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Michael Noack (Hrsg.): Empirie der Sozialraum­­orientierung

Cover Michael Noack (Hrsg.): Empirie der Sozialraumorientierung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 335 Seiten. ISBN 978-3-7799-3412-7. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Das Konzept der Sozialraumorientierung in der Jugendhilfe und Sozialen Arbeit wird vorgestellt und in mehreren Beiträgen aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven betrachtet.

Herausgeber

Der Herausgeber und Autor Michael Noack ist derzeit am Fachbereich für Sozialwissenschaften der Hochschule Koblenz tätig.

Autorinnen und Autoren

  • Ricarda Dethloff ist Referentin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland,
  • Wolfgang Hinte ist an der Universität Duisburg-Essen,
  • Daniel Krucher an der Hochschule Luzern und
  • Anja Teubert an der Hochschule in Villingen-Schwenningen tätig,
  • Vincent Richardt ist Leiter eines Instituts in München, das sich mit der Qualifizierung Sozialer Arbeit befasst.

Aufbau

Es gibt ein voran gestelltes Vorwort. Danach folgt ein einleitendes Kapitel, an das sich vier ausführliche, unabhängig voneinander zu lesende Kapitel anschließen, die sich mit Fragestellungen der Sozial- und Jugendhilfe bezogen auf das Konzept der Sozialraumorientierung befassen.

Inhalte

Im Vorwort wird das Konzept der Sozialraumorientierung als Orientierungshilfe für die Praxis eingeordnet, zugleich wird jedoch dessen wissenschaftliche Fundierung betont. Ziel des Buches ist, durch das Publizieren aktueller Forschungsergebnisse die Veröffentlichungslücke zu schließen, die bisher den fachlichen Diskurs erschwert hat.

Sozialraumorientierung: ein unerforschtes Feld? In dem einleitenden Beitrag konstatieren Hinte und Noack, dass eine Idee nur dann wirklich innovativ ist, wenn sie den Weg in die Praxis schafft. Das als innovativ deklarierte Konzept der Sozialraumorientierung ist auf die Gestaltung sozialer Räume gerichtet, weniger auf die Beeinflussung psychischer Strukturen. Der den Menschen umgebende Raum ist der zentrale Fokus für Soziale Arbeit. Das Konzept wird anhand von fünf Prinzipien beschrieben.

Zukunft durch Ziele. Der Beitrag von Vincent Richardt setzt an beim „Konzert der Konzepte“, einem „bunten Strauß von Einrichtungen und Maßnahmen“. Der Autor greift das erste Prinzip der Sozialen Arbeit auf, nämlich von den Zielsetzungen eines Menschen auszugehen, wobei angenommen wird, dass gesetzte Ziele eine beflügelnde Wirkung haben. Sodann geht Richardt der Frage nach den Wirkungen von Maßnahmen nach und wie man diese erfasst. Er stellt verschiedene methodische, sich hinsichtlich ihrer Bezugsnorm unterscheidende Ansätze vor. Es sind entweder vorgegebene Kriterien oder Veränderungsmessungen. Eine individuelle Norm ist die Erreichung der selbst gesetzten Ziele. Der Autor verweist auf die Schwierigkeit, die Zielerreichung objektiv und zuverlässig zu messen. Wichtig ist in jedem Fall, dass es „gute“ Ziele sind. Deshalb ist die Frage der Zielqualität das zentrale Thema. Die Erfassung sowohl der Zielerreichung als auch der Zielqualität bezeichnet er als zweidimensionalen Evaluationsansatz. Eine dritte Dimension ist die Objektivität der Einschätzung des Erfolgs. Zielerreichung, Zielqualität und Unabhängigkeit von den jeweiligen Beurteilern sind die wesentlichen Dimensionen, um Maßnahmen der Sozialen Arbeit zu bewerten.

Das Fachkonzept Sozialraumorientierung als Basis einer wirkungsorientierten Kinder- und Jugendhilfe. Teubert und Krucher schildern in ihrem Beitrag die Umsetzung des Konzepts der Sozialraumorientierung in drei Städten und zwei Landkreisen. Im theoretischen Teil wird das Konzept in konkrete Aussagen übersetzt wie zum Beispiel: Der Mensch weiß, was er verändern will, er kennt seine sozialräumlichen Ressourcen. In den fünf Untersuchungsorten, in denen die Jugendämter den Prinzipien des Konzepts der Sozialraumorientierung entsprechend arbeiten, wurden Fälle ausgewählt, Fachkräfte schriftlich und mündlich befragt und Unterlagen ausgewertet. Unter der Überschrift „Varianten der kommunalen Umsetzung“ schildern Teubert und Krucher ausführlich die ortstypischen Konzeptionen. Ein Fazit ist, dass das Konzept unterschiedlich und mit unterschiedlichem Erfolg umgesetzt wird. Empfohlen wird die Fortbildung von Fachkräften, damit die sozialräumlichen Prinzipien verinnerlicht und zur Richtschnur des sozialarbeiterischen Handelns werden.

