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Christa Büker: Pflegende Angehörige stärken

Cover Christa Büker: Pflegende Angehörige stärken. Information, Schulung und Beratung als Aufgaben der professionellen Pflege. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2016. 2., überarbeitete Auflage. 156 Seiten. ISBN 978-3-17-026121-1. 29,99 EUR.
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Thema

Der Inhalt des Buches setzt sich mit den verschiedenen Arbeitsfeldern in der Pflege auseinander. Neben den basalen Aufgaben der Grundpflege am hilfebedürftigen Menschen hat die Branche gleichwohl einen Ausbildungscharakter für Angehörige mit pflegebedürftigen Familienmitgliedern. Die Pflegetätigkeit verlangt bei den Betroffenen nach einem multiplen Ressourcenbudget, welches aber ohne das nötige Knowhow den Pflegeprozess zu effektiveren, schnell erschöpft ist. Dem zu begegnen, nimmt die Autorin die professionellen Pflegekräfte in den Blick, welche die Förderung der Pflegekompetenz von informell Hilfeleistenden voranbringen kann. Dabei wird die Situation pflegender Familien problemzentriert vorgestellt und vor diesem Hintergrund die möglichen Hilfestellungen erörtert. Diese sind präzise, beispielhaft und alltagsnah beschrieben.

AutorIn

Prof. Dr. Christa Büker kommt aus der Berufspraxis der Gesundheits- und Pflegebranche und war mehrjährig als Dozentin im Bereich der pflegebezogenen Fort- und Weiterbildung tätig. Aktuell ist sie als Professorin für Pflegewissenschaft an der Fachhochschule Bielefeld tätig.

Aufbau

Das Buch beinhaltet zwölf kleinteilig gegliederte Kapitel sowie ein angehängtes Stichwortverzeichnis auf 156 Seiten.

  1. Belastungserleben pflegender Angehöriger
  2. Rechtliche Grundlagen der Angehörigenunterstützung
  3. Bausteine der Kompetenzförderung
  4. Information pflegender Angehöriger
  5. Einzelschulung pflegender Angehöriger
  6. Gruppenschulungen pflegender Angehöriger
  7. Beratung pflegender Angehöriger
  8. Gestaltung des Lernklimas
  9. Qualitätsmanagement
  10. Handlungsfelder der Kompetenzförderung pflegender Angehöriger
  11. Schlüsselqualifikationen beruflicher Handlungskompetenzen
  12. Bedeutung für die Professionalisierung der Pflege

Inhalt

Die Pflegestatistik (Kapitel 1) bietet den alarmierenden Einstieg in die Pflegelandschaft Deutschlands. Die Sorgearbeit für kranke und alte Menschen tragen deren Familienmitglieder, Nachbarn und Freunde zu großen Teilen allein. Diese heterogene Gruppe leistet Hilfe bei der Haushaltsführung, Körperpflege, Arztbesuchen und ermöglicht nicht zuletzt soziale Kontakte sowie emotionale Unterstützung. Diese Gruppe ist es, die dem gesetzlichen Grundsatz „ambulant vor stationär“ einen Praxisbezug verleiht, wenngleich 40 % der pflegeleistenden Angehörigen selbst einer beruflichen Tätigkeit nachgehen. Trotz der anstrengenden und häufig psychisch belastenden Tätigkeit sind es häufig altruistische Motive wie Zuneigung, Liebe oder Verantwortung, welche die informelle Pflege nähren. Dennoch geht die Doppelbelastung von Pflege und Beruf mit erheblichen Belastungen einher, die sich in der Einschränkung von Zeit, Gesundheit und Emotionalität bemerkbar machen. Ansinnen muss es sein, die Unterstützungsformen für pflegende Familienmitglieder tragfähig und belastbar zu gestalten, damit diese eine dauerhafte Stabilität aufweisen. Dies kann durch ein Erstarken der professionellen Dienste erreicht werden. Büker sieht bspw. Mitarbeiter*innen des ambulanten Pflegedienstes nicht als kompletten Ersatz sondern als wertvolle Unterstützung und Wissenstransmitter zwischen den Bedürfnissen des/der Pflegebedürftigen und den Angehörigen. Eine familienorientierte Pflege muss stärker zum Arbeitsfeld der Professionellen werden. Diese sollen Angehörige wertschätzen, sie als Partner*innen und als Expert*innen ihrer Lebenssituation begreifen sowie deren Wünsche und Bedürfnisse erfassen.

Die rechtlichen Grundlagen der Angehörigenunterstützung werden in Kapitel 2 übersichtlich zusammengetragen und zeigen anschaulich, dass gesetzgebende Instanzen bereits umfassend Vorsorge getroffen haben, um informell Pflegenden einen Kompetenzzuwachs zu ermöglichen. So existieren Bestimmungen und Verordnungen des Ausbildungsgesetzes der (1) Kranken- und Altenpflege und (2) des Pflegeversicherungsgesetzes im SGB XI, welches seit 2002 eine Sollbestimmung zur Schulung von pflegenden Angehörigen in der häuslichen Umgebung beinhaltet. Damit eröffnet sich für ambulante Träger ein neues Bestätigungsfeld. Auch im Krankenversicherungsgesetz (SGB V) stehen eine Reihe von rechtlichen Bestimmungen für Schulungsdurchführungen. Bemängelt wird von Büker die unzureichende Umsetzung in der Praxis und ein Mangel des Informationsflusses durch jene Akteure, welche die Beratungs- und Schulungstätigkeiten erbringen sollen.

