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Haim Omer, Philip Streit: Neue Autorität. Das Geheimnis starker Eltern

Cover Haim Omer, Philip Streit: Neue Autorität. Das Geheimnis starker Eltern. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. 160 Seiten. ISBN 978-3-525-49158-4. D: 14,99 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 20,90 sFr.
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Thema

Kompakt und übersichtlich wird erstmals in einem Buch für Eltern das unter Leitung von Haim Omer entwickelte und sich auf den gewaltfreien Widerstand beziehende Konzept der Neuen Autorität vorgestellt. Seit vielen Jahren durchdacht, beforscht, diskutiert und international in der Praxis vieler therapeutischer und beratender Einrichtungen bewährt, wird anschaulich erklärt, wie Mütter und Väter ihre wichtige elterliche Ankerfunktion ausüben können. Dabei gehen die beiden Autoren ausführlich darauf ein, was sie darunter verstehen, wenn von elterlicher Präsenz, wachsamer Sorge, Alternativen zur Strafe, gewaltlosem Widerstand und Selbststeuerung die Rede ist, und wie Deeskalation, Wiedergutmachung und der Aufbau eines hilfreichen Unterstützernetzwerkes gelingen.

Autoren

Prof. Haim Omer hat bereits viele Bücher zum Thema Neue Autorität veröffentlicht und ist Lehrstuhlinhaber für Klinische Psychologie an der Universität in Tel Aviv, Israel. Gemeinsam mit Kollegen hat er das New Authority Center gegründet, um Eltern, Schulen und Erziehungsbeauftragte darin zu unterstützen, ihre Präsenz und Autorität in der heutigen sich stetig wandelnden Welt zu erhöhen.

Dr. Philip Streit ist klinischer Psychologe, Familientherapeut und ebenfalss bereits Autor mehrerer Fachbücher. Er arbeitet als Leiter des Instituts für Kind, Jugend und Familie in Graz, Österreich.

Entstehungshintergrund

Die bisherigen Bücher von Haim Omer zum Thema Neue Autorität, Autorität durch Beziehung bzw. Stärke statt Macht richten sich vor allem an Fachleute. Der Verlag Vandenhoek & Ruprecht brachte nun die beiden Autoren zusammen, um gemeinsam diesen Elternratgeber zu schreiben.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in sieben Kapitel, die jeweils auch für sich stehen. Am Ende eines jeden Kapitels findet sich eine Zusammenfassung und ein Kasten mit Tipps zur Umsetzung für das jeweils besprochene Thema. Auf diese Weise eignet sich der Aufbau des Buches sehr gut, um bei Interesse etwas nachzuschlagen und schnell fündig zu werden.

Die Kapitelüberschriften sind selbsterklärend:

  1. Die Ankerfunktion als Grundprinzip gelingender Erziehung
  2. Präsenz oder die Kunst des Daseins
  3. Wachsame Sorge oder die Kunst, Gefahren vorzubeugen
  4. Deeskalation oder die Kunst der Selbststeuerung
  5. Gemeinsam erziehen oder die Kunst der Unterstützung
  6. Widerstand oder die Kunst, Alternativen zur Strafe zu entwickeln
  7. Alles wird gut oder die Kunst der Wiedergutmachung

Als das Grundprinzip der Eltern-Kind-Beziehung im Sinne der Neuen Autorität gilt die Funktion von Eltern, ihren Kindern und Jugendlichen ein starker Anker zu sein. Damit wird die Metapher von Eltern als sicherer Hafen für das Schiff des Kindes bewusst erweitert. Nur mittels ihrer Ankerfunktion können Eltern das Schiff in stürmischen Zeiten stabilisieren, sollte es führerlos in Süchte, Halt- und Orientierungslosigkeit, Aggressivität oder Depression abzugleiten drohen. Diese Fähigkeit, ein guter Anker zu sein, sei erlernbar und beruhe auf den vier Elementen: Struktur, Präsenz und wachsame Sorge, Unterstützung sowie Selbstkontrolle und Deeskalation.

