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Ralph Christian Amthor (Hrsg.): Soziale Arbeit im Widerstand!

Cover Ralph Christian Amthor (Hrsg.): Soziale Arbeit im Widerstand! Fragen, Erkenntnisse und Reflexionen zum Nationalsozialismus. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 357 Seiten. ISBN 978-3-7799-3406-6. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Herausgeber

Ralph-Christian Amthor, Dr. phil., Diplom-Pädagoge (Univ.) und Diplom-Sozialpädagoge (FH), seit 2008 Professor für Grundlagen der Sozialen Arbeit (Geschichte, Theorie und Handlungslehre) an der Hochschule Würzburg, Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften

Entstehungshintergrund

Ralph-Christian Amthor hat 2012/2013 in einer Kooperation mit dem Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) in Berlin und der Redaktion der Fachzeitschrift „Soziale Arbeit“ das Projekt „Widerstand in der Sozialen Arbeit“ realisiert, bei dem monatlich in der Zeitschrift „Soziale Arbeit“ erscheinende Kurzbiografien von Sozialarbeiter_innen, Sozialpädagog_innen und Dozent_innen von Ausbildungseinrichtungen im Mittelpunkt standen. Diesem Projekt lag ein Aufruf in der Zeitschrift zugrunde, der an die Leser_innen gerichtet war, mit der Bitte Namen von Frauen und Männern aus der Wohlfahrtspflege zu nennen, die zwischen 1933 und 1945 Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime geleistet hatten.

Der vorliegende Sammelband ist Teil der zweiten Projektphase und knüpft unmittelbar an das vorangegangene Projekt an, neben den thematischen Beiträgen enthält die Veröffentlichung ein umfangreiches Verzeichnis mit 100 Kurzbiografien von widerständigen Frauen und Männern sowie Hinweise zu Archiven und Online-Datenbanken für die weitere Suche nach Personen und Netzwerken.

Aufbau

Die Publikation umfasst zwei Geleitworte, 14 Beiträge sowie ergänzende Materialien und ist insgesamt in vier Teile gegliedert:

  1. Allgemeine Grundlagen der Widerstandsforschung
  2. Hauptrichtungen und Orte des Widerstands
  3. Weiterführende Reflexionen und Ausblick
  4. Ergänzende Materialien

Inhalt

Der Veröffentlichung sind Geleitworte von Ingrid Stahmer (Deutsches Zentralinstitut für soziale Fragen in Berlin) und Joachim Tuchel (Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin) vorangestellt. Die Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen, Ingrid Stahmer, betont in ihrem Geleitwort, dass sich die Beweggründe von Sozialarbeiter_innen zum Widerstand im Nationalsozialismus nicht unmittelbar in andere Zeiten übertragen lassen, aber zwei Erkenntnisse, die bis in die Gegenwart gelten, hervorzuheben sind: Die Orientierung an allgemeinen ethischen Standards als Fundament Sozialer Arbeit und die Notwendigkeit einer umfassenden Ambiguitätstoleranz zum professionellen Handeln, „die Fähigkeit, den Widerspruch zwischen den Bedürfnissen ihrer Klientel einerseits und den staatlichen Ansprüchen andererseits auszuhalten und fachlich begründet auflösen zu können“ (S.10).

Der Leiter der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand Berlin, Joachim Tuchel, hebt hervor, dass es den Beiträgen der Veröffentlichung gelingt nach den unterschiedlichen Rahmenbedingungen, Motiven, Formen und Zielen des Widerstands gegen den Nationalsozialismus zu fragen, dass aber „die unterschiedlichen Wege in den Widerstand zeigen, dass wir heute zwar vom Widerstand von Menschen sprechen können, die in der Sozialen Arbeit tätig waren, dass ihre Motivation für den Widerstand aber nicht aus ihrer beruflichen Profession heraus zu definieren ist. Vieles spricht eher dafür, dass die Motivation für den Widerstand – eine politisch-soziale, sozialistische, kommunistische, sozialdemokratische, christliche und/oder humanistische Grundhaltung – sie bereits dazu geführt hatte, einen Beruf zu ergreifen, in dem sie dem Menschen in einem umfassenden Sinne helfen wollen“ (S.13f.).

