließt sich die Beschreibung zu Max an und damit ein Beispiel eines Förderberichts auf der Basis des PEP-3.

Das Buch endet mit einem Ausblick im 10. Kapitel mit dem Titel: Die Übertragbarkeit von TEACCH – Eine Herausforderung. TEACCH fordert unabhängig von der Art der Einrichtung oder dem Ort der Förderung, dass für den Menschen mit Autismus die am besten geeigneten Bedingungen geschaffen werden, um Verstehen, Handeln und persönliche Entwicklung zu ermöglichen, eine Herausforderung, die man annehmen sollte.

Im Anhang findet man eine Checkliste zur Arbeit nach TEACCH. Eine Metapher von Anne Häußler macht es deutlich: es ist stets mit einem Kompass zu prüfen, ob die Richtung stimmt.

Diskussion

Diese 5. überarbeitete Auflage greift die aktuellen Entwicklungen in Bezug auf das TEACCH® Autism Program in North Carolina auf und informiert über neueste Studien und Diskussionen zur wissenschaftlichen Fundierung des TEACCH Ansatzes.

Ausgangspunkt ist eine dem TEACCH Ansatz entsprechende pädagogische Grundhaltung und den sich daraus ableitenden Herangehensweisen. Dazu gibt Häußler viele konkrete Hinweise und Hilfestellungen zur praktischen Umsetzung. Der Einstieg in die Praxis wird durch praktische Beispiele, die Orientierung geben, erleichtert. Zahlreiche Fotos, Checklisten, Leitfäden, Dokumentations- und Arbeitsblätter geben Anregung und Orientierung für das eigene Handeln.  Im borgmann Verlag sind in den letzten Jahren in der Reihe Praxis TEACCH einige Bücher für die Praxis im DIN A 5 Format erschienen:

Das hier besprochene Buch vertieft die Theorie und bildet damit aus meiner Sicht quasi eine gute Basis, für alle diejenigen, die sich vertiefend mit dem Thema befassen möchten. Die Haltung und die Prinzipien des TEACCH Ansatzes beinhalten Lösungen für andere Denkweisen, für eine andere Informationsverarbeitung und Wahrnehmung. Ziel ist eine bedeutungsvolle individuell passende Umgebung zu schaffen, in der Zusammenhänge klar werden, sodass die Person versteht, lernen und sich entwickeln kann. Selbständiges Handeln steigert das Erleben von Selbstwirksamkeit, ein Baustein zu mehr Lebensqualität.

Fazit

Der TEACCH® Ansatz ist in den USA entstanden und hat sich bewährt. Mittlerweile findet er auch im deutschen Sprachraum zunehmende Beachtung in der pädagogischen und therapeutischen Begleitung hauptsächlich für Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Schwerpunkt des Buches bildet der praktische Teil, die Autorin beleuchtet aber die Entstehung des Ansatzes, die theoretischen Grundlagen und berücksichtigt neueste Studien und Diskussionen zur wissenschaftlichen Fundierung des TEACCH Ansatzes. Zielgruppe sind Eltern sowie pädagogische und therapeutische Fachkräfte, die diesen Ansatz kennenlernen wollen und auf der Suche nach alltagstauglichen Hilfen für den praktischen Umgang mit ihren Kindern und Klienten sind. Der praktische Teil wurde überarbeitet und dabei um wichtige Aspekte und Inhalte ergänzt. Das Buch stellt eine Zusammenfassung und einen Überblick über TEACCH Konzept, welches vor fast 40 Jahren in den USA entwickelt wurde, dar. Es ist mittlerweile auch in Deutschland ein erprobtes und bewährtes Konzept zur Förderung von Menschen aus dem Autismus Spektrum.

TEACCH ist kein Selbstzweck, im Mittelpunkt steht die Haltung, dass für den Menschen mit Autismus die am besten geeigneten Bedingungen geschaffen werden, um Verstehen, Handeln und persönliche Entwicklung zu ermöglichen, eine Herausforderung, die man annehmen sollte und die allen Beteiligten entgegen kommt. Auch in meiner pädagogischen und therapeutischen Arbeit ist TEACCH mittlerweile ein wichtiger Bestandteil. Neben all den Argumenten, die schon ausgeführt werden ist aus meiner Sicht folgendes besonders bemerkenswert: in der Arbeit nach diesem Ansatz kommen keine speziellen Therapiematerialien zum Einsatz, was seine Alltagsnähe und leichte Handhabung nochmals unterstreicht und was durch die zahlreichen Fotos in diesem Buch belegt wird. Ein praxisnaher Ansatz, der es wert ist noch bekannter zu werden!  


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 09.02.2017 zu: Anne Häußler: Der TEACCH Ansatz zur Förderung von Menschen mit Autismus. Einführung in Theorie und Praxis. verlag modernes lernen Borgmann (Dortmund) 2016. 5., verbesserte und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-8080-0771-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21967.php, Datum des Zugriffs 23.05.2019.


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