Inseln und Territorien. Michael Noack setzt sich in seinem Beitrag mit der Diskrepanz zwischen den administrativen Planungs- und den individuellen Lebensräumen auseinander. Ziel ist, über eine entsprechende planungsräumliche Steuerung Hilfsangebote näher an die Lebenswelt der betreffenden Menschen heranzurücken bzw. interterritoriale erzieherische Hilfen mit geringen Transaktionskosten anzubieten. Genannt werden zwei Funktionen interterritorialer Kooperationen: die Berücksichtigung der sozialen Beziehungnetze (Bonding-Sozialkapital) und die Erschließung neuer ressourcenreicherer Lebensräume (Bridging-Sozialkapital). Weil interterritoriale soziale Hilfen eine Netzwerkanalyse voraussetzen, geht Noack ausführlich auf den Begriff „soziales Netzwerk“ ein. Wichtige Parameter sind die Netzwerkdichte und die Netzwerkgröße. Das Verfahren besteht aus vier Schritten: der Willenserkundung, der sich daran orientierenden Hilfeplanung, der Willensumsetzung sowie der Bewertung des Vorgehens und der Ergebnisse. Hingewiesen wird auf Netzwerkanalysen in Nordfriesland und Rosenheim.

Sozialraumorientierung im Übergang Schule – Arbeitswelt. Ricarda Detholff berichtet in ihrem übersichtlich gegliederten Beitrag, in dem sie zunächst die Prinzipien des Konzept der Sozialraumorientierung vorstellt, über eine Fallstudie im Landkreis Dithmarschen, die um die Frage des Übergangs von der Schule in die berufliche Ausbildung kreiste. Der Landkreis wurde gewählt, weil er den sozialraumorientierten Ansatz bereits aufgegriffen hat und weil die Problematik der Übergangsgestaltung Schule- Arbeitswelt in einer ländlich geprägten Region exemplarisch dargestellt werden sollte. Ihrer Untersuchungsmethodik und Analyse legt Detholff das SONI Schema zugrunde (Abkürzung für Sozialstruktur, Organisation, Netzwerk, Individuum). Bei der Vorstellung der Ergebnisse stutzt man etwas, weil anstelle einer 5 für das Kapitel „Ergebnisse“ der Gliederungspunkt 4.3 steht. Das Resümee ist, dass eine sozialraumorientierte Herangehensweise dazu beitragen kann, die Probleme beim Übergang von der Schule in die Arbeitswelt zu verringern.

Diskussion

Im ersten Beitrag „Sozialraumorientierung: Ein unerforschtes Feld?“ listen Hinte und Noack etliche Kritikpunkte auf, mit denen das Konzept bedacht wurde. Doch statt sie mit sachlichen Argumenten zu entkräften, wird darauf mit Polemik geantwortet. Von konzeptionellen Schnellschüssen ist die Rede und mangelnder Fairness, wenn ähnliche Konzepte überhaupt nicht infrage gestellt werden. Sozialraumorientierung wird nach Ansicht der Autoren der Eigenart Sozialer Arbeit gerecht, nicht jedoch die Psychologie, die sich – individualistisch – mit dem Erleben und Verhalten des Menschen befassen würde. Offensichtlich ist den Autoren entgangen, dass es nicht nur eine Individual- sondern auch eine Sozial- und Umweltpsychologie gibt, deren kleinste sinnvolle Analyseeinheit nicht das umweltlose Individuum, sondern die Mensch-Umwelt-Beziehung ist. Immerhin werden die Feldtheorie von Lewin und die Sozialökologie von Bronfenbrenner – doch leider nur am Rande – erwähnt. Dass aktivierende Arbeit grundsätzlich Vorrang vor einer betreuenden Tätigkeit hat, ist allgemein gültig und nicht spezifisch für das Konzept der Sozialraumorientierung. Spezifisch sind letztlich nur zwei der fünf aufgelisteten Prinzipien.

Vincent Richardts anschaulich poetische Schilderungen wie z.B.: „. geeignet im Konzert der Konzepte einen tragenden rhythmischen und auch harmonischen Klangteppich zu erzeugen, auf dessen Basis Kompetenz und Intuition die jeweils passende Melodie entwickeln können“ (S. 27), wirken erfrischend und fremd zugleich. Leider fehlen in seinem Beitrag anschauliche Beispiele, die seinen dreidimensionalen Evaluationsansatz illustrieren. Der Bezug zum Sozialraumkonzept ist kaum ersichtlich, denn Richhardt befasst sich nur mit einem der fünf Prinzipien: bei der individuellen Zielsetzung anzusetzen. Dieses Prinzip allein konstituiert aber noch keinen Sozialraum und zwar auch dann nicht, wenn am Schluss des Beitrags das große Potential des Sozialraumkonzepts herauf beschworen wird.