Ralph-Christian Amthor rahmt die Veröffentlichung mit seinem einleitenden Beitrag „Strategien des Erinnerns. Forschungsstand, offene Fragen und konzeptioneller Aufbau des Sammelbandes“. Mit diesem Sammelband sollen die Frauen und Männer gewürdigt werden, die dem Nationalsozialismus kritisch gegenüberstanden, die in unterschiedlicher Weise protestiert und Widerstand geleistet haben. Gefragt wird nach der Beteiligung der Sozialen Arbeit am Widerstand, um einen neuen Diskurs „nach den eigenen Widerstandspotentialen“ (S.23) mit Blick auf die Vergangenheit und die Gegenwart auf den Weg zu bringen. Amthor betont, dass sich bei der Auseinandersetzung mit dem Widerstand, den beteiligten Autor_innen immer wieder die Frage gestellt hat, was genau unter „Widerstand“ verstanden wird, welche Formen und Handlungen gewürdigt werden sollen und können. Der Publikation wird ein weites Verständnis von Widerstand zugrunde gelegt, in der historischen Forschung zur Sozialen Arbeit wird so beispielsweise auch der aktive Einsatz für Klient_innen und Schutzbefohlene, wie die Rettung von Kindern als Widerstand gewürdigt. In allen Beiträgen des Sammelbandes wird der hohe Anteil von Frauen an Widerstandshandlungen deutlich, unter den 100 portraitierten zusammengetragenen Personen sind zwei Drittel Frauen.

Carola Kuhlmann stellt in ihrem Beitrag „Soziale Arbeit im nationalsozialistischen Herrschaftssystem“ einleitend fest, dass die „Soziale Arbeit“, wie sie bis 1933 maßgeblich durch die Frauenbewegung entwickelt wurde, im NS-Staat immer mehr ihren Charakter veränderte. Kuhlmann arbeitet heraus, wie die nationalsozialistische „Volkspflege“ mit Erlassen und Gesetzesänderungen sowie der ideologischen Propaganda durchgesetzt wurde, um deutlich zu machen, wogegen sich ein berufsspezifischer Widerstand in der Fürsorge und Wohlfahrtspflege hätte richten müssen: die Ausgrenzung der jüdischen und sozialistischen Kolleg_innen, die rassistische Ausgrenzung von Klient_innengruppen aus der Fürsorge, die menschenverachtenden Zwangsmaßnahmen und die Morde an „Unheilbaren“ und „Unbrauchbaren“. Sie zeigt, wie stark die Soziale Arbeit durch nationalsozialistische Logik dominiert war und entsprechend folgenreich für die Klient_innen, durch den Ausschluss von Unterstützungsleistungen, die Überantwortung an Polizei, SS und Konzentrationslager, durch Zwangssterilisierungen und Morde. Da „die meisten Deutschen – auch in der Sozialen Arbeit – mit den Zielen der Nationalsozialisten übereinstimmten“ (S.53) hätte es kaum Widerstand gegeben. Darüber hinaus seien die Sozialarbeiterinnen strukturell weniger in der Lage gewesen, Maßnahmen zu verweigern oder Widerstand zu leisten, sie unterstanden in der Jugend-, Gesundheits- und Wirtschaftsfürsorge anderen Berufsgruppen wie Theologen, Juristen oder Ärzten. So war widerständiges Verhalten von Frauen in der Sozialen Arbeit vor allem „Rettungswiderstand“, sie boten Menschen Schutz vor Verfolgung.

