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Gunther Graßhoff, Hans Günther Homfeldt u.a.: Internationale Soziale Arbeit

Cover Gunther Graßhoff, Hans Günther Homfeldt, Wolfgang Schröer: Internationale Soziale Arbeit. Grenzüberschreitende Verflechtungen, globale Herausforderungen und transnationale Perspektiven. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 170 Seiten. ISBN 978-3-7799-3434-9. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.
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Thema

Soziale Arbeit muss über sich hinauswachsen, über nationalstaatliche Verankerung, über internationale Vergleiche und sogar über transnationale Perspektiven hinaus, solange diese nicht die Reflexivität der Verflechtungen auf ökonomischen, kulturellen und sozialen Ebenen mit einbezieht. Die Profession reagiert nicht nur auf globale Verwerfungen, sondern muss in ihr Selbstverständnis aufnehmen, dass sie Akteurin der Globalisierung und eine grenzüberschreitende Profession ist und sie muss sich in Theorie und Praxis in der „global social policy“ positionieren. Damit ist die zentrale Thematik des hier besprochenen Bandes umrissen.

AutorInnen und Entstehungshintergrund

Dieser Herausgeberband kommt aus der Schmiede des DFG-Graduiertenkolleg „Transnationale Soziale Unterstützung“, das standortübergreifend am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Stiftung Universität Hildesheim und am Institut für Erziehungswissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz angesiedelt ist. Seit wird es 2008 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert und ist gegenwärtig bundesweit das einzige DFG-geförderte Graduiertenkolleg in der Erziehungswissenschaft und der Sozialpädagogik. Der Forschungsfokus des Projektes richtet sich auf Formen transnationaler sozialer Unterstützungen und Dienstleistungen im Kontext des täglichen Lebens mit Schwerpunkten in drei Bereichen: „Family Care“, „Community-based Social Support“ und „Social Security and Intervention“.

Mit Hans-Günther Homfeldt, Emeritus der Universität Trier, ist ein Mitbegründer des Graduiertenkollegs dabei, Wolfgang Schröer und Gunther Grasshof lehren am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik.

Die AutorInnen der Gastbeiträge, Caroline Schmitt, Stephanie Visel, Claudia Olivier-Mensah und Christian Schröder, waren oder sind DoktorandInnen des Graduiertenkollegs, bis auf Sanaz Khoilar, die Koordinatorin der Flüchtlingshilfe des im Generalvikariat des Bistums Trier ist.

Aufbau und Inhalte

Soziale Arbeit ist per se transnational – das ist die Kernaussage der hier besprochenen Publikation. Den AutorInnen geht es darum, „die Soziale Arbeit in ihrem Status als grenzüberschreitende Akteurin in der globalen Welt anzuerkennen und in ihren unterschiedlichen und sich häufig auch widersprechenden Positionierungen in der ‚global social policy‘ zu betrachten“ (9).

Nach einem einführenden Kapitel wird – um sich der Frage anzunähern, wie Soziale Arbeit als grenzüberschreitendes Projekt analysiert werden kann – zunächst auf vergleichende Soziale Arbeit (Kap. 2) und dann auf ihre Internationalität (Kap.3) eingegangen. Kapitel 4 widmet sich der „reflexiven Arbeit in den Verflechtungen der global social policy“ und wird durch die oben erwähnten Gastbeiträge ergänzt.

Das zweite Kapitel „Verortungen zu einer vergleichenden Sozialen Arbeit“ zeigt den Wandel der Forschungsperspektiven auf vom Vergleich über den Transfer zur „Histoire Croisée“. Zu Beginn wird ein Überblick über bisherige aktuelle vergleichende Forschungsarbeiten geboten und ein historischer Rückblick zeigt, dass der Vergleich – wenn auch nicht zwangsläufig auf internationaler Ebene – schon von Anfang an der Sozialen Arbeit immanent war. Eine nächste Stufe der Analyse wäre die des Transfers, also des Verlaufs von Veränderungen von Normen, Einstellungen und Identitäten bei der Migration, um den Prozesscharakter von Kultur und Nation zu verdeutlichen. Der Blick auf die sozialen Verflechtungen im Sinne der „Histoire Croisée“, die einen kontinuierlichen Wechsel der Beobachtungsperspektiven voraussetzt, steigert die Reflexivität der Betrachtung, wenn die Autoren diese Abfolge auch nicht als normatives Stufenmodell verstanden wissen wollen. Diese Reflexivität wird dann in den Dimensionen Zeit, Raum, Entwicklung und Grenzen abgearbeitet, um anschließend Überlegungen zur Entwicklung reflexiver Kategorien internationaler Sozialer Arbeit zu entwickeln.

Kapitel 3 behandelt die Internationalität der Sozialen Arbeit im Rahmen einer „global social policy“. Zunächst richtet sich der Blick auf Europa, dann auf transatlantische Bezüge. Auch die indigene Kritik an herkömmlicher Sozialer Arbeit wird einbezogen und ein Exkurs zu postcolonial studies ergänzt das Kapitel, das mit dem Fokus auf Verflechtungen und Kooperationen Sozialer Organisationen, also Soziale Arbeit als „global profession“, endet.

