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Arthur R. Coffin, Wieland Jäger: Die Macht der Organisation

Cover Arthur R. Coffin, Wieland Jäger: Die Macht der Organisation. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 96 Seiten. ISBN 978-3-7799-3468-4. D: 17,95 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,40 sFr.
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Autoren

Arthur R. Coffin, Jahrgang 1975, ist Politologe in Berlin mit dem Arbeitsschwerpunkt Organisationstheorie.

Wieland Jäger, Jahrgang 1944, ist ehemaliger Professor an der FU Hagen für Soziologie mit dem Schwerpunkt Arbeit und Gesellschaft.

Entstehungshintergrund

Nach Ansicht der Autoren muss die klassische Thematik von Macht und Organisation sowohl für die Praktiker, insbesondere Coaches und Entwickler, als auch für die wissenschaftliche Gemeinschaft neu angegangen werden. Im Rahmen einer organisationalen Systemtheorie soll ein neuer Begriff entwickelt werden: Organisationsmedien. Damit wollen die Autoren den oft unklaren Machtverhältnissen auf die Spur kommen. Sie gehen von der Annahme aus, dass Organisationen ausdifferenzierte Medien haben, zu denen auch die Macht gehört. Ihr Ziel ist es, zum einen den Begriff der Organisationsmedien in der Systemtheorie zu etablieren und zum anderen eine Beziehung zur klassischen Machttheorie herzustellen.

Aufbau

In zehn Kapiteln entwickeln die Autoren eine Argumentationslinie, die durch einen Ausblick abgeschlossen wird. Hierzu ist das Buch wie eine traditionelle geisteswissenschaftliche Arbeit aufgebaut; didaktische Hinweise oder ein das Lernen erleichterndes Layout gibt es nicht.

Inhalte

I Organisation. Zunächst werden die gesellschaftlichen Aufgaben von Organisationen herausgearbeitet, die vor allem in der In- und Exklusion bestehen. Dieses Kapitel soll die Basis für das Verständnis von Macht legen.

II Entscheidung. Entscheidungen sind die Elemente von Organisationen und diese damit ein rekursiver Entscheidungsverbund, der sich fortwährend reproduziert und dadurch Strukturen aufbaut. Hiermit sollen im Sinne von Luhmann Unsicherheiten vermieden werden („Unsicherheitsabsorption“).

III Entscheidungsprämissen. Hierunter verstehen die Autoren die Elemente einer Organisation wie Mitgliedschaft, Person und Rolle, die aus systemtheoretischer Perspektive betrachtet werden.

IV Doppelte Kontingenz. In diesem Kapitel wird das systemtheoretische Grundmodell der Kommunikation erläutert, mit dem auch zwischen solchen Systemen kommuniziert werden kann, die unterschiedliche Strukturen und Prozesse aufweisen.

V Unwahrscheinlichkeit und Kommunikation. Hierbei geht es um die vier Unwahrscheinlichkeitsformen, die Anlass für die Suche nach organisationsspezifischen Medien sind.

VI Medien. Aufgrund der organisationsspezifischen Phänomene, die bisher geschildert wurden, gilt jetzt die Suche nach den entsprechenden Medien, welche die Kommunikation ermöglichen.

VII Medium und Form. Hier wird das Wesen eines sozialen Mediums erklärt. Spezifische mediale Funktionen sollen für eine „Theorie der Organisationsentwicklungspraxis“ abgeleitet werden.

VIII Organisationsmedien. Es werden jene Medien beschrieben, die in Organisationen entstehen und unterschiedliche Funktionen haben. Dabei wird postuliert, dass es grundsätzlich Organisationsmedien gibt.

IX Macht und Organisation. Impulse für die Organisationsentwicklung. In vier Unterkapiteln wird dem originären Thema des Buchs nachgegangen: „Klassische Theorie der Macht“, „Anregungen für die Einzel-, Team- und Organisationsberatung“, „Macht im Kontext des Systems“ und „Wie kann Hierarchie gelingen?“

X Macht als Medium der Organisation. Impulse für die Soziologie. Hier werden die Prallelen und grundlegenden Unterschiede zwischen der Macht der Politik und der Macht der Organisation analysiert und beschrieben. Das Kapitel endet mit einem kursiven Absatz: „Exklusion, das ist der Bezug des Organisationsmediums Macht (…) zur körperlichen Seite des Lebens (selbst informeller Ausschluss ist körperlich spürbar, Mobbing macht krank)…“

Im abschließenden Ausblick konstatieren die Autoren, dass die angestrebten fünf Ziele der Auseinandersetzung erreicht sind. Es werden dann noch der Mehrwert, offene Fragen und Überlegungen zur Weiterführung besprochen.

Diskussion

Die klassischen Wirtschaftswissenschaften waren ursprünglich vor allem deskriptiv gestaltet und beschrieben Wirkungszusammenhänge. Viele Phänomene mussten daher ceteris paribus gesetzt werden. Um auch diese Phänomene zu verstehen, werden weitere Theorien auch der Soziologie herangezogen, zum Beispiel die neueren Institutionentheorien, die Entscheidungstheorien oder Luhmanns Systemtheorie. Damit werden viele Annahmen infrage gestellt, zum Beispiel in der Prinzipal-Agent-Theorie die Annahme der Zielkongruenz zwischen Inhabern und Managern, die danach als Zielkonkurrenz mit diskretionären Spielräumen des Managements aufgefasst wird.

Ähnlich gehen in der rezensierten Publikation die Autoren vor, die diskretionäre Spielräume als blinde Flecken verstehen. Ein anderes Beispiel ist die Macht von Organisationen; anders als in der klassischen Theorie werden die Rahmenbedingungen nicht als Datum angesehen, sondern sind durch Organisationen wie Gewerkschaften, Verbände und Großunternehmen zu verändern (Lobbyarbeit). Insofern kann man in diesem Buch durchaus einen Beitrag zur soziologischen, organisationalen Medientheorie sehen, der auch für Organisationsfragen in der Economie Sociale Hinweise ergibt.

Fazit

Dieses Buch ist aktuell und in der soziologischen Gesellschaft durchaus zu diskutieren. Es handelt sich um eine systemtheoretische Arbeit auf der Basis der Überlegungen von Niklas Luhmann. Ob es sich damit auch für die Praktiker eignet, muss allerdings jeder für sich entscheiden. Ein Problem des systemischen Werks ist die Semantik und die Koppelung der Erkenntnisse mit der sozio-kulturellen Evolution der Gesellschaft. So werden die meisten Leser den Kernbegriff „Medien“ sicherlich anders verstehen und nicht die Sprache als Medium zur Vermittlungshilfe, die Verbreitungsmedien als Überwindungshilfe und die symbolisch generalisierten Medien als zum Beispiel Geld auffassen. Die Gedankenwelt der Systemtheorie und ihre Semantik unterscheiden sich deutlich von den Beschreibungen der klassischen Organisationslehren und können durchaus verwirrend wirken, solange man sich nicht in das systemtheoretische Gedankengebäude „hineindenkt“.


Rezensent
Prof. Dr. Rüdiger Falk
em. Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Human Resource Management und Berufsbildung sowie Sportmanagement an der Hochschule Koblenz
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Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 03.04.2017 zu: Arthur R. Coffin, Wieland Jäger: Die Macht der Organisation. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3468-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21970.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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