Christa Paulini beschreibt in ihrem Beitrag „Gerade die Fürsorgerin ist zur Mitarbeit am Volksaufbau berufen“ die Beteiligung von Frauen bei der Umsetzung der nationalsozialistischen Wohlfahrtspflege am Beispiel der Entwicklung der Berufsverbände. Sie zeigt die Kontinuität der Arbeit von Wohlfahrtspflegerinnen, die von den alten Berufsverbänden in die neue nationalsozialistische Fachschaft wechselten.

Unter der Überschrift „Vernichtung des Sozialen“ beschreibt Adriane Feustel die Vertreibung, Verfolgung, Flucht und Emigration von Sozialarbeiter_innen und Sozialpädagog_innen, deren Verfolgung, sich auch „gegen das Konzept des Sozialen [richtete] das deren Arbeit begründete und das sie zu verwirklichen suchten“ (S.76). Sie skizziert den Stand der Exilforschung, die Exilgeschichte Alice Salomons, sowie unterschiedlichen Fluchtmotive, -ziele, -zeitpunkte und Perspektiven der Sozialarbeiter_innen, die Deutschland verlassen haben.

Martin Biebricher beginnt seinen Beitrag „Progressive Jugendwohlfahrt als Motiv? Widerständiges Handeln im Umfeld des Jugendamts Berlin-Prenzlauer Berg als Beispiel für sozialdemokratisch-sozialistischen Widerstand in und aus der Sozialen Arbeit“ mit einer Auseinandersetzung mit den empirischen, theoretisch-begrifflichen und methodischen Schwierigkeiten der Beschreibung des Widerstands in und aus der Sozialen Arbeit. Bei Fragen nach einem speziellen sozialdemokratischen oder sozialistischen Widerstand in der Sozialen Arbeit stellen sich weitere Herausforderungen. Biebricher nähert sich dem Widerstandshandeln exemplarisch anhand der Biografien von Walter Andreas Friedländer (1891-1984), Ella Kay (1895-1988) sowie weiterer Angehöriger des Jugendamts Prenzlauer Berg.

Sven Steinacker betont, dass grundlegend zu klären sei, „welche Verhaltensweisen überhaupt angemessen als Widerstand zu qualifizieren sind, oder ob nicht andere Begriffe angemessener sind, um die Grauzonen von Verweigerung, Nonkonformität und (individuellem) Protest in den Blick zu nehmen, ohne dabei jede distanzierte Haltung zum Nazi-Regime unter einen (zu) weiten Widerstandsbegriff zu subsumieren“ (S.120). Vor dem Hintergrund seiner kritischen Reflexionen des Widerstandsbegriffs arbeitet Steinacker in seinem Beitrag „Zum Beispiel Henry Jacoby…Linkssozialistisch und kommunistisch motivierter Widerstand von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiten“ heraus, dass das widerständige Verhalten verschiedener Männer und Frau im Bereich der „Roten Hilfen“ vordergründig politisch-antifaschistisch motiviert war.

Die weiteren Beiträge thematisieren verschiedene Facetten und Fragen des Widerstands in der Sozialen Arbeit und die Autor_innen stellen zahlreiche Personen vor, die sich dem Nationalsozialismus widersetzt haben. Gudrun Maierhof skizziert in ihrem Beitrag „Zwischen Selbsthilfe, Selbstbehauptung und Widerstand. Formen jüdischen Widerstehens am Beispiel von Käte Rosenheim und Recha Freier“ die Geschichte der Rettung von Tausenden jüdischer Kindern und Jugendlichen am Beispiel der Biografien von Käte Rosenheim und Recha Freier und deren Engagement in der Fluchthilfe. Sabine Toppe beschreibt Institutionen, Personen und Netzwerke der bürgerlichen Frauenbewegung und deren „Bürgerliche widerständige Soziale Arbeit im Nationalsozialismus“. Birgit Bender-Junker thematisiert die Rolle der „Bekennende[n] Kirche und Innere[n] Mission im Nationalsozialismus“, Andreas Lob-Hüdepohl reflektiert unter der Überschrift „Widerstand aus christlicher Humanität“ die Soziale Arbeit in Caritas und katholischer Kirche zwischen Einpassung und Widersetzen. Die Eröffnung der Gedenkstätte Stille Helden im Jahr 2008 in Berlin bildet den Rahmen für Beate Kosmallas Beitrag „ `Stille Helden´ in Forschung und Erinnerung. Widerstand gegen die Judenverfolgung 1941-1945“. Sie betont, dass durch die Arbeit der Gedenkstätte die individuellen Handlungsspielräume und Zwangslagen der Verfolgten und der Helfer_innen sichtbar werden.