Auf jeden dieser zentralen Aspekte im Konzept der Neuen Autorität wird mit kurzen Fall-Beispielen und sehr systematisch mit vielen Zwischenüberschriften eingegangen. Manche Zwischenüberschriften sind als Fragen formuliert und werden beantwortet, wie z.B.: Wie kann elterliche Präsenz aufgebaut werden? Ist Deeskalation erlernbar? Wer sind potentielle Unterstützer und wie können andere helfen?

Am Ende des Buches wird kurz daran erinnert, welchen Preis es hat, wenn Eltern aufgrund von Frust und Hilflosigkeit nicht mehr bereit sind, sich für die Beziehung stark zu machen und liebevoll auf ihr Kind einzulassen. Im Werkzeugkoffer der Neuen Autorität sind Hilfsmittel gegen Rebellion und Verzweiflung, gegen Eskalation und Gewalt. Ihre Wirkung entfalte sich aber nur, wenn Hindernisse wie Dominanz-, Vergeltungs- und Distanzstreben aus dem Weg geräumt würden.

Anstelle eines Schlusswortes wird ein wirksames elterliches Nein-Sagen im Kontext der neuen Autorität reflektiert.

Diskussion

Elternratgeber sind mir suspekt. Werden Eltern hier nicht wie in einer Gebrauchsanweisung Techniken zur Anwendung an ihren Kindern empfohlen? Werden Eltern dadurch nicht eher geschwächt, weil sie nicht ihren eigenen Fähigkeiten sondern denen von Experten mehr zutrauen? Verhindern Ratgeber auf diese Weise nicht eher die Entwicklung einer tragfähigen Beziehung, das unverzichtbare Element für eine gesunde Entwicklung?

Vielleicht ist diese für Eltern verfasste Handreichung ja auch eine Ausnahme. In jedem Fall empfehle ich sie sehr! Das Buch lädt Eltern ein, ermutigt und inspiriert sie, aktiv zu werden und Verantwortung für die Beziehung zu ihren Kindern zu übernehmen – eben weil es niemand Besseren geben kann. Keines der bisherigen Bücher von Haim Omer präsentiert auf 130 Seiten so umfassend, worum es im Konzept der Neuen Autorität geht.

Zu empfehlen ist es eigentlich allen, die mit Familien und deren Kindern arbeiten – sei es in Schule, Jugendhilfe, Beratung oder Therapie. Wir können Kinder nicht stark machen, indem wir ihre Eltern nicht miteinbeziehen. Das sei auch den vielen ausgebildeten Fachkräften helfender Berufe gesagt. Es ist nicht weniger wichtig, dass wir Eltern ihre Rolle auch zutrauen und sie entsprechend stärken. Genau das tut das Konzept der Neuen Autorität. Es stärkt Eltern darin, wie sie die Würde des Kindes achten ohne bei Problemen nur zuschauen und sich hilflos fühlen zu müssen. Es geht darum, wie Eltern gerade dann an der Seite ihre Kinder bleiben, Verantwortung und Führung übernehmen, wenn diese Orientierung, Halt und Sicherheit brauchen und wenn die elterliche Botschaft wichtig ist: „Wir sind da, wir bleiben da. Wir lassen Dich nicht allein und handeln, weil Du uns wichtig bist.“

Die Neue Autorität ist eine Innovation im Diskurs über das Erziehungsselbstverständnis der letzten Jahrhunderte, egal welcher Prägung, in der Kinder meist als Erziehungsobjekte verstanden wurden. Die Autoren selbst nehmen darauf Bezug: Die autoritäre Erziehung setzte oft auf Beziehungsabbruch und Liebesentzug bis hin zu Gewalt als steuernde Mittel. Das vorherrschende Gefühl hier sei das der Angst: die Angst, etwas falsch zu machen, zu versagen, nicht geliebt zu werden. Erziehungsstile, in denen elterliches Regulieren verpönt sei und Kinder zur Potentialentfaltung von Anpassungsleistungen verschont werden sollen, führten meist zu niedriger Frustrationstoleranz und Grenzüberschreitungen im Verhalten der Kinder. Studien belegten, dass Kinder in diesem Fall sogar einen meist noch geringeren Selbstwert haben als diejenigen, die entweder gegen die autoritäre Instanz rebellierten oder sich als Duckmäuser anpassten. Verständlich deshalb, weil sie kaum lernten, mit Schwierigkeiten zurechtzukommen.