Kapitel 4 widmet sich ebenfalls zahlreichen thematischen Ausschnitten, hier noch ergänzt durch die Gastbeiträge.

Zunächst geht es um die terminologische Klärung von Transnationalität, ihre Integration in die Fachdiskussion und den damit verbundenen Paradigmenwechsel, der sich – im Unterschied zur Internationalisierung – vor allem an Querverbindungen und Überkreuzungen sozialer Praktiken ausrichte. Welche Ansätze vor dem Hintergrund neu zu bestimmenden Internationalen Sozialen Arbeit zentral sind, wird exemplarisch an verschiedenen Bereichen verortet, so an Migration und Flucht. In diesem Kontext wird von Caroline Schmitt das Konzept der „transnationale Biografiearbeit“ eingebracht, was zum einen bei den professionellen Reflexive Diversity Kompetenz voraussetze, zum anderen aber auf struktureller Ebene auch die interkulturelle Öffnung sozialer Dienste.

Den Themen „Sozialraumbezogene Verortung“ und „Identität“ sind die nächsten Abschnitte gewidmet, wobei der Begriff der „Weltfamilie“ (Beck 2010) herausgestellt wird, deren Mitglieder aus unterschiedlichen Gründen mobil sein können und gleichzeitig die an einen Ort gebundenen Teile der Familie zu transnationalen Familien werden lassen.

Als weiterer konkreter Ansatz wird im Rahmen von Beschäftigungsformen transnationaler Care-Migration von Sanaz Khoilar und Stefanie Visel exemplarisch eine Studie zu „Ethnischem Care-Unternehmertum“ vorgestellt. Sie plädieren dafür, die Perspektive transnationaler Care Arbeit auf verschiedene Beschäftigungsformen zu erweitern (103), d.h. die alltägliche Transnationaltät in der Pflege älterer Menschen in einer Migrationsgesellschaft zu untersuchen. Dem Thema Bildung – u.a. geht es um die Auswirkungen auf die Schulbildung zurückgelassener Kinder und den Zusammenhang von Bildungserfolg und Assimilation – folgen Ausführungen zu Menschenrechten, Inklusion versus Exklusion und zur Rolle der Sozialen Arbeit als Inklusionsakteurin.

Integriert ist in dieses Kapitel der Gastbeitrag „Soziale Unterstützungen und Belastungen in sozialen Netzwerken“ von Claudia Olivier-Mensah. Sie spricht sich dafür aus, einen empirisch fundierten Netzwerkansatz in die Konzepte und Methoden der Sozialen Arbeit aufzunehmen, der dazu verhelfen könne, den derzeit noch vorherrschenden methodologischen Nationalismus aufzubrechen (S.121).

Der letzte in diesem Kapitel angesprochene Bereich umfasst Klimawandel, Hunger und Kampf um Ressourcen und macht deutlich, dass diese nur noch transnational zu begreifen sind.

Der Gastbeitrag „Soziale Bewegungen und NGOs“ von Christian Schröder greift das Thema insofern auf, als er die Proteste gegen neoliberale Entwicklungen von Sozialen Bewegungen und NGOs mit den historischen und aktuellen Verbindungen zu Sozialer Arbeit aufzeigt. Gleichwohl macht er den Unterschied darin fest, dass Soziale Arbeit in staatlichem Auftrag handelt, während das Merkmal der NGOs gerade die oppositionelle Unabhängigkeit von Staat sei, was die Profession aber nicht daran hindern muss, sich als Mitgestalterin von nationalen und transnationalen Machträumen einzubringen und zu reflektieren.

Kapitel 5 schließlich behandelt die transnationale Forschung, wobei der Schwerpunkt auf partizipativen Ansätzen liegt; auch die indigene/postkoloniale Perspektive wird noch einmal angesprochen.

Zusammenfassend wird in Kapitel 6 auf die Perspektiven für die Soziale Arbeit eingegangen. Es soll verdeutlicht werden, „dass auch die bislang nationalstaatlich erbrachten Leistungsbereiche, die ganz alltägliche Soziale Arbeit vor Ort, in grenzüberschreitende Verflechtungen involviert ist“ (146). Diese Grenzen sind sozial(politisch) wie räumlich/geografisch gedacht und hier, so der weiterführende Gedanke, „scheint eine grundlegende Herausforderung Internationaler Sozialer Arbeit (warum nur der Internationalen Sozialen Arbeit? Warum nicht allgemein? Anm. d. Verf.) zu liegen, soziale und geographische Mobilität in der Sozialen Arbeit neu in Verhältnis zueinander zu denken“ (148).

Diskussion

Vorausgeschickt sei, dass die Vielfalt der ausgewählten, z.T. nur angerissenen Themen und eine gewisse Redundanz der Argumentation, die von Kapitel zu Kapitel getragen wird sowie die Mischung aus Herausgeber- und Gastbeiträgen die Lektüre dieser Publikation nicht unbedingt leicht machen.