Die Bausteine der Kompetenzförderung finden sich in Kapitel 3 und sind unter dem Begriff der Patienten- und Familieneducation zusammengefasst, da diese eine Lernperspektive beinhaltet und sowohl auf die Hilfebedürftigen als auch auf die (in)formell Helfenden ausgerichtet ist. Wie diese Education erfolgen kann, beschreibt die Autorin in drei Schritten. An erster Stelle steht die Information, welche ausschließlich auf Vermittlung abzielt. Sie allein schafft aber noch keine Handlungskompetenz. An zweiter Stelle steht die Schulung, welche den Charakter einer geplanten Lernerfahrung aufweist und sich im Resultat idealerweise eine Verhaltensänderung oder das Vorhandensein neuer Fertigkeiten (z.B. Spritzen von Insulin) nachweisen lässt. An dritter Stelle steht die Beratung für die Bewältigung individueller Problem- und Krisensituationen. Damit der Transfer von Informationen gelingen kann, muss das medizinische Basiswissen in entsprechend einfacher Sprache aufbereitet werden. Es ist nicht davon auszugehen, dass sich Begriffe im Laufe der Zeit auf allen Ebenen etabliert haben. So mahnt die Autorin, auch eine erklärende Definition für die Worte Demenz oder Inkontinenz zu gebrauchen (Kapitel 4). Der/Die Sender/in von Nachrichten sollte sich stets in die Betroffenen hineinversetzen und seine Worte, sofern sie einen fachspezifischen Terminus enthalten, decodieren.

Das 5. Kapitel legt den Fokus auf die Einzelschulungen pflegender Angehöriger und beschreibt minuziös, wie eine Schulung für eine mit Pflegeaufgaben betraute Person ablaufen sollte. Wesentlich sind vier Kernprozesse zu absolvieren, welche sich von der Vorbereitung der Schulung, der Orientierungsphase, der Durchführung der Schulung sowie der Nachbereitung erstrecken. In der Orientierungsphase ist es ein wichtiger Schritt, das Vorwissen und die Haltung des/der Angehörigen zu klären. Es gilt, Angehörige für ihre Fehler nicht zu verurteilen, sondern sie zu einer Optimierung anzuregen. Dieser Schritt mündet dann im schriftlichen Vereinbaren von Lernzielen, welche wiederum am Ende einer Schulung auf die Zielerreichung hin untersucht werden.

Das Pendant zur Einzelschulung ist die Gruppenschulung (Kapitel 6) in Form von Pflegekursen. Nach §45 SGB XI sollen Angehörige umfänglich beim Kompetenzerwerb im Umgang mit pflegebedürftigen Familienmitgliedern unterstützen und zu deren Psychohygiene beitragen. Der Austausch mit anderen Teilnehmenden in einer ähnlichen Lebenslage ist dabei ein positives Kriterium, wenngleich die mangelnde Berücksichtigung individueller Bedürfnisse sowie der fehlende Einbezug der Wohn- und Lebensverhältnisse als nachteilig anzusehen sind. Gravierend ist, dass viele Betroffene meist nur zufällig auf die Kursangebote stoßen und überhaupt nur 12 % aller pflegenden Angehörigen einen solchen Kurs besuchen. Dies stellt einen Appell an die Öffentlichkeitsarbeit dar.

Die Beratungskompetenz, verbunden mit einer helfenden Kommunikation, unterstützt Familienpfleger*innen bei der Bewältigung individueller Problem- und Krisensituationen. Kapitel 7 beschreibt den Pflegeprozess in seinem Verlauf mit unterschiedlichen Bedarfen in den einzelnen Phasen:

  1. Beginn der Pflegesituation mit Aufklärung zum Krankheitsbild;
  2. anhaltende Pflegesituation mit Indikationen zur Aufrechterhaltung der Gesundheit- und Lebensqualität und
  3. Beendigung der Pflegesituation mit Trauerbewältigung.

Praktisch sind die Bereiche Wissen (kognitiv), Können (motorisch) und Einstellung (affektiv) bei den Hilfeleistenden zu schulen.

Das führt zu den dringend notwendigen Pflegekompetenzen und zu einer entsprechenden Problemlösungsstrategie (Kapitel 8). Mittels einer Evaluation soll jede Pflegeschulung auf ihre Qualitätskriterien hin überprüft werden. Dabei sind die Rahmenbedingungen, der Verlauf und der Grad der Zielerreichung bei den Teilnehmenden zu hinterfragen.