Nur wenig sagen Teubert und Krucher zur „Umsetzung auf der geografischen Ebene“, doch gerade hier hätte man erwartet, dass das Konzept der Sozialraumorientierung einiges zu bieten hat. Es fehlt in dem Beitrag eine übersichtliche Gliederung, z. B. wird trotz der hier und da auftauchenden Überschrift „Fazit“ immer wieder ins Detail gegangen, was eine nicht unerhebliche Redundanz erzeugt. „Theoriebildung“ wird mit der Auflistung von Aussagen zur Umsetzung des Konzepts der Sozialraumorientierung gleichgesetzt. Genauso wird bei einer „Theorie mittlerer Reichweite“ verfahren; auch hier trifft der Leser auf eine Ansammlung von Behauptungen, was jedoch von dem, was eine Theorie ausmacht – gleich von welcher Reichweite – weit entfernt ist.

Das Kapitel von Noack über „Inseln und Territorien“ ist übersichtlich gegliedert, wenig einleuchtend ist jedoch, dass der Autor inhaltlich wichtige Abschnitte in Fußnoten packt, z.B. die Abgrenzungen der Begriffe Lebens-, Sozial- und Planungsräume, oder dass er an dieser Stelle auf weitere Literatur verweist. Die Begriffe sind so grundlegend, dass sie auf jeden Fall an exponierter Stelle im vorliegenden Text stehen müssen. Auch bei diesem Kapitel wird deutlich, dass es die Übersicht erleichtert hätte, wenn im Inhaltsverzeichnis nicht nur die Überschriften der jeweiligen Beiträge, sondern auch noch die Untergliederungen des Kapitels zumindest bis zur zweiten Überschriftenebene aufgeführt worden wären.

Ricarda Detholff bemerkt in ihrem übersichtlich gegliederten Beitrag, der sich mit dem Übergang von der Schule in die Berufswelt befasst: „Anders als die Begrifflichkeit vermuten ließe, handelt es sich beim Fachkonzept Sozialraumorientierung um einen essentiell personenbezogenen Ansatz, der den Willen und die Einzigartigkeit des Individuums zum zentralen Dreh- und Angelpunkt der Sozialen Arbeit macht. Nachrangig dazu steht die Orientierung am Sozialraum als Ermöglichungsraum, Quelle von Ressourcen sowie Ort multiprofessioneller Zusammenarbeit“ (S. 295). Damit lenkt die Autorin den Blick auf die Tatsache, dass in dem Konzept schon allein wegen des ersten Prinzips, vom Willen des Menschen auszugehen, gerade das Individuelle, nämlich die individuelle Zielsetzung, eine erhebliche Rolle spielt. Nur am Rande verweist Detholff auf das ökopsychologische Modell von Bronfenbrenner, ohne jedoch näher darauf einzugehen. Leider stellt sie keine konkreten Ergebnisse vor, z.B. Aussagen der befragten Jugendlichen, die veranschaulicht hätten, welche konkreten Orientierungsprobleme am Ende der Schulzeit überhaupt und welche besonders häufig auftauchen, welche Wünsche die Jugendlichen haben und wie hilfebedürftig sie eigentlich sind. Trotz des überzeugenden empirischen Forschungsansatzes verbleibt die Autorin in ihrem Beitrag auf einer allgemeinen affirmative Ebene.

Für alle Beiträge gilt, dass darin kaum ein Blick auf Konzepte und Modelle in benachbarten Disziplinen geworfen wird, die sich ebenfalls mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt befassen. Insbesondere umweltpsychologische Modelle und Erkenntnisse könnten dazu beitragen, die explizit gewünschte Fachdebatte zu beleben und das Konzept der Sozialraumorientierung weiter zu entwickeln. Es wird auch nirgendwo infrage gestellt, ob es immer sinnvoll ist, vom Willen eines Menschen auszugehen oder ob es nicht auch Fälle gibt, in denen es besser wäre, individuelle Zielsetzungen zu beeinflussen und in andere Bahnen zu lenken, weil sie z.B. unrealistisch sind und sehr wahrscheinlich zu Misserfolgserlebnissen führen werden.

Fazit

Das Konzept der Sozialraumorientierung wird in fünf Beiträgen vorgestellt und erläutert. Ziel des Buches ist, den Diskurs im Bereich der Sozialen Arbeit und Jugendhilfe anzuregen sowie eine dementsprechende Orientierungshilfe zu liefern. Konkret geht es darum, die sozialräumlichen Ressourcen besser zu nutzen, die Effizienz von Hilfeleistungen zu erhöhen und die administrativen Planungsräume zu vernetzen. Für alle diejenigen, die in diesem Bereich tätig sind, kann das Buch ein Anstoß sein, bisherige Vorgehensweisen zu überdenken und das Konzept der Sozialraumorientierung aufzugreifen und weiter zu entwickeln.

Summary

The concept of social space orientation is presented and explained in five chapters. The book aims to inspire dialogue in the scope of social work and youth welfare services and also provides corresponding orientation assistance. It deals specifically with the better utilization of social space resources, the increased efficiency of support services and the interconnection of administrative planning spaces. For all persons engaged in this field, the book may provide an impulse to contemplate on former practices, to take up the concept of social space orientation and to develop it further.


Rezensentin
Dr. Antje Flade
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Zitiervorschlag
Antje Flade. Rezension vom 03.02.2017 zu: Michael Noack (Hrsg.): Empirie der Sozialraumorientierung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3412-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21993.php, Datum des Zugriffs 18.10.2017.


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