Geht es um „international vergleichende Soziale Arbeit“ (siehe Klappentext) oder um transnationale Arbeit, die in der Publikation selbst den Hauptbezugspunkt ausmacht? Relativiert werden muss m.E. die Aussage, dass Soziale Arbeit „immer noch zu wenig als grenzüberschreitendes Projekt verstanden“ würde (74). Gerade aus der Feder derjenigen, die treibende Kraft des Transnationalen sind, ist das etwas überraschend. Zwei der Herausgeber waren schon 2007 an einem Band zu „Soziale Arbeit und Transnationalität“ beteiligt und seit 2011 gibt es auf Betreiben der leitenden Mitglieder des Graduiertenkollegs die „Transnational Social Review“, verlegt bei Routledge, Taylor & Francis. Zahlreiche Dissertationen sind nicht zuletzt Dank des Graduiertenkollegs entstanden. Warum sein Licht unter den Scheffel stellen? Außerdem gibt es mittlerweile Studiengänge zu transnationaler Sozialer Arbeit (z.B. als BA an der Frankfurt University of Applied Sciences, als MA an der Universität Linköping). Und spätestens seit den Flüchtlingsströmen nach 2015 sind die transnationalen Verflechtungen auch in der Sozialen Arbeit allgemein nicht mehr zu ignorieren.

Auch die Aussage, Internationale Soziale Arbeit sei westlich-orientierte Soziale Arbeit (unter Bezug auf Haug 2005, 126 im besprochenen Band) ist zu relativieren, betrachtet man die neue Definition von IASSW, IFSW und ICSW für die Profession der Sozialen Arbeit von 2014, in der mit Erfolg darum gerungen wurde, Aspekte der Sozialen Arbeit des Südens wie auch indigene Perspektiven aufzunehmen.

Unverständlich ist, dass die Publikationen der FachhochschulkollegInnen, die ebenfalls seit vielen Jahren zu internationaler und transnationaler Sozialer Arbeit veröffentlichen, nicht einbezogen werden – obwohl vorauszusetzen ist, dass sie bekannt sind (u.a die mittlerweile neun Bände zu Sozialer Arbeit des Südens, die von Ronald Lutz u.a. herausgeben werden, oder der Band von Leonie Wagner und Ronald Lutz „Internationale Perspektiven Sozialer Arbeit“ von 2007).

Was der Band zweifellos bietet, ist Inspiration im Hinblick auf all die Themen, die im Kontext einer „interconnectedness“ der Sozialen Arbeit neu reflektiert werden müssen und die damit verbundene Forderung, dass ganz vorne an die Reflexivität der Profession selbst stehen muss.

Bemerkenswert ist, wie über den „Umweg“ der transnationalen Betrachtungsweise „altgediente“ Ansätze wieder zum Tragen kommen: Aktionsforschung und Gemeinwesenarbeit werden um den Aspekt der Reflexivität erweitert. Nach Meinung der Herausgeber seien über den bisher erarbeiteten Kanon transnationaler Forschungsmethoden hinaus „quer zu dieser Diskussion (um die methodischen Herausforderungen grenzüberschreitender Forschung, Anm. d.Verf.) ganz andere Fragen für eine Positionierung der ‚global social policy‘ zentral: nicht nur spezifische Methoden, sondern vor allem die Reflexion von Teilhabe bzw. Partizipation im Prozess transnationaler Forschung muss klarer pointiert werden“ (131). Gemeinwesenbezogene Aktionsforschung und die damit verbundene Praxis beziehen capacity building mit ein. Sie nehmen Abstand von paternalistischen Vorgaben, beschränken sich aber auch nicht nur auf gegenseitigen Austausch, sondern fokussieren auf die Verflechtungen, entwickeln hybride innovative Methoden.

Fazit

Diese Publikation ist vor allem für jene, die sich schon intensiv mit Fragen der Internationalität und Transnationalität der Sozialen Arbeit befasst haben. Sie zeigt, dass Soziale Arbeit als ein grenzüberschreitendes Projekt begriffen werden muss und macht deutlich, wo dies bereits stattfindet und wo Weiterentwicklungen in dieser Richtung nötig sind, will die Profession den aktuellen Herausforderungen und Gegebenheiten proaktiv entgegentreten. „Eine andere Soziale Arbeit ist möglich“ (129).


Rezensentin
Prof. Dr. Ute Straub
FH Frankfurt a.M.
Fb4 Soziale Arbeit und Gesundheit
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Zitiervorschlag
Ute Straub. Rezension vom 31.05.2017 zu: Gunther Graßhoff, Hans Günther Homfeldt, Wolfgang Schröer: Internationale Soziale Arbeit. Grenzüberschreitende Verflechtungen, globale Herausforderungen und transnationale Perspektiven. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3434-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21988.php, Datum des Zugriffs 22.10.2019.


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