Über Berufsethiken für soziale Fachkräfte jenseits der nationalsozialistischen Ideologie reflektiert Susanne Zeller in ihrem Beitrag „Gewissenskonflikte und Verantwortungsübernahme“. Ausgehend von einem berufsethischen Konflikt einer Fürsorgerin aus dem Jahr 1934 entfaltet sie ausgewählte Ethik- und Moralkonzepte vor dem Hintergrund der rechtlichen Veränderungen durch die nationalsozialistische Politik. Darüber hinaus stellt sie berufsethische Fragen für die gegenwärtige Soziale Arbeit. Am Beispiel von Irena Sendler (1910-2008), einer polnischen Sozialarbeiterin und deren Eintreten für jüdische Kinder und Jugendlichen schreiben Juliane Sagebiel und Ralph-Christian Amthor über „Widerstand in der Sozialen Arbeit in Europa“ und sie begeben sich auf Spurensuche in den Gebieten unter deutscher Besetzung.

Ein Gespräch zwischen C.W. Müller, Mechthild Seithe und Hannes Wolf über den Begriff es Widerstands und seine Bedeutung in unserer Zeit, moderiert von Heidi Koschwitz und Christian Gedschold bildet den letzten Beitrag. Die beiden Redakteur_innen der Fachzeitschrift „Soziale Arbeit“ haben sich immer wieder mit der Frage beschäftigt, welchen Gewinn die nachfolgenden Generationen aus den Erzählungen und Portraits der Sozialarbeiter_innen und ihrer unterschiedlichen Formen des Widerstandes ziehen können. Um ihre Fragen zu beantworten luden sie 2014 drei Fachkräfte zu einem Gespräch ein, welches nun unter der Überschrift „Drei Generationen fragen: Was ist Widerstand?“ nachzulesen ist.

Ksenia Rott und Ralph-Christian Amthor haben 100 Kurzportraits zusammengestellt: „Frauen und Männer des Widerstands. 100 ausgewählte Wege verschiedener Persönlichkeiten in und aus der Sozialen Arbeit im Kampf gegen das NS-Regime“. Diese und ein umfassendes Gesamtliteraturverzeichnis runden die Veröffentlichung ab.

Fazit

Die Veröffentlichung zeichnet sich durch interessante, gut recherchierte und hoch reflektierte Beiträge aus. Die Leser_innen erhalten ein umfassendes Bild von verschiedenen Formen des Widerstands durch in der Sozialen Arbeit tätige Frauen und Männern. Gleichzeitig fordern die Beiträge dazu heraus, sich mit den Fragen der Widerstandsforschung, dem Widerstandsbegriff und aktuellen berufsethischen Fragen auseinandersetzen.


Rezensentin
Prof. Dr. Gudrun Ehlert
Professorin für Sozialarbeitswissenschaft an der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Mittweida
Homepage www.sw.hs-mittweida.de/professuren/prof-dr-phil-gud ...
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Zitiervorschlag
Gudrun Ehlert. Rezension vom 21.06.2017 zu: Ralph Christian Amthor (Hrsg.): Soziale Arbeit im Widerstand! Fragen, Erkenntnisse und Reflexionen zum Nationalsozialismus. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3406-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21992.php, Datum des Zugriffs 11.12.2019.


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