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Michael Tomasello: Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral

Cover Michael Tomasello: Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2016. 282 Seiten. ISBN 978-3-518-58695-2. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR, CH: 42,90 sFr.
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Erst die Kooperation, dann die Kultur

Individuelles und kollektives Denken und Handeln der Menschen muss, wenn es human und menschenwürdig erfolgt, auf verbindlichen Regeln, Vereinbarungen und Werturteilen beruhen, die den anthrôpos aufgrund seiner Vernunftbegabung an die oberste Stufe der scala naturae gestellt hat. Diese abendländische, anthropologische, aristotelische Betrachtung des Humanum ordnet die Moral als innere Verpflichtung des Menschen zum Gutsein ein und stellt moralisches Verhalten als wünschenswerte und naturgesetzliche Normen dar, die „nur als universell gültige und die ganze Menschheit bindende angenommen werden dürfen ( Martin Gessmann, Philosophisches Wörterbuch, Stuttgart 2009, S. 502 ). Auf dieser „globalen Ethik“ beruht die Verpflichtung und Verantwortung zur moralischen Entscheidung, wie sie z. B. in der Achtung der unveräußerlichen, unantastbaren und nicht relativierbaren Menschenwürde zum Ausdruck kommt und in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte grundgelegt ist.

Entstehungshintergrund und Autor

Moralische Einstellungen und Verhaltensweisen beim menschlichen Umgang miteinander basieren, nach den moralphilosophischen Vorstellungen, erst einmal in zweierlei Hinsicht: Da sind zum einen die altruistischen, empathischen Positionen, nach denen ein humanes, friedliches und gerechtes Zusammenleben der Menschen unverzichtbar und konstitutiv ist, sich in Einstellungen wie Fairness und Gerechtigkeitsempfinden ausdrückt und in verschiedenen, utilitaristischen Formen wirksam wird (Valentin Beck, Eine Theorie der globalen Verantwortung, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21228.php; William MacAskill, Gutes besser tun, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/20648.php; Peter Singer, Effektiver Altruismus, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/20649.php). Und zum anderen auf einem rechtsmoralischem, historischem und rationalem Denken (Silvio Vietta, Die Weltgesellschaft. Wie die abendländische Rationalität die Welt erobert und verändert hat, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21880.php). Weil es nämlich schwierig ist, moralisch zu sein, und unmoralische, egoistische Einstellungen und Entscheidungen tagtäglich, individuell und lokal- und globalgesellschaftlich an der Tagungsordnung sind und menschliches Dasein auf der Erde bestimmen, ist es immer wieder verdienstvoll, sich mit dem moralischen Geworden sein und den evolutionären und revolutionären Entwicklungen auseinander zu setzen und die verschiedenen Phänomene und Ausprägungen beim philosophischen Moraldiskurs zu bedenken.

Der Direktor des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie, Michael Tomasello, diskutiert und berichtet in vielfältiger Weise über seine Forschungsarbeiten und lässt den Leser an seinen philosophischen und anthropologischen Gedanken Anteil haben. Für seine Fähigkeit, komplizierte und diffizile Fragestellungen allgemeinverständlich und nachvollziehbar auszudrücken, hat er mehrere wissenschaftliche Anerkennungen und Würdigungen erhalten. In seinem Buch „Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens“ (2014) verdeutlicht er die Bedingungen und Entwicklungen, wie menschliches Sozialleben evolutionär und historisch entstanden ist und sich aktuell darstellt, nämlich als „zweistufige Abfolge der Evolution … zuerst (als) neue Formen der Zusammenarbeit und dann neue Formen der Kulturgestaltung“. Daran knüpft er mit seiner Untersuchung: „Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral“. Er gliedert das Buch neben dem Vorwort und dem Schluss in fünf Kapitel.

  1. Im ersten begründet er mit der „Interdependenzhypothese“ seine Annahme, „dass die menschliche Moral eine Form der Kooperation ist, insbesondere diejenige Form, die entstand, als Menschen sich an neue und für die Spezis einzigartige Formen der sozialen Interaktion und Organisation angepasst haben“.
  2. Das zweite Kapitel thematisiert die für eine stabile Kooperation erforderlichen Identifikations- und Handlungsmuster und erläutert die „Evolution der Kooperation“.
  3. Im dritten Kapitel leitet er mit dem Titel „Zweitpersonale Moral“ die Entwicklung her, „dass die Beteiligung an bestimmten Arten mutualistischer, gemeinschaftlicher Tätigkeiten Individuen selektierte, die in der Lage waren, gemeinsam dyadisch als Verbundakteur, als ein ‚wir‘ zu handeln“.
  4. Im vierten Kapitel wird über die „objektive Moral“ gesprochen, als einem evolutionärem Entwicklungsprozess, bei dem die „objektive Moral des modernen Menschen in Begriffen … wie einer Moral des Mitgefühls, wie die Abhängigkeit des Individuums von der Kulturgruppe zu einer besonderen Anteilnahme und Loyalität gegenüber der Gruppe führt(e)“.
  5. Das fünfte Kapitel verweist auf die im anthropologisch-moralischem Diskurs entstandenen Theoriebildungen und setzt sich mit „menschliche(r) Moral als Kooperation-Plus“ auseinander, und zwar in den Kategorien „evolutionäre Ethik, Moralpsychologie und Koevolution von Genen und Kultur“.