Das Konzept der Neuen Autorität geht einher mit einem Paradigmenwechsel im Verständnis darüber, wie wir als Eltern an der Seite unserer Kinder und Jugendlichen stehen und uns auf wertschätzende Weise auf sie beziehen. Das Revolutionäre besteht darin, Kinder ebenfalls als soziale Subjekte zu begreifen, was übrigens längst eine der politischen Kernforderungen weltweiter Kinderrechtsbewegungen ist (www.socialnet.de/rezensionen/7407.php); http://kraetzae.de). Und weil es nicht nur Eltern sondern auch die Rolle von anderen Familienangehörigen, Nachbarn, Lehrern und anderen Helfern mit einbezieht, geht es uns alle an.

Und noch etwas überzeugt am Konzept der Neuen Autorität hinsichtlich eines für Familien und Kinder hochrelevanten Aspekts. Die gesellschaftlichen Tendenzen der Individualisierung und Vereinzelung prägen stark die gegenwärtigen Familienkonstellationen. Was tritt an die Stelle des ganzen Dorfes bzw. der Großfamilie, die (alleinerziehende) Eltern und Kinder unterstützen? Forschungen zeigen, dass die Inanspruchnahme öffentlicher Hilfen aufgrund problematischen Verhaltens von Kindern und Jugendlichen mit der größeren Dichte vorhandener sozialer Netzwerke abnimmt. Das Konzept der Neuen Autorität widmet sich ausführlich mit Grundsätzen beim Aufbau eines Unterstützernetzwerks, potentiellen Helfern und ihren Rollen innerhalb und außerhalb der Familie sowie in der Schule. So schmieden Eltern ein wirksames und stärkendes Bündnis gegenseitiger Hilfe und Unterstützung. Wo das nicht mehr gelingt, sind unserer Kinder die Verlierer.

Fazit

In der ersten für Eltern geschriebenen sehr lesenswerten Handreichung zum Thema Neue Autorität, erklären die beiden Autoren umfassend und allgemein verständlich, warum nur eine Haltung, die Autorität und Beziehung auf wertschätzende Weise miteinander verbindet, für Eltern hilfreich und stärkend ist, und für Kinder und Jugendliche zur Entwicklung von Selbstwert, Eigenständigkeit und Zuversicht führt. Durch ihre Präsenz, ihre wachsame Sorge, ihre Kunst zu deeskalieren und Widerstand zu leisten, sowie durch ihre Fähigkeit, sich Unterstützung zu organisieren und Wiedergutmachungsprozesse anzustoßen, schaffen Eltern die Grundlage für eine tragfähige Beziehung. Unterstützt durch ein selbst geschaffenes soziales Netzwerk lassen Eltern gerade auch in stürmischen Zeiten ihre Kinder und Jugendlichen nicht allein und meistern auch schwierige Herausforderungen.


Rezensent
Dipl.-Pädagoge Christoph Klein
Dipl- Pädagoge, Familientherapeut, systemischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, arbeitet in Berlin als Leiter einer Multifamilientherapeutischen Jugendhilfeeinrichtung, in freier Praxis und als Lehrtherapeut.
Homepage praxis.steinitz.net/de/kinder-und-jugendliche/
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Zitiervorschlag
Christoph Klein. Rezension vom 05.04.2017 zu: Haim Omer, Philip Streit: Neue Autorität. Das Geheimnis starker Eltern. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. ISBN 978-3-525-49158-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21995.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


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