Dieses Prinzip orientiert sich an den Standards des Qualitätsmanagements und den drei Dimensionen Prozess-, Struktur- und Ergebnisqualität (Kapitel 9).

Die Pflegekurse sowie die individuelle Betreuung und Beratung in der Häuslichkeit bilden ein wichtiges Betätigungsfeld für professionell Pflegende (Kapitel 10). Hierbei spielt die tägliche Pflegepraxis eine primäre Rolle und mit ihr das meist spontan entstehende Beratungsbedürfnis seitens der Angehörigen. Häufig sind das Gespräche in den verschiedenen Bedarfslagen wie z.B. Pflegeüberleitung nach einem Krankenhausaufenthalt.

Um eine Kompetenzförderung bei den informell Pflegeleistenden herbeizuführen, benötigt es ein Mindestmaß an beruflicher Handlungskompetenz, welche das Kapitel 11 genauer beschreibt. Die hier formulierten Soll-Bestimmungen zielen auf das Qualifikationsprofil jener ab, die mit der Beratung/Schulung von Angehörigen betraut werden. Das klassische Kompetenzprofil, eingeteilt in Fach-, Methoden-, Sozial- und Personalkompetenz, wird durch die Systemkompetenz erweitert, da sie vordergründig ist, um das bundesdeutsche Gesundheits- und Sozialsystem nutzbar zu machen. Ohne diese besteht kaum eine Chance alle Facetten zu erfassen und somit auszuschöpfen.

Das letzte Kapitel 12 im Buch widmet sich einem Exkurs zum internationalen Vergleich von Schulungen und Beratungen in der Pflege. In den USA genießt die Branche eine bessere Reputation als in Deutschland. Die Professionen im Gesundheitswesen sind einander gleichgestellt und die Pflegeschulungen verweisen auf eine lange Tradition. Zudem wird die Pflege als „nursing is teaching“ betrachtet und nicht als „hands-on-nursing“ wie hierzulande. Insgesamt habe die Pflegebranche im Gesundheitswesen eine vergleichbar schwache Position. Diese sei aufzuwerten und die Pflege z.B. über die Akademisierung der Ausbildung weiter zu professionalisieren.

Diskussion und Fazit

Die Autorin verweist an zwei Stellen des Buches auf den Zwangscharakter der Pflegeberatung, welcher sich auf §37 Abs. 3 SGB XI gründet. Es wird weiter beschrieben, dass die ambulanten Pflegedienste zumeist mit dieser Aufgabe betraut sind, da sie ohnehin Basispflege leisten und darüber regelmäßigen Kontakt zu den Angehörigen pflegen. Jedoch werden die Nachteile dieses Konstruktes nur randständig thematisiert. So ist es durchaus kritisch zu sehen, dass der ambulante Pflegedienst mit weiteren Aufgaben konfrontiert wird, ohne dafür zusätzliche Ressourcen in Form von Zeit oder Geld zu erhalten. Darüber hinaus ist zu hinterfragen, wer die professionell Pflegenden auf die Beratungsaufgaben vorbereiten soll und die notwendige Kompetenzvermittlung übernimmt. Erschwerend kommt hinzu, dass nicht alle Angebote von den Betroffenen wahrgenommen werden können, weil ihr Bekanntheitsgrad zu gering ist. So ist festzuhalten, dass nur 12 % der Angehörigen einen Pflegekurs besuchen, was an der nicht vorhandenen Öffentlichkeitsarbeit für solche Angebote liegt. Zu diesem Sachverhalt äußert sich die Autorin eher zurückhaltend, wenngleich eine Reihe von Forderungen zur besseren Umsetzung angebracht gewesen wäre. Hingegen findet der bereits existierende Ausbildungsmarkt für Pflegeberater*innen nach §7a SGB XI Erwähnung. Offen bleibt aber, wer bzw. wie die Kosten für die Ausbildung zu tragen hat/sind, da sich diese in der Regel um die 2000 € belaufen.

Dennoch: Dieses Buch sollte allen an die Hand gegeben werden, die im Dienste für Pflegende und deren Angehörige stehen. Es zeigt die Komplexität, die mit der Betreuung dieser Zielgruppe einhergeht und die notwendigen Schritte für die Qualitätswahrung. Es klärt über vorzunehmende Abläufe und die damit verbundenen aufzubereitenden Inhalte auf. So können sich auch unerfahrene Personen auf Beratungsprozesse vorbereiten, diese durchführen und evaluieren.


Rezensentin
Dipl. Sozialpädagogin Katja Knauthe
M.A., Lehrkraft für besondere Aufgaben am Lehrstuhl für Soziale Gerontologie, Hochschule Zittau/Görlitz
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Zitiervorschlag
Katja Knauthe. Rezension vom 31.01.2017 zu: Christa Büker: Pflegende Angehörige stärken. Information, Schulung und Beratung als Aufgaben der professionellen Pflege. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2016. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-17-026121-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21976.php, Datum des Zugriffs 24.11.2017.


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