Inhalte

Die Frage, welche Ursachen und Gründe vorhanden sind, weshalb in der Menschheitsgeschichte Gemeinschaften überleb(t)en und andere nicht, wird immer wieder gestellt (Ian Morris, Wer regiert die Welt. Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12186.php). Es waren und sind die kollektiven Intentionalitäten“, die den „homo faber“ erschufen (Richard Sennett, Zusammenarbeit. Was unsere Gesellschaft zusammen hält, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14034.php). Egoismus und Altruismus als die beiden Pole menschlicher Sozialität bilden die Grundlagen für gelingendes und misslingendes Zusammenleben. „Personen, die keine anderen brauchen, brauchen auch keine Fairness und Gerechtigkeit“. Bei der Betrachtung der verschiedenen Formen von interdependenter Zusammenarbeit zeigen sich unterschiedliche Ausprägungen. Da sind zum einen „die kognitiven Prozesse der gemeinsamen Intentionalität… (sodann) die sozial-interaktiven Prozesse, (und) die selbstregulativen Prozesse, die durch gemeinsame Verpflichtungen angestoßen werden und das Ziel haben, die Zusammenarbeit … aufrecht zu erhalten … (und) bei den Beteiligten ein Gefühl für gegenseitigen Respekt und Verdienstlichkeit erzeug(t)en“. Gerade die zu diesen Aspekten rückbezogenen Erinnerungen an das evolutionäre Gewordensein des anthrôpos machen deutlich, dass der Mensch im Vergleich zum zôon, dem tierischen Geschöpf, in der Lage ist, die Schritte von einer existentiellen Kooperation hin zur kulturellen (und interkulturellen!) Zusammenarbeit zu vollziehen und das „Ich“ mit dem „Wir“ zu verbinden. Es sind die in einer Gemeinschaft entstandenen, akzeptierten und praktizierten sozialen Normen, die als objektive Werte- und Moralvorstellungen wirksam werden und die kulturelle Identität bestimmen. Die Voraussetzungen dafür bilden Identitäts- und Zugehörigkeitsbewusstsein, die in den folgenden, moralphilosophischen Anforderungen und Perspektiven exklusiv werden: Identifikation und Loyalität, Objektivierung, Legitimierung und Moralisierung. Wenn also Moral ein Wert ist, der das Humane begründet und ausmacht, kommt es darauf an zu erkennen, „dass kognitive Fertigkeiten der geteilten Intentionalität … durch die Evolution entstandene Anpassungen sind, die Individuen in die Lage versetzen, ihre gemeinschaftlichen und kulturellen Tätigkeiten besser zu koordinieren“. Und unter der Heranziehung von ontologischen Fragestellungen, sowohl bei der kindlichen als auch der Entwicklung von Moralvorstellungen bei Erwachsenen wird deutlich: „Menschen entwickeln während ihrer Ontogenese eine Vielfalt von Fertigkeiten, Emotionen, Motiven, Werten und Einstellungen – von denen einige biologisch geerbt, einige kulturell tradiert und einige individuell konstruiert sind – die ihre moralischen Entscheidungen maßgeblich beeinflussen“.

Fazit

In der Spannweite vom homo oeconomicus hin zum homo empathicus und schließlich zum zôon politikon (vgl. dazu auch: Jos Schnurer, Individuum und Gesellschaft, 23.9.15; sowie ders., Werte? Werte!, 18.4.14, www.sozial.de) kommt es darauf an zu erkennen, dass die im Individuellen und in einer zweitpersonalen Moral verankerten Denk- und Verhaltensweisen von Menschen auf kulturellen und sozialen Normvorstellungen und -diktionen beruhen. Beim „Abenteuer des Zusammenlebens“ (vgl.: Tzvetan Todorov, Abenteuer des Zusammenlebens. Versuche einer allgemeinen Anthropologie, www.socialnet.de/rezensionen/20386.php) kommt es darauf an, die im Laufe des evolutionären Entstehungsprozesses des Homo sapiens entstandenen, existenziell und gesellschaftlich wirkenden Moralvorstellungen und -handlungen zu erkennen, das Gute, Humane und Menschenwürdige daraus für die eigene Identität einzusetzen und darüber zu staunen, dass der Mensch (im Prinzip) ein moralisches Lebewesen ist. Der Verlag bewirbt das Buch von Michael Tomasello als den „derzeit wohl umfassendsten Versuch zu verstehen, wie wir geworden sind, was nur wir sind: genuin moralische Wesen“.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 19.12.2016 zu: Michael Tomasello: Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2016. ISBN 978-3-518-58695-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21987.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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